Aus der Welt einen besseren Ort machen

Foto: Cliff Parnell / istock.com

Das Betterplace Lab in Berlin erforscht und verbreitet digitale Innovationen im sozialen Sektor und initiiert eigene Projekte – via Internet oder beim Vor-Ort-Einsatz auf der indischen Wifi-Rikscha. Zehn Fallbeispiele für digital-soziales Engagement weltweit.

Das enorme Wachstum, das Crowdfunding-Plattformen in den letzten Jahren zu verzeichnen haben, ist nicht nur ein Zeichen für den Wandel in der Finanzierung von Projekten – in Wissenschaft, Kultur und im sozialen Bereich. Es hat auch einen Paradigmenwechsel auf dem Spendenmarkt herbeigeführt. Nicht zuletzt trägt die Skepsis gegenüber den großen Hilfsorganisationen, die in Entwicklungs- und Schwellenländern tätig sind, zu diesem Erfolg bei. Verbraucher und Verbraucherinnen sind oft unsicher, ob ihr Geld wirklich bei den Hilfebedürftigen ankommt, oder im Verwaltungsapparat der Hilfsorganisation versackt.

Das Bedürfnis, direkt zu helfen, ohne vor Ort zu sein, ist groß und auch jenes, ein unmittelbares Feedback über die Wirkung der geleisteten Hilfe zu erhalten. Gerade in Schwellen- und Entwicklungsländern ermöglichen digitale Medien herausragende Ergebnisse zur Verbesserung der Kommunikation, zur Organisation von Hilfsgütern und zur vernetzten gemeinsamen Arbeit von Regierungen und NGOs. Websites, Plattformen, Apps und Mobilfunk-Services gewinnen enorm an Bedeutung, weil sich Hilfebedürftige und Helfende unkompliziert und auf Augenhöhe begegnen können.

MEST-Unicef Hackathons

Die Meltwater Entrepreneurial School of Technology (MEST) in Accra ist eine Mischung aus Tech-Schule und Inkubator – und damit die passende Partnerin für Unicef, um einen digital-sozialen Hackathon in Ghana zu veranstalten. Der Ruf und das Netzwerk von MEST trugen dazu bei, dass Anfang 2014 mehr als 100 Programmierer und Unternehmer dort zum dreitägigen Hackathon zusammenkamen. Zu Beginn präsentierten Unicef-Mitarbeiter verschiedene Probleme schwer erreichbarer Zielgruppen. Daraufhin bildeten die Teilnehmer Fünferteams, um an einem der Probleme zu arbeiten und einen funktionierenden Prototypen zu bauen. Eine Jury kürte schließlich „Sanity in Sanitation“ zum Gewinner. Das Projekt ermöglicht es, Daten zu Sanitärausstattung und -bedürfnissen im ländlichen Norden Ghanas per Handy zu sammeln und zu analysieren.
http://meltwater.org/event/mest-unicef-hackathon/

Babajob

Etwa 90 Prozent der indischen Bevölkerung arbeiten im informellen Sektor. Das heißt, sie haben keine Arbeitsverträge und erhalten niedrigere Löhne als auf dem offiziellen Arbeitsmarkt. Die Plattform Babajob hilft dabei, diese Jobs, die sonst nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda vergeben werden, online zugänglich zu machen. Arbeitssuchende können sich darauf via Computer, per SMS oder über einen Anruf im Callcenter bewerben – je nachdem, zu welchen Medien sie Zugang haben, und ob sie lesen und schreiben können. Mittlerweile treffen hier 1,6 Millionen Arbeitssuchende auf 100.000 Jobanbieter und können vergleichen, welche Gehälter geboten werden und wie weit die Angebote von ihrem Wohnort entfernt liegen. Im Schnitt konnten die Nutzer von Babajob so ihre Löhne um 20 Prozent steigern. Indem sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer nun im digital-formellen Jobsektor gegenüberstehen, entsteht darüber hinaus eine neue Wertschätzung für diese Art der Arbeit.
http://www.babajob.com

