Wikimedia-Vorstand Pavel Richter: „Den Kontrollverlust als etwas Positives begreifen“

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Medien wie Spiegel Online sollten dem Beispiel der Wikipedia folgen und die freie Bearbeitung ihrer Texte erlauben, meint Pavel Richter. Im Interview wirbt der Wikimedia-Vorstand dafür, den digitalen Umbruch und den Kontrollverlust im Netz als etwas Positives zu erleben. Derweil werde die Wikipedia erwachsen.

Als die Wikipedia 2001 gegründet wurde, herrschte viel Begeisterung für die neuen Möglichkeiten des Internets. Heute scheinen kommerzielle Fragen, juristische Scharmützel und Verlustängste die Debatte rund um das Netz zu dominieren. Erleben Sie das auch so?

Pavel Richter: Ich erlebe es ähnlich. Das Internet ist erwachsener geworden. Die Vorhersagen von vor zehn Jahren, wonach das Internet alles gravierend ändern wird, treten ein. Das Internet wälzt tatsächlich alles um. Und Umwälzungen sind immer auch schmerzhafte Prozesse, da stehen Existenzen und Arbeitsplätze zur Disposition. Doch mir ist die Deutung des Umbruchs wichtig. Das Internet ist ein Instrument des großen Kontrollverlustes. Wir alle haben viel Kontrolle verloren. Gleichzeitig gewinnen wir viel. Die Meinungs- und Pressevielfalt hat zu- und nicht abgenommen. Die Kultur ist nicht schlechter geworden, nur weil die alten kommerziellen Modelle nicht mehr tragen. Wir haben immer noch großartige Musik und großartige Filme. Den Kontrollverlust als etwas Positives zu begreifen, wäre der nächste Schritt für uns alle.

Neue Freiheiten, neue Möglichkeiten

In manchen Debatten zur Netzpolitik könnte man den Eindruck gewinnen: Den Avantgardisten der Netzgemeinde fehlt das Verständnis für die Verlustängste ganzer Branchen. Müsste es in der Netzdebatte mehr Empathie geben?

Ich kenne es von mir selbst. Ich sitze auf einem Podium neben dem Vertreter eines traditionellen Verlags und sage: Als das Automobil eingeführt wurde, gingen die Droschkenbesitzer pleite. Das ist zwar nicht falsch, aber natürlich muss auch ich nachvollziehen, dass hier ganze Industrien bedroht sind. Verständnis ist wichtig. Das ändert aber nichts am Faktum der digitalen Veränderungsprozesse. Wir müssen trotz aller Ängste immer wieder darauf hinweisen, dass in der Veränderung auch eine Chance liegt. Wo ein altes Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert, funktioniert ein neues. Wo alte Freiheiten nicht mehr genutzt werden können, gibt es neue. Es werden nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch und kulturell Dinge möglich, die wir vor ein paar Jahren noch nicht für möglich hielten.

Auch die Wikipedia wird erwachsen

Hinter der Wikipedia steht der idealistische Gedanke, das Wissen der Welt zu teilen und frei zugänglich zu machen, ohne ein kommerzielles Interesse zu verfolgen. Wo steht diese Vision heute?

Auch die Wikipedia macht einen Prozess des Erwachsenwerdens durch. Wir sind heute die zentrale Anlaufstelle für Information und Wissen im Netz. Die große Herausforderung für die Wikipedia ist es, mit dieser Verantwortung umzugehen, zum Beispiel mehr Artikel einzustellen, Artikel auszubauen und neue Autoren zu gewinnen.

Das bedeutet auch, mit den Gefahren besser umzugehen. Wir merken, dass PR-Agenturen, Politiker und Unternehmen ihre eigenen Wikipedia-Einträge mittlerweile sehr viel ernster nehmen als noch vor einigen Jahren. Wir müssen aufpassen, dass die Wikipedia nicht als PR-Plattform missbraucht wird.

Auch die technischen Probleme werden dringlicher. Wenn es uns darum geht, einfach etwas ins Netz zu schreiben, entspricht die Benutzeroberfläche der Wikipedia beileibe nicht mehr dem, was wir von Facebook, Google und Co. gewohnt sind. Noch wichtiger ist der soziale Aspekt: Die Wikipedia wird nicht von der breiten Bevölkerung geschrieben. Frauen sind stark unterrepräsentiert. Das ist ein großes Problem.

Die Relevanz-Debatte wird immer geführt

Gibt es nach rund zehn Jahren Wikipedia noch genug Autoren?

Tatsächlich geht in der deutschen Wikipedia die Zahl der Autoren zurück, wenn auch nicht dramatisch. Allerdings bleibt die Zahl der geschriebenen Artikel stabil, es sind ziemlich genau 400 am Tag. Die heutigen Wikipedianer schreiben nach wie vor großartig und viel. Trotzdem müssen wir den Autorenschwund nicht nur stoppen, sondern umkehren. Die Wikipedia ist noch lange nicht fertig. Ein Beispiel: Es gibt 1,5 Millionen verschiedene Lebewesen auf der Welt, die man dokumentieren könnte, doch nur 35.000 Artikel zu Lebewesen in der deutschen Wikipedia.

