Digital by Default

APIs mit Öffnungszeiten, Mobile Third statt First, Portale optimiert für Internet Explorer 7 – das „E“ im deutschen E-Government könnte genauso gut für Enttäuschung stehen. Aber Online-Dienstleistungen müssen sich nicht anfühlen wie das digitale Pendant zum Wartennummernziehen im Bezirksamt. Fünf positive Beispiele.

Mit der richtigen Strategie können digitale Services entstehen, die Barrieren abbauen, Verwaltungsaufwand reduzieren, Transparenz fördern und zur Beteiligung anregen. Im Zentrum erfolgreicher Dienstleistungen stehen die Bedürfnisse und Ansprüche von Nutzerinnen und Nutzern, sie sind Richtungs- und Gradmesser. Immer mehr Regierungen und Verwaltungen setzen auf nutzerzentriertes Design und „digital by default“ (Digital als Standard). Für die Umsetzung bauen sie Digital- und Innovationsabteilungen auf und holen sich so Expertinnen und Experten direkt ins Haus. Fünf Beispiele aus aller Welt geben uns Hoffnung, dass neue Technologien, richtig ein- und umgesetzt, uns dabei helfen können, einfacher und besser mit staatlichen Institutionen zu interagieren.

Discover BPS

Discover BPS – die Schul-Suchmaschine für Boston. Um Komplexität zu reduzieren und Eltern und Kindern bei der Suche nach einer passenden Schule zu unterstützen, wurde das Online-Tool Discover BPS entworfen. Die Anwendung ersetzt eine 28-seitige Broschüre mit kompliziertem Regelwerk und Vorschriften für die Schulwahl. Für die Nutzer sind Suchen und Vergleiche mit dem Tool so einfach wie auf Webseiten zur Flugbuchung. Sämtliche Komplexität wurde mit Hilfe von Algorithmen in den Hintergrund verlagert. Über ein einfaches Interface kann nach Stadtteilen, Kursen und anderen Vorlieben gefiltert werden. Es können Wunschlisten erstellt und Profile von Schulen eingesehen und verglichen werden. Die Anwendung ist ein offizieller Service der Stadt Boston und hilft jährlich tausenden Eltern und Schüler_innen beim Finden ihrer Wunschschule. Entstanden ist der Service in einer Zusammenarbeit der Boston Public Schools, dem Mayor‘s Office of New Urban Mechanics und Code for America.
discoverbps.org

Gov.uk

Gov.uk – Regierungswebseite mit Design-Auszeichnung. Beim Relaunch von gov.uk in Großbritannien lag der Fokus auf den Bedürfnissen von Nutzerinnen und Nutzern. Alle Services und Informationen sollten über eine zentrale Seite auffindbar und einheitlich gestaltet sein. Anstatt sich mühsam mit der Struktur des Verwaltungsapparates auseinandersetzen zu müssen, sollen Bürgerinnen und Bürger auf der Seite schnell und einfach Antworten auf ihre Fragen und Anliegen finden. Dazu wurde die Seite radikal restrukturiert. Man konzentrierte sich dabei auf das Wesentliche: Die komplexe Menüstruktur wich einem großen Sucheingabefeld auf der Startseite, und die Suche wurde optimiert. User-Interface-Designer, Softwareentwicklerinnen und Produktdesigner des Government Digital Service haben für die Seite nicht nur das Frontend umgestaltet, sondern auch viele interne Prozesse an die neuen Anforderungen angepasst. Alle wichtigen Services, wie zum Beispiel das Beantragen von Dokumenten und Wahlunterlagen, können auch online erledigt werden. Gov.uk ist die wahrscheinlich nutzerfreundlichste Regierungswebseite der Welt. Die Seite und ihre Funktionen werden vom Team des Government Digital Service laufend weiterentwickelt. Das Ziel: Staatliche Dienstleistungen „digital by default“.
gov.uk

