Die Digitalisierung der Medizin

Foto: TU Berlin / TU-Pressestelle/Dahl

Während die staatlich geregelte Digitalisierung des Gesundheitswesens seit Jahren stockt, gibt es auf dem freien Markt bereits unzählige Apps für Gesundheit und Lifestyle.

Das Gesundheitswesen ist schon längst digitalisiert. Röntgenbilder werden heute digital aufgenommen, MR- und CT-Scanner liefern dreidimensionale Filme aus dem Körperinneren und es wird mehr und mehr Software entwickelt, die Ärzten bei der Diagnose helfen kann; zum Beispiel indem Auffälligkeiten automatisch in Bildern von Befunden markiert werden. Es gibt immer bessere medizinische Daten und immer bessere Methoden, um sie auszuwerten. Um diese Daten auszutauschen, bekommt der Patient jedoch bestenfalls eine DVD mit auf den Weg zum weiterbehandelnden Arzt. Der Großteil der Kommunikation zwischen Ärzten läuft auch 2015 noch über Briefe oder Faxe. Ärzte dürfen sensible Patientendaten nicht einfach per Mail verschicken. Laut Gesetz darf ein Praxisrechner nicht unverschlüsselt mit dem Internet verbunden werden. Die digitale Übermittlung von Gesundheitsdaten ist eine große Baustelle, seit über zehn Jahren. Manche vergleichen sie deswegen schon mit dem BER-Flughafen.

Im Zentrum der digitalen Vernetzung des staatlichen Gesundheitswesens stehen zwei Projekte: die elektronische Gesundheitskarte (eGK) und die sogenannte Telematik-Infrastruktur, ein verschlüsseltes Netzwerk, welches Krankenhäuser und Arztpraxen miteinander verbinden soll.

Die elektronische Gesundheitskarte: Eine unendliche Geschichte

An der elektronischen Gesundheitskarte wird seit 2002 gearbeitet. Ihre Einführung war ursprünglich für 2006 geplant. Es gibt viele Gründe, warum sie immer noch nicht da ist. Neben technischen Herausforderungen gab es vor allem politische Hürden. Für die Entwicklung waren Ärzte und Krankenkassen gemeinsam verantwortlich, dafür wurde 2005 die „Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte – Gematik GmbH“ gegründet. Diese beiden Parteien stritten jahrelang über Datensicherheit und Datenschutz hinsichtlich der Informationen, die die Karte speichern soll.

Die eGK in ihrer aktuellen Konzeption soll neben Verwaltungsinformationen (Adresse, Geburtsdatum und ähnliches) auch Notfalldaten über die Patienten enthalten, die im Ernstfall sofort eingelesen werden können. Außerdem soll sie als eine Art Schlüssel dienen, um über die Telematik-Infrastruktur Zugriff auf weitere medizinische Informationen zu bekommen. Diese Informationen sollen nicht auf der Karte gespeichert werden, sondern auf den Servern der Praxis, wo sie erstellt wurden. So sollen Röntgenbilder, die eine Ärztin A gemacht hat, über die Telematik-Infrastruktur in jeder beliebigen Praxis B abrufbar sein. Dadurch können doppelte Röntgenaufnahmen und die damit verbundene schädliche Strahlenbelastung verhindert werden, sogar dann wenn der Patient die DVD mit seinen Aufnahmen verlegt hat. Die dezentrale Speicherung erhöht die Sicherheit. Weil die Daten überall verstreut sind, können sie nicht mit einem Hackerangriff auf einen zentralen Server gestohlen werden. Über den autorisierten Zugang sollen dann die gesammelten Informationen zu Diagnosen und Therapie des jeweiligen Patienten bereitstehen und eine bessere Einbindung der Versicherten in Entscheidungsprozesse ermöglichen. Zusätzlich zur elektronischen Gesundheitskarte soll ein elektronischer Heilberufeausweis nötig sein, um Zugang zu erhalten. Die Telematik-Infrastruktur hat also an der Eingangstür ein Kartenlesegerät als Schloss, welches zwei Schlüssel benötigt, um aufgesperrt zu werden.