Prinzipiell gäbe es unendlich viele Themen für einen Wikipedia-Eintrag. Gibt es inzwischen Relevanz-Kriterien, damit die Wikipedia nicht zu einer Art Informations-Messi wird?

Die Relevanz-Debatte wird immer geführt. Diese Reflexion ist schon Teil der Lösung. Ein interessanter Ansatz, der aktuell diskutiert wird, geht nicht mehr von Ausschluss- oder Einschluss-Kriterien aus, sondern stellt den Maßstab der Belegbarkeit eines Artikels in den Vordergrund bei der Frage, was in die Wikipedia gehört und was nicht.

Spiegel-Online-Artikel zur freien Bearbeitung

Noch ist viel Wissen aus Bibliotheken, Archiven und Universitäten nicht in der Wikipedia. Was passiert, wenn es dorthin umzieht?

Herrlich, das wäre wunderbar. Tatsächlich haben wir im Verhältnis zu den kulturellen Institutionen einen neuen Ansatz. Ging es uns früher darum, mit Einzelaktionen Wissen aus den Archiven zu befreien, werben wir nun darum, dass die Institutionen die Wikipedia aktiv nutzen, um ihre Bestände, ihre Inhalte und ihr Wissen mit der Welt zu teilen. Die Widerstände sind deutlich geringer als noch vor ein paar Jahren. Die kulturellen Institutionen denken um. Ein Beispiel ist unsere Kooperation mit dem Deutschen Archäologischen Institut Berlin, bei der ein sogenannter „Wikipedian in Residence“ den Institutsmitarbeitern zeigt, wie die Wikipedia funktioniert, und wie man darin schreibt. Und zugleich lernt Wikipedia enorm viel von der Zusammenarbeit mit solchen Institutionen.

Sie sprachen die Gefahr der PR-Unterwanderung an. Wie kann die Wikipedia sicherstellen, dass sich der Nutzer auf die Informationen verlassen kann?

Wie alles, was vom Menschen gemacht wird, ist auch die Wikipedia voller Fehler. Doch Wikipedia hat eben die Möglichkeit, Fehler viel einfacher zu korrigieren als andere. In der Wikipedia sehen Sie etwas Falsches, gehen in den Artikel, korrigieren und speichern. Genau deshalb funktioniert die Wikipedia, weil wir alle korrigieren können. Das ist einmalig. Ich ärgere mich darüber, dass Medien die Idee nicht kopieren. Spiegel Online oder Faz.net könnten doch die freie Bearbeitung ihrer Artikel auch erlauben. Das wäre der Qualität des Online-Journalismus sicherlich nicht abträglich.

Staatlicher Werke müssen gemeinfrei sein

An welche netzpolitischen Entwicklungen 2012 erinnern Sie sich gerne?

Gerne erinnere ich mich daran, dass es gelungen ist, den Stop Online Piracy Act (SOPA) in den USA zu verhindern. Hier hat sich das neue Selbstbewusstsein von Netzaktivisten gezeigt. Auch unser Protest gegen SOPA, der Wikipedia-Blackout am 16. Januar, hat dem Thema weltweite Aufmerksamkeit verschafft. Das war keine Eintagsfliege, wie das spätere Scheitern des ACTA-Abkommens bewiesen hat. Die Hinterzimmer-Diplomatie, mit der hier Netzpolitik gemacht werden sollte, funktioniert nicht mehr. Trotzdem bleiben natürlich die starken wirtschaftlichen Interessen der Musik- und Filmindustrie bestehen, die in den Konflikt mit einem offenen und freien Netz geraten. Da muss die Netzgemeinde wachsam bleiben.

Was erhoffen Sie sich von der Netzpolitik 2013?

Wir wollen, dass ein freier Zugang zu sogenannten verwaisten Werken im Koalitionsvertrag verankert wird, deren Urheber oder Rechteinhaber nicht mehr zu ermitteln sind. Mittelfristig ist für uns die Gemeinfreiheit staatlicher Werke wichtig. Es kann nicht angehen, dass etwa staatliche Gutachten und Datenbanken, die mit Steuermitteln finanziert werden, unter das Urheberrecht fallen sollen, das eigentlich kreative Leistungen schützen soll. In meinem Politikverständnis ist staatliches Handeln alles, aber keine kreative Leistung.

Pavel Richter

Pavel Richter

Pavel Richter ist seit Ende 2011 Vorstand von Wikimedia Deutschland und war zuvor Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins. Wikimedia setzt sich für die Förderung des freien Wissens ein und unterstützt die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia sowie weitere Projekte wie Wikiversity und Wikinews.

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