Die Politik sollte die Sachen nicht verschlimmbessern

Foto: Rocket Launch, Public Domain CC0

2007 startete der Journalist Alexander Hüsing das Blog Deutsche-Startups.de. Seitdem beobachtet er Jahr für Jahr thematische Trends und wirtschaftliche Entwicklungen. Er meint: Im Jahr 2016 hat sich die Szene weiter differenziert, sie ist gereift und nicht immer froh über politische Einmischung.

iRights.Media: Wie lautet Ihre Definition eines Start-ups?

Alexander Hüsing: Ein Start-up ist für mich ein schnell wachsendes, junges Unternehmen mit einem digitalen Geschäftsmodell. Es ist so lange ein Start-up, wie die Gründer und Investoren noch an Bord sind. In der Regel umfasst das einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren. Es gibt aber auch Unternehmen, die ich noch nach zehn Jahren als Start-up bezeichnen würde.

Wie viele gibt es schätzungsweise in Deutschland?

Überschlagen landet man vielleicht bei 5.000 bis 7.000 Start-ups. Wenn man sich aber anschaut, welche wirklich Bedeutung haben, kommt man eher auf eine mittlere dreistellige Zahl.

Welche Themen standen 2016 im Vordergrund?

Einige Segmente haben im letzten Jahr extrem an Bedeutung gewonnen. Start-ups mit Finanz- und Banking-Bezug sind zwar schon länger ein Thema. Einige dieser Fintech-Vertreter haben sich aber noch einmal deutlich professionalisiert, etwa mit einer eigenen Banklizenz. Dann hat sich mit Insuretech ein eigenständiges Segment herausgebildet. Diese Start-ups werden in Zukunft nicht nur vermitteln, sondern sich auch gezielt als eigene Spezial-Versicherer positionieren, beispielsweise im Bereich von Rente und Altersvorsorge. Völlig losgelöst davon wurde 2016 Proptech (von property technology) groß. Auslöser war die Politik: 2015 wurde das Bestellerprinzip abgeschafft, so dass nicht mehr Wohnungssuchende, sondern die Vermieter den Makler bezahlen müssen. Um den Komplex Mieten-Kaufen-Wohnen sind in Folge vielleicht 50 Start-ups entstanden, von denen allerdings die Hälfte oder mehr wieder gescheitert sind. Und der Bereich Legaltech hat erstmals einen eigenen Namen bekommen.

Was machen die?

Bei Legaltech geht es stets darum, über eine Plattform möglichst standardisiert rechtliche Fragestellungen abzuwickeln, Mietnebenkosten etwa, Flug- oder Zugverspätung. Du hast eine Nebenkostenrechnung, schickst die über die Plattform ein. Und wenn sich der Fall für die lohnt, bekommst du gleich eine Summe ausgezahlt und die kümmern sich um die Abwicklung.

Fintech, Proptech, Legaltech … wer denkt sich eigentlich die ganzen Labels aus?

Die entwickeln sich einfach mit der Zeit. Das zeichnet die Start-up-Landschaft heute aus: Vor fünf Jahren war etwas halt ein Start-up. Jetzt ist die Szene differenzierter, heute hat jedes Start-up einen Stempel.

Gibt es auch Start-up-Segmente, die verschwunden sind?

Verschwunden nicht gleich, aber es war in letzter Zeit ein deutlicher Niedergang in der Game-Szene zu beobachten. Bigpoint ist in diesem Jahr zu einem Ramschpreis verkauft worden. Gameforge hat mittlerweile Leute entlassen, auch Wooga und Gameduell. Die Goldgräberstimmung ist vorbei. Die App-Stores sind überflutet mit Clones erfolgreicher Spiele und man landet in den Stores nicht mehr so schnell auf den vorderen Rängen.

Beim Thema Proptech hat eine politische Veränderung eine Start-up-Entwicklung ausgelöst. Der Einfluss der Politik ist ein Dauerbrenner in der Start-up-Debatte. Wie förderlich oder gar hinderlich sind die politischen Rahmenbedingungen hierzulande?

Die groben Rahmenbedingungen stimmen in Deutschland. Man kann natürlich immer über Bürokratieabbau reden. Für Start-ups könnte es leichter sein, Teams international zu besetzen. Man könnte es Investoren aus dem Ausland erleichtern zu investieren und auch Lebensversicherungen Anlagen in Start-ups ermöglichen. Das ist in anderen Ländern gang und gäbe, hierzulande als Hochrisiko-Anlage aber nicht erlaubt. Letztendlich ist das alles aber nicht kriegsentscheidend. Und ich bin generell kein großer Freund davon, dass sich die Politik zu sehr einmischt. Sie sollte es aber schaffen, die Sachen nicht zu verschlimmbessern.

Verschlimmbessern?

