Der Zukunft auf der Spur

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Wie Menschen von einem Ort zum anderen kommen, wie Güter transportiert werden, sieht schon in naher Zukunft ganz anders aus als heute. Mobilität befindet sich im Wandel und auch hier spielt die Digitalisierung eine wesentliche Rolle.

Hatten Sie in Ihrer Familie auch schon die Diskussion, wann es für Oma an der Zeit wäre, den Führerschein einzumotten, das Fahren aufzugeben und das geliebte Auto zu verkaufen? Wenn Ihre Oma in der Großstadt mit gut ausgebautem öffentlichen Personennahverkehr lebt, fällt ihr der Abschied vom eigenen Wagen möglicherweise noch relativ leicht. Denn auch ohne eigenes Fahrzeug wird sie sich noch gut in der Stadt bewegen können. Ganz anders sieht das aber im ländlichen Raum aus, wo im schlimmsten Fall der Bus des örtlichen Regionalverkehrsverbundes nur zweimal am Tag im Ort hält. Hier bedeutet das Leben ohne eigenes Auto auch schnell eine massive Einschränkung des persönlichen Radius.

Stellen Sie sich deshalb folgendes Bild vor: Das 3.000-Seelen-Dorf, in dem Ihre Oma wohnt, verfügt über einen kommunalen Fuhrpark an selbstfahrenden Fahrzeugen mit umweltfreundlichem Elektroantrieb. Die Ausstattung des Fuhrparks ist dahingehend optimiert, dass sie sich an den Bedürfnissen der Dorfbewohner orientiert: Wer muss wie oft regelmäßig in die nächste Stadt, welche Kinder müssen wann zum Gymnasium und von dort wieder nach Hause, wer hat wann Fußballtraining im Nachbardorf und so weiter.

So fährt alle zwei Wochen, wenn der Frisörbesuch Ihrer Oma in der nächstgelegenen Kreisstadt ansteht, automatisch ein fahrerloser Wagen vor Omas Tür, der sie dorthin und anschließend wieder nach Hause bringt. Vermerkt der Nachbarssohn im Verwaltungssystem des Fuhrparks, dass er etwa zur gleichen Zeit zum Zahnarzt muss, dessen Praxis auf dem Weg zum Frisör liegt, werden sich ihre Oma und das Nachbarskind den Wagen voraussichtlich teilen. Wird einer der Wagen des Dorfes derzeit nicht genutzt, aber dringend im nur wenige Kilometer entfernten Nachbarort benötigt, wird er nicht nur automatisch gebucht, sondern fährt auch selbstständig dorthin.

Ist dieses hier gezeichnete Bild eine Utopie? Ja, noch. Aber die Schätzungen, in wie vielen Jahren die Vision vom autonomen Fahren Realität werden könnte, korrigieren Experten fast schon täglich nach unten.

Intelligente Mobilität als persönliche Problemlösung

Diese beschriebene Vision, deren einzelne Elemente sich zu einem großen Ganzen zusammenfügen, fällt in ihrer Gesamtheit unter das Schlagwort „Smart Mobility“ – intelligente Mobilitätslösungen. Dabei hilft der Einsatz von digitaler Technik, energieeffiziente, emissionsarme, sichere und kostengünstige Mobilität zu ermöglichen. Ziel ist es, über die digitale Vernetzung der einzelnen Verkehrssysteme den Energieverbrauch zu senken, sowie Zeit und Kosten einzusparen.

Nicht zwingend ist damit der Aufbau neuer Infrastruktur verbunden. Im Mittelpunkt steht vielmehr, zunächst die vorhanden Angebote durch den Einsatz von technischen Lösungen zu optimieren. Die Nutzung digitaler Technologien gilt als ein zentrales Element von Smart Mobility. Insofern ist sie zum einen als ein Ergebnis der technologischen Entwicklung zu betrachten. Sie kann aber auch als Antwort auf die wirtschaftlichen, ökologischen, politischen und sozialen Herausforderungen gelten, denen wir uns im 21. Jahrhundert stellen müssen.

Damit einher geht ein deutlicher Paradigmenwechsel: Insbesondere unter jungen Menschen gilt Eigentum zunehmend als unbedeutend. Dagegen spielen Angebote der sogenannten Sharing Economy – also der zeitlich begrenzte Konsum eines der Gemeinschaft zugänglichen Gutes – ebenso wie die Idee der Allmende – des gemeinschaftlich genutzten und verwalteten Gutes – eine immer größere Rolle. Das eigene Auto dient längst nicht mehr als Statusobjekt wie beispielsweise die im März 2015 veröffentlichten Ergebnisse einer Umfrage in Deutschland, Großbritannien und den USA unter 3.000 jungen Erwachsenen zeigen.

Ebenso wenig gilt das gehetzte Fahren mit durchgehender Höchstgeschwindigkeit als erstrebenswert. Elektroangetriebene Wagen zwingt der Strombedarf beim derzeitigen Stand der Technik auf längeren Reisen zu regelmäßigen Fahrpausen. Teilautomatisierte Elektronik in Form von Totwinkel-Assistenten lässt riskante Überholmanöver nicht mehr zu, ohne mindestens zu versuchen, den Fahrer mit Warnsignalen davon abzubringen.