Yomken

Yomken ist die erste gemeinnützige Open-Innovation- und Crowdfunding-Plattform in der arabischen Welt. Kleinunternehmer schildern dort ihre Probleme und die entsprechenden Lösungsansätze. Zum Beispiel hat ein Metallhändler eine Idee, wie er Getränkedosen recyceln kann. Nur wie und wo er diese weiterverkaufen kann, weiß er noch nicht. Auf Yomken bittet er um Hinweise und finanzielle Unterstützung für Dosenpressen. Unterstützer können also mit Ideen oder Geld helfen und erhalten dafür im Gegenzug ein Dankeschön. Eine Gruppe von ehrenamtlichen Helfern bewertet die angebotenen Lösungen und wählt die beste zur Umsetzung aus. Ist der nötige Geldbetrag zusammengekommen und eine Idee ausgewählt, initiieren der Kleinunternehmer und der Problemlöser gemeinsam die Produktion. Yomken bedeutet im Arabischen „Es ist möglich.“
http://yomken.com

mWater

„In Tansania haben mehr Menschen Zugang zu Handys als zu sauberem Trinkwasser“, sagt Annie Feighery, Geschäftsführerin von mWater. Deshalb testen Gesundheitshelfer mit Hilfe der Smartphone-App mWater die Qualität von Trinkwasser und veröffentlichen die Ergebnisse auf einer Onlinekarte. Zunächst registrieren die Helfer die Wasserstellen und deren GPS-Daten in einer Datenbank. Dann nehmen sie Wasserproben an Brunnen oder Wasserhähnen. Die Proben werden über Nacht in Plastiktüten angesetzt, die vorbehandelt sind und durch Färbung des Wassers zeigen, ob das Wasser E.-Coli-Bakterien enthält. Das Ergebnis des Tests wird sodann in die Onlinekarte übertragen. Mit Hilfe dieser Daten soll die Gesundheitsbehörde den Zugang zu sauberem Wasser verbessern. 400 Wasserstellen wurden bereits getestet – viele werden folgen. Etwa 90.000 Menschen sollen vom Einsatz der App im Rahmen eines Pilotprojekts in der Region Mwanza profitieren. mWater steht als Open-Source-Software zur Verfügung, damit ähnliche Projekte in anderen Regionen entwickelt werden können.
http://mwater.co/

Bribespot

Bribespot ist eine Webseite zur Korruptionsbekämpfung. Mit ihr können Korruptionsvorfälle weltweit gemeldet und geortet werden. Über eine App lokalisiert Bribespot automatisch den Standort des Melders, der dann seine Geschichte anonym schildern kann. Wie viel hat er wofür an wen zahlen müssen? Weil alle Einträge auf der Karte gezeigt werden, lassen sich Korruptionsbrennpunkte erkennen. Ob Uni-Professoren, Zollbehörden oder Streifenpolizisten – es gibt schon einige unerfreuliche Geschichten zu lesen. Aber der Erfolg von Bribespot hängt auch von der Beteiligung ab: So wurden in Russland erst vier Fälle von Bestechung gemeldet, in Afghanistan noch keiner.
http://bribespot.com

Breastfeeding Dads

Die Breastfeeding Dads, wie sich die jungen Männer des Netzwerks AyahASI nennen, setzen sich dafür ein, dass in Indonesien mehr Mütter ihre Babies stillen. Weil Großkonzerne Hebammen und Krankenhäuser bestechen, damit diese Milchpulver empfehlen und vom Stillen abraten, sterben in Indonesien jedes Jahr rund 30.000 Neugeborene. Denn in ländlichen Gebieten ist das Wasser, mit dem das Pulver angerührt werden muss, oft nicht sauber. Die Breastfeeding Dads konzentrieren sich auf die Vorteile des Stillens und kommunizieren diese zielgruppenadäquat: „Wer sechs Monate stillt, hat genug Geld für ein iPhone gespart!“ Diese etwas andere Perspektive hat den Breastfeeding Dads bislang über 122.000 Follower auf Twitter beschert. Über 50 ehrenamtlich engagierte Väter beantworten in 21 Städten Indonesiens täglich bis zu 300 Fragen verunsicherter Eltern. Das Gezwitscher auf Twitter wurde so laut, dass die indonesische Regierung das Thema zwischenzeitlich auf ihre Agenda gesetzt hat.
http://twitter.com/ID_AyahASI

