Das freie Netz stirbt! Warum tut niemand was dagegen?

Foto: hapal. Fly out of history / CC BY-ND 2.0

Das Internet ist zum Fernsehen mutiert: linear, passiv und harmlos. Die einstige Stärke des Webs ist verschwunden – und seine Ernsthaftigkeit auch. Ein Bericht darüber, wie es sich anfühlt, nach sechs Jahren wieder online zu sein.

Vor sieben Monaten saß ich an meinem kleinen Küchentisch meines gemütlichen 60er-Jahre-Apartments im Dachgeschoss eines Gebäudes in einem lebendigen zentralen Wohnviertel von Teheran – und ich tat etwas, was ich schon tausend Mal vorher getan hatte: Ich öffnete meinen Laptop und schrieb in mein neues Blog. Doch es war das erste Mal seit sechs Jahren – und es hat mir fast das Herz gebrochen. Ein paar Wochen vorher war ich plötzlich begnadigt und aus dem Evin-Gefängnis in Nord-Teheran freigelassen worden. Ich hatte erwartet, den Großteil meines Lebens in einer Zelle zu verbringen – im November 2008 war ich zu fast 20 Jahren Haft verurteilt worden, vor allem für Dinge, die ich in mein Blog geschrieben hatte. Der Moment, in dem das passierte, kam unerwartet. Ich hatte mit einem meiner besten Freunde in der Küche eine Zigarette geraucht und war zurück in meine Zelle gekommen, die ich mit einem Dutzend anderer Männer teilte. Wir tranken gerade eine Tasse Tee, als die Stimme des Gefangenen, der die Durchsagen machte, alle Räume und Korridore erfüllte. Mit seiner tonlosen Stimme sagte er auf persisch: „Liebe Mitinsassen, ein Vöglein hat mir gerade die frohe Botschaft überbracht: Mr. Hossein Derakhshan, ab diesem Moment bist du frei.“ […] Zwei Wochen später fing ich wieder mit dem Schreiben an. Einige Freunde waren damit einverstanden, dass ich einen Blog als Teil ihres Kunstmagazins aufmachte. Ich nannte ihn Ketabkhan – auf Persisch heißt das Buchleser. Sechs Jahre im Gefängnis waren eine lange Zeit, aber online ist das eine Ära. Das Schreiben im Internet selbst hatte sich nicht verändert, aber das Lesen hatte sich dramatisch verändert. Mir wurde erklärt, wie essenziell soziale Netzwerke geworden waren, während ich weg war, und daher wusste ich eins: Wenn ich Menschen dazu bringen wollte, meine Texte zu sehen, musste ich jetzt soziale Medien nutzen. Also versuchte ich einen Link zu einer meiner Storys auf Facebook zu posten. Es stellte sich heraus, dass Facebook sich nicht sonderlich dafür interessierte. Am Ende sah es aus wie eine langweilige Kleinanzeige: keine Beschreibung, kein Bild, nichts. Ich bekam drei Likes. Drei! Das war‘s. Mir wurde klar, sehr schnell, dass die Dinge sich geändert hatten. Ich war nicht darauf vorbereitet, in diesem neuen Revier zu spielen – all meine Investitionen und Erfolge waren verbrannt. Ich war am Boden zerstört. […]

Die Bandbreite dessen, was in diesen Tagen angeboten wurde, erstaunte uns alle

Es begann alles mit 9/11. Ich war in Toronto und mein Vater war gerade aus Teheran zu Besuch gekommen. Wir frühstückten, als das zweite Flugzeug das World Trade Center traf. Ich war erschrocken und verwirrt und auf der Suche nach Hintergründen und Erklärungen stolperte ich über Blogs. Sobald ich ein paar gelesen hatte, dachte ich: Das ist es, ich sollte eins aufmachen und alle anderen Iraner dazu ermutigen, auch zu bloggen. Also startete ich mithilfe von Notepad auf Windows mit dem Experimentieren. Schnell kam ich zum Schreiben auf hoder.com, benutzte die Publikationsplattform von Blogger, bevor Google sie kaufte.

Dann, am 5. November 2001, veröffentlichte ich eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, wie man einen Blog startet. Das löste etwas aus, das später Blogger-Revolution genannt wurde. Schnell schafften Hunderte und Tausende von Iranern es unter die Top-5-Nationen bei der Anzahl von Blogs – und ich war stolz, in dieser beispiellosen Demokratisierung des Schreibens eine Rolle zu spielen.
Zu der Zeit hatte ich eine Liste aller persischen Blogs und für eine Weile war ich die erste Person, die ein neuer Blogger im Iran kontaktierte, um auf diese Liste zu kommen. Darum nannten sie mich in meinen Mittzwanzigern den „Blogfather“ – ein alberner Spitzname, aber zumindest verriet er, wie viel mir das Ganze bedeutete. […]

Fast jedes soziale Netzwerk behandelt einen Link heute wie jedes andere Objekt

Der Hyperlink war vor sechs Jahren meine Währung. Begründet auf dem Konzept des Hypertexts bot der Hyperlink eine Vielfalt und Dezentralisierung, die in der wirklichen Welt fehlt. Der Hyperlink steht für den offenen, verbundenen Geist des World Wide Web – eine Vision, die mit seinem Erfinder begann: Tim Berners-Lee. Der Hyperlink war ein Weg, um die Zentralisierung zu überwinden – all die Anbindungen, Grenzen und Hierarchien – und sie mit etwas Verteilterem zu ersetzen, einem System aus Knoten und Netzwerken.

