Der Moment der unerwarteten Verwerfung

Foto: Disruption Network Lab

Seit seiner Gründung bringt das Disruption Network Lab Künstler, Hacker, und Wissenschaftler rund um Themen wie Drohnen, Internetpornografie und Whistleblowing zusammen. Was haben diese Dinge gemeinsam, fragten wir Tatiana Bazzichelli, die künstlerische Leiterin des Labs.

iRights.Media: Was ist das Disruption Network Lab?

Tatiana Bazzichelli: Das Disruption Network Lab besteht aus einer Reihe von Konferenzen, die regelmäßig im Kunstquartier Bethanien in Zusammenarbeit mit dem Kunstraum Kreuzberg in Berlin stattfinden. Am Anfang stand die Idee, ein Labor im metaphorischen Sinne zu erschaffen. Wir wollten den Begriff des Labors verwenden, weil es einen experimentellen Ansatz in sich trägt. Ziel ist das Experimentieren mit Themen und Fachgebieten. Gleichzeitig handelt es sich um ein Netzwerk, dem ich angehöre und das ich in den letzten 15 Jahren aufgebaut habe.

Das Disruption Network Lab beruht auf der Idee, verschiedene Aspekte meiner Forschung und Tätigkeit im Rahmen einer Konferenzreihe zusammenzubringen. Es ist aber auch ein eigenständiges Netzwerk: Die Veranstaltungen verknüpfen Fachwissen zu verschiedenen Bereichen, die normalerweise nicht zusammen in Erscheinung treten. Es geht darum, nach Möglichkeit Leute aus der Hacker-, Whistleblower- und Künstler-Szene, dem akademischen Bereich, der queeren Szene und anderen Gebieten zusammenzubringen. Wir möchten, dass Künstler mit Wissenschaftlern, Wissenschaftler mit Porno-Aktivisten und Porno-Aktivisten mit Hackern sprechen.

Das Format ist simpel: Jeden Tag gibt es einen Hauptvortrag und eine Podiumsdiskussion. Manchmal zeigen wir auch einen Film. Die Veranstaltungen dauern ein oder zwei Tage. Im Moment sind sie immer zweitägig, aber letztes Jahr gab es auch eintägige Events. Dieser enge Zeitrahmen beruht auf einer kuratorischen Entscheidung. Wir wollen uns auf ein konkretes Thema konzentrieren und den Leuten, die wir eingeladen haben, ausreichend Raum und Zeit geben, sich ihrem Thema zu widmen und die richtige Aufmerksamkeit zu erhalten. Aber auch das Publikum profitiert davon: Nach meiner Erfahrung mit anderen Veranstaltungen können viele parallel angebotene Aktivitäten, Podiumsgespräche und Workshops schnell erschlagen oder ablenken. Deswegen wollten wir es anders machen.

Der Begriff Disruption kommt ursprünglich aus der Wirtschaft. Welche Absicht hatten Sie, als Sie ihn für eine Konferenzreihe im Kulturkontext gewählt haben?

Für mich heißt Disruption, dass man versucht, funktionierende Methoden innerhalb eines Systems zu verstehen und zu analysieren – das kann im wirtschaftlichen, politischen oder technologischen Kontext geschehen. Das Konzept der Disruption kommt aus der Wirtschaft: In den Neunzigern hat Clayton Christensen Texte zu disruptiven Innovationen und Technologien verfasst. Für ihn bedeutete Disruption die Einführung eines technischen Verfahrens oder Produkts, das für den Markt unerwartet kam. Disruption entsteht also von innen. Das disruptive Produkt verändert nicht nur die Marktumgebung, sondern in der Folge auch das soziale und politische Umfeld.

Ich habe den Gedanken der Disruption auf Methoden in der Kunst und der Technik übertragen. Für mich heißt Disruption, dass man versucht, funktionierende Methoden innerhalb von Systemen zu erforschen, die normalerweise geschlossenen sind. Mich interessiert der Moment der unerwarteten Verwerfung, der das System von innen heraus verändert. Dieser Aspekt des Unerwarteten hat eine lange Tradition in Kunst und Kultur. Die künstlerische Avantgarde im 20. Jahrhundert arbeitete mit den Konzepten des Schocks und des Unerwarteten. Auch der gegenwärtige Diskurs zum Whistleblowing steht damit in Verbindung: Es befindet sich im wahrsten Sinne des Wortes jemand im System, der von innen heraus darin eingreift, weil er es sehr gut kennt.

