Cyberpunk ist die einzig plausible Zukunftsvision der Digitalisierung

Die Verschmelzung von Mensch und Maschine ist absehbar in einer Zukunft, in der enorme informationstechnologische Fortschritte neben prekären gesellschaftlichen Bedingungen existieren. Cyberpunk ist die plausibelste bekannte Zukunftsvision.

Zukunftsforscher und -szenarien bilden seit jeher ein Rückgrat der gesellschaftspolitischen Einrahmung von Debatten. Das, was wir uns menschlich vorstellen können, definiert die Grenzen dessen, was wir für möglich halten, und innerhalb dieser Grenzen findet unser Handeln, Planen und Gestalten statt. In einer Welt, in der trotz rapidem Fortschritt viele der ältesten menschlichen Probleme ungelöst bleiben, ist der Cyberpunk ein Szenario, das plötzlich sehr plausibel erscheint.

Was ist eigentlich Cyberpunk?

Cyberpunk ist ein literarisches Subgenre der Science-Fiction, in dem Hochtechnologie und Gossenleben aufeinanderprallen. Im Fokus stehen IT und Kybernetik, gepaart mit Anarchie oder drastischem Verfall der gesellschaftlichen Ordnung. Die Geschichten des Cyberpunk haben oft künstliche Intelligenz und Megakonzerne in einer nahen Zukunft zum Thema. Es sind postindustrielle Dystopien, in denen Film Noir, Detektivgeschichten, veraltete kulturelle Codes und eine unvorhergesehene Verschmelzung von Straßenkultur und Hochtechnologie zusammenkommen. Somit ist Cyberpunk filmisch bei Ridley Scotts „Blade Runner“ zu finden und literarisch bei William Gibsons „Neuromancer“. Außerordentlicher Beliebtheit erfreut es ich im Rollenspiel-Universum von „Shadowrun“.

Warum ist das wichtig?

Cyberpunk gibt es seit Jahrzehnten und der darin verhandelte Zusammenstoß von Hochtechnologie und Prekariat wird in nächster Zeit wohl unsere Metropolen definieren. Die hoch gebildete, finanziell erfolgreiche und technologisch ausgestattete Elite wird den Rest der Gesellschaft weiter abhängen und sich von ihr abschotten. Das wird jedoch geografisch und physisch nicht gelingen. Mit Technik eingedeckte Yuppies und Menschen ohne Obdach werden in der U-Bahn Berlins also gleichzeitig existieren.

Immer mehr Wertschöpfung wird digital und automatisiert. Die Arbeitslosigkeit könnte im globalen Westen weiter ansteigen. Wir stehen vor einem gigantischen Verteilungsproblem, das wir mit IT nur schwer gelöst bekommen, wenn unsere Bildungs- und Infrastrukturausgaben weiterhin so stiefmütterlich von der Politik behandelt werden.

Die kommenden Technologien werden noch massiver in unser Leben eingreifen. Nano- und Biotechnologien, das Internet der Dinge, neue Fortbewegungsmittel – all das wird unsere Gesellschaft verkomplizieren, technologisieren und zersplittern. Wie wir mit diesen Spannungen umgehen, ist eine der Kernherausforderungen.

Neueste Technologien werden nur von einem kleinen Teil der Gesellschaft genutzt. Gleichzeitig schafft es die globale Gemeinschaft nicht, Jahrhunderte alte Probleme wie Hunger, Krieg, Arbeitslosigkeit oder Analphabetismus zu bewältigen.

Cyberpunk beschreibt die Verschmelzung einer hochtechnologisierten mit einer niedrigtechnologisierten Welt; einer Welt, in der Augmented Reality und Dieselmotoren gleichzeitig zum Einsatz kommen. In dieser Welt gibt es neben der Schere zwischen arm und reich noch eine Hightech/Lowtech-Schere, die ähnliche soziale Spannungen erzeugt.

Warum also gerade Cyberpunk?

