Ceci n’est pas un livre

Foto: Albert Guillaiume, "Les retardataires", CC0

Berlins Kulturstaatssekretär über die Ungleichbehandlung von Digital und Analog, die Demokratisierung der Kultur und das Recht zu scheitern.

Ceci n’est pas un livre. Wer einmal versucht hat, mit einem E-Book einen wackelnden Tisch zu stabilisieren, ein E-Book der Verlagsgruppe Holtzbrinck in einer öffentlichen Bibliothek auszuleihen oder ein selbst erworbenes E-Book auf dem Trödel zu verkaufen, wird gemerkt haben: Buch ist nicht gleich Buch. Manche Bücher sind eben keine Bücher, sondern Dienstleistungen. Ein Roman erhält erst dann den ermäßigten Mehrwertsteuersatz oder unterliegt Verbreitungsrecht und Erschöpfungsgrundsatz, wenn er auf Papier gedruckt ist – so, als sei das kulturpolitisch Fördernswerte nicht der geistige Inhalt, sondern ein gefällter Baum zwischen zwei Pappdeckeln. Ähnliches gilt im Musikbereich: Der Eintritt für ein Livekonzert wird mit sieben Prozent Mehrwertsteuer besteuert, beim Stream des selben Konzertes aber werden 19 Prozent aufgeschlagen.

Die Ungleichbehandlung zwischen der digitalen und der analogen Welt, die sich auf alle Politikfelder erstreckt, betrifft auch und gerade die Kulturpolitik. Dort kann sie für den Verbraucher im Alltag sehr ärgerlich sein, vor allem aber behindert sie Innovationen. Die werden zwar trotzdem gemacht, dann allerdings im Ausland, und setzen sich in Deutschland erst mit Verzögerung und durch die normative Kraft des nutzerfreundlicheren Angebots durch. Das bringt uns in die Position der Abhängigkeit.

Die Musikindustrie hat diese Erfahrung bereits schmerzvoll gemacht. Anstatt das Erlebnispotenzial der neuen Technologien für ihre Kunden zu nutzen, versuchten sich die Plattenfirmen mit Händen, Füßen und Digital Rights Management zu wehren. Inzwischen beherrschen marktfremde Akteure, zum Beispiel ein gewisser Hardware-Hersteller, das Feld.

Die Hauptursache der falschen Weichenstellungen war, dass die Topmanager den radikalen Wandel, den das Digitale mit sich bringt, emotional nicht begriffen haben. Fähige, hochintelligente Menschen, die das Digitale zwar rational durchdrungen hatten, jedoch einen eigentümlichen Stolz darauf entwickelten, keinen Computer auf ihrem Schreibtisch stehen zu haben. So oder so ähnlich geht es, das behaupte ich, auch vielen Entscheidern und Entscheiderinnen in Kultur und Politik.

Dass die digitale Transformation für manchen emotional unverständlich bleibt, liegt an dem breiten Kulturbegriff, dem sie entspringt und den sie transportiert und den im deutschen Kulturbetrieb nicht jeder teilt. Sie setzt eine Entwicklung fort, die vor über 100 Jahren zunächst in der Musik begann. Mit Swing, Blues und Jazz brachten sich ehemalige Sklaven und ihre Kinder in eine neue, amerikanische Gesellschaft ein. Die Musik schwappte nach Europa, wurde verstanden und inspirierte Millionen, über die eigene Kulturgeschichte hinauszudenken. Der eurozentristische Kulturbegriff geriet ins Wanken. Gleichzeitig war dies ein Schritt in Richtung Niedrigschwelligkeit: Ein Blues braucht nur drei Akkorde. Man muss nicht erst Virtuose werden, bevor man Künstler sein kann.

Vor 50 Jahren hielt dann die massenweise Reproduzierbarkeit in der Kunst Einzug. Andy Warhol erstellte Originale per Siebdruck. Spätestens jetzt war die Popkultur geboren. Kultur für die Massen, man könnte auch sagen: die Demokratisierung der Kultur. In dieser Zeit begannen auch Fotografie und Film als Kunstsparten erkannt und ernstgenommen zu werden. Vor 25 Jahren sorgte dann die Digitalisierung vollends für die Globalisierung der Kultur und riss durch grenzenlose Reproduzierbarkeit die letzten Barrieren ein. In wenigen Klicks gelangt nun jeder zum Ring des Polykrates, zum Macchu Picchu oder zu einem Musikvideo von Fairuz.

Heute sind wir noch eine Stufe weiter: bei der Interaktion. Die Grenzen zwischen Konsument und Produzent zerfließen. Kunst kann nicht nur genossen, sondern auch im Sinne der eigenen Bearbeitung angeeignet werden. Das ist zwar keine ganz neue Entwicklung – schon immer baute jedes geistige Werk auf dem auf, was vor ihm war, enthielt es die Schöpfung anderer. Doch durch den nahezu vollständigen Wegfall von Eintrittsbarrieren setzt sich dieses Prinzip nun in einem bisher nicht dagewesenen Maße um. Es braucht nicht mehr als ein Smartphone und eine Idee, um Fotograf, Musiker oder Regisseur zu sein. Das führt automatisch zu Interdisziplinarität, mehr noch, zu einem Verschmelzen der Genres – so ist das in der Postmoderne.

