Die Angst vor den Seelenräubern

Foto: Mario Sixtus / CC BY-NC-SA 2.0

Diskussionen um Panoramafreiheit und das Recht am eigenen Bild – für Fotografen war 2015 kein leichtes Jahr. Was darf man überhaupt noch fotografieren?

Sie sind vermutlich schlicht ausgedacht, die Anekdoten von den – je nach Quelle amerikanischen oder australischen – Ureinwohnern, die sich ihrer Seele beraubt fühlten, von Menschen, die sie fotografierten. Kolonialistenerzählungen, Heimkehrerhistörchen, Distinktionsgeschichtchen, die die Überlegenheit der vermeintlich Zivilisierten über die sogenannten Wilden illustrieren sollen.
Aber es gibt sie, die Menschen, die wirkliche Probleme mit Fotos haben. In einem Psychologie-Forum im Netz findet sich die anonyme Beichte eines jungen Mannes, der laut eigenen Angaben an mehreren Zwangsstörungen leidet. Das hier ist eine davon:

„Ich denke den ganzen Tag darüber nach, wo, wann und wie jemand ein Foto von mir gemacht haben könnte und ob es hässlich sein kann. Ich berücksichtige dann z.B. die Beleuchtung und den Winkel. Meine Angst ist, dass diese Bilder dann irgendwo im Internet auftauchen, sich alle darüber lustig machen und ich dann allen Leuten so in Erinnerung bleibe. Das ist echt krankhaft. Ich denke den ganzen Tag über Bilder nach! Das ist schon echt bescheuert.“

So viel Selbstreflexion ist selten. Die meisten Zeitgenossen – obschon von solchen pathologischen Störungen eher unbehelligt – verwenden gar nicht erst derart viele Worte und Gedanken, wenn sie in der Öffentlichkeit Fotografen anbellen und ihnen mit jedem Auslöserklick eine Bloßstellung der eigenen Person im Internet unterstellen. Sie begnügen sich meist mit einem „Das ist verboten!“, „Lösch das Bild!“ oder auch einem motivierenden „Hau ab, oder ich brech dir die Knochen!“

Offline-Trolle, die ein Vergnügen dabei empfinden, ihre Mitmenschen zu ärgern, müssen sich nur mit einem Fotoapparat in der Hand einem Spielplatz nähern. Das allein reicht schon, um die dort lebenden Vater- und Muttertiere in wütende Drohgebärden und wilde Warnrufe ausbrechen zu lassen. Hier wird dem Fotografen wohl auch kein einfacher Seelendiebstahl mehr unterstellt, sondern mindestens gedankliches Päderastentum.

Fotografiert zu werden, ist offenbar eine äußerst emotionale Angelegenheit. Als ich einmal in einem nur mittelschweren Rant in meinem Blog freies Fotografierecht in der Öffentlichkeit forderte, erhielt ich etliche „Wenn ich dich mal auf der Straße treffe“-Mails, in denen unter anderem das Versenken meines Foto-Equipments in verschiedene meiner Körperöffnungen angekündigt wurde. Da wünscht man sich doch irgendwelche ausgedachten Ureinwohner herbei, die lediglich eine wegfotografierte Seele beklagen, statt von Menschen umgeben zu sein, unter deren fadenscheinigen Zivilisationsoberflächen gewalttätige Recht-am-eigenen-Bild-Taliban wüten.

Es ist eine gesellschaftliche, sich selbst aufschaukelnde Schizophrenie-Spirale: Noch nie wurde so viel und so selbstverständlich an so vielen Orten fotografiert, und noch nie war das gefühlte Persönlichkeitsrechtsempfinden der meisten Bürger derart aufgebläht, dass sie ein alles erschlagendes „Recht am eigenen Bild“ von der Größe mindestens eines Planeten vermuteten.
Es ist aber auch nicht leicht: In Zeiten, in denen jedes Telefon nicht nur eine Fotofunktion besitzt, sondern auch alle Fotos in irgendeine Datencloud hochlädt, unterscheidet der Gesetzgeber immer noch penibel zwischen der reinen Fotoaufnahme (prinzipiell erlaubt) und ihrer Publikation (wofür man besser vorher fragen sollte – aber auch nicht unbedingt muss, kommt ganz darauf an, *Gesetzbücher wältz*), so als läge zwischen ersterem und letzterem Vorgang immer noch die Filmentwicklung, der Papierabzug, die Honorarverhandlungen mit einer Zeitungsredaktion, der Druck und schließlich die Auslieferung der Zeitung. Oder Ähnliches.

Im Jahr 2015 und mit Apps wie Instagram liegt zwischen Fotoschuss und Fotopublikation genau ein Button-Klick. Oder auch noch nicht einmal mehr dieser: Andere Apps posten auf Wunsch alle geschossenen Bilder sofort und ohne Rückfrage ins öffentliche Web. Fotografieren und Publizieren ist damit eins. Wie sinnvoll ist also eine Gesetzgebung, die versucht, sich zwischen irgendwelche Smartphone-Funktionen zu quetschen?

