Damit alle es sehen

Foto: The Municipal Archives of Trondheim / CC BY 2.0

Der Präsident des Bundesarchivs kämpft für die Digitalisierung unseres geistigen Erbes. Als Mitunterzeichner der Hamburger Note erklärt er, warum manches zwar digitalisiert wird – aber es dennoch niemand sehen darf.

iRights: Herr Hollmann, was genau ist die Aufgabe des Bundesarchivs?

Michael Hollmann: Laut Bundesarchivgesetz haben wir die Aufgabe, die Unterlagen der Regierungen und Verwaltungen des Deutschen Reiches von 1867/71 bis 1945, der zonalen Behörden von 1945 bis 1949, der DDR und der Bundesrepublik Deutschland zu sichern und einer strengen Auswahl zu unterwerfen. Den archivwürdigen Teil dieser Unterlagen gilt es dauerhaft zu erhalten, zu erschließen und der allgemeinen Benutzung zugänglich zu machen. Dabei beschränkt der Unterlagenbegriff die Aufgabe des Bundesarchivs aber nicht nur auf schriftliche Dokumente, sondern schließt alle Formen der Informationsaufzeichnung ein, also auch Karten, Fotos, Dokumentar- und Spielfilme, Tonaufzeichnungen und selbstverständlich auch genuin digitale Unterlagen.

Können Sie einige besondere Schätze nennen, die bei Ihnen lagern?

Eigentlich bin ich als Archivar nicht glücklich über die Frage nach irgendwelchen Schätzen. Sicher verwahrt das Bundesarchiv einzelne Dokumente, Fotos, Filme oder Tonaufzeichnungen, die man landläufig als Schatz bezeichnen würde, weil sie von besonderer kultureller oder historischer Bedeutung sind. Zum Beispiel verwahren wir die Mitteilung über die Souveränität der Bundesrepublik vom 5.5.1955, ein Exemplar von Schindlers Liste, Bilder von der Schlacht an den Düppeler Schanzen 1864 oder den Stummfilm Metropolis. Im Ganzen wird dieses Schatz-Paradigma einem Archiv aber nicht gerecht.

Warum?

Das einzelne Dokument gewinnt seinen vollen Wert erst durch den Kontext seiner Entstehung und seiner Wirkung. Archivgut dokumentiert nicht nur Gewordenes, es macht administrative und gesellschaftliche Prozesse und Entwicklungen nachvollziehbar. Wir erhalten zwar die Schätze, aber eben auch die dokumentarischen Kontexte, die im Archiv als Deutungszusammenhänge für jedermann sichtbar werden.

Angesichts der Wichtigkeit dieses Gesamtkontexts muss es Ihr Ziel sein, tatsächlich auch alles zugänglich zu machen. Bedeutet das die komplette Digitalisierung des Archivs?

Ja, man könnte sagen, dass sich erst in der allgemeinen und unbedingten Bereitstellung des Materials in digitalisierter Form die Bestimmung des staatlichen Archivs im demokratischen Rechtsstaat erfüllt. Bis zur Einführung des sogenannten Jedermannrechts musste man besondere Gründe angeben, um Archivgut in den Lesesälen vorgelegt zu bekommen. Durch die Onlinestellung könnte nun auch noch die Orts- und Zeitgebundenheit wegfallen. Damit käme das Bundesarchiv seinem institutionellen Zweck denkbar nahe. Dieser besteht nämlich darin, jeder Person die Möglichkeit zu geben, sich auf der Grundlage der Quellen selbst ein Bild der deutschen Geschichte und ihrer einzelnen Aspekte zu machen und so die vorgegebenen Narrative einer kritischen Überprüfung zu unterziehen.
Es läge also durchaus im Interesse des Bundesarchivs, sein gesamtes Archivgut zu digitalisieren und online verfügbar zu machen. Dabei darf es dann aber eben nicht um die einzelnen Schätze gehen, da diese ihren vollen Erkenntniswert erst im archivalischen Kontext erhalten. Da der Mikrofilm als die bislang genutzte Technik zur Sicherung wohl auf absehbare Zeit nicht mehr zur Verfügung stehen wird, ist über die möglichst vollständige Digitalisierung umso dringender nachzudenken.

Wo liegen die konkreten Probleme bei der Digitalisierung?

Ein erstes Problem liegt im schieren Umfang. Unser Archiv umfasst etwa 330.000 laufende Meter Schriftgut, mehr als 1,2 Millionen Filmrollen und über 13 Millionen Fotos. Die vollständige Digitalisierung all dieser Archivbestände würde bislang kaum kalkulierbare Kosten verursachen und unsere finanziellen wie personellen Ressourcen bei Weitem überfordern. Allerdings sehe ich keine andere Möglichkeit, als die bereits bestehenden Konzepte und Vorstellungen zum Einstieg in die Komplett-Digitalisierung zu nutzen und weiterzuentwickeln – und vor allem nicht länger zuzuwarten.

Liegt es also nur an den Kosten und den personellen Ressourcen?

Nein, ein weiteres Problem für die digitale Bereitstellung und Verwertung ergibt sich aus den Anforderungen des Datenschutzes und des Urheberrechts. Längst nicht alle digitalisierten Inhalte können der Öffentlichkeit zur freien Nutzung überlassen werden, weil dem der Schutz personenbezogener Daten entgegensteht. Uns stehen allerdings Möglichkeiten offen, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und den Anspruch der Öffentlichkeit und Wissenschaft auf Information in ein angemessenes Verhältnis zu setzen. So können etwa personenbezogene Unterlagen zu Personen der Zeitgeschichte und zu Amtsträgern zugänglich gemacht werden, solange sie nicht den unmittelbaren privaten Lebensbereich betreffen.

