Digitale Dopingjagd

Foto: Edgardo W. Olivera. Rio de Janeiro / CC BY 2.0

Die Olympischen Spiele in Rio haben den Glauben an einen sauberen Sport erschüttert. Doch neue Methoden des Journalismus könnten bei der Jagd nach Betrügern helfen.

Die Renaissance des Kalten Krieges im Sport findet am 9. August 2016 in der olympischen Wassersport-Arena in Rio de Janeiro statt. Die Russin Julija Jefimowa schwimmt über 100 Meter Brust um Gold, ihre ärgste Gegnerin ist die US-Amerikanerin Lilly King. Jefimowa kämpft aber auch gegen das Publikum an, das sie gnadenlos auspfeift. Groß ist schließlich der Jubel, als King als Erste anschlägt. Auch in der deutschen Berichterstattung freut man sich. „Jaaaaaa“, brüllt ARD-Reporter Tom Bartels ins Mikrofon. Dann sagt er: „Das war ein Sieg für den Sport. Gegen eine Dopingsünderin, die frech der Konkurrenz ins Gesicht lacht.“

Jefimowa war im März 2016 wegen der verbotenen Substanz Meldonium provisorisch gesperrt worden, im Mai wurde die Sperre vom Schwimm-Weltverband aufgehoben. Die 26-Jährige verglich ihre Strafe mit einem Knöllchen im Straßenverkehr. Fortan stand sie für viele Zuschauer und Medien stellvertretend für den Betrug am Sport und – natürlich auch – für den Betrug Russlands.

Die Olympischen Spiele 2016 in Rio hinterlassen eine bittere Erkenntnis. Die Spiele haben wie selten zuvor offenbart, dass der Leistungssport ein betrügerisches Gebilde ist und dass die Sportorganisationen nicht in der Lage sind, dieses Gebilde zum Einsturz zu bringen. Schlimmer noch: Die Sportorganisationen sind Teil dessen. Dieses Fazit mag unbefriedigend und ernüchternd sein, es blendet vieles aus, mitunter herausragende sportliche Leistungen oder begeisternde Zuschauer. Und doch ist es der vorherrschende Eindruck, der von den Sommerspielen in Rio de Janeiro bleibt.

Für den Sport aber könnten die Spiele von Rio, eben weil der Betrug so sehr an die Oberfläche schwappte, von heilsamer Wirkung sein. Sie könnten helfen, den Sport wieder sauberer zu machen. Und besonders die Möglichkeiten des digitalen Journalismus könnten hierbei einen wichtigen Beitrag leisten. Aber der Reihe nach.

Im Dezember 2014 sendete die ARD eine Dokumentation des Journalisten Hajo Seppelt mit dem Titel „Geheimsache Doping: Wie Russland seine Sieger macht“. Seppelt konnte in Zusammenarbeit mit Whistleblowern wie der russischen Mittelstreckenläuferin Julija Stepanowa nachweisen, dass der russische Spitzensport systematisches Doping betreibt. Das Echo auf die Dokumentation war immens, die Sportorganisationen mussten schnell reagieren. Die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada rief eine unabhängige Kommission ins Leben, die gegen den russischen Sport ermitteln sollten.

Seppelt hatte einen Stein ins Rollen gebracht, der immer mehr Tempo aufnahm. Drei Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele, am 18. Juli, veröffentlichte die Wada ihren Untersuchungsbericht zu den Vorgängen im russischen Sport. Das Ergebnis bestätigte die Informationen, die Seppelt in seiner Dokumentation geliefert hatte. Sogar eine Beteiligung des russischen Inlands-Geheimdienstes FSB wurde nachgewiesen.

Der russische Betrug war damit nicht nur aufgeflogen, sondern von hochoffizieller Stelle bestätigt. Ein Ausschluss Russlands wäre in den Augen vieler Beobachter die logische Konsequenz gewesen. Doch der Ausrichter der Olympischen Spiele, das Internationale Olympische Komitee, wagte es nicht, Russland von den Spielen zu verbannen. Russische Athleten, die nachweisen konnten, nicht in das Staatsdopingsystem involviert gewesen zu sein, durften in Rio an den Start gehen. Ausgenommen waren die russischen Leichtathleten, die allesamt nicht teilnehmen durften.

Ein vollständiger Ausschluss Russlands scheiterte wohl auch daran, dass das Riesenreich zu sehr verwoben ist mit den führenden Organisationen des Sports – schon allein deshalb, weil immer weniger Länder bereit sind, sich mit sportlichen Großveranstaltungen zu schmücken.

2014 fanden die Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi statt, 2018 wird Russland die Fußball-Weltmeisterschaft austragen. Russland ist einer der größten Player im Sport, ein Land, das bereit ist, große Mittel für die Durchführung solcher Spiele aufzuwenden und die mitunter fragwürdigen Bedingungen der Sportorganisationen klaglos hinzunehmen.

Der Fall Russland zeigt, dass der Kampf gegen Doping auch deswegen so schwer ist, weil er nicht nur gegen die unsauberen Sportler, sondern gegen ganze Systeme geführt werden muss. Hautnah erfahren hat dies Hajo Seppelt, der im Zuge seiner Rechercheergebnisse mehrfach bedroht wurde und zwischenzeitlich unter Personenschutz stand.

