Auf dem Weg zum großen Weltcomputer

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Die Blockchain-Technologie gilt als das nächste große Ding, das angeblich die Netzwirtschaft vom Kopf auf die Füße stellen könnte. Was ist da dran?

Verträge, die sich wie von Zauberhand selbst vollziehen, Transaktionen zwischen Fremden, die ohne Mittelsmann auskommen, und Datenbanken, die nicht manipuliert werden können. Die Blockchain soll als eierlegende Wollmilchsau das alles ermöglichen. Der einflussreiche Berater Don Tapscott hat sie deswegen als größte technische Erfindung einer ganzen Generation gepriesen, andere stellen sie auf eine Stufe mit der Erfindung des World Wide Webs. Und eine Expertengruppe des World Economic Forum orakelte, dass 2027 wohl 10 Prozent des weltweiten Welt-Bruttoinlandprodukts über die Technologie abgewickelt wird. Größer geht es kaum.

Der Hype um die Blockchain hat erst in diesem Jahr richtig Fahrt aufgenommen, die Technologie ist allerdings schon acht Jahre alt. Vorgestellt wurde sie Ende 2008. Kurz nach Ende der letzten großen Weltwirtschaftskrise stellte ein Entwickler oder eine Entwicklerin unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto die technologischen Grundlagen für den Bitcoin ins Netz. Diese Kryptowährung ermöglicht peer-to-peer-basierte Zahlungen und sollte damit Banken überflüssig machen. Aus den Visionen ist nichts geworden, trotzdem bewegt die Erfindung von Nakamoto wieder die Gemüter, und zwar mehr als je zuvor.

Die große Zweckentfremdung

Es hat sich herausgestellt, dass sich die hinter Bitcoin liegende Technologie namens Blockchain für verschiedenste Anwendungsbereiche zweckentfremden lässt. Einfach gesagt, handelt es sich bei der Blockchain um ein großes Kassenbuch, das minutiös jede Transaktion protokolliert und für immer aufzeichnet. Diese Datenbank ist dezentral. Sie liegt auf allen Rechnern, die die kostenlos verfügbare Bitcoin-Software heruntergeladen haben, und sie synchronisiert sich regelmäßig. Alle Transaktionen sind in Datenblöcken abgespeichert, die in chronologischer Reihenfolge miteinander verknüpft sind.

Die Funktionsweise lässt sich folgendermaßen vorstellen: Will Katarina über ihre digitale Geldbörse einen Bitcoin an Lisa überweisen, schwirrt der Auftrag vorerst auf die Rechner der Bitcoin-Crowd. Eine Teilmenge der Rechner prüft die Legitimität der geplanten Überweisung: Gehört Katarina dieser konkrete Coin wirklich und hat sie ihn vielleicht vorher schon einmal ausgegeben? Geht alles mit rechten Dingen zu, wird die Überweisung vollzogen. Der Betrag wird dem Wallet von Lisa gutgeschrieben. Zusammen mit allen anderen Transaktionen der letzten zehn Minuten wird der Vorgang in einen digitalen Block gespeichert. Und der wird dann an die bisherige Kette andere Blöcke gehängt. Das ist die Blockchain, die sich verlässlich im Zehn-Minuten-Takt verlängert, weil immer wieder der jeweils nächste Transaktionsblock Teil der großen Datenbank wird.

Werttransfer und schlaue Verträge

Bei der Weiternutzung der Blockchain wird der Bitcoin zu einer bloßen Transportwährung reduziert. Dabei wird ein ökonomisch unbedeutender Bruchteil eines Coins transferiert und in die Metadaten der Transaktion wird geschrieben, worum es eigentlich gehen soll. Es kann beispielsweise vermerkt werden, dass ein bestimmtes Wertpapier den Besitzer wechselt, ein Patent oder sogar das Eigentum an einem Grundstück. Das wird dann in der kaum manipulierbaren Datenbank der Blockchain abgespeichert und ist für immer nachprüfbar.

Zudem lässt sich in die Metadaten einer Blockchain-Transaktion ein Stück Programmcode einbauen, der eine Wenn-Dann-Logik festschreibt – die Grundlage neuartiger Verträge, „Smart Contracts“ genannt. Sobald die Blockchain-Crowd mehrheitlich registriert, dass eine Vertragsbedingung erfüllt wurde, löst sie die daraus resultierende Vertragsfolge aus. Als simples Anwendungsszenario nennt die Beraterin Shermin Voshmgir (siehe Interview) den Verleih eines Rasenmähers, der über das Internet der Dinge vernetzt ist. Die Vertragskonditionen sind in einem Smart Contract festgelegt. Start- und Endpunkt der Ausleihe werden per Blockchain als Transaktion protokolliert. Nach der Rückgabe wird die anfallende Leihgebühr berechnet und die Crowd transferiert das Geld vom Wallet des Nachbarn an den Besitzer des entleihbaren Rasenmähers. In der Blockchain sieht Voshmgir einen dezentralen Weltcomputer, der die bisherige Struktur zentraler Plattformen und Datenbanken ablösen könnte.

