15 Jahre Grimme Online Award: „Da ist man sofort geflasht!

Der Grimme Online Award wird 15. Im Gespräch mit der Leiterin Vera Lisakowski reden wir über die Entwicklungen der letzten Jahre – und über besondere Preisträger-Erfolgsgeschichten.

iRights: Zunächst scheinen mir Glückwünsche angemessen zu sein: 15 Jahre Grimme Online Award. Wissen Sie eigentlich noch, was im allerersten Jahrgang prämiert worden ist?

Vera Lisakowski: Leider nicht aus eigener Erfahrung. Der Award ist von einem Kollegen initiiert worden, Friedrich Hagedorn, der dieses Jahr in Altersteilzeit gegangen ist.

Damals haben Sie noch Sender wie MTV oder n-tv prämiert. Wie hat sich der Preis
in dieser Hinsicht in den letzten 15 Jahren verändert?

Als Begleitprogramm zum Grimme-Preis wurden damals nur fernsehbegleitende Angebote ausgezeichnet. Das warzumindest der Grundgedanke. Den hat man nach wenigen Jahren schon wieder verworfen, weil man gemerkt hat, dass im Internet viel mehr drin steckt

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Foto: privat

2001 haben Sie noch US-Schauspieler Dennis Hopper als Preispaten auf die Bühne geholt. Dieses Jahr ist es Aspekte-Moderator Tobias Schlegl. Was ist passiert?

Bis 2006 war Intel Sponsor und zwar mit einer ziemlich hohen Summe. Diese berühmten Preispaten, Dennis Hopper zum Beispiel, kamen auf Wunsch von Intel und wurden auch von ihnen bezahlt. Unsere Preispaten heute machen das unentgeltlich, weil sie unseren Preis gut finden.

Das Thema Netzpolitik spielt für den Grimme Online Award schon immer eine große Rolle. Sie haben im ersten Jahr Politik Digital ausgezeichnet. 2006 haben Sie dann diese wirklich gute Entscheidung getroffen, uns als iRights.info zu prämieren und erst kürzlich hat das Blog Netzpolitik.org einen Preis erhalten. Wie bedeutsam sind solche klassischen Online-Publikationen für den Award?

Wir haben in unserem Statut einen Passus stehen, in dem steht, dass gesellschaftliche Verantwortung eine große Rolle spielt. Wir werfen immer einen Blick auf Angebote, die sich mit solchen Themen beschäftigen. Es muss nicht immer die große Multimedia-Reportage sein – ein wirklich gut recherchierter Inhalt steht für sich.

Sie haben dieses Jahr interessanterweise einen Newsletter vom Tagesspiegel ausgezeichnet. Jeden Morgen gibt darin der Chefredakteur einen Überblick über alles, was in Berlin passiert – pointiert und ziemlich lustig.

Hätten wir auch nicht gedacht, dass wir das jemals machen.

Mich hat es auch überrascht, aber jetzt habe ich ihn abonniert und lese ihn jeden Morgen.

Sehen Sie, genau so soll es sein.

Die öffentlich-rechtlichen Medien schlagen sich ganz gut beim Grimme Online Award – sie gehören immer wieder zu den ausgezeichneten Angeboten. Wie sehen Sie das?

Den Eindruck habe ich auch. Die Öffentlich-Rechtlichen haben einen geringen wirtschaftlichen Druck – das hilft. Damit können sie Nischen-Themen besetzen und ein bisschen experimentieren. Im letzten Jahr hat der WDR Pageflow entwickelt, ein einfach zu bedienendes Tool für multimediales Geschichtenerzählen, und es unter einer freien Lizenz als Open Source veröffentlicht. Es kann jetzt von jedem genutzt und weiterentwickelt werden. Der Gedanke dabei war, dass von den Gebührengeldern, die da eingeflossen sind, auch andere profitieren.

Was man aber nicht übersehen darf: Es gibt nach wie vor große innere Widerstände gegen Online-Entwicklungen in den Redaktionen der öffentlich-rechtlichen Sender. Es sind oft Einzelkämpfer, die solche Projekte durchsetzen.

Wie hat sich die Landschaft der Online-Publikationen in den letzten 15 Jahren verändert?

Ein großer Trend, der in letzter Zeit extrem zugenommen hat, sind Multimedia-Reportagen. Im Großen und Ganzen verlief in den Anfangsjahren des Internet die Entwicklung viel rasanter. Aber auch heute gibt es gibt immer wieder Wellen von neuen Entwicklungen, wie beispielsweise Apps für Mobilgeräte, die wir in den Wettbewerb aufgenommen haben. Aber das flaut auch wieder ab und wird zur Normalität. Es gibt aber immer wieder auch alte Formate, die entweder weiterentwickelt werden oder für bestimmte Dinge weiterhin hervorragend funktionieren.

Wie beispielsweise der Newsletter.

Genau. Wir sind keine Trendscouts und springen nicht auf jede Welle auf, nur weil es eine Welle ist. Form und Inhalt müssen zusammenpassen. Die Nominierungskommission und die Jury versuchen die Einreichungen aus Nutzersicht zu bewerten. Einen Newsletter zu nominieren und auszuzeichnen, ist erst mal keine Entscheidung für das Format Newsletter. Uns geht es nicht darum zu sagen, wir wollen unbedingt, dass dieses Format weiter besteht. Sondern es ist eher eine Anerkennung der Leistung, dass dieser Newsletter das Format wieder relevant gemacht hat. Es gibt Newsletter schon seit den Urzeiten des Netzes, aber dadurch ist frischer Wind reingekommen, indem das Format publizistisch genutzt wird.

