Denken in Fähigkeiten statt „Arbeit X.0“

Foto: Renate Dodell. Nur scheinbar durcheinander / CC BY-ND 2.0

Unser Verständnis von Arbeit wurde durch die Industrialisierung geprägt. Nun müssen wir grundlegend umdenken, denn eine Fortschreibung bisheriger Vorstellungen, Konzepte und Strukturen führt in eine Sackgasse.

Wenn sich Kommunikationsformen ändern, dann wandelt sich das Fundament einer Gesellschaft. Kommunikations- und Koordinationstechniken bestimmen die Art und Weise, wie Menschen ihre Fähigkeiten verbinden und weiterentwickeln können und damit auch die Formen und Gestaltungsspielräume menschlicher Arbeit.

Unsere heutige Definition von Arbeit als räumlich und zeitlich festgelegte, kontinuierlich abzuleistende Erwerbsarbeit bildete sich im Verlauf der Industrialisierung heraus. Diese Entwicklung begann mit der Erfindung des Buchdrucks, denn gedruckte Texte waren die ersten seriellen Produkte. Darüber hinaus prägte diese Informations- und Kommunikationstechnologie über Jahrhunderte hinweg die Gesellschaft und damit auch die Arbeit in vielerlei Hinsicht fundamental.

Der „Buchdruck der Neuzeit“ (Giesecke) – die Informationstechnik – hat ähnlich transformative Wirkungen wie seinerzeit Gutenbergs Erfindung, allerdings teilweise genau gegenteiliger Art. Denn nun können zunehmend mehr Tätigkeiten wieder von den Zwängen befreit werden, die die Industrialisierung mit sich brachte. Damit verlässt die Menschheit die industrielle Sackgasse der Zivilisationsentwicklung, eine Gesellschaft, in der Menschen häufig nur wie Maschinenteile eingesetzt und oftmals kaum besser behandelt wurden. Eine Schlüsselrolle bei diesem fundamentalen Wandel spielt das Internet. Aufgrund seiner Fähigkeit, die Beiträge vieler Menschen ohne die lähmenden Nebenwirkungen von Hierarchie und Bürokratie zu koordinieren, ermöglicht das Internet vollkommen neuartige Unternehmensmodelle, Wertschöpfungsprozesse und Arbeitsformen. Die erst im Verlauf der Industrialisierung entstandenen Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit, Arbeits- und Wohnort, Lernen und Arbeiten, Arbeit und Ruhestand, abhängiger und selbstständiger Beschäftigung, Produzenten und Konsumenten sowie zwischen Betrieben und Branchen werden allmählich wieder aufgelöst. Arbeit zerfällt in vielfältige Formen und bezeichnet wieder das, was man tut und nicht, wohin man geht.

Wissensarbeit und Wissensgesellschaft

Schon im Jahr 1959 prägte der Management-Pionier Peter F. Drucker die Begriffe „Wissensarbeit“ und „Wissensgesellschaft“. Drucker erkannte damals, dass die durch die Informationstechnik ausgelöste Wissensexplosion nur durch zunehmende Spezialisierung zu bewältigen ist. Da mit der Ausbreitung von Computern Routinetätigkeiten zunehmend auf Technik übertragen werden, bleibt für Menschen das übrig, was Computer (noch) nicht können. Wertschöpfung, bei der Menschen gebraucht werden, findet damit künftig vor allem bei der Bewältigung von Ausnahmesituationen und immer weniger bei Standardabläufen statt. Damit werden fast alle verbleibenden Arbeiten langfristig intellektuell anspruchsvoller. Zugleich erkannte Drucker, dass Wissensarbeit eine vollkommen andere Art von Management erfordert als industrielle Handarbeit.

