Die politischen Verheißungen von Bitcoin

Bitcoin ist als die erste elektronische Währung bekannt geworden, die sich bequem zwischen Einzelpersonen auf der ganzen Welt austauschen lässt. Für Andreas M. Antonopoulos geht es bei der digitalen Währung nicht allein um Komfort – sie hat vor allem politischen Wert.

iRights.Media: Worin besteht der Hauptunterschied zwischen Bitcoin und dem klassischen Bankwesen?

Andreas M. Antonopoulos: Nicht einmal 20 Prozent der Bevölkerung auf diesem Planeten haben eine Kreditkarte. Unzählige Menschen haben keinen Zugang zu Banken und die Politik hat einen großen Anteil daran, dass dies so ist, ebenso wie der fehlende Zugang zu Technologie. Bitcoin ist ein netzwerkwerkbasiertes Banksystem und außerdem dezentralisiert: Es gibt kein Unternehmen, keine Bank, keine Regierung. Der Austausch findet wie bei Bargeld zwischen einzelnen Menschen statt.

Habe ich denn Zugang zu Bitcoins, sobald ich über eine Internetverbindung verfüge?

Vielleicht sogar schon vorher. Man kann Bitcoins auf vierlerlei Weise auch per Textnachricht versenden oder empfangen. Der wohl bekannteste Dienst heißt Coinapult, aber es gibt viele solcher Systeme. Ideal sind diese aber nicht, weil man im Fall der SMS eine Vermittlungsstelle nutzt und nicht unmittelbar mit Bitcoins interagiert. Wirklich erstrebenswert sind auf lange Sicht digitale Geldbörsen („Wallets“), die Bitcoin-Transaktionen auf kompatiblen Telefonen direkt ermöglichen. Aufgrund des aktuellen technischen Fortschritts gibt es mittlerweile schon die ersten Smartphones für weniger als 20 US-Dollar. Die Verfügbarkeit der Technik ist also für die Zukunft kein großes Hindernis. In sämtlichen Entwicklungsländern ist Facebook stärker verbreitet als Bankdienste. Auch Smartphones haben eine höhere Verbreitung, daher lässt sich mit ihnen auf jeden Fall mehr erreichen als mit Banken.

Was halten Sie vor diesem Hintergrund von den Bemühungen großer Banken, die Blockchain-Technologie in ihre eigenen Geschäftsmodelle zu integrieren?

Mich langweilt das sehr. Die Großbanken nutzen Blockchains nur geringfügig und nur Teile davon. Sie bauen zentralisierte Kontrollsysteme auf Grundlage der Blockchain-Technologie auf, was schon fast einen Widerspruch in sich darstellt. Bitcoin ist das Internet des Geldes und wie beim Internet leitet sich das Potenzial der Währung daraus ab, dass sie global, öffentlich und allgemein zugänglich ist. Eine private Blockchain ergibt in etwa so viel Sinn wie ein privates Internet. Es ist erheblich weniger nützlich und interessant.

Was ist gegen ein zentralisiertes und privates Blockchain-System einzuwenden?

Zuerst einmal fehlt der Effekt der Kontrolle durch ein großes Publikum, der im öffentlichen Bitcoin-System vor Betrug schützt. Zweitens liegt die Macht vollständig in den Händen der Bankinstitute und es hat sich gezeigt, dass eine solche Macht zu Korruption und Gewinnorientierung führt, die dem Interesse des Einzelnen zuwiderlaufen.

Wenn alle Bitcoin-Transaktionen über ein öffentliches Konto abgewickelt werden – stellt das nicht in gewisser Hinsicht eine perfekte Überwachungsarchitektur dar?

Die Leute werden frei entscheiden können, ob sie ihre Bitcoin-Transaktionen offen und transparent durchführen möchten. Für Behörden, gemeinnützige Organisationen und andere Institutionen, die der Gesellschaft Rechenschaft schuldig sind, ist das sehr nützlich. Die Leute haben aber auch die Möglichkeit, ihre Transaktionen privat abzuwickeln.

Wie ist das in einem öffentlichen System möglich?

Im Moment verwendet Bitcoin eine Pseudonymisierung, um die Identität derjenigen zu schützen, die anonym bleiben möchten. Es gibt aber zusätzlich eine Reihe von Vorschlägen, um die Privatheit von Bitcoin-Transaktionen radikal zu verstärken. Ich glaube, dass Bitcoin noch in einem sehr frühen Stadium steckt, es gibt noch nicht das Endprodukt. Die Währung entwickelt sich weiter.

Für das Erschaffen neuer Bitcoins, das sogenannte „Mining“, braucht man heute sehr mächtige Computer, die anspruchsvolle Berechnungen ausführen. Diese Computer sind sehr teuer und nicht jedermann zugänglich. Ist das nicht auch eine Form von Machtkonzentration?

Das hat in der Tat zu einer gewissen Zentralisierung geführt, aber es darf pro Jahr nur eine begrenzte Zahl an neuen Bitcoins generiert werden, die außerdem jährlich sinkt. Dadurch lässt der Zentralisierungseffekt automatisch nach. Dieses Problem wird sich also von allein lösen.

Warum wurde die Zahl der Bitcoins gedeckelt?

Es gibt eine Gesamtobergrenze für Bitcoins, weil diese Währung einer limitierten Ressource ähneln soll. Das ist so, wie man auch die Gewinnung von Edelmetallen einschränkt, damit sie als Wertanlage eine solide und gesunde Basis haben. Der zugrundeliegende wirtschaftliche Ansatz unterscheidet sich stark von dem der meisten nationalen Währungen der heutigen Zeit.