Blogs boten die Form für diesen Geist der Dezentralisierung. Sie waren Fenster zum Leben, von denen man kaum etwas wusste; Brücken, die unterschiedliche Leben miteinander verbanden und sie dadurch veränderten. Blogs waren Cafés, in denen Menschen unterschiedlichste Ideen austauschten zu jedem Thema, das einen womöglich interessieren könnte. Sie waren Teherans Taxis in Reinkultur. Doch seit ich aus dem Gefängnis entlassen wurde, habe ich gemerkt, wie sehr der Hyperlink abgewertet, fast obsolet gemacht worden ist. Fast jedes soziale Netzwerk behandelt einen Link heute genauso wie jedes andere Objekt – wie ein Foto, ein Stück Text –, anstatt ihn als etwas zu sehen, das einen Text wertvoller macht. Du wirst ermutigt, einen einzelnen Hyperlink zu posten und ihn dem pseudodemokratischen Prozess des Likens, Plusens und Herzens auszusetzen. Mehrere Links zu einem Text hinzuzufügen, ist normalerweise nicht erlaubt. Hyperlinks werden objektiviert, isoliert, ihrer Stärke beraubt. […] Schon bevor ich ins Gefängnis ging, war die Macht von Hyperlinks geschwächt. Ihr größter Feind war eine Philosophie, die aus zwei der dominantesten und überschätztesten Werte unserer Zeit bestand: Neuheit und Popularität, widergespiegelt von der Dominanz der jungen Celebritys in der echten Welt. Diese Philosophie ist der Stream.

Der Stream dominiert heute die Art, wie Leute Informationen im Web bekommen. Immer weniger Nutzer checken direkt bestimmte Webseiten, stattdessen werden sie gefüttert von einem niemals abreißenden Strom an Informationen, der für sie von komplexen – und geheimen – Algorithmen ausgesucht wird. […] Heute ist der Stream die vorherrschende Form organisierter Information in den digitalen Medien. Es gibt ihn in jedem sozialen Netzwerk und in jeder mobilen App. Seit ich meine Freiheit wiedergewonnen habe, erblicke ich überall, wo ich hinsehe, einen Stream. Ich denke, es wird nicht mehr lange dauern, bis wir News-Webseiten sehen, die ihren gesamten Content nach den gleichen Prinzipien organisieren. Die heutige Bedeutung des Streams verzerrt nicht nur enorme Teile des Internets im Hinblick auf Qualität – sie bedeutet auch einen tiefen Verrat an der Vielfalt, die das World Wide Web ursprünglich vorgesehen hatte.

Früher war das Web mächtig genug, mich ins Gefängnis zu bringen. Heute fühlt es sich an wie Entertainment

Es steht für mich außer Frage, dass die Vielfalt von Themen und Meinungen online heute geringer ist, als sie es in der Vergangenheit war. Neue, andere und herausfordernde Ideen werden unterdrückt von den heutigen sozialen Netzwerken, weil ihre Ranking-Strategien das Populäre und Gewohnte priorisieren. (Kein Wunder, dass Apple Redakteure aus Fleisch und Blut einstellt für seine News-App.) Aber Vielfalt wird auf anderen Wegen reduziert – und zu anderen Zwecken. Manches davon ist sichtbar. Ja, es stimmt, dass alle meine Posts auf Twitter und Facebook so ähnlich aussehen wie ein persönliches Blog. Sie sind alle in umgekehrt chronologischer Reihenfolge gesammelt, auf einer speziellen Webseite, mit direkten Web-Adressen zu jedem Post. Aber ich habe sehr wenig Kontrolle darüber, wie es aussieht, ich kann nicht viel anpassen. Meine Seite muss einem uniformen Look folgen, den die Designer des sozialen Netzwerks für mich festgelegt haben. Die Zentralisierung der Information bereitet mir Sorgen. Sie macht uns alle weniger mächtig in Bezug auf Regierungen und Unternehmen. Die Überwachung wird zunehmend auf das zivile Leben übertragen, und sie wird mit der Zeit immer schlimmer. Der einzige Weg, diesem enormen Überwachungsapparat zu entkommen, ist, sich in einer Höhle zu verkriechen und zu schlafen. Damit zu leben, überwacht zu werden, ist etwas, an das wir uns alle gewöhnen müssen, und traurigerweise hat das nichts zu tun mit dem Land, in dem wir uns aufhalten. Ironischerweise wissen Staaten, die mit Facebook und Twitter kooperieren, viel mehr über ihre Einwohner als Länder wie der Iran, bei denen der Staat eine starke Kontrolle über das Internet ausübt, aber keinen legalen Zugang zu Social-Media-Konzernen hat. Viel beängstigender als nur überwacht zu werden, ist es jedoch, kontrolliert zu werden. Wenn Facebook uns mit nur 150 Likes besser kennt als unsere Eltern und mit 300 Likes besser als unsere Ehepartner, erscheint die Welt ziemlich berechenbar, für Regierungen wie für Unternehmen. Und Berechenbarkeit heißt Kontrolle. […]