Schon heute nutzen Teile der Gesellschaft Technologien, Prozesse, Sprachen, Konsumgüter und Gebräuche, die weit entfernt sind von dem, was andere kennen oder nutzen. Auf den technologisch-wirtschaftlich-kulturellen Ebenen passiert in unserer Gesellschaft eine Spaltung, die sich aber vor allem in eng besiedelten Kulturräumen, wie z.B. europäischen oder asiatischen Städten, nicht räumlich niederschlägt. Somit existiert parallel eine Gesellschaft der Hochtechnologie und eine, die mehrheitlich nach den Logiken des 20. Jahrhunderts funktioniert. Die einen haben smarte Uhren, intelligente Kontaktlinsen, erwirtschaften ihr Einkommen quasi virtuell, sind wohlhabend und können sich neueste Konsumgüter, Kultur und gesundes Essen leisten. Die anderen haben ihre Jobs an die Digitalisierung verloren, leben von Lohn zu Lohn, nutzen noch Autos oder Telefone, und konsumieren einfache Unterhaltung und Fast Food. Beide allerdings fahren mit der gleichen Tram, leben in der gleichen Stadt, nehmen an den gleichen Wahlen teil oder kennen sich gegenseitig.

Die Welt von Blade Runner ist nicht das Realszenario, sondern die Tatsache, dass wir bereits heute in Teilen unserer globalen Gesellschaft enorme Sprünge gemacht haben in der IT, der Medizin, oder der Kultur. Gleichzeitig werden wir Hungersnot, Armut, Gewalt, Verbrechen, Bürgerkriege, Krankheiten und Umweltverschmutzung nicht los. Das liegt teilweise daran, dass unser Fortschritt primär konsum- bzw kapitalismusgetrieben ist, und teilweise daran, dass unsere politischen Systeme keine Problemlöser als Führungseliten hervorbringen, sondern in erster Linie Beschwichtiger. Wir steuern also auf eine Zukunft zu, in der einerseits Teile der Gesellschaft immer mehr vom Fortschritt profitieren, aber andererseits große Teile abgehängt werden.

Ist die Singularität noch aufzuhalten?

Technologisten und andere Silicon-Valley-Propheten reden gerne von der Singularität. Damit ist der Zeitpunkt gemeint, zu dem sich Maschinen selbst verbessern können. Die technische Entwicklung wäre dann aufgrund des sich rasant beschleunigenden Fortschritts gar nicht mehr absehbar. Im Zusammenhang damit gehen Theoretiker auch von einer massiven Steigerung der Lebenserwartung aus.
Wenn man sich nun die aktuellen Entwicklungen im Bereich künstlicher Intelligenz ansieht, die Fortschritte in der Genetik und Biotechnologie, Moore’s Law und Quantum Computing, dann kann man durchaus die Position vertreten, dass über kurz oder lang die Maschinen übernehmen, oder die Verschmelzung bevorsteht. Lebenslogiken, die wir seit Jahrhunderten kennen, würden dann keine Gültigkeit mehr haben. Ob von diesen Entwicklungen jeder Gesellschaftsteil gleichsam profitiert, ist fraglich.

Wann kommen die Cyborgs und Androiden?

Fakt ist, dass in wenigen Jahren ausgereifte, menschlich anmutende Roboter breit verfügbar sein werden. Diese übernehmen Alltagsaufgaben, ziehen für uns in den Krieg oder überwachen uns. Szenarien wie wir sie aus Filmen kennen, in denen von Fehlfunktionen oder Übergriffen (in beide Richtungen) die Rede ist, werden normal werden. Die Frage ist nicht, wann die Cyborgs kommen, sondern wie lange es dauert, bis deren Verbreitung in unserer Gesellschaft zu echten Spannungen führt.

Unser Alltag sieht erstmal wenig anders aus

Denn wie so viele Innovationen, kommen diese nicht alle an einem Tag und lösen eine Revolution aus. Stück für Stück setzen sich Consumertechnologien durch. Stück für Stück kommen neue Technologien in Wirtschaft und Wissenschaft zum Einsatz. Ganz langsam erreicht der Fortschritt auch den öffentlichen Sektor, und wir werden gar nicht merken, wie „smart“ unsere Umgebung werden wird und wo die neuen Gräben in unserer Gesellschaft verlaufen.

Unser Alltag ist heute schon stark von geografischen und technologischen Filtern dominiert; dies wird sich fortsetzen. Dass es Menschen gibt, denen eine Welt aus Sensorik, Smart Devices, Automatisierung, Big Data und Co. völlig fremd ist, wird uns schwer bewusst, da wir uns kaum mit ihnen beschäftigen – und umgekehrt. Diese Technologien sind jedoch vorhanden, und sie prallen schrittweise auf eine alte, zum größten Teil noch problembeladene Welt: Umweltverschmutzung, globale Erwärmung, Kriminalität, Migration, Hungersnöte, Korruption, Verfall der Infrastruktur. Es wird alles nicht mehr so zusammenpassen.