Drucker definierte: „Ein Wissensarbeiter ist jemand, der mehr über seine Tätigkeit weiß als jeder andere in der Organisation.“ In diesem Sinn sind in den entwickelten Ländern heute die meisten Menschen Wissensarbeiter. Es sind nicht zwangsläufig Wissenschaftler, wir finden diese Experten ihrer eigenen Arbeit heute überall: Arbeiter in der Produktion, die Fertigungsprobleme selbstständig lösen; Wartungstechniker, die ihren Arbeitstag selbst planen und viele andere sind heute Wissensarbeiter.

Wissensarbeiter brauchen Organisationen, in denen sie ihr Know-how optimal mit den Kenntnissen anderer Spezialisten verbinden und zu neuem Wissen umsetzen können. Dafür sind hierarchische Organisationen jedoch ungeeignet, weil Wissen nicht hierarchisch strukturiert, sondern situationsabhängig entweder relevant oder irrelevant ist. Ein Beispiel: Herzchirurgen haben zwar einen höheren sozialen Status als etwa Logopäden, doch wenn es um die Rehabilitation eines Schlaganfallpatienten geht, ist das Wissen des Logopäden dem des Chirurgen weit überlegen. Organisationen für Wissensarbeit müssen diesem Sachverhalt Rechnung tragen, denn Entscheidungen sollten dort getroffen werden, wo das Wissen ist.

Hier entsteht das große Dilemma, das für unsere Zeit des Übergangs von der Industrie- zur Wissensgesellschaft kennzeichnend ist: Heute arbeiten solche Wissensarbeiter fast überall, aber meist in Organisationen, die noch immer von Frederick W. Taylors Konzept der „wissenschaftlichen Betriebsführung“ mit strikter Trennung von Entscheidung und Ausführung geprägt sind. Taylor sah den Arbeiter nicht als eigenständig Handelnden, sondern als Teil der industriellen Maschinerie. Wissensarbeiter kennen die Wirkungen dieses Dilemmas: Oft hat man es mit Vorgesetzten zu tun, die über Dinge entscheiden, von denen sie in der Regel weit weniger verstehen als man selbst, die aber – weil sie nun einmal diese Position innehaben – meinen, sagen zu müssen, „wo es lang geht“. Die Folgen dieser anachronistischen Zustände sind weit verbreitet: Frust und Demotivation bis hin zur inneren Kündigung – wodurch der deutschen Wirtschaft alljährlich Verluste im dreistelligen Milliardenbereich entstehen – von seelischen und gesundheitlichen Folgen ganz abgesehen.

Netzwerke statt Hierarchien

Hierarchisch-funktional gegliederte Planstellensysteme, also die klassischen Unternehmensformen, versagen auch aufgrund ihrer Innovationsresistenz unter den Bedingungen von Wissensarbeit früher oder später zwangsläufig. Als zeitgemäße Alternative kristallisieren sich derzeit in Wertschöpfungsnetzwerken, vor allem in ungezählten Open-Source-Projekten, neue Formen der Zusammenarbeit heraus, die langfristig nicht nur zu einer neuen Definition von Arbeit führen, sondern die Gesellschaft insgesamt grundlegend umkrempeln werden. Die Open-Source-Praxis entwickelt sich zu einer strukturbildenden Leitidee, ähnlich wie die Praxis des Taylorismus in der industriellen Epoche soziale Verhaltens- und Denkweisen prägte.

Dass die auf freiwilligem Engagement basierenden Open-Source-Kooperationen weltweit verstreuter Menschen in der Lage sind, auch komplexe Produkte auf Weltklasse-Niveau herzustellen, zeigen die Erfolge von Linux, Apache, Firefox, Wikipedia und vielen anderen, die oft schon nach kurzer Zeit ihren kommerziellen Konkurrenten überlegen sind. Bei Open Source geht es aber nicht nur um Software, sondern vor allem um ein soziales Phänomen.

