Der Sommer des Pikachu

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Bist du Team Rot, Blau oder (ugh) Gelb? Wo gibt es überall ein Pikachu? Wie viele Karapdor-Bonbons brauchst du noch bis Garados? Kaum ein anderes Spiel hat 2016 die Gespräche, Medien und Smartphones so sehr dominiert wie Pokémon Go.

In einem Sommer, der vor allem geprägt ist von bedrückenden Ereignissen, sorgt Pokémon Go kurz für lockere, bessere Nachrichten. Plötzlich geht es nicht immer nur um den nächsten Ernstfall, sondern um eine App, die weltweit Menschen zusammenbringt.

Pokétrainer teffen sich im Berliner Volkspark Friedrichshain, eine Pokémon-Wanderung mit über tausend Teilnehmern auf dem Tempelhofer Feld wird erst vereinbart und dann abgesagt, sogar ein Lokalpolitiker aus Moabit will Journalisten mit auf einen Pokémon-Spaziergang nehmen. Ein Berliner Spieler begibt sich auf die Suche nach neuen Pokémon und findet einen entlaufenen Hund. Ich erlebe den Hype in Echtzeit, für das öffentlich-rechtliche Jugendradio Fritz berichte ich mehrere Wochen lang über das Spiel und seine Folgen. Andere Medien berichten von Spielern, die in Kalifornien von einer Klippe laufen (sie bleiben unverletzt), in Autounfälle geraten, in Florida in Vorgärten einbrechen und von einem alten Mann mit Schrotflinte gejagt werden – alles nur, um neue Pokémon zu finden.

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Innerhalb von 13 Stunden nach dem Start in USA wird Pokémon Go zu der App mit den höchsten Umsätzen noch vor Platzhirschen wie Clash of Clans oder Game of War. Das App-Analyse-Unternehmen App Annie schätzt, dass Pokémon Go anfangs jeden Tag etwa 10 Millionen Dollar an Umsatz generiert. Bis zum Herbst hat die App über 100 Millionen Downloads erreicht.

Pokémon Go macht sich sogar an der Börse bemerkbar. Die Aktien von Nintendo, der Firma, die traditionell für Pokémon steht, schnellen nach oben – und brechen dann wieder ein, als Investoren merken, dass nicht Nintendo hinter der App steht, sondern das US-Studio Niantic.

Noch vor dem offiziellen Deutschland-Start des Spiels verbreitet sich Pokémon Go rasant. Das Spiel macht Sideloading zum Alltagsbegriff: Massenhaft Fans holen sich das Spiel nicht über einen offiziellen App-Store, sondern durch eine Installationsdatei aus dem Netz auf ihre Smartphones.

Schon wenige Tage nach dem US-Start organisieren sich Brandenburger in Teams und in Berlin hängen immer mehr Menschen USB-Kabel aus der Jackentasche. Weil das Spiel so sehr den Smartphone-Akku belastet, werden mobile Ladegeräte zum Verkaufsschlager.

Zwei Gründe haben wesentlich zum Erfolg von Pokemon Go beigetragen: das Spielprinzip und die Marke. Mit Pokémon Go haben die Entwickler Niantic die Spielidee ihres ersten Titels, Ingress, verfeinert. Wie in Ingress können Spieler nicht einfach zu Hause bleiben, sie müssen mit dem Smartphone nach draußen gehen, um zu spielen.

Aber während es beim Vorgänger Ingress darum geht, abstrakte Quadranten für eines von zwei Teams zu besetzen, geht es in Pokémon Go eben darum, niedliche Monster zu finden. Es ist das verständlichere, zugänglichere Spiel. Die Pokémon verstecken sich an verschiedenen Orten in der echten Welt. So könnte das seltene Pikachu nur im Park am anderen Ende der Stadt zu finden sein, das knuffige Quapsel nur am See. Wer in seiner Nachbarschaft bleibt, findet meist nur langweilige Ratten- und Tauben-Pokémon.

Ein Geniestreich sind die Lockmodule: Gegenstände, die an bestimmten, wichtigen Plätzen (Pokéstops) eingesetzt werden können und dann neue Pokémon anlocken. Bereits kurz nach dem Start sind städtische Parks voller Picknickdecken und Spieler, die gemeinsam unter dem Sternenhimmel mit Lockmodulen auf neue Monster warten.

Auf dem hohen Level der Anfangsmonate hält sich der Hype aber nicht. Journalisten wenden sich anderen Themen zu, die vielen Unterseiten von Games-Blogs und -Magazinen, extra für Pokémon eingerichtet, werden leiser. Auch die Spielerzahlen sprechen eine deutliche Sprache. Im August hat Pokémon Go über 52 Millionen aktive Spieler, im September nur noch 32 Millionen. Die Nutzungsdauer sinkt stetig und im deutschen App Store ist Pokémon Go im Herbst 2016 längst nicht mehr die Nummer 1, sondern 59. Auf der Straße sehe ich seltener Menschen, die die charakteristische Swipe-Bewegung machen, um ein neues Monster zu fangen. Es wird wieder mehr getippt auf Whatsapp, Facebook, Snapchat.

Der Grund für das Abflauen der Begeisterung ist nicht nur der natürliche Hype-Zyklus, den jedes Spiel durchlebt. Es ist auch die Überforderung der Entwickler. Niantic kämpft vor allem in den ersten Wochen darum, das Spiel überhaupt online zu halten und mit der Masse an Spielern klarzukommen. Neue Features sind selten, eher werden Funktionen gestrichen.

So langsam merken immer mehr Spieler: So richtig spannend ist das Spiel eigentlich nicht. Weil seltene Pokémon dort erscheinen, wo besonders viele Spieler und Pokéstops sind, finden Spieler auf dem Land kaum neue Monster. Das ist absurd, wenn man bedenkt, dass in Nintendos Gameboy-Spielen die Pokémon immer im hohen Gras auf Trainer warteten, nicht neben dem Späti bei der U-Bahn-Rolltreppe. Die Kämpfe in den Pokémon-Arenen bestehen aus heftigem Tippen auf den Bildschirm und lassen Taktik vermissen.

Und weil Niantic die API des Spiels schließt, funktionieren externe Pokémon-Karten nicht mehr, auf die Spieler angewiesen sind. Wer vorher noch auf einer Google-Maps-artigen Karte nachgeschaut hat, wohin sich ein Pokémon-Ausflug noch lohnen könnte, muss jetzt auf gut Glück los, um neue Monster zu finden. Das Spiel soll so mysteriöser werden. Das ist es nicht. Es ist jetzt bloß frustrierender, zufälliger, uninteressanter.

Niantic verfolgt eine Vision des Spiels, die viele Spieler nicht teilen. Auch das illustriert der Pokémon-Go-Hype. Er zeigt nicht nur, wie ein Spiel eine Community erzeugen kann, sondern auch wie sehr eine Community ein Spiel prägt – und zwar ganz anders, als die Macher es sich vorgestellt haben. Solange Niantic keine weitreichenden Änderungen am Spiel vornimmt, wird Pokémon Go wahrscheinlich noch lange Zeit erfolgreich, profitabel und populär bleiben. Einen Pokémon-Sommer wie 2016 wird es aber vermutlich nicht wieder erzeugen.

Dennis Kogel

Dennis Kogel

Dennis Kogel, Journalist und Dozent in Berlin. Fürs öffentlich-rechtliche Jugendradio Fritz spricht er über Spiele, Technik und Netzkultur. Er doziert an der Games Academy und schreibt Reportagen für die GameStar. An niedlichen Hunden kommt er nicht ohne Quietschen vorbei.

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