Contratos Abiertos CDMX

Contratos Abiertos CDMX – Korruptionsbekämpfung durch offene Vergabedaten. Mexiko City ist die erste Stadt weltweit mit einem Open-Data-Portal rund um die Vergabe von öffentlichen Aufträgen. Auf dem Portal werden Informationen zu Ausschreibungen, zu Verträgen und zum Status der Vorhaben veröffentlicht. Über die Plattform können Bürgerinnen nachvollziehen, an wen Aufträge erteilt werden, wie viele Gelder für die Vorhaben fließen und wie schnell die Implementierung voranschreitet. Dazu können Verträge eingesehen und Informationen über die Auftragnehmer abgerufen werden. Die Informationen sind so aufbereitet, dass sie auch für Laien leicht verständlich und nachvollziehbar sind, zusätzlich werden Programmierschnittstellen für Softwareentwickler_innen angeboten.
Die vom Bürgermeister initiierte Plattform soll mehr Transparenz in die Vergabe von öffentlichen Aufträgen bringen und dabei helfen, Korruption zu bekämpfen. Aktuell können 119 Aufträge über 230 Millionen Peso eingesehen werden. Gestartet wurde die Transparenzinitiative mit Aufträgen der Finanzbehörde, in den nächsten Monaten sollen zwei weitere große Behörden folgen. Umgesetzt wurde die Plattform in einer Zusammenarbeit von Bloomberg Associates und der internationalen Organisation Open Contracting Partnership.
contratosabiertos.cdmx.gob.mx

MyUSCIS

MyUSCIS – nutzerzentriert statt prozessorientiert. Neben Wetterinformationen und Steuer- und Finanzdienstleistungen zählen Services rund um Einwanderung und Visaanträge zu den meistgenutzten Online-Dienstleistungen der US-Verwaltung. 3,6 Millionen Menschen besuchen die Seite der Einwanderungsbehörde jede Woche. Um die teils aufwendigen und komplexen Prozesse für Nutzer_innen so einfach wie möglich zu gestalten, hat sich die Einwanderungsbehörde die Unterstützung von zwei digitalen Serviceeinheiten aus der Verwaltung geholt, vom US Government Digital Service und von 18F. Die Teams haben zahlreiche Nutzerinnen interviewt und der Behörde dabei geholfen, die Dienstleistungen nicht um Prozesse und Formulare herum aufzuziehen, sondern um den individuellen Anwendungsfall des Nutzers. Entstanden ist dabei MyUSCIS, ein Service, der alle Informationen und Ressourcen rund um Anträge und Prozesse zum Thema Migration gesammelt zur Verfügung stellt. Formulare stehen in einfacher Sprache bereit und können online ausgefüllt und eingereicht werden. Zudem können Nutzer_innen ihren Status einsehen und nachverfolgen. Mithilfe eines Anmeldesystems sollen die Nutzer in Zukunft auch nächste Schritte und Termine angezeigt bekommen.
my.uscis.gov

Cape Town Budget Project

Cape Town Budget Project – die Stadt mit Hilfe von Daten verstehen. Visualisierungen von Finanzdaten sind in etwa so alt wie das Thema Open Data selbst. Es gibt sie in nahezu allen Farben und Formen. Zahlen in bunte Kreise oder Vierecke zu übersetzen, macht diese aber nicht automatische einfacher verständlich oder zugänglicher. Das dachte sich auch das Cape Town Budget Project und entwickelte eine Art des visuellen Storytellings, die Bürgerinnen und Bürgern dabei hilft, Zahlen in Bezug zu setzen und dadurch besser zu verstehen. Die Daten dafür liefert die Stadt selbst in Form von Open Data. Umgesetzt wurde die Anwendung von einem interdisziplinären Team aus Journalisten und Softwareentwicklerinnen unterschiedlicher Non-Profit-Organisationen. Der Code ist Open Source und wartet darauf, auch von anderen Städten eingesetzt zu werden.
capetownbudgetproject.org.za

Julia Kloiber

Julia Kloiber

Julia Kloiber arbeitet als Projektleiterin für die Open Knowledge Foundation Deutschland und ist im Verein Digitale Gesellschaft aktiv. Sie beschäftigt sich mit Projekten rund um die Themen freies Wissen und Open Data. Sie will Daten nicht nur öffentlich zu machen, sondern dazu anzuregen, daraus spannende Werkzeuge und Apps zu entwickeln.

Foto: privat
Julia Kloiber

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