Das Patriarchat beobachtet uns

Foto: Thomas K. / Photocase

Ende der 1990er Jahre bedeutete das Internet für viele Mädchen und Frauen Freiheit – vor den Erwartungen und Vorschriften, wie man als Frau zu sein hat. Diese Hoffnung ist geplatzt. Die britische Journalistin Laurie Penny hat mit ihrem Buch „Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution“ ihren Finger in die Wunde gelegt.

1998. Ich bin zwölf Jahre alt und treibe mich seit Neustem in einem Chat-Forum herum. Hier wird einem bereitwillig der vierzig Jahre alte Geschichtslehrer namens George abgenommen, während die andere Hälfte der Internetgemeinde so tut, als wäre sie ein dreizehnjähriges Schulmädchen von der englischen Südküste. Inmitten der wachsenden moralischen Panik um Pädophile und Teenyschlampen, die einander in den trüben, unüberwachten Sümpfen von Myspace auflauern, verspüre ich so etwas wie Freiheit. Hier ist mein Körper mit seinem Gewicht und seinen Ängsten, dem Blut, dem Fett und den peinlichen Pickeln nicht wichtig; nur meine Worte sind wichtig. Ich will nicht einfach nur ein Mädchen sein, denn ich weiß aus Erfahrung, dass Mädchen nicht verstanden werden. Ich will, wie die Webtheoretikerin Donna Haraway es nannte, ein Cyborg sein: „Cyborgs sind kybernetische Organismen, Hybride aus Maschine und Organismus, ebenso Geschöpfe der gesellschaftlichen Wirklichkeit wie der Fiktion. […] Im späten 20. Jahrhundert, in unserer Zeit, einer mythischen Zeit, haben wir uns alle in Chimären, theoretisierte und fabrizierte Hybride aus Maschine und Organismus verwandelt … [Ich wäre] lieber ein Cyborg als eine Göttin.“

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts begannen mir Titten zu wachsen, und das biopolitische Chaos der nahenden Adoleszenz machte mir schwer zu schaffen. Das Internet trat so früh in mein Leben, dass es für mich das Coolste war, was ich kannte, aber auch so spät, dass ich Geocities kannte, ehe es zur heulenden Wüste wurde, in der unablässig Tumbleweed und Pixel durch die Luft wirbeln. Für mich war es damals ein Raum, in dem der ganze Scheiß – Jungs, Kleidervorschriften, Schikane, die Blicke, die mir erwachsene Kerle neuerdings zuwarfen – keine Rolle spielte. Es war ein Raum, in dem ich mein „echtes“ Selbst ausleben konnte anstelle des Zerrbildes, das mir die Mädchenwelt aufzwang, mit ihrem gefräßigen Schlund, der drauf und dran war, mich zu verschlingen. Nachdem sich unser Alltag jedoch ins Netz verlagert hatte, stellte es sich heraus, dass es im Internet eben doch eine Rolle spielte, ob man Junge oder Mädchen war. Eine große sogar.

In dem riesigen 4chan-Forum – ein gigantischer, anarchischer anonymer Web-Spielplatz, der vorwiegend, aber nicht ausschließlich von zornigen jungen Männern bevölkert war und aus dem das Aktivistennetzwerk Anonymous ebenso hervorging wie viele der bescheuerten Katzen-Videos, die Kolleginnen am Arbeitsplatz austauschen – erklärten die Nutzer schon früh, im Internet gebe es keine Mädchen. Die Vorstellung klang für viele von uns nach süßer Freiheit – dabei war es eine Drohung.

„In den güldenen Zeiten von 1987 wurde darüber schwadroniert, dass wir die Geschlechter wechseln, wie wir Unterwäsche wechseln“, sagte Clay Shirky, Medientheoretiker und Autor des Buches Here Comes Everybody, doch „man ging dabei davon aus, dass jeder glücklich damit wäre, als jemand durchzugehen, der ist wie ich – weiß, heterosexuell, männlich, gutbürgerlich und zumindest kulturell christlich geprägt.“ Clay bezeichnet das als „Gender-Kammer“, „wenn Leute wie ich Leuten wie dir sagen: ‚Wenn du willst, wirst du behandelt wie jede normale Person und nicht wie eine Frau, solange wir nicht wissen, dass du eine Frau bist.’“

