Die zweite Welle der Digitalisierung

Foto: Mario Sixtus. Red 'n' Blue / CC BY-NC-SA 2.0

Weiß unsere Wohnung bald alles über uns? Durch das Internet of Things wird die Technik zwar unsichtbar, aber gleichzeitig omnipräsent. Eine Entwicklung, mit der wir selbstbewusst und offensiv umgehen müssen.

In wenigen Jahren werden wir von so vielen Dingen umgeben sein, die mit dem Internet verbunden sind, dass uns die Aufregung über ständig präsente Smartphones putzig vorkommen wird. Sensoren und intelligente Devices, Assistenten, Analyse-Tools und kleine Helferlein werden in der Kleidung vernäht sein oder in der Wand unseres Wohnzimmers schlummern. Und auch im öffentlichen Raum wird es nur noch wenige Ecken geben, wo wir nicht in der Reichweite des Internet of Things sind.

Seit einiger Zeit schon ist dieser Begriff in aller Munde, und irgendwie will er nicht mehr verschwinden. Ein Grund dafür könnte sein, dass es wirklich ein Mega-Trend ist, der in so vielfacher Gestalt daherkommt und so nachhaltig sein wird, dass er unser Alltagsleben maßgeblich prägen wird.

Trotz dieser Euphorie wird das Jahr 2015 sicherlich als eines der dunkelsten Jahre in die Geschichte der Netzpolitik eingehen. Die repressiven und netzschädigenden Gesetze in Europa haben vermutlich immer noch damit zu tun, dass das Internet für die Mehrheit der Bevölkerung der Kanal ist, über den die Bestellbestätigungen und die DHL-Benachrichtigungen eingehen – mehr aber nicht. Aber das wird sich bald ändern.

Die Installation läuft noch

Mit dem Internet of Things (IoT) verschwindet das Internet zunächst erstmal. Bildschirme, Displays und Tastaturen werden weniger. Dafür wandert es in zahlreiche Gegenstände unseres Alltags hinein, vernetzt diese und macht sie smart. Das kann die Hausklingel sein, das Babyphone, die Matratze im Schlafzimmer, die Nachttischlampe oder auch die Abwasseranlage und die mit Sensoren ausgestattete Mülltonne. Wenn wir heute über Vorratsdatenspeicherung sprechen, ist vielen nicht klar, was das Internet für uns in zehn Jahren bedeuten wird: Wie nahe es uns kommen wird, wie privat und verräterisch die Daten sein werden und welche katastrophalen Gefahren aus einem Missbrauch erwachsen. Die digitale Sphäre um uns wird jede Bewegung, jeden Raum und jedes Fahrzeug kennen, überwachen und steuern.

Hinzu kommt die neue Geräteklasse der Wearables, Sensoren und kleinster Steuerungsgeräte, die in der Kleidung eingenäht oder in Form von Schmuck direkt am Körper getragen werden. Auch Geräte, die in Zukunft im Körper ihren Dienst verrichten werden, gehören dazu.

2015 ist vermutlich das Jahr, in dem die Digitalisierung im breiten politischen Diskurs angekommen ist – mit ihren zahlreichen Konsequenzen, Gefahren und Gestaltungsmöglichkeiten. Allerdings stehen wir erst am Anfang. Wir haben gerade mal Diskette 2 von 17 bei der Installation des Betriebssystems eingelegt.

Deutlich wird das anhand von zwei neuen Home-Automation-Projekten, die in diesem Jahr vorgestellt wurden. und die nicht weiter auseinanderliegen könnten. Lars Hinrichs hat erste Einblicke in seine Hamburger Luxus-Immobilie Apartimentum gegeben – mit Bluetooth-gesteuerten Türen und Aufzügen, mit einer Flat-Fee statt Miete. Fast zeitgleich hat der Science-Fiction-Autor Bruce Sterling mit dem Arduino-Gründer Massimo Banzi in Turin die Casa Jasmina eröffnet. Eine Smart-Home-Installation, die den Anspruch hat, das „Home of the Future“ zu zeigen und zugleich als Maker-Club und kuratierter Demo-Space für die Technik-Szene gedacht ist. Hier kann man auf Einladung kostenlos wohnen.

Wenn man sich diese beiden Projekte anschaut, wird selbst dem unpolitischsten Menschen klar, dass mehr als nur technische Fragen relevant werden – auch wenn die Frage, wie wir in Zukunft leben werden, schon immer eine politische war. Wenn in Zukunft Sensoren an jeder Ecke lauern und intimste Dinge aufzeichnen, wird es eine Rolle spielen, ob wir das Betriebssystem dieser Sensoren kennen, und ob es möglich ist, Einfluss auf die Daten zu nehmen, die in die Cloud hochgeladen werden. Casa Jasmina verfolgt den Open-Source-Ansatz, das Hinrichs-Projekt hingegen einen, der auf maximalen Komfort und Bedienbarkeit abzielt, und ist damit automatisch Closed-Source-basiert und wenig transparent.

