Die Unfreiheit des Richard W.

Bild: "Porträt von Richard Wagner" von Cäsar Willich; Foto: Jean Christen (Hausfotograf der Reiß-Engelhorn-Museen)

Gesetzliche Regelungen zu Urheberrechten und der Wunsch nach der freien Verfügbarkeit unseres kulturellen Erbes stehen seit jeher in keinem guten Verhältnis. Ein Kommentar zu einem Rechtsstreit, der in diesem Jahr die Gemüter bewegte.

Die Uraufführung der Oper „Das Liebesverbot“ ist Richard Wagner sicherlich in schlechter Erinnerung geblieben. Der junge Musikdirektor am Magdeburger Theater hatte nur wenige Tage Zeit zum Proben, die Sänger kannten ihren Text nicht und das Orchester spielte schief. Die zweite Aufführung wollte daraufhin niemand sehen, sie musste abgesagt werden. Dabei passten die Themen gut in die Zeit: Recht, Unrecht, Freiheit und natürlich die Liebe. Wagner lässt die Bürger Palermos gegen Gesetze und Verbote rebellieren, die sie als Unrecht empfinden. Am Ende erweisen sich die gegen den Karneval und seine Umtriebe gerichteten Verbote als wirkungslos und führen zu einer regelrechten Gegenrevolution. Über die Rechtmäßigkeit und die Wirkung von Verboten wird auch über 180 Jahre nach dieser Aufführung wieder leidenschaftlich gestritten. Dieses Mal steht Richard Wagner selbst im Zentrum beziehungsweise sein Porträt. Nur diesmal geht es nicht um Karneval und Liebe, sondern um Kopien, das Urheberrecht und den Auftrag von Museen.

Im Sommer und Herbst 2016 ergingen in Deutschland zwei Gerichtsurteile, die einige mediale Aufmerksamkeit erregten. Wikimedia und die Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim stritten um Foto- beziehungsweise Urheberrechte. Dabei ging es um die Frage, ob die Fotografie eines gemeinfreien Gemäldes eine nicht-gemeinfreie Kopie sein kann, weil sie durch Lichtbildrechte geschützt ist. Oder aus der entgegengesetzten Perspektive: ob der gemeinfreie Status des fotografierten Bildes auch für das davon angefertigte Reprofoto gilt. Die Signalwirkung des Urteils geht im Ergebnis weit über seine juristische Dimension hinaus: Es geht um die sehr grundsätzliche Frage, ob und wie stark öffentliche Museen eine Kontrolle über die Kulturgüter ausüben können und sollten, die sie in ihrem Bestand bewahren.

Erster Akt: Der Rechtsstreit

Die Landgerichte in Berlin und Stuttgart hatten zu klären, ob mehrere Bilder von Kunstgegenständen der Reiss-Engelhorn-Museen auf Wikimedia Commons und in der Wikipedia zu sehen sein dürfen oder nicht. Sämtliche der abfotografierten Kunstwerke – darunter ein bekanntes Porträt Richard Wagners – sind bereits seit langem nicht mehr urheberrechtlich geschützt. Der Schutz erlischt in der Regel 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. Cäsar Willich, der Maler des Porträts, starb im Jahr 1886. Große Teile der Wikimedia-Communities sind der Auffassung, dass unbearbeitete Vervielfältigungen (also auch Reproduktionsfotos) eines solchen Gemäldes ebenfalls keinen Schutz mehr haben können und daher ohne weitere Erlaubnisse auf Wikimedia Commons hochgeladen und beliebig genutzt werden dürfen.

Die Reiss-Engelhorn-Museen sahen das anders, klagten auf Unterlassung und bekamen in der ersten Instanz Recht. Scans von Bildern, die der Hausfotograf für eine Museumspublikation angefertigt hatte, dürften zukünftig ebenso wenig frei verwendet werden wie die Fotos, die ein Besucher selbst im Museum gemacht hat, so die Gerichte. Das Museum möchte so die Verwendung der Bilder kontrollieren und auch Erlöse aus dem Verkauf von Bildlizenzen schützen.

Nun ist der Rechtsstreit in der zweiten Instanz angekommen. Die rechtskräftige Entscheidung steht also noch aus. Es steht dabei weiterhin die Frage im Raum, wie das Urheberrecht in der digitalen Zeit mit professioneller Repro-Fotografie umgeht. Es geht dabei aber auch um das Selbstverständnis und den Bildungsauftrag unserer staatlichen Museen und weiteren Gedächtnisinstitutionen.