Es stellte sich heraus, dass das Internet doch nicht für alle da war. Noch nicht. Es war für Jungs da, und wer keiner war, musste so tun als ob, sonst bekam man eins auf die Mütze. „Ich habe kein Problem mit Leuten, die für sich entscheiden, dass sie sich im Internet nicht als weiblich zu erkennen geben, wie ich auch kein Problem habe mit Leuten, die lieber keinen kurzen Rock tragen, weil ihnen nicht wohl dabei ist, aber das sollte einem niemand vorschreiben, weil man andernfalls eben selbst schuld wäre“, so die Journalistin Helen Lewis, die als eine der ersten in der Mainstream-Presse die Stimme gegen Frauenfeindlichkeit im Netz erhob. Das heißt nach Lewis so viel wie: „Duck dich lieber, damit die Arschlöcher jemand anders fertigmachen.“

Ich bin siebzehn und darf nicht ins Internet und komme mir deshalb vor wie geknebelt und gefesselt. In den neun Monaten, die ich auf der Frauenstation für psychische Freaks verbrachte, galt das Internet als schlechter Einfluss, wahrscheinlich der schlechteste Einfluss auf Mädchen, die gesunde, gesittete junge Frauen werden wollten: überall Porno und Schund, und dann noch die gefährlichen Fotos von Magermodels auf den „Pro-Ana“-Websites, auf denen sich die Mädchen gegenseitig anstachelten, sich zum Skelett herunterzuhungern, ehe sie in der Klinik landeten.

Das Internet war schlecht für uns. Es konnte nur schlecht für uns sein. Dasselbe galt für Bücher und Zeitschriften. Fernsehen und Modekataloge waren dagegen erlaubt. Wir mussten „gezügelt“ werden. Dieses Wort wurde wirklich verwendet: „gezügelt“. Genau dieser Denke hatte ich über meine Krankheit entkommen wollen. Aber da ich ein Zertifikat brauchte, das mich für gesund erklärte, damit ich die schreckliche Klinik verlassen und mein Leben weiterleben konnte, tat ich, was verzweifelte Mädchen immer tun, um zu überleben, wenn der Körper gezügelt wird: Ich schrieb. […]
Ich schrieb, um zu überleben, aber ich entwickelte mich auch zur Online-Autorin, genau wie Millionen anderer Frauen in der Welt. Und ich lernte nicht nur zu schreiben, sondern auch zu sprechen und zuzuhören, meine Erfahrungen zu reflektieren und meine Stimme zu erheben. Ich bezog meine Bildung aus dem Netz. Ich wurde im Netz erwachsen. Und in Blogs und Online-Journalen, später auch auf den Seiten der digitalen Zeitschriften entdeckte ich, dass ich nicht das einzige angefressene Mädchen auf weiter Flur war. Das Internet machte Frauenfeindlichkeit und sexuelle Schikanen zum Alltag, aber zuerst machte es etwas anderes: Es gab Frauen, Mädchen und Queers einen Raum, in dem sie ohne Grenzen, über Grenzen hinweg kommunizieren, Geschichten erzählen und ihre Realität verändern konnten.

Dass so viele Frauen so viel Zeit damit verbrachten, sich im Netz auszutauschen, ohne Aufsicht oder Überwachung, war für das feministische Revival Mitte der 2000er Jahre mitverantwortlich. Viele von uns, die ihren Zorn im stillen Kämmerlein gepflegt hatten, merkten, dass sie nicht allein waren: dass es viele Tausende andere gab, überall in der Welt, die spürten, dass noch Arbeit vor ihnen lag. Junge Frauen. Farbige Frauen. Ältere Frauen. Schräge Frauen. Queere Frauen. Mütter. Transgender jeder Couleur. Dass wir in einem so schwach überwachten Raum ohne Angst vor Strafe Beziehungen knüpfen, Meinungen äußern und Informationen austauschen können, während in der Mainstream-Kultur Frauen, die sich öffentlich äußern, ohne explizit als Opfer aufzutreten, nach wie vor abgestraft werden, trägt auch weiterhin zur Selbstermächtigung bei. Das Netz wurde zu einem Universum der unendlichen Möglichkeiten, die zu schaffen oder zu beeinflussen Frauen sonst häufig verwehrt ist. Wir öffnen den Browser und gelangen in einen faszinierenden Raum für den Informationsaustausch, für Kreativität und alberne Filmclips. Allerdings wissen Frauen und Mädchen, dass sie sich in diesem Raum, wenn sie sich mit Haut und Haaren einbringen, der Gefahr der Gewalt und der sexuellen Übergriffe genauso aussetzen wie offline auch. Das Internet ist kein Monolith. Es gibt mehr als ein Internet; manche haben neue Gespräche und Gruppen ermöglicht, die das Bewusstsein für Frauenemanzipation und Geschlechterfragen fördern, und es ist noch viel zu tun. Aber es gibt auch eine schöne neue Welt, die der grausamen alten Welt furchtbar ähnlich ist. Das muss nicht so sein. Frauen, Mädchen und alle anderen, die wollen, dass die menschliche Gesellschaft der Zukunft Frauen und Mädchen als aktiv Handelnde einschließt, haben sich verschworen, das Internet zurückzuerobern. […]