So groß wie zwei Briefmarken

Es ist nicht einfach, einen halbwegs soliden Stand der Technik zu vermitteln, wenn es um diesen neuen Bereich geht. Die Entwicklung ist rasant und vor allem wild. Viele der spannendsten Innovationen werden von Start-ups, Makern und Forschungsteams vorangetrieben, viele davon auf Crowd-Funding-Plattformen wie Kickstarter gefördert.

Führende technologische Plattformen für IoT und Wearables sind noch immer Arduino und der britische Raspberry – europäische Technologie-Projekte, die stark auf die Community und Open-Source setzen. Doch zunehmend bewegen sich auch größere Firmen aus der IT-Szene in das neue Feld: Intel hat auf der Maker-Faire in Rom 2013 mit dem Galileo-Board ein Kooperationsprojekt mit Arduino vorgestellt, das auch mit Feedback aus der Community weiterentwickelt wurde. Inzwischen gibt es den Intel Edison, einen vollständigen Computer mit Wifi, Bluetooth und der Rechenleistung eines Intel Pentium, aber in der Größe zweier Briefmarken und mit extrem reduziertem Stromverbrauch, sodass das Gerät wochenlang mit Batterien betrieben werden kann.

Mit dem Curie wird ein weiteres, noch kleineres Board erwartet, das sich explizit an die Macher von Wearables richtet und nicht viel größer als der Kopf einer Reißzwecke sein wird. Samsung hat auf der IFA 2015 mit der Artik-Familie eine Reihe von Kleinst-Boards angekündigt, die mit bemerkenswerter Rechenleistung aufwarten, bei ähnlich geringer Baugröße. Die neue Windows 10-Version von Microsoft wird den Raspberry 2 unterstützen und für das Internet of Things optimiert sein. Hinzu kommen zahlreiche Klein-Serien und Forschungsprojekte, sowie Spezialanfertigungen wie der Vaginal-Sensor trackle, der die Empfängnisverhütung auf Basis eines Arduino-Clones revolutionieren will und seine Daten verschlüsselt in die Cloud hochladen soll.

Im Bereich der Wearables dominieren derzeit noch Geräte, die am Arm getragen werden. Fitnessarmbänder, Uhren mit zahlreichen Sensoren, UV-Warngeräte oder auch ein kompletter Arduino mit Funkmodul in einem Ring. In Zukunft werden wir es aber mit einem deutlich breiteren Spektrum zu tun bekommen: Kleidung mit eingenähter Sensorik, um den Hautwiderstand oder die Transpiration zu messen; interaktive Kleidungselemente, die auf Umgebungsinformationen reagieren; Ohrringe, die im Rhythmus des Herzschlags der Trägerin pulsieren; und sogar Sensoren, die in Zukunft in den Körper eindringen.

Die smarte Tapete

Wir werden zunehmend Geschichten hören, wie die des 17-jährigen Paul Houle, der wegen ungewöhnlicher Messwerte auf seiner Apple-Watch zum Arzt ging und damit ein lebensgefährliches Gesundheitsproblem überleben konnte. Wearables werden derzeit noch häufig als Luxus-Gadgets angesehen, zunehmend dürften sich aber immer mehr Anwendungszwecke bieten, die für die Nutzer unverzichtbar werden – und natürlich auch für interessierte Dritte wie Krankenkassen oder Arbeitgeber.

Wir stehen beim Internet of Things erst am Anfang der Entwicklung. Die Konsequenzen der Idee, Internet in Alltagsgegenstände einzubauen und diese über Cloud-Anwendungen zu vernetzen, sind bisher erst in Umrissen erkennbar. Leitfähige Materialien und neue integrierte Schaltungen auf flexiblen Stoffen werden den Einsatzbereich deutlich erweitern. Die smarte Tapete dürfte nicht lange auf sich warten lassen und auf eine kleine Analyse-E-Mail mit ein paar mahnenden Hinweisen nach dem morgendlichen Toilettengang sollten wir uns ebenfalls einstellen.

Im Prinzip ist man bei Wearables und den meisten Smart-Home-Sensoren automatisch im Bereich sogenannter sensitiver Daten, die vom Gesetzgeber besonders geschützt werden. Hier gelten hohe Standards bezüglich der Zustimmung und der Datensicherheit. Tatsächlich werden die Daten von Fitness-Trackern häufig unverschlüsselt auf Server außerhalb der EU hochgeladen – die Zustimmung dafür wird in manchen Fällen mit dem Erwerb des Produkts oder mit der Inbetriebnahme pauschal per AGB erteilt. Die Hersteller von Home-Devices sind nicht viel sensibler und die meisten Analysten sahen in der Google-Beteiligung am Rauchmelder-Hersteller Nest daher primär das Interesse an der Datenhoheit im Wohnzimmer.