In Open-Source-Gemeinschaften basiert Wertschöpfung auf Wertschätzung, die Beteiligten arbeiten selbstorganisiert auf Augenhöhe miteinander. Während traditionell bürokratische Strukturen auf ängstlich gehütetem Herrschaftswissen basieren und Misstrauen, Kontrolle, Opportunismus und Schönfärberei das Klima vergiften, existiert in Open-Source-Strukturen ein anderes Verständnis von geistigem Gemeineigentum. Das sagt schon der Name: Open Source bedeutet „offene Quelle“. Hier sind die Menschen motiviert und gerne bereit, ihr Wissen und ihre Ideen anderen oder einer Organisation zur Verfügung zu stellen, weil ihnen Vertrauen, Respekt, Anerkennung, Fairness und Toleranz entgegengebracht wird. Führungsfunktionen gibt es hier natürlich auch – aber nur vorübergehend auf ein Thema oder Projekt beschränkt und sie beruhen auf Kommunikations- und Sachkompetenz und nicht auf von oben verliehener formaler Autorität.

Arbeit wird neu definiert

Computer und Internet verändern allmählich jeden Aspekt unseres Denkens: Wahrnehmung, Gedächtnis, Sprache, Vorstellungsvermögen, Kreativität, Urteilskraft, Entscheidungsprozesse und vieles andere mehr. Auch das, was wir Arbeit nennen, wird nicht nur verändert, sondern allmählich neu definiert. Ähnlich gesellschaftsverändernde Wirkungen hatten früher auch andere ehemals neue Medien – wie die Sprache, die Schrift und der Buchdruck – nur, das heute alles ungleich schneller abläuft. Um den sich beschleunigenden Wettlauf mit immer leistungsfähigerer Technik zu gewinnen, müssen Menschen (und Ausbildung) sich künftig auf das konzentrieren, was Menschen von Maschinen unterscheidet und was man Computern (noch) nicht beibringen kann: Kreativität, Emotionen, Intuition, Wissen, Erfahrung und die Fähigkeit, intelligent mit Unvorhersehbarem umzugehen.

Arbeit wird künftig wieder begriffen werden als etwas, was man tut, und nicht als etwas, was man hat. Das Denken in der traditionellen Kategorie Arbeitsplatz wird aufgegeben werden müssen. Es wird ersetzt durch ein Denken in Fähigkeiten, die Menschen in die Lage versetzen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Ein Problem bei alledem ist die Tatsache, dass die Zeitgenossen solcher Umwälzungen lange Zeit in alten Denkmustern, Werten und Kategorien verhaftet bleiben und deshalb das Wesen der Veränderungen zunächst nicht erkennen können. Bezeichnend sind die vielerorts beobachtbaren Versuche, an traditionellen Begriffen und Kategorien wie Arbeitszeit, Arbeitsort, Arbeitsleistung und Arbeitsplatz festzuhalten und „Arbeit N.0“ lediglich als Weiterentwicklung von „Arbeit M.0“ zu betrachten. Diese hartnäckige Dominanz unseres industriegesellschaftlich geprägten Denkens erinnert an die Mönche, die noch fünfzig Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks jedes einzelne gedruckte Exemplar Korrektur lasen, weil sie einige Wirkungen der neuen Technik anfänglich gar nicht begreifen konnten. Gut möglich, dass sich spätere Generationen über unser heutiges Verständnis der Internetwirkungen ebenfalls kopfschüttelnd amüsieren werden.

Ulrich Klotz

Ulrich Klotz

Ulrich Klotz, Informatiker und Arbeitswissenschaftler, war nach Stationen in Industrie und Wissenschaft beim Vorstand der IG Metall zuständig für die Themenfelder Forschungs- und Innovationspolitik, Informationstechnik und Zukunft der Arbeit. Als langjähriger Gutachter beim BMBF begleitete er mehrere Forschungsprogramme zum Thema „Arbeit und Innovation“ und war zuletzt Mitglied der Expertengruppe „Zukunft der Arbeit“ beim Bundeskanzleramt.

Foto: privat
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