Das digitale Über-Ich der Twitter-Trolle

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Dass sich im Internet viele daneben benehmen, sehen viele Menschen als Problem. Wer sind Trolle und wieso machen die das?

Till Eulenspiegel war der Ur-Troll. Geboren um das Jahr 1300 herum in Kneitlingen südöstlich von Braunschweig, führte er seine Mitmenschen vor allem an der Nase herum, indem er ihre hyperbolisch-metaphorischen Sprüche wortwörtlich in die Tat umsetzte und ihnen Eulen und Meerkatzen statt Brötchen backte. In seinem 27. Schalk malt Eulenspiegel kein Porträt des Landgrafen von Hessen, macht ihm aber daraufhin weis, er könne das Gemälde nur deshalb nicht sehen, da er ein uneheliches Kind sei – ein „Hurensohn“. Till hält in dieser Episode einer kompletten Mikrogesellschaft den Spiegel vor und überführt sie mithilfe ihrer eigenen, tiefsitzenden Scham, aufgrund der niemand zugeben will, das nichtvorhandene Bild nicht zu sehen.

„Hurensohn“ ist eines der Lieblingsschimpfworte im sogenannten Trolltwitter, ein Phänomen, das im Sommer 2016 der breiteren Netzöffentlichkeit bekannt wurde, nachdem ein Posting auf Medium.com auf „die schlimmste Hasscommunity im Netz“ hinwies. Laut diesem Posting handelt es sich bei diesen Trollen um eine Community, die sich aus Youtubern, die schon seit Jahren einen User namens „Drachenlord“ stalken und mobben, und Usern aus dem Hip-Hop-Forum Rap-Update.de zusammensetzt. Gemeinsam mit vereinzelten Mit-Trollen bilden sie das von ihren Opfern sogenannte „Sifftwitter“.

Die Accounts zeichnen sich durch gemeinsame Sprachcodes aus („mett sein“, „Almans“, „Statement MEME Pointe“), durch politische Provokationen, die sich richtungspolitisch nicht festlegen lassen, sowie einen überschaubaren Kreis gemeinsamer Angriffsziele – das sind eine Reihe von Twitter-Accounts, bestehend aus Online-Journalisten, Aktivisten, Feministinnen und Youtubern. Die Opfer der Trolle haben oberflächlich betrachtet nur wenige Gemeinsamkeiten, abgesehen von ihrer Rolle in der Netzöffentlichkeit – sie alle bewegen sich mindestens halbprominent im deutschen Netz. Die Opfer der Trolle setzen sich vor allem aus der „Netz-Mitte“ des deutschen Internets zusammen. Schaut man genauer hin, findet man nur sehr wenige „normale“ Netz-User, sondern überproportional anteilig politische Aktivisten, die sich gegen die Diskriminierung von Minderheiten engagieren.

Fragt man die Trolle selbst, erklären sie diese Häufung so:

„Gerne getrollt wird […] Doppelmoral und allzu arrogante Selbstdarstellung. Auffällig oft sehen sich die Getrollten selbst als Fürsprecher in irgendeiner Sache, als Opinionleader, als Vordenker. […] Onlineredakteure brüsten sich damit, wie sie das Internet in der Hand haben oder wie sie als Dozent auftreten, eine Transrechtaktivistin bekräftigt, dass ihr hoher IQ das Hauptproblem mit der Kommunikation weniger intelligenter Geschöpfe ist, eine Ikone der Behindertenbewegung wird nicht müde, von Heldentaten zu berichten. Muster zeichnen sich hier ab.

Diese Getrollten eint nach meiner Einschätzung hier gestörtes Selbstbild, der Mangel an Selbstreflektion, welcher dann auch deutlich empfänglicher für Trigger macht. Das eigene Weltbild in der Echokammer darf eben nicht gestört werden.“

Dass die Trolle selbst dem gleichen Mechanismus unterliegen, ihr Selbstbild überhöhen, indem sie genau wie jeder andere auch ihr digitales Über-Ich im Netz konstruieren, auf die Idee kommen sie nicht. Das Netz als psychosozialer Baukasten für digital idealisierte Identität gilt genauso für den Troll wie für sein Opfer.

Die Trolle sehen sich in der Rolle der anonymen Rächer des Anything-Goes-Webs, als Vertreter einer unbedingt egalitären, zensurfreien und damit auch störbaren Kommunikation unter allen, in der alle adressierbar veröffentlichen und sich damit angreifbar machen, inklusive ihrer selbst.

Tatsächlich handelt es sich bei Social Media nicht einfach nur um öffentliche Rede. Es handelt sich bei Social Media um Veröffentlichungen und diese müssen immer öffentlich kritisier- und angreifbar sein. Die Etablierung von Safe Spaces durch Blocklisten ist verständlich – sie sind vor allem Schutzmaßnahmen vor Flutungen des Accounts durch massenhaften Spott und Hohn –, sie steht dem Veröffentlichungscharakter von Social Media allerdings diametral gegenüber. Ein Dilemma aus der Fusion von Publikation und Kommunikation.