Seit Januar 2015 hat die elektronische Gesundheitskarte die bisherigen Versichertenkarten abgelöst. Der Schlüssel zur Telematik-Infrastruktur ist zwar nun da, nur: Die geplante Technik hinter dem Schloss existiert noch immer nicht. Politische Grabenkämpfe und neue technische Sicherheitsstandards für die Industrie verzögern die Entwicklung immer wieder. Bisher sind auf der eGK die Verwaltungsdaten gespeichert, die auch auf der vorherigen Karte abgelegt waren. Neu sind nur die Angabe des Geschlechts und ein Foto der Versicherten.

Das E-Health-Gesetz soll Tempo machen

Mit einem für 2016 geplanten E-Health-Gesetz will die Bundesregierung nun Tempo machen. Das Gesetz sieht finanzielle Sanktionen für Ärzte und Krankenkassen vor, sollte der Zeitplan wieder nicht eingehalten werden. Ab 2018 sollen dann auch die oben erwähnten Notfalldaten auf der eGK gespeichert werden. Der Gesetzentwurf legt außerdem fest, dass ab Oktober 2016 alle Versicherten, die mindestens drei Medikamente gleichzeitig verschrieben bekommen, ein Recht auf einen strukturierten Medikationsplan haben. Dieser wird allerdings so lange auf Papier geführt werden, bis die eGK dafür einsatzbereit ist. Als eine Art Vorstufe dazu werden momentan unter dem Titel „einheitlicher patientenbezogener Medikationsplan“ verschiedene regionale Modellprojekte durchgeführt. Projektgegenstand: ein 2-D-Barcode zum Einscannen. Der Code ist unabhängig von der jeweiligen Praxis- oder Apothekensoftware lesbar. Die erste sektorübergreifende digitale Schnittstelle im deutschen Gesundheitswesen kommt per Papier.

Der Entwurf zum E-Health-Gesetz wird aus verschiedenen Gründen kritisiert. Zum einen komme das Interesse der Patienten kaum vor, zum anderen seien wichtige Fragen des Datenschutzes noch immer nicht geklärt. Neben der Angst vor dem gläsernen Patienten besteht außerdem die Angst vor gläsernen Ärzten, die nur noch die Beobachtungen abspeichern, die ihre Diagnose stützten, um Haftungsprobleme zu vermeiden. Die Ergebnisse ihrer Arbeit, und damit auch ihre Fehler, würden schließlich mit der Telematik-Infrastruktur für alle Stakeholder im Gesundheitswesen einsehbar. Während die gesetzlich geregelte Vernetzung unseres Gesundheitssystems ihre Zeit braucht, hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) eine eigene Infrastruktur aufgebaut, das „Sichere Netz der Kassenärztlichen Vereinigung“. Ob dieses in die Telematik-Infrastruktur integriert werden kann, ist noch offen. Laut KBV wäre es kompatibel. Verantwortlich ist hier allerdings die Gematik GmbH.

Telemedizin scheitert bisher an gesetzlichen Vorgaben

Die Digitalisierung der Gesundheitsversorgung betrifft auch die Behandlung in Echtzeit, also „live“. Und „live“ geht bekanntermaßen auch am Bildschirm. So kann etwa bei komplizierten Operationen eine Expertin per Webcam zugeschaltet werden. Durch die permanente Messung der Vitaldaten von Risikopatienten kann über das Internet automatisch Alarm geschlagen werden, sollten die gemessenen Werte Anlass dazu geben. Und weil in den kommenden Jahren viele Ärzte in den Ruhestand gehen, könnte man sich in den zahlreichen ländlichen Gebieten, die dadurch ärztlich unterversorgt sein werden, mit einer Online-Sprechstunde per Videochat behelfen.

