Die Vermessung der Flucht

Camp, Flucht Foto: Lea Macias

Zehntausende Menschen sind auf der Flucht vor Krieg und Tyrannei. Sie migrieren in ihre Nachbarländer oder wagen die gefährliche Reise nach Europa. Um ihnen helfen zu können, ist es notwendig, ihre Lage besser zu verstehen.

In der syrischen Stadt Aleppo im Norden des Landes, unweit der Grenze zur Türkei, gibt es 5657 beschädigte Gebäude; davon sind 1340 komplett zerstört, 2130 schwer und 2187 leicht beschädigt. Aufgezeichnet auf einem Satellitenbild des UN-Satellitenbeobachtungsprogramms UNOSAT hat die Kartographie und Schadensbemessung der Unterkünfte in der seit vielen Jahren hart umkämpften Stadt den Charme des Selbstgebastelten, als wäre sie in Hast erstellt worden, in der höchsten Not.

Der Bürgerkrieg in Syrien hat hier seine tiefen Spuren hinterlassen. Bei den Aufeinandertreffen zwischen Regierungsarmee und Opposition geht es schonungslos zu – die Karte mit den schraffierten, gelb und rot und orange ausgefüllten Flächen ist das nüchterne Pendant zu den Kriegsfotografien eines Hosam Katan, die Trümmerwüsten zeigen und Müllberge, einstürzende Häuserfassaden und Väter, die ihre Kinder aus der Gefahr halten. Ob Karte oder Fotografie, auf einen Blick wird bei beiden klar: Hier wurde gebombt, gewütet, vertrieben.

Die Karte kommt von REACH, einer Nichtregierungs-Organisation mit Sitz in Genf, die für humanitäre Zwecke Daten sammelt und analysiert. REACH ist dafür da, um zwei wichtige Lücken zu füllen: In Notsituationen sehen sich humanitäre Akteure zum einen großen Herausforderungen ausgesetzt, wenn es darum geht, möglichst schnell wichtige Daten zu erhalten, die zum Handeln notwendig sind. Zum anderen fehlt es Akteurinnen oftmals an nötigem Vorwissen über die betroffenen Siedlungen und die darin existierenden Gemeinschaften. Seit 2010 versucht REACH, diese Lücken mit datenbasierter Arbeit zu füllen – als Zusammenschluss zwischen dem Thinktank IMPACT, dessen Schwesterorganisation ACTED und eben UNOSAT.

Eine Prachtstraße im Flüchtlingslager

Das größte Flüchtlingslager in der Region zwischen Marokko und dem Iran liegt im Norden Jordaniens, nur wenige Kilometer entfernt von der syrischen Grenze. Es ist inzwischen mehr Stadt als Lager und dank internationaler Hilfsgelder auch ein Ort des Wirtschaftsaufschwungs. Za’atari beherbergt rund 80.000 syrische Flüchtlinge, untergekommen in Unterkünften, die auf Straßen liegen, die Namen tragen, die einem bekannt vorkommen. Champs-Élysées heißt etwa die kilometerlange Marktstraße und in der Nachbarschaft gibt es Zeitungsverkäufer und Obsthändler. Der Großteil der Flüchtlinge kommt aus dem Süden des Landes, einige kommen aus der Hauptstadt Damaskus. Gemeinsam verwaltet von der jordanischen Regierung sowie dem Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) wird Za’atari von REACH mit besonderem Fokus untersucht. Die Organisation arbeitet mit Informanten vor Ort, um Diagnosen darüber erstellen zu können, wie die Situation in der Heimat wirklich ist.

Lea Macias ist seit nunmehr zwei Jahren schon Assessment Officer bei REACH, zunächst in Genf, wo das Hauptquartier liegt, und jetzt in der jordanischen Hauptstadt Amman, nur eine Autostunde von Za’atari entfernt. „Informationsmanagement ist entscheidend“, sagt sie immer wieder. „Die Ressourcen sind knapp und Akteure müssen darauf achten, wie sie sie möglichst sinnvoll einsetzen.“ Macias und ihre Kolleginnen und Kollegen vor Ort sind dafür verantwortlich, Daten zu sammeln – von Leuten, die für sie Daten sammeln. Denn um ein möglichst genaues Bild über die Situation in Syrien zu erhalten, schickt REACH keine eigenen Mitarbeiter in das kriegsgebeutelte und somit schwer erreichbare Land, sondern versucht mithilfe von Informanten, die benötigten Informationen zu erhalten. Hierzu machen sie beispielsweise in Za’atari Flüchtlinge ausfindig, die noch Kontakt in die Heimat haben und drücken ihnen einmal im Monat recht umfangreiche Fragebögen in die Hand. Dabei legt die Organisation wert darauf, dass die Informanten in Syrien Menschen sind, die ein besonderes Verständnis sowohl von der Umgebung als auch von der Gemeinschaft haben: Krankenschwestern, Ärzte, Lehrerinnen, Leute aus der Verwaltung. „Diese Menschen sind sehr gut vernetzt. Die wissen, wo die nächste Apotheke ist, kennen den Typen, der diese Apotheke betreibt. Und der Laden unten an der Ecke, der wird von irgendwelchen Verwandten betrieben.“ Nicht zuletzt wird dabei nach Expertinnen Ausschau gehalten, die technische und handwerkliche Urteile fällen können. So entstehen relativ klare Analysen – und wichtige Handlungsanweisungen für Hilfsorganisationen.