Mobile Disaster Relief

Mit der Mobile Disaster Relief App können Katastrophenhelfer ihren Standort markieren, Fotos vom Ausmaß des Problems hinzufügen, und notieren, welche Ausrüstung und wie viele Helfer benötigt werden. Die App verfügt über eine Audioaufnahmefunktion, mit der schnell und unkompliziert die notwendigen Hilfsleistungen beschrieben werden können. Logistik und Absprachen lassen sich über die App sehr viel leichter koordinieren. Auch Betroffene können über die App herausfinden, wo es Notunterkünfte, Erstversorgung und Lebensmittel gibt. Katastrophenhelfer aus der Zivilbevölkerung können so gezielt helfen. Die „Mobile Disaster Relief“-App wurde von den Hurricane Hackers, Wavesforwater.org und 1love.org in einem dreitägigen Hackathon als Antwort auf den Hurrikan Sandy entwickelt.
https://itunes.apple.com/us/app/mobile-disaster-relief/

Esoko

Esoko (früher TradeNet) ist ein Pionierdienst im Bereich der SMS-Marktpreis-Informationen. Das For-Profit-Unternehmen ist seit 2005 beeindruckend gewachsen – sowohl geografisch als auch mit Blick auf die angebotenen Dienstleistungen. Esoko ist heute in zehn westafrikanischen Ländern tätig und kooperiert mit zahlreichen NGOs, Regierungsbehörden und Agenturen des Open-Source-Publishers Ez. Es gibt Dienstleistungen für Kleinbauern, etwa eine Ratgeberhotline, aber auch die Möglichkeit Marktpreise zu vergleichen und sich über Wetterdaten zu informieren. Verbände können SMS-Umfragen über Esoko initiieren und zahlreiche Networking-Werkzeuge nutzen. Laut eigener Schätzung erreicht Esoko rund 150.000 Kleinbauern auf dem afrikanischen Kontinent.
https://esoko.com/

Technoserve

Die NGO Technoserve bekämpft schon seit über 40 Jahren in Südamerika und Afrika Armut durch Zugang zu Bildung und Medien. In Ruanda hat die Organisation einen SMS-Service eingerichtet, mit dem die Kaffeebauern per SMS ihre aktuellen Daten über vorrätigen Kaffee sowie ihre finanzielle Situation an ein zentrales System schicken können. Darüber hinaus können sie sich über Technoserve in nachhaltigen Anbautechniken schulen lassen, um ihren Ertrag zu verbessern. Das bedeutet mehr Effizienz für die Kaffeefarmer, aber auch für Investoren, denn über den Dienst wird transparent, welche Kooperative noch Beratung bei Anbau und Verarbeitungstechniken benötigt, oder wo finanzielle Mittel fehlen. Seit 2014 soll der Service nachhaltig über die Kaffeefarmer selbst finanziert werden, die für die Nutzung einen kleinen Betrag entrichten. In Ruanda nutzen bereits 53 von 215 Kaffeekooperativen den Dienst.
http://www.technoserve.org/our-work/where-we-work/country/rwanda

Seaulidaire

Im September 2013 war in vielen Stadtteilen in Dakar die Trinkwasserversorgung unterbrochen. Hunderte Haushalte saßen buchstäblich auf dem Trockenen – während bei ihren Nachbarn das Wasser aus dem Hahn sprudelte. Um dieses Problem zu lösen, entwickelte eine Gruppe von Programmierern spontan im Verlauf einer Nacht eine einfache Facebook-App. Per Kontaktliste konnten sich die Menschen, die Wasser brauchten, mit denen, die Wasser hatten, zusammentun. Per Facebook-Nachricht wurde anschließend die Abholung organisiert. Innerhalb von vier Tagen hat die Facebook-App mehr als 700 Wasserlieferungen ermöglicht.
https://apps.facebook.com/seaulidaire/

Text: Ben Mason, Medje Prahm, Kathleen Ziemann, Dennis Buchmann, Moritz Eckert, Joana Breidenbach

Betterplace Lab

Das Betterplace Lab erforscht digitale Innovationen, damit Menschen, Organisationen und Unternehmen, die im sozialen Sektor arbeiten, noch mehr Gutes bewirken können. Das Betterplace Lab ist Teil der Gut.org gAG und trägt als Vorreiter für digital-soziale Themen zu deren Kompetenz und Reputation bei.

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