Die Start-up-Szene in Berlin ist entstanden, ohne das sich die Politik darum gekümmert hat. Das Thema wurde dann gerade in Berlin von der Politik entdeckt. Hier gibt es ja auch ansonsten keine Wirtschaftszweige, die ansatzweise boomen. Mein Eindruck ist allerdings, dass seitdem die Politik die Start-up-Szene umarmt, Start-ups immer mehr Steine in den Weg gelegt werden.

Zum Beispiel?

Das Thema Mindestlohn ist für viele Start-ups ein Problem. Start-ups sind oft mit vielen Praktikanten und Studenten entstanden. Denen müssen sie heute in den allermeisten Fällen bis zu 1.500 Euro im Monat zahlen. Das kann man gut oder schlecht finden. Für Gründer, die sich meist vor allem selbst ausbeuten, hat das massive Nachteile. Mit der Bürokratie ist es auch schlimmer geworden. Und dann gab es den Plan, die Versteuerung von Investments zu verschärfen, das sogenannte Anti-Angel-Gesetz, das zum Glück verhindert werden konnte.

Gibt es nicht auch Positives?

Natürlich gibt es auch gute Sachen, die über staatliche und halbstaatliche Organisationen laufen, wie die Förderprogramme für Gründer. Aber letztendlich hat es die Politik in vielen Fällen eher geschafft, Unruhe und Unsicherheit zu schaffen.

Es gab lange die Klage, dass im Start-up-Ökosystem zu wenig Geld vorhanden ist. Das hat sich geändert, oder?

Für sehr junge Start-ups war es nie ein Problem gewesen, an Startkapital von family, friends and fools zu kommen. Auch Business-Angels, die bis zum mittleren sechsstelligen Bereich investiert haben, gab es genug. Ab einer Million wurde es aber schwierig. Das hat sich zum Glück geändert. Es fließen immer mehr zweistellige Millionenbeträge für reifere Start-ups, beim Reiseportal GoEuro aus Berlin waren es in diesem Jahr sogar 70 Millionen Dollar. Das stammt oft aus dem Ausland, aber immer öfter auch aus Deutschland. Es ist eine Flut an neuen Risikokapitalgebern entstanden. Viele erfolgreiche, ehemalige Gründer haben es in den letzten Jahren geschafft, viel Geld für neue Fonds zu bündeln. Das zeigt auch die Reife und den guten Wandel der Szene.

Start-up-Lobbyisten verweisen gern auf die volkswirtschaftliche Bedeutung von Start-ups. Wie groß ist der tatsächlich?

Wenn man die ganz großen Start-ups zusammennimmt, kommt man schon auf eine interessante Umsatzsumme. Allerdings gibt es dann doch nur wenige wirkliche Erfolgsgeschichten wie Zalando, die im großen Stil europaweit oder gar weltweit aktiv sind. Die Start-up-Szene ist nicht die Automobilindustrie. Für Berlin zumindest ist sie allerdings schon ein Jobmotor. Sie hat viele Leute in die Stadt geholt und ihnen ganz neue Berufschancen eröffnet.

Die Frage ist, was für Stellen entstehen. In Berlin sieht man in letzter Zeit viele junge Menschen, die mit viel zu großen Kisten auf dem Rücken Essen von A nach B fahren, auch nachts und bei Regen. Deren neue Jobs sind nicht unbedingt vielfältig, hochkreativ und gut bezahlt, sondern gehen eher in Richtung einer menschlichen Drohne. Sind es nicht vor allem miese Jobs, die Start-ups schaffen?

Das mag für einige Lieferdienste, Vermittler und E-Commerce-Unternehmen stimmen und auch für die Jobs bei Amazon. Allerdings: nur weil man mehrere Hunderte oder Tausende Menschen in einem Warenlager oder in der Logistik beschäftigt, heißt das nicht, dass man auf der Führungsebene nicht auch gut bezahlte Leute mit viel Knowhow und Kreativität braucht. Und es wurden durch die Start-up-Szene in den letzten 15 Jahren viele Jobs geschaffen, die es vorher gar nicht gab. Wir brauchen mittlerweile Experten für Facebook und Suchmaschinen-Optimierung, wir brauchen Online-Produktmanager und -Logistiker mit ganz neuen Fähigkeiten. Zudem gibt es Karrieren in der Szene, die vorher nicht denkbar waren. Junge Leute fangen bei einem Start-up als Praktikant an, und wenn das Unternehmen dann wächst, werden sie schnell Teamleiter oder sind sogar auf Geschäftsführer-Ebene aktiv. Diese Leute wären vorher mit all ihrer Kreativität in irgendeinem Konzern verschwunden.

Das Interview führte Stefan Mey.

Alexander Hüsing

Alexander Hüsing

Alexander Hüsing wurde 1974 geboren, hat Geschichte und Politik studiert und arbeitet seit 20 Jahren als Journalist. Er war lange Redakteur beim Medien-Branchendienst Kressreport und hat für verschiedene Medien als Freelancer geschrieben. 2007 hat er das Blog Deutsche-Startups gegründet, das er seitdem als Chefredakteur leitet.

Foto: privat
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