Die Politik der Plattformen

Foto: Tiger Stangl

Bei digitalen Ökosystemen treffen verschiedene Entwicklungen zusammen. Das offene Internet gerät ins Hintertreffen – auch in diesem Jahr.

Beim Wort „Ökosystem” denkt man normalerweise an Wälder, Wiesen oder Gewässer, an Tiere und Pflanzen, die es bevölkern und im Gleichgewicht halten, kurzum: an eine erhaltenswerte Sache. Diese Vorstellung liegt auch bei „digitalen Ökosystemen” nahe, doch sie geht am Kern der Sache vorbei: Digitale Ökosysteme bestehen aus Mobiltelefonen, Tablet-Computern, Laptops, Programmen, E-Books, Musikdateien, Filmen oder auch Betriebssystemen.

Der Begriff zielt nicht auf ein Gleichgewicht, sondern darauf, dass die großen Webunternehmen wie Apple, Google oder Amazon immer mehr Dienste aus einer Hand anbieten, die Hardware dazu liefern und Inhalte vertreiben. Die Plattformen der Anbieter werden immer stärker zu eigenen Welten, die man kaum mehr verlassen muss, weil sie (fast) alles aus einer Hand anbieten. Die Dienste eines Unternehmens werden miteinander verzahnt und Anwendungen und Inhalte auf die jeweilige Hardware- und Softwareumgebung zugeschnitten.

Weil das zwar einerseits mehr Sicherheit und Komfort bringt, sich zugleich aber neue Grenzen im Internet herausbilden, stehen die digitalen Ökosysteme in der Kritik. Die Grenzen sind zwar noch mehr oder weniger durchlässig, dennoch steigen in der Praxis die Hürden, wenn man die Plattform wechseln will. Die Strategie dahinter ist klar: Die Unternehmen können ihre Kunden langfristig binden und so die eigene Marktposition sichern.

Google, Apple oder Amazon haben ursprünglich nicht viel gemeinsam, ihre Geschäftsmodelle sind auch heute noch im Kern unterschiedlich. Doch seit sie immer mehr Dienste aus einer Hand anbieten, geraten sie zunehmend in Konkurrenz zueinander. Zusammen mit Facebook als Nummer vier dominieren sie heute einen Großteil des Internets – auch wenn Facebook unter mehreren Gesichtspunkten mit den anderen nicht ganz vergleichbar ist. Die Weltherrschaft haben sie, entgegen anders anmutenden Berichten in der Presse, aber noch nicht angetreten.

Apple und der App-Store

Dennoch wächst die Macht der Plattformbetreiber – und der Verdacht des Machtmissbrauchs liegt nahe. Als Paradebeispiel gilt Apple, dessen Politik im eigenen App-Store schon lange für Unmut sorgt.

Im Mai verweigerte Apple einer neuen Version des Podcast-Clients Instacast die Zulassung zum App-Store. Die Entwickler mussten erst einen Button für den Spendendienst Flattr entfernen, da er gegen die Geschäftsbedingungen verstoße. Hier liegt der Verdacht nahe, dass Apple keine Geldflüsse duldet, an denen es nicht – wie bei Einkäufen über Apps – selbst mitverdient.

Im August verweigerte Apple einem Programm, das über militärische Drohneneinsätze informierte, die Zulassung zum App-Store, da die Nutzer die Inhalte „anstößig und geschmacklos” finden könnten. Die von der britischen Initiative „Bureau of Investigative Journalism” eingereichte App enthielt keine Bilder oder dergleichen, sondern stellte Drohnenangriffe und ihre Folgen auf einer Karte dar und benachrichtigte bei neuen Vorfällen.

Wo das legitime Interesse der Firmen endet und der Missbrauch ihrer Macht beginnt, lässt sich im Einzelfall nicht leicht entscheiden, zumal Firmen wie Apple sich häufig bedeckt über ihre Entscheidungen halten. Sie können ohnehin auf die Vertragsfreiheit verweisen – wer auf der Plattform ist, hat den Bedingungen zugestimmt. Doch was im Einzelfall stimmen mag, wird angesichts zunehmender Marktmacht zum Problem.