Vertrauen ist dabei ein Schlüsselbegriff. Tatsächlich ist die Anzahl der Informanten nicht so wahnsinnig groß und keine Grundlage für repräsentative Umfragen. Jedoch wird der Kontakt zu ihnen gut gepflegt und über einen möglichst langen Zeitraum gehalten – gegenseitiges Vertrauen hilft über mangelnde wissenschaftliche Reliabilität hinweg. Auch aus diesem Grund werden die gesammelten Daten von REACH nicht roh herausgegeben. So etwas wie Datensätze gibt es also nur selten. Die Organisation fasst sämtliche Erkenntnisse in Analysen und Berichten zusammen und lädt sie in das eigene Resource Centre im Netz hoch. Dort gibt es allein zu Syrien eine Vielzahl an Dokumenten, die heruntergeladen werden können: Karten über die Verteilung von Binnenflüchtlingen, Einschätzungen über die Bedürfnisse der Menschen und ihre Lebensgrundlagen, sowie Berichte über syrische Asylsuchende in Europa.

Mit Google Maps über die Grenze

Besonders interessant ist die im September erschienene Analyse über die Nutzung sozialer Medien in Syrien. Im Zuge der Flüchtlingskrise stellt vor allem der rechte Flügel in Europa oft befremdliche Fragen, zum Beispiel: Brauchen Flüchtlinge Smartphones? Man muss nur einen Blick in den von REACH veröffentlichten Bericht über den Einsatz sozialer Medien in Syrien werfen, um eine unmissverständlich klare Antwort zu bekommen. Denn mobiles Internet ist zwingend notwendig, um internetbasierte Programme wie WhatsApp nutzen zu können – das meist genutzte und zugleich günstigste Tool, um mit Familie und Freunden außerhalb Syriens in Kontakt zu bleiben. Denn Telefonkommunikation ist im recht dürftig abgedeckten Syrien sehr teuer, nur noch wenige Menschen verlassen sich ausschließlich darauf. Dazu kommt, dass Applikationen wie WhatsApp auch im Exil lebensnotwendig sind, da sie den Menschen helfen, miteinander zu kommunizieren – und vor allem, sich zu orientieren. In der ZEIT erzählt beispielsweise der syrische Student Rasoul al-Hamade, der in diesem Jahr nach Deutschland gekommen ist, wie er mit Google Maps in der Grenzregion zwischen Griechenland und Serbien eine Brücke gefunden hat. Andere hatten ihn darauf aufmerksam gemacht, ihm die Koordinaten zugeschickt. Absurd, dass es Menschen, die das Smartphone sonst nutzen, um das nächste von Yelp empfohlene Restaurant zu finden, nicht einleuchtet, dass in humanitären Krisensituationen ein solches Gerät geradezu unentbehrlich ist.

Ein Großteil der von REACH befragten Syrer nutzt zudem Facebook, einige wenige betreiben einen Twitter-Account. Und wo Facebook und Bürgerkrieg aufeinandertreffen, da ist der Begriff der Social-Media-Revolution nicht weit. Ein gutes Beispiel dafür ist der syrische Dichter Aboud Saeed. Seine persönliche Facebook-Revolution erlebte er in der Wohnung seiner Mutter in Manbidsch, einer Kleinstadt nahe Aleppo. Er entschied sich, Statusmeldungen zu schreiben, ehrlich und direkt, unzensiert, und damit „der klügste Mensch im Facebook“ zu werden. Damit erreichte er so viele Leserinnen und Leser, dass der deutsche E-Book-Verlag Mikrotext auf ihn aufmerksam wurde und ein gleichnamiges Buch mit einer Auswahl der besten Meldungen veröffentlichte. Inzwischen lebt der Autor mit politischem Asyl in Berlin.

Wer wo wie

Die Vermessung der Flucht, wie sie REACH im Grunde unternimmt, ist inzwischen fester Bestandteil humanitärer Hilfe. „Wir laufen nicht blind in irgendwelche Situationen und sammeln Daten“, erzählt Macias. Einsätze erfolgen in Abstimmung und im Rahmen ressortübergreifender Mechanismen der Hilfskoordination. Die Einschätzungen und Gutachten entstehen stets auch in Zusammenarbeit mit anderen. Im Juni 2015 beispielsweise veröffentlichen REACH und UNICEF eine gemeinsame Beurteilung der Situation von Kindern im Za’atari-Flüchtlingslager – und sprechen am Ende konkrete Handlungsanweisungen aus.

Es geht nicht darum, möglichst viele Helferinnen und Helfer an einen Ort zu schicken und auf das Beste zu hoffen. Heute sind aufgrund von Budgetgrenzen sämtliche Organisationen darauf angewiesen, ihre Aktionen miteinander zu koordinieren. Und eine Initiative wie REACH hilft dabei festzustellen, wer wo wie am besten zu einer Verbesserung beitragen kann.

Khesrau Behroz

Khesrau Behroz

Khesrau Behroz ist freischaffender Künstler und Autor. Er hat Kommunikationswissenschaften und Literaturwissenschaft in Erfurt, Berlin und New York studiert. Macht dieses, aber auch jenes. Derzeit schreibt er an seinem Debüt-Roman. Er ist Mitarbeiter bei iRights.Media.

Foto: Dave Großmann
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