Die patriarchale Überwachung gehörte schon jahrhundertelang zum Alltag von Frauen und Mädchen, ehe der Computer an jedem Arbeitsplatz, die Kamera in jedem Handy sie noch vereinfachte. Die emotionale Logik der Überwachung durch Staat und Unternehmen ist wohlbekannt: Die Polizei, unser Arbeitgeber, sogar unsere Eltern lesen zwar, so sie einen Internetzugang haben, nur jeden tausendsten Tweet oder Facebook-Post, sie werten vielleicht nur jede hundertste Überwachungskamera von den Zehntausenden, die in jeder größeren Stadt in-stalliert sind, aus, aber wir müssen uns stets so verhalten, als würden wir beobachtet, und uns entsprechend am Riemen reißen.

Das Internet ist natürlich nur „öffentlicher Raum“ in dem Sinne, wie eine Bar, ein Gehweg oder ein Einkaufszentrum öffentlicher Raum sind: Ein reicher, mysteriöser Mensch besitzt diesen Raum und kann uns hinauswerfen, wenn ihm nicht gefällt, was wir dort machen. Dass wir uns der Überwachung bewusst sind, hat Einfluss darauf, wie wir uns verhalten, wie wir leben und lieben, wie wir uns die Schuhe binden und frühstücken, was wir in der Öffentlichkeit sagen, was wir in der U-Bahn lesen.

Die Ersten, denen das auffiel, waren Männer und Jungs, die nicht in dem Bewusstsein aufgewachsen waren, ständig beobachtet zu werden; sie waren entsetzt, wie Spionagesoftware, private und staatliche Überwachungstechnik, Datensammlung und Kameras um sich greifen und dass modernste Polizeikameras das Gesicht eines Menschen, der auf der Straße ein Plakat in die Luft hält, automatisch an eine Datenbank senden. In Nordamerika ist es so gut wie überall verboten, maskiert oder verschleiert auf die Straße zu gehen. Aber das ist ja nichts Neues, zumindest nicht für Frauen.

„Offenbar brauchte es erst die Vormacht der Videoüberwachung“, schreibt die Journalistin Madeline Ashby, „dass manche Männer die Intensität der Beobachtung spürten, unter der Frauen seit jeher stehen. … Es brauchte Facebook. Es brauchte Geotargeting. Der Geist des Performativen, der sich heute mit dem Bürgersein verbindet? Das Gefühl, dass einem jemand über die Schulter sieht, alles beobachtet, was man tut, sagt, denkt und entscheidet? Der Eindruck, dass man beobachtet wird? Das sind keine neuen Facetten des Lebens im 21. Jahrhundert. Für Mädchen fühlt es sich schon immer so an.“

Dieser Text untersteht nicht der im Impressum beschriebenen CC-Lizenz. Abdruck mit freundlicher Erlaubnis des Verlages. Aus dem Englischen übersetzt von Anne Emmert. Alle Rechte bei Edition Nautilus.

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Laurie Penny: Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution
Aus dem Englischen von Anne Emmert.
Editionen Nautilus, Hamburg 2015.
Taschenbuch 16,90 Euro,
E-Book 14,99 Euro.

Laurie Penny

Laurie Penny

Laurie Penny ist die wichtigste Stimme des jungen Feminismus in Großbritannien und Deutschland. Sie schreibt regelmäßig für den New Statesman und für New Inquiry sowie auf Twitter, wo sie inzwischen über 100.000 Follower hat.

Foto: Jon Cartwright
Laurie Penny

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