Wie wählen Sie die Themen aus?

Die Veranstaltungen haben kein gemeinsames Thema, sind aber trotzdem miteinander verknüpft und ergeben zusammen einen Sinn. Ich spreche in diesem Zusammenhang normalerweise von einer Methodik der Montage, man kann es aber auch Hypertext nennen – wie bei einer Webseite, bei der Links auf andere Seiten verweisen. Es hat auch etwas von einem konzeptuellen Experiment. Die Themenwahl entwickelt sich auf unterschiedliche Weise. Wir haben normalerweise eine grobe Vorstellung von den Themen, die wir behandeln wollen, sind aber auch flexibel genug, um auf das Tagesgeschehen reagieren zu können und ein Thema vorzuziehen oder zurückzustellen.

Könnten Sie uns ein konkretes Beispiel nennen? Zu welchen Themen haben Sie bereits Veranstaltungen organisiert?
Bei unserem ersten Event im April 2015 ging es um Drohnen. Die Drohnentechnologie ist völlig disruptiv, weil sie der Kriegsführung eine völlig neue Bedeutung verleiht. Sie ist gleichzeitig aber wirklich pervers und hat disruptive Auswirkungen auf das soziale Gefüge und die Zivilgesellschaft.

Viele unserer Veranstaltungen entstehen aus der Verbindung mit anderen. Ausgangspunkt bei dem Event zu Drohnen war eine Unterhaltung über das Automatisieren von Konflikten, die ich mit zwei italienischen Wissenschaftlerinnen – Chantal Meloni, die jetzt am European Center for Constitutional Human Rights (ECCHR) als Anwältin für Strafrecht arbeitet, und der Journalistin Laura Lucchini – geführt habe. Über das ECCHR habe ich von dem ehemaligen Drohnenpiloten und Veteranen der US-Luftwaffe, Brandon Bryant, erfahren und hatte die Gelegenheit, mit ihm in Verbindung zu treten und ihn einzuladen.

Bei einer Veranstaltung zum Thema Whistleblowing, „Samizdata“, haben wir mit der Berliner Kunstgalerie Nome zusammengearbeitet, wo ich die Ausstellung von Jacob Appelbaum kuratiert habe. Sie wurde als vernetztes Projekt in enger Zusammenarbeit mit ihm entwickelt.

2015 sah unser Programm folgendermaßen aus: Im Mai ging es um Cyborgs, im August um Spiele und Comics als Forschungs- und Verwertungsgegenstand, im September um die Möglichkeiten des Widerstands gegen das von Edward Snowden aufgedeckte Überwachungssystem, im Oktober um unabhängige und queere Pornos im Vergleich zur Fließbandproduktion von Mainstream-Pornos und im Dezember um politische und künstlerische Aktionen („Stunts“) und Disruptionen.

Wie viele Leute kommen normalerweise zu einer Veranstaltung?

Dass wir mit verschiedenen Netzwerken arbeiten, macht die Sache zugleich leichter und schwieriger. Einige Events sind sehr gut besucht, beispielsweise die Veranstaltung zum Thema Cyborgs. Wir hatten nicht damit gerechnet, weil wir dachten, dass das Thema vielleicht als veraltet angesehen würde. Cyborgs waren in den Neunzigern ein großes Thema. Doch dieses Event hat das größte Publikum bisher angezogen – es haben mehr als 200 Leute teilgenommen.

Das Publikum ändert sich also mit jedem Thema. Außerdem wandelt sich mit jedem Event auch das Umfeld. Bei den etwas experimentelleren Veranstaltungen erscheinen auch weniger Leute. Wir haben aber eine Art Kernpublikum aus der Hacker-, Medienkunst- und Aktivistenszene.

