Start-ups in Deutschland: Cookies als Genickbrecher

Foto: Mario Sixtus. CC BY-NC-SA 2.0

Joel Kaczmarek, Herausgeber des Online-Magazins Gründerszene, kennt die Befindlichkeiten der deutschen Start-up-Branche gut. Damit sie von Regulierungen nicht ausgebremst werden und die Politik ihre Probleme besser versteht, brauchen die Gründer massiv mehr Lobbyismus.

Welche wirtschaftliche Relevanz oder Bedeutung kommt Start-ups national und international zu?

Joel Kaczmarek: Was Start-ups an Arbeitsplätzen schaffen und an Umsatz erzeugen, ist signifikant. Firmen wie Wooga, Researchgate, Zalando, Rebuy oder weitere aus der Internet-Branche, beschäftigen jeweils hunderte von Leuten. Zalando hat in Berlin 350 Arbeitsplätze geschaffen und einen Entwicklerstandort in Dortmund etabliert. Zalando hat gerade einen Halbjahresumsatz von 809 Millionen bekannt gegeben, am Ende erwirtschaftet das Unternehmen wahrscheinlich 1,8 Milliarden Euro oder mehr – und damit ist es nicht mehr so weit weg von der großen Industrie.

Worin sehen die Gründerfirmen die wichtigsten Hürden für die digitale Wirtschaft?

Die Grundfrage dazu ist vorab: Wo wird eine Regulierung überhaupt entschieden? Bei vielen Themen sind wir ganz schnell bei EU-Regelungen, und da gibt es unter Gründern viel Unsicherheit. Im Augenblick beobachten sie mit Argusaugen die europäische Richtlinie zum Einsatz von Cookies. Cookies erfassen, wo der Nutzer herkommt, wie lange er auf der Seite bleibt, was er sich anguckt, wie schnell er wieder abspringt und so weiter. Wenn man diese Daten weitergehend auswertet, vielleicht sogar zum Nutzen des Kunden, muss man ihn mittlerweile erst darüber informieren, so die geltenden EU-Regelungen. Und tatsächlich wird jetzt auf Webseiten immer öfter Folgendes oben eingeblendet: „Wir setzen Cookies, um für Sie das Einkaufserlebnis zu verbessern, ist das für Sie in Ordnung? Ja oder nein?“ Der Cookie arbeitet trotzdem, aber eigentlich muss der Nutzer das bestätigen. So eine Vorschrift kann für agile Start-up-Unternehmen angesichts massiver Skalierung schnell relevante Dimensionen annehmen.

Die EU-Cookie-Richtlinie als Genickbrecher für ein Start-up?

Ja, auf jeden Fall. Zalando beispielsweise berücksichtigt mittlerweile sogar die jeweilige Wetterlage für seine Marketing- und Verkaufsaktivitäten. Zalando ist eine extrem datengesteuerte Firma. Und wenn man solchen Firmen Regelungen vorsetzt, dass sie, wenn sie dieses und jenes erheben erheben wollen, erst die Nutzer fragen müssen, muss man kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass sich dies als Bremsfaktor darstellt. Es ist doch so: Wenn man 1.000 Nutzer fragt, ob man bei ihnen Cookies setzen darf, dann sagen vermutlich 700 Nein, oder auch 400. Das sind aber 400, die einem vorher Daten geliefert und sich gar nicht daran gestört haben, weil es ihnen in der Regel keinen Schaden bereitet. Im Gegenteil, es geht bei Cookies eher darum, das Angebot so zuzuspitzen, dass es den Kunden einen Nutzen bringt.

