Schweizer Bundesbahnen: Die Zukunft ist vernetzt

Foto: Tobi 87 / CC BY-SA 3.0

Im diesem Jahr haben die Schweizer Bundesbahnen den Swiss Digital Transformation Award gewonnen. Warum bei der SBB jeder Mitarbeiter ein Smartphone haben muss.

iRights: Herr Kummer, welches Resümee ziehen Sie für das Jahr 2015?

Peter Kummer: 2015 war für uns ein richtungsweisendes Jahr. Als wir im März den Award für digitale Reife erhalten haben, waren wir ehrlich gesagt etwas überrascht. Obwohl wir digitale Lösungen schon in den verschiedensten Bereichen implementierten, hatten wir noch kein übergreifendes Konzept. Mittlerweile ist das anders. Wir haben das Jahr genutzt, um die digitale Transformation in der Konzernstrategie zu verankern und bestimmte Handlungsfelder zu definieren. Diese werden nun von einem übergreifenden Programm gesteuert. 2016 legen wir dann richtig los.

Wodurch zeichnet sich dieses übergreifende Programm denn aus?

Durch die ganzheitliche Herangehensweise, aber auch durch die entsprechende Vielseitigkeit. Die SBB sieht das Potenzial der Digitalisierung unter anderem in der Verbesserung der Kundeninteraktion, in der internen Prozessoptimierung und im Kapazitätsmanagement. Auf all diesen Ebenen haben wir schon ganz unterschiedliche digitale Lösungen umgesetzt.

Können Sie konkrete Beispiele Ihrer Digitalisierungsstrategie nennen?

Im Kapazitätsmanagement beispielsweise haben wir gleich mehrere Technologien entwickelt, die auf der Basis von Big-Data-Ansätzen und Analysen von Echtzeitdaten sehr genaue Prognosen des Schienenverkehrs ermöglichen. So können wir über die Disposition eingreifen und sich anbahnende Kapazitätsengpässe gar nicht erst entstehen lassen.
Auf der Ebene der Kundeninteraktionen bauen wir unser Online-Angebot laufend aus und bieten den Reisenden neue Services an, die ihnen entlang ihrer Reisekette einen praktischen Nutzen bieten. Ein Beispiel dafür ist Mein Bahnhof. Die App navigiert ortsunkundige Reisende über ihr Smartphone innerhalb des Bahnhofsareals an einen beliebigen Ort, den sie im System eingeben. Dank modernster Beacon-Technologie ist die exakte Ortung über das Smartphone auch auf allen Untergeschossebenen möglich.
Über die gleiche App können Reisende auch bequem von unterwegs aus ihre Einkäufe abwickeln. Innerhalb von 30 Minuten steht die Ware an ihrem Zielbahnhof bereit, wo sie diese mit einem QR-Code in speziellen Schließfächern abholen können.

Inwiefern betrifft die Digitalisierung auch Ihre eigenen Mitarbeiter?

Auf der Ebene der Prozessoptimierung ist zwar vieles noch in Planung, unter anderem konkrete Lösungen rund um die vorausschauende Wartung der Infrastruktur oder des Rollmaterials.
Um die Effizienz in der Zusammenarbeit zu verbessern, haben wir aber während des letzten Jahres erst einmal den digitalen Graben innerhalb des Unternehmens geschlossen – indem wir alle 33.000 Mitarbeitenden mit einem Smartphone oder einem Tablet ausgestattet haben. So können wir diese besser erreichen und mittels spezifischer Applikationen auch lokal die Geschäftsprozesse optimieren.

Welchen Stellenwert nimmt die Digitalisierung in Ihrem Unternehmen ein?

Zunächst unterscheiden wir im Budget nicht zwischen Digitalisierung und der restlichen IT. Wo beginnt denn Digitalisierung? Im Grunde ist doch alles digital, was wir bei der IT tun. Fakt ist, dass Informations- und Kommunikationstechnologie durch die Digitalisierung im gesamten Konzern enorm an Bedeutung gewinnt. Das macht sich logischerweise auch in einer höheren Manpower sowie im Budget bemerkbar.

In welchem Umfang greifen Sie dabei auch auf externes Know-how zurück?