Manche Fahrer verstehen dies als Angriff auf ihre persönliche Freiheit. Es verringert aber deutlich die Wahrscheinlichkeit, dass sie in der Statistik der Unfallopfer auftauchen oder dafür verantwortlich sind, dass andere Verkehrsteilnehmer dies tun. Denn die weitaus überwiegende Anzahl an Unfällen im Individualverkehr ist auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen. Das Versagen von Technik bildet dagegen nur einen geringen Anteil wie eine Auswertung des Statistischen Bundesamtes zeigt.

Daten, Daten, Daten

Der Fokus von Smart Mobility liegt darauf, genau dann Zugang zu genau dem Verkehrsmittel zu haben, das das eigene Transportproblem am sinnvollsten löst. Das kann sowohl der eigene PKW auf der stauoptimierten Route als auch das in der nächsten Seitenstraße stehende Car-Sharing-Auto sein; der Spaziergang zur U-Bahn oder der zeitoptimierte Flug von einer Metropole zur nächsten. Die technische Vernetzung ermöglicht die Kombination der unterschiedlichen Mobilitätsformen zu einer individualisierten Lösung – sowohl im privaten als auch im gewerblich-kommerziellen Bereich.
Die Basis für dieses intelligente Verkehrsmanagement bieten zum einen über verschiedenste Sensoren gewonnene Daten, die in Echtzeit verarbeitet und ausgewertet werden, sowie andererseits die elektronische Kommunikation sowohl zwischen den Verkehrsteilnehmern als auch zwischen dem jeweiligen Verkehrsmittel und der Verkehrsinfrastruktur. Hier kommt Big Data ins Spiel: große Datenmengen, die gesammelt, analysiert, gedeutet und bewertet werden.

Bei Smart Mobility sind das nicht nur die im unmittelbaren Verkehrsgeschehen anfallenden Daten, sondern beispielweise auch die Analyseergebnisse von Wetterstationen oder die Meldungen zu anstehenden Großveranstaltungen mit den entsprechenden Besucherströmen, die die Verkehrslenkung und somit auch den persönlich optimierten Weg von A nach B beeinflussen.

Doch die Nutzung von Big Data bedeutet auch, dass die Daten, die wir im Rahmen unserer Mobilität erzeugen, zur Analyse herangezogen werden können. So haben Nutzer beispielsweise die Möglichkeit, die in ihrem Fahrzeug angefallenen Daten zur Grundlage ihrer KFZ-Versicherung zu machen. Eine Blackbox – ein kleines Gerät, das im Auto angeschlossen wird – sammelt die Daten bezüglich des Fahrverhaltens, die dann die Höhe der Versicherungsprämie beeinflussen. Das ist derzeit noch eine freiwillige Entscheidung, doch das kann sich ändern. Skeptiker sehen in dieser Entwicklung auch große Gefahren – nicht nur für die Privatsphäre – durch eine zunehmend lückenlose Datenerfassung über die jeden und alles umgebenden Sensoren: Zum Beispiel können zu jeder Person umfassende Bewegungsprofile entstehen, die den kommerziellen Interessen von Unternehmen dienen, aber auch von staatlicher Seite ausgewertet werden. Möglicherweise hat das unangenehme Konsequenzen – die wegen regelmäßiger Nachtfahrten teurere Versicherungsprämie könnte dabei noch als harmlos gelten.

Quo vadis?

So gibt es eine Vielzahl ungelöster Probleme: Wem gehören die Daten, die die Sensoren im Verkehrsgeschehen zu meiner Person erfassen? An wen werden sie weitergegeben? Sind sie ausreichend vor unbefugtem Zugriff geschützt? Was passiert im Falle eines Serverabsturzes? Wer haftet für fehlerhafte Software in meinem Auto, wenn dadurch ein Unfall verursacht wird? Kenne ich alle Daten, die über mich erhoben werden? Trifft der Algorithmus in einem selbstfahrenden Wagen jederzeit die ethisch richtige Entscheidung?

Schaffen wir es, auf diese Fragen überzeugende Antworten zu finden, bevor uns der technologische Fortschritt vor vollendete Tatsachen stellt, ist eine wichtige Hürde auf dem Weg, die Chancen der neuen Möglichkeiten zu nutzen, schon einmal bewältigt. Denn neue Technologien setzen sich umso leichter durch, je eher sich die bestehenden Bedenken ausräumen lassen, und die Vorteile, die neue Entwicklungen gegenüber dem Status quo bieten, erkennbar werden. Jeder Verkehrstote weniger wäre ein wichtiger Ansatzpunkt.

Jana Maire

Jana Maire

Jana Maire ist seit 2012 Projektmanagerin beim iRights.Lab. Zuvor war sie unter anderem als Unternehmensberaterin und Projektleiterin im IT- und Logistik-Umfeld tätig. In verschiedenen Projekten befasst sie sich derzeit mit gesellschaftspolitischen Fragestellungen im Zusammenhang mit der Digitalisierung.

Foto: Valie Djordjevic
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