Letztes Jahr war „Disruption“ das Rahmenthema. Was ist es dieses Jahr?

2016 lautet der Oberbegriff „Kunst und Beweise“, was mit einer Podiumsdiskussion in Verbindung steht, an der ich bei dem Medienfestival transmediale 2014 zusammen mit Laura Poitras, Jake Appelbaum und Trevor Paglen teilgenommen habe. Wir möchten Kunstformen, aber auch technische Anwendungen und Methoden analysieren, mit denen Beweise für Fehlverhalten und Verbrechen geliefert, und Informationen, die der breiteren Öffentlichkeit verborgen sind, übermittelt werden. Gleichzeitig wollen wir Beweise stärker auf theoretischer Ebene analysieren – die Frage stellen, was eigentlich ein Beweis ist oder wie man Wissen erzeugt.

Dies war Teil unseres Events im September 2016, bei dem wir über Unwissen und über das gegenwärtige Phänomen des „Post-Faktischen“ diskutiert haben. Die Veranstaltung im November 2016 befasst sich mit „Wahrheitssagern“ und widmet sich wieder dem Thema Whistleblower. Dabei wird ausführlicher auf die Rolle der Quelle bei einem Leak eingegangen. Wenn eine Quelle einen Missstand aufdeckt und die entsprechenden Dokumente veröffentlicht, wird sie anschließend häufig allein gelassen. Ein Beispiel dafür ist Jeremy Hammond, der nach den Stratfor-Leaks 2013 zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Stratfor ist ein Informationsdienst, der international für Geschäftskunden arbeitet. Heute weiß außerhalb der Whistleblower- und Hackerszene kaum jemand, wer Jeremy Hammond ist, obwohl manche Leute seine Leaks für ebenso wichtig halten wie die von Edward Snowden.

Was planen Sie für nächstes Jahr?

Wir haben schon das Programm für die kommenden zwei Jahre mit weiteren acht Events erstellt, aber das ist nur eine vorläufige Planung. Wir müssen abwarten, ob wir die beantragten Förderungen bekommen, da wir uns über öffentliche Gelder finanzieren.

Außerdem versuchen wir, das Disruption Network Lab in andere Länder zu exportieren. Im April 2016 hatten wir eine Veranstaltung zum Thema „Bots“ im Somerset House in London. Dabei haben wir beispielsweise über die Verwendung von Drohnen in Kriegen gesprochen, aber auch über die Funktion von Bots als automatische Programme in der Kunst. Es sind weitere Themen in Arbeit – andere Organisationen im Ausland haben Interesse bekundet; wir werden sehen, was daraus wird.

Das Interview führte Valie Djordjevic. Aus dem Englischen von Olenka Deisler.

Das Disruption Network Lab ist eine Dauerplattform für Veranstaltungen und Forschung über Kunst, Hacktivismus und Disruption. Es wird in Form einer Konferenzreihe im Studio 1 des Berliner Kunstquartiers Bethanien umgesetzt.
Die Hauptorganisatorinnen sind:

• Tatiana Bazzichelli, künstlerische Leiterin und Kuratorin
• Kim Voss, Projektmanagerin und Presse
• Claudia Dorfmüller, Projektmanagerin und Organisation
• Daniela Silvestrin, Gastkuratorin und Projektmanagerin
• www.disruptionlab.org

Tatiana Bazzichelli

Tatiana Bazzichelli

Tatiana Bazzichelli ist in Rom geboren und lebt seit 2003 in Berlin. Sie war zwischen 2011 und 2014 Programm- und Konferenzkuratorin bei dem Berliner Festival transmediale. Außerdem hat sie das ganzjährige Projekt „reSource transmedial culture berlin“ initiiert und entwickelt. Von 2012 bis 2014 war sie als Postdoktorandin am Centre for Digital Cultures der Leuphana Universität Lüneburg. 2014 wurde sie von Comites Berlin, der italienischen Botschaft und dem italienischen Kulturzentrum in Berlin zur „Italienerin des Jahres“ gekürt.

Foto: Maria Silvano
Tatiana Bazzichelli

Letzte Artikel von Tatiana Bazzichelli (Alle anzeigen)