Die Wirtschaft wird sich konsolidieren

Alarmismus ist heute schon an der Tagesordnung. Viel wird geredet von den Arbeitsplätzen, die uns die Sharing Economy kosten wird, und die Arbeitslosigkeit, die durch Industrie 4.0 und andere Digitalisierung und Automatisierung verstärkt werden könnte.

Schuld daran ist am Ende die überrumpelte Politik, die sich Jahrzehntelang nicht mit diesen Phänomenen beschäftigt, es nicht verstanden oder verweigert und verschoben hat. Das Problem liegt in einer Konsolidierung, die bedeutet, dass immer weniger gute Jobs eine Wertschöpfung erbringen können, die ganz viele schlechte Jobs ablösen können. Wenn dieser Umschwung aber nicht durch mehr Bildung, Innovation und neue Wirtschaftszweige aufgewogen werden kann, kommt es zum Bruch in unserer Gesellschaft. Es wird Cyberpunk herrschen.

Ausblick

Ich empfehle den Konsum von Cyberpunk-Literatur, -Filmen oder -Games, um zu verstehen, wie wenig weithergeholt die Visionen dieses Genres sind. Leider bedarf es viel Transferwissens, um sich auszumalen, welche Technologien und Entwicklungen dazu beitragen könnten, dass irgendwann Hackerkinder durch versiffte Straßen ziehen, Androiden von Zigaretten rauchenden Detektiven gejagt werden, oder fliegende Autos im Wald von Eremiten abgeschossen werden. Das mag alles fiktiv und witzig klingen, aber die Alternative dazu wäre, dass unsere Gesellschaft relativ homogen den technischen Fortschritt nutzt, verinnerlicht und sich mit Hilfe dessen gemeinsam auf die nächste Stufe hebt. Das ist höchst unwahrscheinlich, denn die Anzeichen für das Cyberpunk-Szenario sind deutlich, und es ist ein Szenario, das bis auf kleine Überspitzungen äußerst plausibel ist. Glaube ich, dass es eine Dystopie darstellt? Nicht zwingend. Aber ob die Cyberpunk-Zukunft eine düstere und anarchische „Blade Runner“-Welt wird, oder eine glänzende und geordnete Jetsons-Zukunftswelt – das entscheiden wir heute mit den Weichen, die wir stellen.

Dieser Artikel steht unter CC BY 4.0.

Buch: Die Neuromancer-Trilogie. William Gibsons Buch von 1984 hat das Cyberpunk Genre begründet. Das Buch ist die ideale Einstiegslektüre in die Welt des Cyberpunk: Eine künstliche Intelligenz, ein Hacker und der Cyberspace – aus diesen Zutaten bastelt Gibson einen Blick in die Zukunft, die unsere sein könnte.

Film: Blade Runner. Das Meisterwerk von Ridley Scott verflimt die Kurzgeschichte „Ob Androiden von elektrischen Schafen träumen?“ von Philipp K. Dick, der auch die literarische Grundlage für den Film „Minority Report“ schuf. Der Film findet in einer Welt statt, in der es versiffte Sushi-Läden und Obdachlose gibt, aber auch fliegende Autos und Replikanten.

Paper&Pen-Rollenspiel: Shadowrun. Das klassische Rollenspiel funktioniert ähnlich wie das in Deutschland beliebte „Das Schwarze Auge“, spielt aber im Cyberpunk-Universum und lässt Hacker, Samurai und Revolverhelden gegen Superkonzerne antreten.

Videospiel: Deux Ex. Die erfolgreiche PC-Game-Reihe aus der Feder von Warren Spector ist ein Abenteuer in der Ich-Perspektive, in dem verschiedenste Wege ans Ziel führen. Zu tun hat man es mit Cybersecurity, Nanotechnologie und Augmented Reality.

Sebastian Haselbeck

Sebastian Haselbeck

Sebastian Haselbeck ist ehemaliger Geschäftsführer des Internet & Gesellschaft Collaboratory. Aktuell ist er Gastdozent an der Willy Brandt School of Public Policy und berät verschiedene Organisationen in digitalpolitischen Fragen. Privat betreibt er eine Vielzahl von Onlineportalen über interessante Filmgenres.

Foto: privat
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