Wer hat entschieden, dass die endgültige Bitcoin-Menge beschränkt wird und wer könnte die Obergrenze aufheben? Wer leitet das Ganze?

Niemand hat die Kontrolle über Bitcoin und es gibt auch keinen Bitcoin-Präsidenten. Es gibt Unternehmen, die sich am Internet beteiligen und es gibt Unternehmen, die sich an Bitcoin beteiligen. Wie beim Internet existiert kein einzelnes Machtzentrum, das eine maßgebliche Kontrolle ausüben könnte. Die bestehenden Regeln nach denen Bitcoin funktioniert, sind als Code in der Software angelegt. Um diese Regeln zu ändern, muss so gut wie jeder einzelne Beteiligte zustimmen; die Schwelle liegt bei 95 Prozent. Die Begrenzung der Anzahl ist einer der Faktoren, die Bitcoins ihren Wert verleihen. Insofern ist es unwahrscheinlich, dass alle Bitcoin-Besitzer aus freien Stücken einwilligen, den Wert ihrer eigenen Währung zu mindern.

Wie können Staaten auf Geldwäsche oder Spenden an Terroristen mittels Bitcoin reagieren?

Sie können nichts dagegen tun. Sie können die Kontrollstrukturen von Bitcoin nicht beeinflussen. Klassische Regulierungsstellen haben keine Macht über Bitcoin und es gibt Hunderte und Aberhunderte anderer Währungen, davon einige, die deutlich anonymer und auf eine größere Geheimhaltung ausgelegt sind als Bitcoin. Der Glaube, dass man Verbrechen durch die Kontrolle ihrer Finanzierung begegnen kann, dass eine komplette Kontrolle über die Finanzierung effektiv, wünschenswert oder überhaupt möglich ist, ist ein für alle Mal Geschichte. Die Finanzierung ist nur einer von mehreren Punkten, an dem man bei der Verbrechensbekämpfung ansetzen kann. Wir werden uns bessere Möglichkeiten zur Organisation unserer Gesellschaft überlegen müssen, um gegen Kriminalität vorzugehen.

Traditionelle Banken kooperieren aber mit Staaten und Regulierungsbehörden. Besteht die Möglichkeit, dass sich manche Blockchain-Versionen klassischer Geldinstitute so stark verbreiten könnten, dass sie anstelle von Bitcoin die Norm werden?

Nein. Grenzen, Regulierungsstellen und die Notwendigkeit, die Kontrolle über die Ende-zu-Ende-Finanzierung zu behalten, schränken das herkömmliche Bankwesen ein. Es muss jetzt mit Währungen konkurrieren, die nicht an diese Regeln gebunden sind. Das traditionelle Banksystem kann nicht global und offen sein, es kann sich Zensur nicht widersetzen, es kann nicht neutral sein und es hat keine ökonomischen Möglichkeiten zum weltweiten Kampf gegen Ausgrenzung zu bieten. Was auch immer man unternimmt, es wird in jedem Fall nur ein langsames, unsicheres und geschlossenes System mit begrenzter Reichweite dabei herauskommen. Und dieses kann niemals mit einem neutralen System mithalten, das die vier Milliarden Menschen auf dieser Welt, die von den klassischen Banken im Regen stehen gelassen wurden, mit offenen Armen aufnimmt.

Abschließend noch folgende Frage: Gibt es ein verbreitetes Gerücht über Bitcoin, das Sie gern zerstreuen würden?

Das gängigste Gerücht besagt, dass Bitcoin nur von Verbrechern benutzt wird. In vielen Ländern sind jedoch die Banken die Kriminellen. Wer Banken vertraut, gehört zu einer sehr kleinen Minderheit der Weltbevölkerung, die noch nicht von ihnen ausgeraubt wurde. Die meisten Menschen in Entwicklungsländern haben diese Erfahrung jedoch gemacht. Wenn beispielsweise die Deutsche Bank auf Kosten des Steuerzahlers von der Bundesregierung vor dem Untergang bewahrt wird, werden die Deutschen meiner Meinung nach etwas Ähnliches erleben. Bitcoin wird nicht von Kriminellen benutzt, sondern von all denen, die wiederholt von Banken und Regierungen betrogen wurden und die damit ihre politische und wirtschaftliche Freiheit zurückerlangen wollen. Das ist der Hauptgrund für die Beliebtheit von Bitcoin. Verbrecher können viele andere Systeme verwenden. Die effektivste Bank für Geldwäsche ist HSBC und die unterstützt Bitcoin nicht.

Das Interview führte Eike Gräf. Aus dem Englischen von Olenka Deisler.

Andreas M. Antonopoulos

Andreas M. Antonopoulos

Andreas M. Antonopoulos hat zwei Bücher zum Thema Bitcoin geschrieben: „Mastering Bitcoin“, eine Einführung in die technischen Grundlagen von Bitcoin, und „The Internet of Money“, in dem es darum geht, wieso Bitcoin wichtig ist. Er hat mehrere Bitcoin-Start-ups und gemeinschaftlich geführte Open-Source-Projekte mit gegründet. Außerdem moderiert er regelmäßig den „Let‘s Talk Bitcoin“-Podcast.

Foto: Wikimedia / CC BY-SA
Andreas M. Antonopoulos

Letzte Artikel von Andreas M. Antonopoulos (Alle anzeigen)