Zweiter Akt: Das eigentliche Thema

Museen stehen aktuell vor der großen Herausforderung, den Anschluss an die digitale Welt zu halten . Die Zusammenarbeit mit der Online-Enzyklopädie Wikipedia und ihren Schwesterprojekten hilft dabei, der Rolle als Wissensspeicher und Wissensvermittler auch in Zukunft gerecht zu werden. Ein Hinweis in der Wikipedia ist zudem kostenlose Werbung und hilft bei der Sichtbarkeit von Spezialthemen. Dieser positive Blick von Gedächtnisinstitutionen wird allerdings gelegentlich getrübt, wenn Abbildungen ihrer Bestandsobjekte ungefragt in der Wikipedia auftauchen.

Die Reiss-Engelhorn-Museen wehren sich nun gegen diesen Kontrollverlust mit einer Kombination aus ausschließlichen Schutzrechten und dem Hausrecht: Die ausschließlichen Rechte des professionellen Hausfotografen sollen verhindern, dass bereits existierende Fotos rechtefreier Werke als Open Content über Plattformen wie Wikimedia Commons freigegeben werden. Das Hausrecht wiederum kann darüber hinaus den alternativen Weg verstellen, dass Wikipedia-Autoren oder andere Besucher in den Räumen der Gedächtnisinstitutionen eigene Fotos von den Objekten anfertigen. Sollten diese Mittel gerichtlich bestätigt werden, gibt es keine legale Möglichkeit mehr, selbst seit langem rechtefreie Objekte unseres kulturellen Erbes ohne Erlaubnis der Institutionen in aller Welt online zugänglich zu machen.

Ein zentrales Argument, das für die Notwendigkeit der Kontrolle ins Feld geführt wird, sind angeblich entgangene Einnahmen. Die Reiss-Engelhorn-Museen verweisen in der Klage darauf, sie seien „nicht nur berechtigt, sondern nach dem öffentlich-rechtlichen Kostendeckungsprinzip auch dazu verpflichtet, die ihr insbesondere für die Erstellung der in ihrem Auftrag gefertigten urheberrechtlich geschützten Werke sowie den Erhalt ihres Eigentums entstandenen Aufwendungen mit angemessenen Gebührensätzen zu belegen und die Nutzung im Übrigen zu unterbinden.“

Wenn jedoch Verkaufseinnahmen wirklich erforderlich sein sollten, um den Betrieb der jeweiligen Institution zu sichern, würde ein nicht auflösbarer Widerspruch vorliegen: Die maximal mögliche Verbreitung des kulturellen Erbes wäre nur dadurch leistbar, dass sie durch ausschließliche Schutzrechte wieder begrenzt wird. Wenn die Haushaltspolitik der öffentlichen Hand diesen Refinanzierungsdruck wirklich erzeugen sollte, würde sie damit direkt dem öffentlichen Auftrag der Institutionen zuwiderlaufen.

Dritter Akt: Kooperation statt Kontrolle

Die Auseinandersetzungen über die Auslegung des Urheberrechts werden weiterhin vor Gericht geführt. Die grundsätzlichen Fragen, was der öffentliche Bildungsauftrag von Museen heute bedeutet, welche Chancen für den Bildungsauftrag im digitalen Raum liegen und ob es allein in der Entscheidung einzelner Gedächtnisinstitutionen liegen sollte, den Zugang zu unserem gemeinsamen kulturellen Erbe zu kontrollieren, sollten wir öffentlich führen.
Die Wikipedia ist ein gutes Beispiel dafür, wie das kulturelle Erbe – unabhängig von physischen Orten und Öffnungszeiten – in die Breite getragen werden kann. Offene digitale Daten ermöglichen dabei nicht nur das Konsumieren von Texten und Bildern, sondern eine echte Auseinandersetzung durch Weiternutzung und Weiterentwicklung im Sinne eines lebenslangen Lernens. Kooperation statt Kontrolle müsste daher eigentlich die Perspektive in den Museen sein.

Sollten Gerichte am Ende wirklich entscheiden, dass die digitale Vervielfältigung des gemeinfreien Wagner-Porträts neue Fotorechte entstehen lässt, sollten auch die Museen für eine Überarbeitung des Urheberrechts eintreten. Vielleicht schließen sich am Ende der Debatte die Museen sogar dem jungen Wagner an und fordern ‒ „Verbrennt zu Asche die Gesetze“ ‒ einen revolutionären Neuanfang.

Christian Rickerts

Christian Rickerts

Christian Rickerts leitet seit 2015 als geschäftsführender Vorstand Wikimedia Deutschland. Der gemeinnützige Verein zur Förderung freien Wissens hat aktuell über 35.000 Mitglieder. Rickerts war zuvor u. a. Vice President Corporate Communications bei der Bertelsmann Stiftung und Geschäftsführer der deutschen Sektion von Reporter ohne Grenzen.

Foto: Die Hoffotografen
Christian Rickerts

Letzte Artikel von Christian Rickerts (Alle anzeigen)