Das alles bedeutet, solche Datenschutzregelungen können über Erfolg und Misserfolg eines jungen Unternehmens entscheiden. Sie wirken sich definitiv auf den Start-up-Alltag aus. Aber von derlei Umständen im Netz hat die Politik viel zu wenig Ahnung. Ich war Teil der Delegation, mit der Kanzlerin Merkel kürzlich einige Berliner Start-ups besuchte. Und als sie bei der Online-Wissenschafts-Plattform Researchgate war, erkundigte sie sich, wo deren Server stünden – und war wenig begeistert zu hören, dass sie in San Antonio stehen. Das ist die Flughöhe, auf der Start-ups wahrgenommen werden.

Sie meinen, da ist Ihnen die Politik zu oberflächlich?

Was ich damit sagen will: Die Politik hört zu und macht sich Gedanken, aber die Durchdringungstiefe ist relativ gering. Zugleich haben Internet-Unternehmen in Deutschland eine ziemlich schlechte Lobby. Auf Europa bezogen ist das Standing und die Sichtbarkeit in Ermangelung einer geschlossenen Lobby noch deutlich schlechter.

Die Start-ups haben also Lobbyismusbedarf?

Massiv sogar. In Sachen eigener Interessenvertretung sind sie in einer Amateur- oder Kreisliga unterwegs. Als sich Philip Rösler, der damalige Wirtschaftsminister, mit Peter Thiel zusammensetzte, einer Größe aus dem Silicon Valley, und mit ihm eine Gesprächsrunde initiierte, stellten die Start-ups keine besonders kenntnisreichen Fragen, sondern benahmen sich eher wie Groupies. Dabei saßen sie mit Volksvertretern und Experten zusammen, mit denen man viel ernsthafter reden sollte. Zumindest hat sich mit dem Verband Deutscher Start-ups nun eine Interessenvertretung herausgebildet. Dieser widmet sich vielen Themen und hat auch Datenschutz-Fragen wie die Cookie-Richtlinie auf der Agenda. Aber der Verband ist noch jung und muss sein Können noch beweisen.

Gibt es neben Cookies noch weitere netzpolitische Themen für Start-ups?

Es gibt diese Debatte, die der Axel-Springer-Verlag mit dem Leistungsschutzrecht angestoßen hat: Darf Google Teile meines Contents nutzen, um Angebote zu schalten, von denen Google dann profitiert? Hier stoßen alte und neue Industrien aufeinander. Meiner Beobachtung nach ist das Leistungsschutzrecht für Start-ups keine sinnvolle Regelung. Man hat als Internet-Unternehmen eine große Abhängigkeit von Google. Deswegen bekommen alle suchmaschinenbezogenen Themen eine Relevanz für Start-ups. Wenn ein Großteil des Besucherstroms über Google kommt – bei manchen Unternehmen sind es 60 Prozent und mehr –, muss man sich überlegen, wie man vorgeht und welche Regelungen geschaffen werden sollten.
Hinzu kommen Probleme auf Detail- und mittlerer Ebene: Welche Einwilligungen muss man geben oder bekommen, wenn man einen Newsletter versenden will? Administrative Themen, die den Verbraucherschutz betreffen, sind relevant. Internetgeschäft heißt vor allem, den Kostenapparat eines realen Ladens zu sparen und zugleich eine hohe Erreichbarkeit zu gewährleisten. Die Kunst besteht darin, Geld dafür auszugeben, damit möglichst viele Nutzer auf die Seite kommen – aber diese Ausgabe muss geringer sein als der daraus abgeleitete Umsatz. Alles, was den Nutzerstrom an irgendeiner Stelle der Wertschöpfungskette beeinflusst, sprich Google, sprich Datenerhebungen, Datenweiterverarbeitung und -verwertung, spielt eine Rolle.

Ist Netzneutralität für Start-ups ein Thema?

Die Netzneutralität ist sogar ziemlich wichtig für Start-ups. Das zeigte sich in der Frage der Drosselung von Datenraten, welche die Telekom angestoßen hatte …

… und die ihr das Landgericht Köln zunächst untersagte.