Es fühlt sich so an, als wenn alte kulturelle Grabenkämpfe neu aufleben

Es gibt immer weniger Text zu lesen auf sozialen Netzwerken und immer mehr Videos und Bilder zum Anschauen. Erleben wir einen Rückgang des Lesens im Web zugunsten von Gucken und Hören? Ist das ein Trend, der von den sich verändernden kulturellen Angewohnheiten vorangetrieben wird? Oder ist es so, dass Leute den neuen Gesetzen der sozialen Netzwerke folgen? Ich weiß es nicht, das müssen die Marktforscher rausfinden. Aber es fühlt sich so an, als wenn alte kulturelle Grabenkämpfe neu aufleben. Immerhin hat das Web viele Jahre lang Bücher imitiert, es war stark von Text dominiert, von Hypertext. Suchmaschinen legten viel Wert auf diese Dinge, ganze Unternehmen – ganze Monopole – wurden auf ihrem Rücken gebaut. Aber mit dem exponentiellen Wachstum von Bild-Scannern, digitalen Fotos und Videokameras scheint sich das zu verändern. Suchmaschinen beginnen, fortgeschrittene Bilderkennungsalgorithmen zu nutzen, das Werbegeld strömt dorthin. Aber der Stream, mobile Apps und bewegte Bilder: Sie alle zeigen einen Weg weg von einem Buch-Internet hin zu einem Fernseh-Internet. Wir scheinen von einem nicht-linearen Modus der Kommunikation – Knoten, Netzwerke und Links – hin zu einem linearen gekommen zu sein, mit Zentralisierung und Hierarchien. Das Web war nicht als eine Form von Fernsehen gedacht, als es erfunden wurde. Aber ob man es mag oder nicht, gleicht es sich rasant dem TV an: linear, passiv, geplant und nach innen gerichtet. Wenn ich mich auf Facebook einlogge, beginnt mein persönliches Fernsehen. Alles, was ich tun muss, ist scrollen: neue Profilfotos von Freunden, kurze Meinungshäppchen zu aktuellen Angelegenheiten, Links zu neuen Storys mit kurzen Schlagzeilen, Werbung und natürlich automatisch sich abspielende Videos. Ich klicke gelegentlich den Like- oder Share-Button, lese die Kommentare der Leute oder hinterlasse einen – oder ich öffne einen Artikel. Aber ich bleibe bei Facebook, und das Netzwerk macht damit weiter zu verbreiten, was ich eventuell mag. Das ist nicht das Web, das ich kannte, als ich ins Gefängnis ging. Das ist nicht die Zukunft des Webs. Die Zukunft ist Fernsehen.

Das ist das Web, das wir erhalten müssen

Manchmal denke ich, dass ich mit dem Alter vielleicht zu streng werde. Vielleicht ist das alles eine natürliche Evolution von Technologie. Aber ich kann meine Augen nicht verschließen vor dem, was passiert. Ein Verlust von intellektueller Macht und Vielfalt und ein Verlust des großen Potenzials, das es für unsere schwierigen Zeiten bieten könnte. Früher war das Web mächtig und ernsthaft genug, mich ins Gefängnis zu bringen. Heute fühlt es sich mehr an wie Entertainment. So sehr, dass selbst der Iran einiges – Instagram zum Beispiel – nicht ernst genug nimmt, um es zu blockieren. Ich vermisse es, dass Leute mit verschiedenen Meinungen konfrontiert werden und sich die Mühe machen, mehr als einen Absatz oder 140 Zeichen zu lesen. Ich vermisse die Tage, als ich etwas in meinen eigenen Blog schreiben, auf meiner eigenen Domain veröffentlichen konnte, ohne dass ich mir noch mal die gleiche Zeit nehmen musste, es auf zahlreichen sozialen Netzwerken anzukündigen, die Zeit, als sich niemand um Likes und Shares scherte.

Das ist das Web, an das ich mich vor meinem Gefängnisaufenthalt erinnere. Das ist das Web, das wir erhalten müssen.

Dieser Text unterliegt nicht der im Impressum beschriebenen CC-Lizenz. Er ist eine gekürzte Version eines Artikels, der zuerst auf Medium.com erschienen ist. Veröffentlichung mit freundlicher Erlaubnis des Autors. Aus dem Englischen von Anja Braun.

Hossein Derakhshan

Hossein Derakhshan

Hossein Derakhshan ist ein kanadisch-iranischer Blogger und politischer Aktivist. Er gilt als der Vater der iranischen Blogger- und Podcastbewegung. Er wurde 2008 von der iranischen Regierung aus politischen Motiven verhaftet und war bis zum 19. November 2014 im Evin-Gefängnis in Teheran inhaftiert.

Foto: Arash Ashourinia
Hossein Derakhshan

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