Das Beispiel illustriert das größte Potenzial der Blockchain: Direkte Transaktionen zwischen zwei Personen werden möglich, eine zentrale Instanz wird dabei überflüssig. Im Falle des Rasenmähers braucht es keine Sharing-Plattform mehr, die die Verleihgebühr treuhänderisch verwaltet. Das Vertrauen, das bei vielen Transaktionen Zwischeninstanzen wie Banken, Handelsplattformen oder Makler garantieren, stellt die Crowd her. Transaktionen könnten so nicht nur direkter werden, sondern auch schneller und billiger. In vielen Branchen und Gesellschaftsbereichen kursieren mittlerweile Anwendungsszenarien für die große Zweckentfremdung der Blockchain-Technologie.

Bankbranche goes Blockchain

Paradoxerweise sind es gerade die Banken, die als erste vorpreschen. Im Raum steht eine Schätzung der Banco Santander, nach der die Branche per Blockchain jährlich bis zu 20 Milliarden Dollar an Infrastrukturkosten einsparen könnte. Bei Transaktionen, sei es von Währungen, komplexen Finanzprodukten oder Wertpapieren, ist heute oft ein halbes Dutzend intermediärer „Clearing“-Stellen zwischengeschaltet, die den Vorgang abwickeln, überprüfen, dokumentieren und ihn damit langsam und teuer machen. Mithilfe der Blockchain sollen viele dieser Zwischenschritte wegfallen, was die Branche schneller, innovativer und vor allem profitabler machen würde, wenn Jobs durch die Blockchain ersetzt werden.

Alle größeren Geldhäuser forschen mittlerweile an den Potenzialen der Blockchain. Und das New Yorker Unternehmen R3Cev erarbeitet als Joint Venture der Giganten gemeinsame Standards für ein blockchainbasiertes Finanz-Transaktionssystem. Hinter dem Start-up stehen die großen Branchenakteure Deutsche Bank, UBS oder Goldman Sachs. Wie es zur Zeit aussieht, wird allerdings nicht auf die große, öffentliche Bitcoin-Blockchain gesetzt, sondern auf eigene Blockchain-Varianten, die einen geschlossenen Teilnehmerkreis vorsehen.

Vertragsabwicklung und Verwaltung per Blockchain

Im Fokus steht auch eine andere etablierte Branche. Wenn per Smart Contracts Verträge automatisch vollzogen werden, könnte das in verschiedenen Bereichen Juristen überflüssig machen: Anwälte müssten keine Verträge mehr aufsetzen, da Vertragsbedingungen über die Blockchain dokumentiert werden, und sie müssten nicht mehr für das Einklagen nicht gezahlter Gebühren beauftragt werden, da Geld stets automatisch fließt.

Ein einfaches Szenario bietet das New Yorker Start-up Smartcontract.com an, bei dem sich Blockchain-Verträge per Klick erstellen lassen. Für einen Vertrag zur Suchmaschinenoptimierung nennt ein Webseitenbetreiber die Domain, die optimiert werden soll, eine Google-Länderversion (etwa google.com oder google.de), einen Suchbegriff (zum Beispiel „Handy online kaufen“) sowie die angestrebte Position in der Suchergebnisliste. Nimmt eine SEO-Agentur den Auftrag an und gelingt es ihr, die Webseite auf die definierte Art bei Google nach vorne zu bringen, fließt der vereinbarte Betrag.

Schließlich gibt es noch verschiedene Szenarien für Politik und Verwaltung, bei denen auch hoheitliche Aufgaben der Blockchain überantwortet werden. In Honduras laufen Experimente, das papierbasierte staatliche Grundbuch per Blockchain zu dezentralisieren, wobei die Größe und Funktionsweise des Netzwerks Manipulationen verhindern soll. An die Disruption eines noch sensibleren Prozesses denkt das Start-up FollowMyVote: Blockchain-Wahlen. Jeder Wähler würde mithilfe seines kryptographischen Schlüssels seine Stimme abgeben und könnte dann am Ende nachvollziehen, ob diese auch korrekt gezählt wurde.