Eine besondere Verletzung dieser Zustimmungspflicht erfahren derzeit alle Besitzer eines iPhones von Apple. Im Betriebssystem 8.x, das auf allen neuen Geräten installiert ist, aber auch auf nahezu allen älteren Geräte aufgespielt wird, ist ein Schrittzähler automatisch enthalten. Dieser lässt sich nicht vom Gerät entfernen. Und noch besser: Er ist ab Werk aktiviert und zählt ungefragt die Schritte des Besitzers mit.

Hier wird klar, dass die Herausforderung darin besteht, datenschutzkonforme Varianten von Wearables zu fördern. Aber auch die gesetzlichen Vorgaben so zu fassen, dass die Anbieter Regelungen vorfinden, die datengetriebene Geschäftsmodelle dieser Art dennoch ermöglichen.

Der britische NHS, die größte gesetzliche Krankenversicherung der Welt, lieferte vor einigen Monaten ein besonderes Beispiel für die Schwierigkeit, sich in diesem Feld datenschutzkonform zu verhalten und Versicherte dabei angemessen ins Boot zu holen. Mit der Initiative care.data sollten in einem beispiellosen Akt sämtliche Gesundheitsdaten im System verfügbar gemacht und verknüpft werden. Der Patient sollte Zugang zu seinen kompletten Gesundheitsdaten bekommen, aber eben auch die Krankenkasse, Forschungseinrichtungen und Start-ups. Aufgrund schlechter Aufklärung, mangelhafter Pseudonymisierung und zahlreicher anderer Umsetzungsprobleme scheiterte die Einführung des Programms am heftigen Widerstand von Öffentlichkeit, Verbraucherverbänden und aufgeschreckten Politikern.

Sinn und Transparenz

Dieses Beispiel zeigt eine weitere zentrale Anforderung an Wearables und IoT-Devices: Transparenz. Die Hersteller, aber auch Verbände, Datenschützer und Regulierer müssen zügig für verlässliche Transparenz sorgen. Kunden sollten idealerweise auf einen Blick erkennen können, ob ein Gerät Daten generiert, und was damit passiert, in einer Art Beipackzettel. Ähnliches gilt für die Sicherheit der Kommunikation. Es sollte längst Standard sein, dass derartige Geräte verschlüsselt kommunizieren und Server-Standorte gewählt werden, die im Rechtsgebiet des Nutzers liegen.

Wenn Entwicklungen darüber hinaus nur aus der Perspektive des technisch Machbaren motiviert sind, kommt relativ wenig Brauchbares heraus. Der viel zitierte smarte Kühlschrank ist sicher eines der Standardbeispiele dafür. Viele der IoT-Anwendungen, wie der Smart Egg Monitor, der immer weiß, wie viele Eier noch im Kühlschrank sind, werden wieder verschwinden. Andere aber werden überraschend ihren Weg in den Alltag finden.

Man kann allerdings die Frage stellen, ob das technische Potenzial überhaupt in die richtige Richtung ausgelotet wird. Es steht derzeit eher zu befürchten, dass in den falschen Ecken entwickelt wird. Der Nutzwert elektronischer Helfer und smarter Kleidung wäre im Bereich der Demenz ziemlich offensichtlich. Nur leider kennen Menschen im Silicon Valley oder im Prenzlauer Berg oft gar keine alten Menschen. Ebenso wären freundliche Fitness-Tools für Menschen mit Übergewicht oder anderen körperlichen Leiden vermutlich nützlicher, als im Einsatz bei übertrainierten 30-jährigen, die sich vor dem morgendlichen Lauf noch kurz die neueste iOS-Version auf ihr Handy spielen.

Wenn man sich die aktuelle netzpolitische Entwicklung ansieht und die Tendenz, die Überwachung immer weiter auszubauen und gesetzlich zu legitimieren, kann einem Angst und Bange werden. Aber das ist eine große gesellschaftliche, politische und unternehmerische Aufgabe, der wir uns als Zivilgesellschaft stellen müssen. Vielleicht muss die Open-Source-Debatte tatsächlich nochmal in aller Schärfe geführt werden. Und wenn selbst die Bundeskanzlerin Daten als das Öl des 21. Jahrhunderts erkennt, sollte schleunigst eine Debatte darüber stattfinden, ob wir jetzt alle zu Schürfgebieten erklärt werden. Oder ob Humanität, Privatheit und der Anspruch auf ein selbstbestimmtes Leben mit der Technik-Wolke in Einklang zu bringen sind, die uns zukünftig umgeben wird.

Stephan Noller

Stephan Noller

Stephan Noller, 45, Diplom-Psychologe und Internet-Unternehmer aus Köln. Setzt sich für die Nutzung der neuen Technologien genauso ein, wie für neue Datenschutz-Standards und die dazugehörige Ethik-Debatte.

Foto: privat
Stephan Noller

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