Aus Nutzersicht ist das eine kontroverse Thematik. Und es irritierte viele zurecht, wie wenig die Politik darauf eingegangen ist. Wenn es dann auf die Mobilverbindungen durchschlägt, dann werden auch Firmen wie Zalando unruhig. Die generieren ja Downloadvolumen und wollen nicht, dass ihnen gedrosselte Kunden weglaufen, weil die Bilder zu lange laden.

Im Grunde geht es für Internet-Start-ups sehr oft um das große Ganze, um alle Fragen der Netzpolitik. Also um Abhörskandale, Datenschutzregularien, Google, die Datenkrake, das böse Facebook, das immer alle Daten klaut und den Datenschutz nicht beachtet, und so weiter. Start-ups geraten oft in den Image-Sog der amerikanischen Unternehmen, die ein anderes Datenschutzverständnis haben. Dazu kommt die derzeit um sich greifende Verunsicherung bezüglich der Online-Kommunikation. Das alles wirkt sich auf das Wirtschaften im Internet nicht unbedingt positiv aus.

Könnten und sollten sich die Start-ups in Deutschland oder Europa von der amerikanischen Attitüde emanzipieren und mit einer Identität jenseits der US-Klischees positionieren? Etwa mit heimischen Infrastrukturen und mehr Datenschutz-Sensibilität?

Die deutschen E-Mail-Anbieter haben das mit dem Label „PRISM-sicher“ als Qualitätsmerkmal versucht. Deutschland hat den Ruf besonders datenschutz-sensibel zu sein, das könnte die Kennzeichnung „Made in Germany“ neu aufladen. Es könnte eine Chance sein, sich öffentlich zu positionieren, aber ich glaube nicht, dass dies ausreichen würde.

Denn wie wettbewerbsfähig ist ein Unternehmen dann? Durch die Aufwendungen für Daten- und Verbraucherschutz entstehen Wettbewerbsnachteile. Ob die Nutzer solche Dienste dann so gut annähmen, dass die Nachteile durch Nachfrage und Umsatz wieder aufgehoben würden, bliebe abzuwarten. Ein Kodex oder Gütesiegel ist aus Verbrauchersicht begrüßenswert, aber ob sie aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll sind, ist eine andere Frage.

Nehmen wir beispielsweise Studivz versus Facebook. Studivz hatte sich damals als besonders aufmerksam in Sachen Datenschutz präsentiert und auch dem Jugendschutz mehr Gewicht gegeben. Facebook hingegen nahm das von vornherein lockerer, hat seine Jugendschutz-Regeln jüngst sogar weiter entschärft. Das Ergebnis dieses Wettstreits ist bekannt.

Beschäftigen sich Start-ups ausreichend mit digitalwirtschaftlichen und netzpolitischen Themen? Oder legen sie mehr oder weniger los und reagieren auf Rückmeldungen?

Eher letzteres. Es gibt ja die Devise: „Lieber um Verzeihung bitten als um Erlaubnis“. Die findet oft ihre Anwendung, weil es im Zweifelsfall Ärger spart. Man kann das verstehen, weil die allermeisten Start-ups damit beschäftigt sind, zu überleben. Sie müssen erstmal zu Kapital kommen, dann ein tragfähiges Geschäftsmodell entwickeln. Start-ups haben eigentlich weder Zeit noch Sinn für solche Themen. Die sind für ihr Geschäft zwar zentral, aber aus ihrer Sicht erst zwei Schritte später zwingend.

Joel Kaczmarek

Joel Kaczmarek

Joel Kaczmarek ist seit Mai 2013 Herausgeber von Gründerszene, einem Onlinemagazin über und für die Start-up-Branche und zu Entrepreneurship. Davor war er etwa vier Jahre dessen Chefredakteur. Das Magazin Gründerszene gehört zur 2008 gegründeten Vertical Media GmbH, einem Fachverlag für Onlinemedien, der auch das englischsprachige Magazin Venturevillage herausgibt.

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