In Deutschland gibt es allerdings ein sogenanntes Fernbehandlungsverbot, das Ärzten eine Behandlung am Telefon oder über elektronische Kommunikationsmittel untersagt. Die Bundesärztekammer beauftragte 2014 eine Arbeitsgruppe damit, die berufsrechtlichen Möglichkeiten der Telemedizin auszuloten. Eine Möglichkeit wäre laut Dr. Franz-Joseph Bartmann, dem Leiter dieser Arbeitsgruppe, Online-Sprechstunden für chronische Patienten zur laufenden Überwachung zu nutzen. Während Routinekontrollen per Videokonversation durchgeführt werden könnten, müssten andere Tätigkeiten wie Diagnosestellung und Therapie weiterhin vor Ort durchgeführt werden. Auch wenn im Bereich der Telemedizin bisher eine rechtliche Grauzone besteht, gibt es bereits Unternehmen, die Videosprechstunden oder etwa eine Behandlungsbegleitung per App anbieten.

Armband und App – wo bleibt der Datenschutz?

Privatwirtschaftliche Unternehmen sind mit unzähligen vernetzten Produkten und zehntausenden Apps auf dem Gesundheitsmarkt etabliert. Es gibt internetfähige Waagen und Blutdruckmesser, Smartwatches mit integriertem Pulsmesser, Fitness-Armbänder und andere sogenannte Wearables zum Aktivitätstracking, dazu Kalorienzähler-Apps mit Barcode-Scanner, Apps zur Überwachung des eigenen Fruchtbarkeitszyklus und viele mehr. Die ersten Krankenversicherungen subventionieren bereits den Kauf von Smart Watches und Wearables, die zum Gesundheitstracking genutzt werden, indem sie Rabatte anbieten oder die Anschaffungskosten übernehmen. Die Versicherten sollen so zu gesunden Verhaltensweisen angeregt werden. Dadurch hoffen die Versicherungen, Krankheiten vorzubeugen und damit ihre Kosten zu senken. Die Versicherungen betonen, dass sie keinen Zugriff auf die erhobenen Daten haben. Die Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, Andrea Voßhoff, hat allerdings im Juli 2015 vor dem Einsatz von Fitness-Apps durch Krankenkassen gewarnt. Ob die privaten Anbieter von Smartphone-Apps generell Zugriff auf sensible Gesundheitsdaten haben, kann von App zu App unterschiedlich sein und muss in den jeweiligen Datenschutzbestimmungen erklärt werden. Die ärtzliche Schweigepflicht ist aber wohl nicht mit einprogrammiert.

Viele Apps und smarte Objekte können eine motivierende Wirkung haben oder dabei helfen, die eigene Therapie besser zu organisieren, wie etwa Diabetiker-Apps, die Blutzuckerwerte in übersichtlichen Diagrammen darstellen oder durch spielerische Herausforderungen die Ernährungsdisziplin unterstützen können. Wearables oder Smartphone-Anwendungen eignen sich allerdings nicht für medizinische Diagnosen, weil deren Messergebnisse oft zu ungenau sind, um valide Daten zu erheben. Für die Messung von Schlafphasen beispielsweise sind Smartphones überhaupt nicht ausgestattet. Dass es solche Apps trotzdem, gibt könnte daran liegen, dass längst nicht alle Gesundheits- und Lifestyle Apps tatsächlich von Medizinern entwickelt werden. Der medizinische Nutzen von Apps hängt oft von der Masse und Form der Daten ab. Während es für Ärzte wenig sinnvoll ist, wenn jeder Patient seine Daten in einer anderen App und in einem anderen Format mitbringt, so kann es durchaus nützlich sein, Asthmaanfälle oder Blutdruckwerte mit einer App zu dokumentieren. Aber auch wenn es mittlerweile Abertausende von Apps gibt, decken diese längst nicht die ganze Bandbreite der Gesundheitsversorgung ab. Gesundheits-Start-ups arbeiten oft im Wellness- oder Präventionsbereich und nur selten an der Therapie von Menschen, die schon krank sind. Die Zielgruppe ist eher jung und technikaffin. Es gibt keine App für ein Hüftimplantat.

Eike Gräf

Eike Gräf

Eike Gräf ist Mitarbeiter beim iRights.Lab und kümmert sich vorwiegend um Datenschutz, EU-Themen und um Kooperationen mit französischen Partnern.

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