Die Auseinandersetzung um die Benennung Chris Dercons als zukünftigem Intendanten der Volksbühne drehte sich im Kern hierum. Ein Museumsdirektor soll ein Theater leiten? Das kann doch nicht sein! Er will in einem institutionellen Rahmen, nicht nur auf Projektbasis, die Disziplinen miteinander verschränken, nicht nur mit Regisseuren und Schauspielern, sondern auch mit bildenden Künstlern, Tänzern, Musikern, Filmemachern arbeiten? Nach der Verkündung der Castorf-Nachfolge prangte der Schriftzug „Verkauft“ über dem Gebäude am Rosa-Luxemburg-Platz und offenbarte, welche Ängste bestehen, neue Prozesse zuzulassen, Hoheit und Kontrolle aufzugeben.

Ähnliche Gefühle mag auch der eine oder andere Sammlungsleiter bei dem Gedanken hegen, die Digitalisate „seiner“ Sammlung als offene Daten unter freien Lizenzen zu veröffentlichen. Doch diese Lektion kann man aus den Erfahrungen der Musikindustrie ziehen: Im Internet lassen sich weder starre Strukturen, noch lässt sich die Kontrolle über Inhalte aufrechterhalten, erst recht nicht durch Restriktionen. Wer die zukünftige Entwicklung mitprägen will, der muss stattdessen mit den neuen Mitteln experimentieren, kooperieren und Angebote schaffen, die durch ihre Qualität und Nutzerfreundlichkeit überzeugen.

Viele Menschen im Kulturbetrieb sind auch grundsätzlich dazu bereit, doch befinden sich Kultureinrichtungen in einer schwierigen Situation. Es fehlt an Know-how, an Zeit, Geld und Handlungsspielräumen. Der App-Designer und die Netztheoretikerin sind im Organigramm eines Museums oder Theaters bislang die Ausnahme. Doch Kultureinrichtungen müssen nicht nur ihre Rolle in der vernetzten Gesellschaft neu definieren und dort um Aufmerksamkeit konkurrieren – während der Übergangsphase von der analogen zur vernetzten Gesellschaft ist ihre Aufgabe eine doppelte: Einerseits erreichen sie die jungen Generationen kaum noch, ohne auf den digitalen Kanälen präsent zu sein, andererseits müssen sie auch diejenigen mitnehmen, die sich noch gänzlich analog bewegen. Kultureinrichtungen müssen also das eine tun, ohne das andere zu lassen. Dieses Doubleplay bedeutet doppelten Aufwand und damit meist auch doppelte Kosten.

Die Ungleichbehandlung zwischen analog und digital macht sich auch an dieser Stelle bemerkbar, denn die Bereitschaft der Kulturpolitik, Mittel für digitale Experimente bereitzustellen, ist gering. Dabei benötigen Kultureinrichtungen hierbei Unterstützung und – in explorativen Phasen besonders wichtig – Fehlertoleranz. Es ist klar, dass unter den neuen Wegen, die man beschreitet, auch mal einer aus Holz ist. So ist das Experiment der alten Gemäldegalerie in Dresden, als weltweit erstes Museum eine Abbildung in Second Life aufzubauen, sehr wertvoll, auch wenn Second Life nach dem großen Hype längst wieder in der Versenkung des Internets verschwunden ist.

Andere große Häuser – etwa die Tate Gallery in London, das Rijksmuseum Amsterdam, die Berliner Philharmoniker, das Jüdische Museum Berlin oder das Städel in Frankfurt – haben inzwischen Strategien zur Organisationsentwicklung im Kontext der vernetzten Gesellschaft erarbeitet, die teilweise sehr umfassend sind und weit über Social-Media-Marketing hinausgehen. Tate etwa begreift „Digital as a dimension of everything“ – das Digitale als Dimension von allem. Die Volksbühne Berlin wird ab 2017 über die digitale Bühne „Terminal plus“ verfügen. Sie soll eine Art digitales Pendant zum Globe Theatre werden: Für alle zugänglich, global, unabhängig, interaktiv und getragen von dem Gedanken, die Spielräume des Internets für die darstellenden Künste auszuloten und damit zugleich die Vorteile eines digitalen Raumes, der unter dem Schutz einer unabhängigen, nicht-kommerziellen Institution steht.

Diese Häuser wollen zu kulturellen Knotenpunkten in der vernetzten Gesellschaft werden. Auf diesem spannenden Weg in die Zukunft brauchen sie: keine Angst, Unterstützung und das Recht, auch einmal zu scheitern.

Tim Renner

Tim Renner

Tim Renner ist seit 2014 Staatssekretär für Kulturelle Angelegenheiten in Berlin. Von 2001 bis 2004 war er Präsident der Universal Music Deutschland und veranlasste in dieser Funktion den Umzug des Konzerns von Hamburg nach Berlin. Renner wurde 2009 zum Professor der Pop-Akademie Baden-Württemberg ernannt.

Foto: Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten
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