Google und sein Social Network

Wie schmal der Grat zwischen dem Nutzen für die Anwender und ihrer Gängelung für Unternehmensinteressen ist, zeigte in diesem Jahr auch Google. Anfang des Jahres startete das Unternehmen die Funktion „Search plus your world” und integrierte damit sein soziales Netzwerk Google Plus und die regulären Suchergebnisse. Was einerseits die logische Fortführung der Tendenz ist, auf den Nutzer zugeschneiderte Ergebnisse zu liefern, bevorzugt zugleich die eigenen Produkte – die Profile des Google-Netzwerks erschienen in den Ergebnissen nun über denen von Facebook und Twitter. „Don’t be evil”, erwiderten diese zusammen mit Myspace und veröffentlichten gemeinsam ein Browser-Plugin, das ausgewogenere Resultate versprach.

Die Empörung zog weite Kreise, die „schlechteste Entscheidung in der Unternehmensgeschichte” nannte es etwa die Website Business Insider. Später nahm Google einige der Änderungen zurück, aber Google-Plus-Bewertungen gehen weiterhin in die Suchergebnisse ein, etwa über die Funktion „Author Rank”. Einen ambivalenten Eindruck hinterließ auch der nächste Schritt im Sommer, als Google die Nutzer dazu anhielt, ihr Plus-Profil mit dem Youtube-Konto zu verbinden. Wer das nicht will, hat zwar theoretisch noch die Möglichkeit, die Konten zu trennen, muss aber eine undurchschaubare Einstellungsorgie vornehmen.

Offen und geschlossen

So treffen bei der Herausbildung der Ökosysteme verschiedene Entwicklungen zusammen: Facebook- und Google-Profile stehen nicht mehr nur für eine Präsenz in sozialen Netzwerken, die Benutzerkonten werden zu Eintrittskarten in die jeweilige Welt mit angeschlossenen Diensten. Das machte auch der Deutschlandstart von Spotify im März deutlich: Wer den Musikdienst nutzen wollte, musste das zwingend per Anmeldung mit Facebook tun. Dazu tritt die Herausbildung geschlossener Plattformen wie Apples iOS, auf der nur zugelassene Programme laufen. Kritiker, wie der Internetrechtsprofessor Jonathan Zittrain von der Harvard Law School, warnten schon vor einigen Jahren, die weitere Entwicklung des Internets werde dadurch gefährdet.

Zittrain wählte den Begriff der „Generativität”, um zu verdeutlichen, dass durch offene Standards, freie Software und Computer, auf denen beliebige Programme laufen können, eine ungeahnte Entwicklungsdynamik ausgelöst wurde. Mit anderen Worten: Nutzer und Drittentwickler konnten selbst entscheiden, wofür sie ihre Geräte verwenden. Eine verwandte Schließungstendenz hat auch der Internettheoretiker Tim Wu konstatiert. Folgt man seiner Argumentation, war die technische Entwicklung stets durch Zyklen geprägt, in denen offene, dezentrale Systeme sich zu geschlossenen, zentralen wandelten.

Wer sie öffnen und die Kontrolle über das Gerät zurückgewinnen will, hat schnell auch mit dem rechtlichen Rahmen zu kämpfen. Das Jailbreaking von Smartphones etwa – das Entfernen der Hersteller-Beschränkungen – ist in den USA nur dank einer Gesetzesausnahme erlaubt, über die nach dortigen Recht die Library of Congress entscheidet. Im Oktober erneuerte sie die zeitlich befristete Ausnahmeregel – ausgenommen davon sind nun allerdings Tablet-Computer. Weil sich die neue Geräteklasse nach eigener Aussage nicht rechtlich eingrenzen ließ, bleibt es nun bis 2015 verboten, die Beschränkungen zu umgehen.

David Pachali

David Pachali

David Pachali ist freier Journalist und Redakteur bei iRights.info. Er konzipierte und betreute Publikationen wie „Öffentlichkeit im Wandel“ (Heinrich-Böll-Stiftung, 2012) und „Überwachte Gesellschaft“ (iRights.Media, 2013).

Foto: Mika Redeligx
David Pachali