Dass Trolle in ihrem Selbstbild als Chaosreiter des anonymen Netzes dabei selbstgebaute und rudimentäre Überwachungstools in Form von selbstgebastelten Twitterbots einsetzen, die jede Äußerung ihrer (potenziellen) Opfer in Screenshots festhalten, so dass sie das Ziel ihres Spott wie im Supermarkt nur noch auswählen beziehungsweise anklicken müssen, ist eine der vielen Ironien im Selbstbild des Trolls. Selbstverständlich sind sie skrupellos genug, um ihre Opfer anhand einfacher Schnappschüsse vom Balkon zu doxxen (das heißt, ihre Privatadresse zu veröffentlichen): „Ich lass einfach mal diesen Screenshot von Googlemaps da, den ich mit Schnappschüssen von seinen/ihren Facebook-Fotos abgeglichen habe, is ja wurscht, der/die wohnt da ja nur, ich hab nix gemacht, tüdeldü.“

Die Trolle sind in dieser Lesart nichts weiter als kleinbürgerliche Lästermäuler, die jede noch so nebensächliche Äußerung ihrer Ziele herablassend kommentieren und ihre Neospießigkeit im Verrat offenbaren, etwa wenn sie – total ironisch natürlich – eine feministische Youtuberin wegen ein paar Krümeln Dope bei der Polizei anschwärzen. Das unterscheidet sie dann auch von den Punks, mit denen man sie so gerne vergleicht.

Die Punks haben ebenfalls Hakenkreuze auf Shirts und Fanzines gedruckt, sich die Gesichter blutig geschnitten und dem Establishment dabei mit weit aufgerissenen Augen ins Gesicht geschrien. Doch war die Provokation damals immer offensichtlich, die Ironie nie gebrochen, der Humor des Punk offenbarte sich bereits auf der Oberfläche und in seiner Lust an Selbstverstümmelung, die die Gewalt der Gesellschaft spiegelte. Hier versagt der Troll.

Die Provokation der Trolle ist als solche oft nicht zu erkennen, die Anonymität des Netzes, in der ein ironisches Troll-Hakenkreuz neben dem ernst gemeinten „Heil“ des Nazis steht, macht die Zuordnung unmöglich. Ironie im Netz funktioniert (wie auf der Straße auch) innerhalb geschlossener Gruppen miteinander bekannter Menschen, nie aber in der gleichmacherischen Weite von Social Media. In dem Moment, als die Trolle ihre Foren verließen, nicht mehr in ihren geschlossenen Räumen mit ganz viel WinkWinkNudgeNudge kommunizierten und publizistisch tätig wurden, unterwarfen sie sich den gleichen Regeln wie alle anderen auch. Diese Lektion wird der Troll noch lernen müssen.

Denn zu häufig sind ihre Aktionen tatsächlich ganz banal gemein und im schlimmsten Fall – bei massenhaften, gezielten Aktionen – eine Hetzjagd auf einzelne User, die sich nur noch in Blocklisten flüchten können. Deren letzte Ausflucht bleibt, wenn sie auch die Lästereien hinter den Blocks nicht ertragen können, wohlwissend, dass sie da sind, der Abschied von der Plattform. „Delete Your Account.“

Die Auswahl ihrer Opfer mag noch so egalitär sein, an dieser Stelle unterscheidet die Trolle nichts vom herkömmlichen Mobber. Auch die können ihre Sticheleien hervorragend rationalisieren und Mobber sind tatsächlich (ich weiß das) auch nur Menschen.

Die defensiven Argumente der Trolle, die sich hinter „Satire! Satire!“-Ausrufen verstecken, verkennen, dass Satire nach oben tritt und vor allem die Herzöge und Könige und auch den Papst verarscht – nicht die virtuellen Nachbarn, die ihr digitales Ego ein bisschen zu bunt anmalen und ein wenig zu aufgeblasen durch die Gegend publizieren.

Ich erinnere mich jedes Mal, wenn ich die Haltung der Trolle verstehen will und ihre Aktionen dabei allzu sehr in Schutz nehme, an diese Zeile aus der Declaration of Cyberspace von John Barry Barlow: „Wir erschaffen eine Welt, in der jeder Einzelne an jedem Ort seine oder ihre Überzeugungen ausdrücken darf, wie individuell sie auch sind, ohne Angst davor, im Schweigen der Konformität aufgehen zu müssen. […] Das einzige Gesetz, das alle unsere entstehenden Kulturen grundsätzlich anerkennen werden, ist die Goldene Regel. ‚Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.‘ “

Auch die Sifftrolle werden sich einer Erneuerung im Sinne der Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace unterziehen müssen, damit sie wieder respektable Eugenspiegels abgeben können vong Ehre her.

René Walter

René Walter

Seit über 10 Jahren dokumentiert René Walter auf seinem Blog Nerdcore Ausprägungen der Netz- und Subkulturen im Internet und schreibt über sozialpsychologische Auswirkungen der Vernetzung auf neue Medien und wie Memetik das digitale Zusammenleben formt. Er ist 42 Jahre alt und lebt in Berlin.

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René Walter

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