Wir greifen gerne und oft auf externes Know-how zurück. Im Sourcing verfolgen wir den Grundsatz „Buy before make“. Das gilt vor allem bei bewährten Technologien und Standarddienstleistungen. Für den optimalen Einsatz von Big Data mussten wir beispielsweise mit Machbarkeitsstudien erst einmal das Potenzial ausleuchten. In solchen Fällen sind wir auf Experten angewiesen, die das gesamte Spektrum möglicher Anwendungen berücksichtigen und auf breite Erfahrungen zurückgreifen können. Expertenwissen, das für uns von strategischer Relevanz ist, bauen wir natürlich laufend intern auf. Mit benötigtem Know-how rund um die digitale Transformation sind wir intern inzwischen gut ausgestattet.

Nun geht es bei Ihnen ja einerseits um den Zugverkehr auf einem der am dichtest befahrenen Schienennetz der Welt und andererseits um Service-Leistungen, die darüber hinausgehen: Wo liegen da Ihre Prioritäten?

Der Kunde steht für uns immer im Fokus. Weil sich die Bedürfnisse und Erwartungen der Kunden im Kontext der Digitalisierung stark verändert haben und weiter verändern werden, wollen wir natürlich alle Möglichkeiten nutzen, um diesen neuen Erwartungen gerecht zu werden. Einiges in dieser Richtung haben wir schon umgesetzt, wie beispielsweise die flächendeckende Ausstattung der Züge mit Signalverstärkern, um leistungsfähige Mobilfunkservices zu ermöglichen und kostenloses SBB-WiFi an allen größeren Bahnhöfen. Unsere App SBB Mobile erweitern wir laufend mit praktischen Services für die Kunden. Ein Ziel ist es unter anderem, den Reisenden einen möglichst einfachen und persönlichen Tür-zu-Tür-Service zu bieten. Unsere digitalen Reisebegleiter sollen unseren Kunden einen individuellen Mehrwert bieten, und zwar vor, während und nach ihrer Reise.

Die Schienen enden nicht an der Grenze. Wie sieht die Zusammenarbeit bezüglich der Digitalisierung mit ausländischen Unternehmen aus?

Strategische Partnerschaften sind für die SBB in vieler Hinsicht wichtig, gewinnen jedoch gerade im Kontext der Digitalisierung an Bedeutung. Schauen Sie beispielsweise die Businessmodelle von Taxifahrdiensten oder Plattformen wie Airbnb an. Die Wertschöpfung liegt hier nicht – wie sonst üblich – in den Alleinstellungsmerkmalen der Unternehmen, sondern in der aggregierten Wertschöpfung des jeweiligen digitalen Ökosystems. Der Schlüssel zur Bewirtschaftung dieser Ökosysteme sind strategische Partnerschaften. Im Übrigen konzentriert sich die SBB aber auf ihren Heimmarkt, die Schweiz. Wir wollen in der Schweiz stark sein, nicht im Ausland.

Welche Herausforderungen sehen Sie noch auf Sie zukommen?

Die Herausforderungen, die wir in den nächsten zehn Jahren zu meistern haben, sind nicht zu unterschätzen. Wir gehen davon aus, dass neue Marktteilnehmer den öffentlichen Verkehr in der Schweiz aufmischen und sich die Mobilität insgesamt stark verändern wird: Eine Zukunftsvision mit selbstfahrenden Autos und Zügen, die über das Internet miteinander vernetzt sind und sowohl untereinander als auch mit Menschen kommunizieren, ist gar nicht so weit hergeholt. Die SBB will in dieser Zukunft weiterhin ein wichtiger Player sein und stellt die Weichen deshalb schon heute.

Was bedeutet das?

Das heißt unter anderem, dass wir lernen müssen, mit dem Spannungsfeld zwischen Stabilität und Agilität umzugehen. Als komplexes Unternehmen, das von einer Kultur der Verlässlichkeit und Sicherheit geprägt ist, müssen wir aber auch Unsicherheiten bei technischen Entwicklungen zulassen, Fehler akzeptieren und rascher reagieren und Verbesserungen vornehmen. Natürlich werden wir in sicherheitsrelevanten Fragen weiterhin keine Kompromisse machen. Aber dieser Trade-off stellt für uns schon eine große Herausforderung dar. Ich bin jedoch überzeugt, dass wir auch diesen Chance erfolgreich meistern.

Das Interview führte Christoph Zeiher.

Peter Kummer

Peter Kummer

Peter Kummer ist Leiter der Informatik und Chief Information Officer (CIO) der SBB. Kummer studierte Betriebswirtschaft und Informatik an der Universität Bern. Bei der SBB war er seit 2007 als Chief IT Architect für den Bereich „Architecture & Quality“ zuständig.

Foto: © SBB CFF FFS
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