Doch es gibt neue Instrumente, die Dopingjägern wie Seppelt künftig bei ihrer Arbeit nützlich sein könnten. „Die Möglichkeiten im digitalen Bereich helfen uns, Informationen zu akquirieren“, sagt Seppelt. Der Journalist ist Mitbegründer eines Webportal namens sportsleaks.com, das im Juni 2016 gestartet ist. Über die Seite können Whistleblower Betrugsfälle im Sport melden, sie können belastende Datensätze, Dokumente oder Ton- und Videoaufnahmen an sportsleaks.com weitergeben. Das Portal gibt an, für die Wahrung der Anonymität der Informationen zu garantieren.

Offenbar läuft das Projekt gut an. „Wir haben bereits etliche Zuschriften bekommen“, sagt Seppelt. Die Schwierigkeit für ihn und sein Team besteht darin, die vielen Informationen zu filtern und zu prüfen. Seppelt will ein großes Netzwerk an Investigativjournalisten gewinnen, die sportsleaks.com helfen, den Verdachtsfällen nachzugehen. „Angenommen bei sportsleaks.com meldet sich jemand und berichtet von einem gedopten Pferd in Argentinien“, erzählt er. „Dann würde nicht ich mich darum kümmern, sondern wir würden einen Journalisten in Argentinien damit beauftragen.“ Seppelt ist überzeugt, „dass die Digitalisierung unsere Arbeit einfacher macht“.

Doch die Möglichkeiten von Leaks nutzen auch andere. Das wurde im September dieses Jahres deutlich, als eine mutmaßlich russische Hackergruppe namens „Fancy Bear“ in die Systeme der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada eindrang und riesige Datensätze mit Informationen über Sportler klaute.

Nach und nach veröffentlichte Fancy Bear medizinische Berichte von Spitzensportlern – vorwiegend von US-amerikanischen Athleten – und bezichtigte sie des Dopings. Dabei hatten die vermeintlichen Dopingsünder allesamt Ausnahmeregelungen für die Medikamente, die auf der Verbotsliste der Wada stehen. „Das war eine einfältige Propaganda der Russen“, sagt Seppelt. „Kein einziger russischer Sportler mit einer medizinischen Ausnahmegenehmigung wurde nämlich von den Hackern geleakt. Das war alles sehr durchsichtig.“

Der Datenklau von Fancy Bear offenbarte, dass der Sport auf die neuen Herausforderungen noch nicht vorbereitet ist, dass es keine effektiven Schutzmaßnahmen gegen Cyberattacken gibt. Viele Sportler reagierten schockiert auf die Veröffentlichung der medizinischen Berichte. Kein Wunder, handelte es sich dabei um sensible persönliche Informationen, von denen einige offenbar noch von Fancy Bear verändert wurden. Das zumindest behauptete die Wada, ohne dies konkreter zu belegen.

Dennoch: Die Digitalisierung könnte auf Dauer der Glaubwürdigkeit des Sports helfen. Davon ist auch der Mainzer Dopingforscher Perikles Simon überzeugt. „Es gibt mehr positive Aspekte als Risiken. Die Digitalisierung könnte einen Beitrag zu mehr Transparenz leisten“, sagt er.

Die Bedenken der Sportler gegen möglichen Missbrauch der Daten kann Simon gut nachvollziehen. Die Athleten befürchten, die über sie gesammelten Informationen könnten sie zu „gläsernen Personen“ machen und ihr Recht auf Privatsphäre verletzen. Der Wissenschaftler sagt aber auch: „Das Leben eines Spitzensportlers ist in dieser Hinsicht schon jetzt kein Zuckerschlecken. Ob der Athlet während einer Dopingprobe beim Pinkeln beobachtet wird oder ob die Wada umfangreich seine medizinischen Daten hortet, macht für ihn womöglich auch keinen Unterschied mehr.“

Das Entscheidende sei, sagt Simon, dass die Wada nicht weiter Datenmüll veröffentliche. Daten von Dopingtests beispielsweise brächten letztlich keinen Aufschluss darüber, ob im Kontrollsystem korrekt mit den Dopingproben der Athleten verfahren würde. Simon glaubt, dass digitaler Journalismus helfen kann, relevante Daten herauszufinden. „Er kann mehr Licht ins Dunkel bringen“, sagt er. Das Erbe der Olympischen Spiele in Rio könnte also auch sein, dass die dunkle Seite des Sports bald besser ausgeleuchtet wird.

Martin Einsiedler

Martin Einsiedler

Martin Einsiedler, geboren 1978 in Leutkirch, arbeitet seit 2008 als Sportjournalist. Sein Fachgebiet ist die Sportpolitik. Seine Dissertation zum Thema Vereinigungsprozesse des deutschen Sports in den Jahren 1989/90 wurde 2011 im Meyer & Meyer Verlag veröffentlicht. Einsiedler schreibt unter anderem für den Tagesspiegel und Zeit Online.

Foto: Frederike Borchert
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