Wie sollen solche Rechte in der Praxis durchgesetzt werden? Sollen vielleicht Polizeibeamte – herbeigerufen durch empörte frisch Fotografierte – vor Ort die Smartphone-Einstellungen des Wildfotografierers kontrollieren, auf der Suche nach einem gesetzten Auto-Upload-Haken? Und wenn dieser Haken nicht gesetzt sein sollte, was hindert den hinterhältigen Fotografen daran, die Bilder heimlich eine halbe Stunde später ins Netz zu laden? Soll er also auf Verdacht der Polizei alle seine Social-Media-Accounts nennen, damit diese dann in regelmäßigen Abständen prüft, ob die monierten Fotos auch ja nicht ihren Weg ins Web gefunden haben? Oder soll er besser gleich sein Telefon abgeben? Seriously?

Es geht aber noch wirrer: Auch im Jahr 2015 sollen Richter gegebenenfalls darüber entscheiden, ob ein Foto mit „künstlerischer Absicht“ entstanden ist – was es zu einem Kandidaten für das Konzept Kunstfreiheit machen würde – oder eben „nur so“. #WTF! Die Absicht beurteilen!? Gedankenpolizei anyone?

Der Berliner Fotograf Espen Eichhöfer wird vor das Bundesverfassungsgericht ziehen, um dort das Recht zu erstreiten, weiterhin Menschen auf der Straße zu fotografieren und diese Fotos auszustellen. Zuvor hatte das Landgericht Berlin entschieden, Eichhöfer habe unrecht gehandelt, da er das Bild einer mit einem Leopardenmantel bekleideten Frau nicht ausschließlich im Rahmen einer klassischen Fotoausstellung gezeigt habe, sondern auch „auf einer großformatigen Stelltafel am Rande einer der verkehrsreichsten Straßen von Berlin“. Die Abgebildete sei dadurch „als Blickfang einer breiten Masse ausgesetzt“ gewesen und nicht nur der Betrachtung „kunstinteressierter Besucher“. Was wäre eigentlich passiert, hätte Eichhöfer das Foto ins Netz geladen? Hätte das Gericht dann vielleicht reklamiert, er habe die Aufnahme bei Facebook gepostet, einer der „verkehrsreichsten Websites der Welt“, und nicht auf einem kleinen, unbekannten Fotografie-Blog, wo es nur „kunstinteressierte Besucher“ gesehen hätten? Ist es im 21. Jahrhundert also die kleine Öffentlichkeit, die ein Künstler aus juristischen Gründen anstreben sollte und nicht mehr die große Öffentlichkeit – die allerdings nötig ist, um die Miete zu zahlen?

Straßenfotografie, dokumentarische Fotografie, Bilder, die den Alltag zeigen, bildliche Zeitdokumente: Wer sich auf diese Kunst- beziehungsweise Bildjournalismus-Richtung verlegt, sollte heutzutage über einen gut funktionierenden Kickstarter-Account verfügen, um die genretypischen Gerichtskosten decken zu können. Was der Gesellschaft und den nachfolgenden Generationen durch diese Absurdität an Einsichten in unsere Zeitperiode verloren geht, ist eigentlich nochmal einen eigenen Rant wert.

Und vielleicht ist es ja dieser vermeintliche Nebenkriegsschauplatz, in dem der digitale Kontrollverlust (nach Seemann) demonstriert, welche bizarre End-Kontroll-Freakyness in unserem Weltbild wohnt. Da gibt es Menschen, die ernsthaft der Meinung sind, eine rechtliche Hoheit über den Weg, die Richtung und den Ort des Auftreffens von Lichtphotonen zu besitzen. Von Photonen! Man stelle sich das vor! Treffen diese Lichtwellen auf eine biologische Netzhaut, ist alles okay (oder der Vorgang wird lediglich mit einer Pavian-esquen „Kuck mich nicht so an!“-Aufforderung quitiert); treffen die gleichen Photonen hingegen auf einen digitalen Bildsensor, löst das den Zeter-und-Mordio-Reflex aus. Das ist wirklich euer Ernst, Leute? Warum wollt ihr nicht direkt juristische Macht über die aktuelle Windrichtung und -stärke? Davon abgesehen: Was für eine menschmaschinenfeindliche, vorauseilende Diskriminierung von Cyborgs ist das eigentlich!?

Ich wiederhole mich: Wir müssen als Gesellschaft alle die Fotografie (und die Filmerei) betreffenden Gesetze auf den Tisch legen und neu denken. Wir müssen sie so denken, dass sie verständlich und praktikabel sind und nicht einen Kommunikationsakt – denn das ist Fotografieren im Jahr 2015 – mit juristischen Tretminen umringen. Gänzlich freies Fotografieren im öffentlichen Raum – ob das Ablichten von Passanten auf der Straße oder vom Brüsseler Atomium – wäre dafür der richtige Anfang, gepaart mit einer eingeschränkten, aber ebenso klar verständlichen Fotografiefreiheit in halb-öffentlichen Räumen wie Einkaufszentren oder Bahnhöfen.

Bitte diskutieren Sie jetzt!

Mario Sixtus

Mario Sixtus

Mario Sixtus ist freier Autor, Journalist, Fotograf und Blogger mit Veröffentlichungen u.a. in der Zeit, der Frankfurter Rundschau und der brand eins. Für ZDFinfo produziert er den 2007 mit dem Grimme Online Award ausgezeichneten Elektrischen Reporter. Wenn er nicht vor dem Rechner sitzt, läuft er Marathon.

Foto: Jens Becker
Mario Sixtus

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