Editorial: Die Zeichen stehen auf Sturm

Als Edward Snowden am 20. Mai 2013 in ein Flugzeug von Hawaii nach Hongkong stieg, hat er sich dafür entschieden, das Gemeinwohl über sein eigenes zu stellen. Man kann sich kaum ausmalen, was es bedeutet, eine Entscheidung zu treffen, die dazu führen könnte, seine Lebensgefährtin, seine Eltern und Verwandten, seine Freunde nie mehr wiederzusehen. Sein Leben und auch seine Sicherheit werden heute geschützt von russischen Spezialeinheiten. Auch ein Spaziergang alleine im Park oder ein Urlaub am Meer, das sind Dinge, die Snowden geopfert hat, um seinem Gewissen zu folgen. Es gibt keinen Zweifel, dass er amerikanisches Recht gebrochen hat, aber das Interesse der Öffentlichkeit, über diese Vorgänge aufgeklärt zu werden, wog für ihn schwerer.

Seit sechs Monaten erschüttern die Aufklärungen über den Überwachungs- und Spionageskandal die Welt. Watergate war im Vergleich dazu ein Schülerstreich. Und heute? Der amerikanische Präsident ist zurückgetreten; der britische Premierminister hat sich unter Tränen vor dem Parlament entschuldigt und sieht einem Gerichtsverfahren entgegen; die Spitzen der Geheimdienste stehen unter Anklage; weltweit wurden Untersuchungsausschüsse eingerichtet; die parlamentarischen Kontrollorgane haben hunderte von neuen Mitarbeitern bekommen und die Datenschutzgesetze wurden zugunsten der Nutzer verschärft. Und Biene Maja hat Huckleberry Finn geheiratet.

In der Wirklichkeit ist bislang viel zu wenig passiert. Es grassiert bei nahezu allen Beteiligten das diffuse Gefühl, nicht angemessen handeln zu können. Wer wofür verantwortlich ist, ist immer noch nur in Umrissen erkennbar. Nur scheibchenweise kommt die Wahrheit an das Licht der Öffentlichkeit. Politik im hilflosen Schwebezustand.

Die diesjährige Ausgabe unseres Jahresrückblicks Netzpolitik schaut auf dieses turbulente Jahr zurück, wirft aber auch den Blick nach vorn. In Beiträgen, Kommentaren und Interviews mit Wissenschaftlern, Journalisten und Politikern beleuchten wir den Überwachungsskandal und seine Folgen für die Gesellschaft, für das Regierungshandeln und für den einzelnen Nutzer. Doch es gab nicht nur Snowden. Das netzpolitische Jahr war auch geprägt durch viele andere Entwicklungen. Urheberrecht, Big Data und Cloud Computing, neue Formen der Inhalteproduktion im Netz, Sexismus, Online-Journalismus, Bildung und Wissen – all das sind Themen, die unsere Autorinnen und Autoren näher beleuchten.

Unser Magazin gibt es wie im letzten Jahr als Print-Ausgabe und als E-Book zu kaufen. Alle Beiträge stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz und werden nach und nach auf der Website iRights.info veröffentlicht. Zusätzlich setzen wir die Software Pressbooks ein. Diese erlaubt es Ihnen, das gesamte Heft auch online zu lesen.

Für unser Titelbild konnten wir den Berliner Zeichner Tim Dinter gewinnen. Hongkong als erster Fluchtort für Edward Snowden steht für ein atemloses netzpolitisches Jahr. Die Grafik können Sie in einer limitierten und vom Künstler signierten Auflage im Großformat kaufen. Informationen dazu finden Sie auf unserer Website www.irights-media.de.

Wenn Sie das Heft zur Hand nehmen und sich die Zeit nehmen, es bei einem Tee oder einem heißen Kakao durchzublättern und zu lesen, so will ich Ihnen noch einen Gedanken mitgeben. Bis heute existiert keine positive Definition einer digitalen Gesellschaft. Wie wollen wir mit den neuen Möglichkeiten des Digitalen leben? Was brauchen wir jenseits der roten Linien, die nicht überschritten werden dürfen?

Im Namen der Redaktion
Philipp Otto
Herausgeber

Philipp Otto

Philipp Otto

Philipp Otto ist Gründer des Think Tanks iRights.Lab und des Verlages iRights.Media. Er ist Herausgeber von iRights.info. Er entwickelt Strategien und Konzepte zur Bewältigung der Digitalisierung. Hierbei arbeitet er mit und für Regierungen, Parlamente, Unternehmen und Vertreter der Zivilgesellschaft.

Foto: Jürgen Keiper
Philipp Otto

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