Auch für viele andere Bereiche gibt es Ideen: eine automatisierte Ernte-Versicherung etwa, bei der die Blockchain anhand von Klimadaten Schadensfälle registriert und Prämien ausschüttet. Das Start-up Ujomusic will eine globale Musikrechte-Datenbank auf Blockchain-Basis aufbauen, in der zu allen Musiktiteln die lizensierungsrelevanten Metadaten vermerkt sind. Und Slock.it, mit Sitz im sächsischen Mittweida, baut an einem smarten Schloss mit Blockchain-Anschluss, das es ermöglichen würde, Gegenstände, Wohnungen oder Fahrräder ohne zwischengeschaltete Sharing-Plattformen direkt zu verleihen. Sie bedienen sich nicht der ursprünglichen Bitcoin-Blockchain, sondern der Alternative Ethereum, die als deutlich geeigneter für Smart Contracts gilt, da sie sich besser programmieren lässt.

Eine Technologie in den Kinderschuhen

Gründer und Investoren von Blockchain-Start-ups stellen gern die große Disruption der Netzwirtschaft oder gleich der ganzen Gesellschaft in Aussicht. Schaut man genauer hin, zeigt sich allerdings, dass sich über die tatsächlich Auswirkungen bisher kaum mehr als spekulieren lässt. Oft befinden sich konkrete Blockchain-Konzepte bestenfalls in einer geschlossenen Testphase, mitunter gibt es nicht mehr als ein visionäres Whitepaper.

Und dann gibt es viele ganz grundsätzliche offene Fragen. Sie betreffen zum einen die Sicherheit. Die dezentrale Technologie gilt als manipulationsresistent. Die Netzwerkarchitektur verkraftet es auch, wenn einzelne Teilnehmer betrügen wollen. Würde ein einzelner Knoten Transaktionen im Nachhinein verändern, würde ihn die Mehrheit im Netzwerk überstimmen. Als theoretisch möglich gilt allerdings eine sogenannte 51-Prozent-Attacke: Werden mehr als die Hälfte der Netzwerk-Knoten von Betrügern kontrolliert, können sie manipulierte Blockchain-Versionen für gültig erklären. Zumindest das Bitcoin-Netzwerk ist mittlerweile so groß, dass eine solche feindliche Übernahme als extrem unwahrscheinlich gilt. Bei alternativen Blockchains allerdings, die es als reine Klone oder als ambitionierte Weiterentwicklungen gibt, existiert dieser schützende Größeneffekt nicht unbedingt.

Und alle Szenarien, die sich auf regulierte Bereiche beziehen, sind darauf angewiesen, staatlich anerkannt zu werden. Der Staat müsste Blockchain-Lösungen beispielsweise die Autorität verleihen, Grundeigentum zu dokumentieren. Und Smart Contracts bräuchten bei aller automatisierten Vertragsabwicklung dann doch einen gesetzlichen Rahmen, über den sie rechtssicher agieren können. Schlaue Technologie hin oder her.

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Bitcoin-Blockchain und Alternativen
Die Bitcoin-Blockchain war der Anfang, mittlerweile gibt es verschiedene technologische Optionen. Die Verwendung des Klassikers spart Ressourcen und ist bequem, allerdings sind die Gestaltungsmöglichkeiten reduziert. Eine eigene Blockchain-Variante bietet maximale Freiheit, ist aber auch kostspielig im Unterhalt. Die populärste Alt-Chain ist zur Zeit die des Schweizer Anbieters Ethereum, die vielfältige Spielarten von Smart Contracts ermöglicht.

Smart Contracts
„Smart Contracts“, die sich selbst vollziehen, entstehen, indem in den Metadaten einer Transaktion eine Wenn-Dann-Logik vermerkt wird. Ist Bedingung A erfüllt (beispielsweise die Aktivierung eines Türschlosses), wird automatisch Handlung B ausgeführt (ein Bezahlvorgang). Auf die Art ließe sich der Kauf eines Songs automatisieren, aber auch deutlich Komplexeres. Beispielsweise könnten im internationalen Handel Teilbeträge in Abhängigkeit von der GPS-Position überwiesen werden.

Public und private Blockchain
Die Blockchain von Bitcoin oder von Ethereum kann jeder einsehen, und jeder kann darauf zugreifen und Transaktionen validieren. Das gilt als Garant für die Unmanipulierbarkeit. Einige Unternehmen experimentieren mit – allerdings privaten – Blockchains, bei denen nur zugelassene Teilnehmer Transaktionen einsehen, auslösen und validieren können. Das Banken-Start-up R3Cev plant so etwas. In der Community ist umstritten, ob solche Modelle sinnvoll sind, da die eigentlichen Errungenschaften der Blockchain – maximale Offenheit und Dezentralität –‚ nicht zum Tragen kommen.

Stefan Mey

Stefan Mey

Stefan Mey hat Soziologie und Publizistik studiert, stammt aus Halle und wohnt in Berlin. Er ist freier Journalist und beschäftigt sich mit dem Wechselverhältnis von Technologie, Ökonomie und Gesellschaft.

Foto: Ralf Rühmeier
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