Wen erreicht der Preis eigentlich? Es hat ja fast schon anachronistischen Charakter, dass ausgerechnet TV Spielfilm das Online-Voting für den Publikumspreis durchführt.

Also das mit TV Spielfilm finden wir sehr gut. Denn wir möchten tatsächlich nicht nur die Netzöffentlichkeit erreichen. Wir möchten gerne in der gedruckten Tageszeitung, am liebsten in der Regionalzeitung stehen. Wir möchten in TV Spielfilm stehen, weil wir Leute, die nicht im Internet Zuhause sind, darauf aufmerksam machen möchten, dass es qualitativ hochwertige Angebote im Internet gibt, die über Online-Banking, Reisen buchen und Spiegel Online hinausgehen.

Bekommen Sie Rückmeldungen? Gibt es Leserbriefe?

(lacht) Wir bekommen schon Rückmeldungen darüber, dass Leute über den Preis oder über die Berichterstattung über den Preis Angebote gefunden haben, die ihnen wirklich gut gefallen. Zudem geben wir selbst jedes Jahr eine gedruckte Preispublikation heraus, die „grimme“.

Die Nominierungskommission beklagt in ihrem Statement den Mangel an Aktualität unter den Einsendungen und das ausgerechnet bei Online-Publikationen.

Das bezieht ganz stark auf netzpolitische Geschichten. Das Flüchtlingsthema beispielsweise findet tatsächlich recht häufig statt. Grundsätzlich ist es aber so, dass gerade schwierige politische Themen eher im Radio und in der Zeitung – also eben nicht webspezifisch – aufbereitet werden und damit aus unserem Raster fallen. Sie finden natürlich auch im Internet statt – in der Berichterstattung auf Nachrichtenportalen –, aber nicht in der herausragenden Form, die wir suchen.

Die Jury freute sich dieses Jahr über einen „ungewöhnlich guten Jahrgang“ – so ihr Statement.

Es waren unglaublich große, aufwendige Produktionen dabei, an denen man nicht vorbeikommt. „Polar Sea 360°“ beispielsweise, eine Arte-Produktion mit 360-Grad-Technik über die Arktis, das ist Wahnsinn. Wenn man da reinguckt, da ist man sofort geflasht. Ähnlich aufwendig war „netwars / out of CTRL“, eine fünfteilige Web-Serie über Cyberkriege. Dass so etwas wie ein Newsletter tatsächlich dagegen bestehen kann, muss man dann wirklich anerkennen.

Wie deutlich wird dabei der schmale Grat zwischen Gimmick und Mehrwert?

Bei den Produzenten besteht sicherlich die Gefahr, alles Multimediale einzubauen. Da gibt es aber auch ganz zauberhafte Gegenbeispiele. Die Liebesgeschichte „Mamour, mon amour“ beispielsweise. Sie ist unglaublich schlicht gemacht, aber wahnsinnig ergreifend. Sie widerspricht jeder aktuellen Gestaltung des Internets, mal abgesehen davon, dass Videos drin sind. Da hat sich jemand vollständig auf den Inhalt konzentriert und einfach seine Geschichte erzählt.

Das ist ein interessantes Beispiel, da es sich bei „Mamour, mon amour“ um eine geradlinige Erzählung handelt, bei der lediglich geklickt wird, um den Text weiterlaufen zu lassen.

Da kommt das zum Tragen, was ich vorhin sagte: Form und Inhalt müssen zusammenpassen. Viele Leute glauben, wir würden nach einem starren Beurteilungsraster die Preise vergeben: Punkte für die Interaktion, für Multimedia und dann addieren wir das hinterher zusammen. Das ist natürlich nicht so.

Ganz subjektiv gefragt: Was sind Ihre Lieblingspreisträger der letzten Jahre?

Aus völlig unterschiedlichen Gründen gibt es bestimmte Projekte oder Personen, die ich sehr mag. Aus dem letzten Jahr beispielsweise „42553 Neviges“ – schlicht, reduziert und pointiert erzählt es über einen Ort, den außer Architektur-Freaks niemand kennt. Und dann freuen mich natürlich Geschichten von Leuten, die vielleicht mit und über den Preis ihren Weg finden. Johannes Klaus etwa hat ein Reise-Blog geschrieben, das wir 2011 prämiert haben. Er ist inzwischen ganz erfolgreich in der Reiseblogger-Szene. Oder das Blog „Zukunft Mobilität“ von Martin Randelhoff, das über Verkehrsthemen berichtet – es ist mit Sicherheit auch dem Preis zu verdanken, dass Randelhoff im Jahr darauf auf der großen Bühne der re:publica stand und Herrn Zetsche interviewt hat, den Vorstandsvorsitzenden der Daimler AG. Das sind ganz persönliche Geschichten, die mich sehr freuen und die ich auch weiterverfolge.

Das Interview führte Khesrau Behroz.

Vera Lisakowski

Vera Lisakowski

Seit 2007 ist Vera Lisakowski beim Grimme-Institut für den Grimme Online Award tätig, seit 2010 als Projektleiterin. Die studierte Online-Redakteurin arbeitet außerdem als freie Journalistin für Fernsehsendungen und Online-Publikationen.

Foto: privat
Vera Lisakowski

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