Und wie sieht es mit dem Urheberrecht aus?

Der ungeklärte Status eines Films oder eines Fotos führt unweigerlich dazu, dass unter Umständen der Zugang und in jedem Fall die Nutzung unterbleiben muss. Zumindest so lange, bis klar ist, dass dem keine Leistungsschutzrechte mehr entgegenstehen. Dies gilt in besonderer Weise für die sogenannten verwaisten Werke, wo jede Einzelfallprüfung ins Leere laufen muss. Leider ist es in diesen Fällen nicht möglich, die Abgeltung eventuell berechtigter Ansprüchen, die erst nach der Nutzung und Verwertung bekannt werden, auf den Nutzer zu übertragen.
Angesichts unserer begrenzten personellen Kapazitäten können wir die Rechtslage und Konditionen einer eventuellen Nutzung aber selbst dann nicht immer klären, wenn ein oder alle Rechteinhaber bekannt sind. In der Regel muss es dem Nutzer selbst überlassen werden, die notwendigen Klärungen herbeizuführen und dem Bundesarchiv die Nutzungsermächtigung beizubringen. In der Konsequenz bedeutet das, dass das Bundesarchiv beispielsweise Tausende Fotos, die wichtig für die deutsche Geschichte sind, zu Sicherungszwecken digitalisiert, diese aber nicht online verfügbar machen kann.

In der Hamburger Note, einer Erklärung, die Sie mit unterzeichnet haben, werden die rechtlichen Rahmenbedingungen der Digitalisierung beklagt. Was müsste sich denn ändern?

Die wichtigste Maßnahme aus unserer Sicht: Fotos und Filme, die als verwaiste Werke gelten und deren Rechtsstatus nicht geklärt werden kann, müssen nutzbar gemacht werden können. Und ein nachfolgendes Bekanntwerden bestehender Leistungsschutzrechte dürfte dann nicht zu unlösbaren juristischen Problemen führen. Es müsste möglich sein, dass eine Nutzung des Bundesarchivs durch eine explizite Erklärung für diesen Fall rechtsfolgenfrei bleibt. Es dürften also in diesem Fall nach der Nutzung und Verwertung keine Ansprüche geltend gemacht werden können. Es wäre auch denkbar, dass bei der Verwertung eines verwaisten Werkes ein pauschales Entgelt an eine Verwertungsgesellschaft abgeführt wird, die dann ihrerseits die Ansprüche eines eventuellen Rechteinhabers begleicht. In jedem Fall wäre dafür zu sorgen, dass das Bundesarchiv, beziehungsweise seine Mitarbeiter, ihrem Auftrag Vorrang geben können, das Material zugänglich zu machen. Und zwar bevor die jeweilige Rechtslage im Einzelfall geklärt ist – ohne dabei selbst zur Rechenschaft gezogen werden zu können.

Glauben Sie, dass die Hamburger Note etwas bewirken kann?

Es steht zu hoffen, dass die gesetzgebenden Institutionen es zur Kenntnis nehmen, wenn in der Hamburger Note die Vertreter so großer, national wie international bedeutender Gedächtnisinstitutionen ein so deutliches Votum aussprechen. Regierung und Parlament dürfen nicht einfach darüber hinweggehen, wenn so viele unterschiedliche Einrichtungen gemeinsam auf ein Problem hinweisen, das jede dieser Einrichtungen in besonderer Weise bei der Erfüllung ihres öffentlichen Auftrags behindert. Wie die anderen Unterzeichner erwarte ich daher auch, dass die Regierung und das Parlament nun das Gespräch mit uns suchen – mit der Bereitschaft zur konstruktiven Diskussion.

Kennen Sie Beispiele aus anderen Ländern für eine gelungene Digitalisierung derartiger Archive?

In der ganzen Welt haben die Archive begonnen, ihr Material zu digitalisieren und online bereitzustellen. Soweit mir bekannt ist, handelt es sich dabei aber immer um Archivgut, das weder in datenschutz- noch in verwertungsrechtlicher Hinsicht problematisch sein könnte.

Wie viel Prozent Ihrer Bestände sind denn bereits digitalisiert? Können Sie abschätzen, wie lange der Prozess noch dauern wird?

Der Digitalisierungsgrad im Bundesarchiv hängt stark davon ab, von welchen Beständen wir genau sprechen. So haben wir zwar geschätzte fünf Prozent der im Bundesarchiv verwahrten Fotos digitalisiert und zum Teil bereits online gestellt, für alle anderen Typen dürfte die Quote aber deutlich unter einem Prozent liegen. Sicherlich werden wir in den kommenden Jahren erheblich in die Digitalisierung und in den notwendigen Langzeiterhalt des Archivguts investieren. Eine Prognose darüber, wann wir auch nur zehn Prozent erreicht haben werden, will ich aber lieber nicht abgeben. Entscheidend ist, dass wir in der unmittelbaren Zukunft die notwendigen Konzepte vorlegen und für die benötigten finanziellen und personellen Ressourcen werben.

Das Interview führte Christoph Zeiher. Informationen zur Hamburger Note unter www.hamburger-note.de

Michael Hollmann

Michael Hollmann

Dr. Michael Hollmann studierte Geschichtswissenschaften und Germanistik in Mainz und promovierte dort mit einer Dissertation über „Das Mainzer Domkapitel im späten Mittelalter“. Nach verschiedenen Stationen beim Bundesarchiv leitet er seit 2011 die Behörde in Koblenz.

Foto: Foto Studio Reuther
Michael Hollmann

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