Digitalisierung findet auch beim Aerobic statt

Foto: Scott Robinson. Dance! / CC BY 2.0

Mit den „Erweiterten Lernwelten“ möchten die Volkshochschulen in Deutschland digitale Werkzeuge für die Erwachsenenbildung einbinden. Dabei geht es um nichts geringeres als eine digitale Alphabetisierungskampagne.

iRights.Media: Was sind „Erweiterte Lernwelten“?

Stefan Will: Volkshochschulen haben eine lange Tradition in der Erwachsenenbildung, allerdings vor allem im Präsenzunterricht. Da haben wir Räume und sehr viel Wissen. Aber es gibt jetzt auch digitale Werkzeuge, die das Lernen unterstützen und erweitern können. Als ein öffentlich geförderter Bildungsanbieter, der einen Auftrag hat, möchten wir in Zukunft den Bürgern möglichst vielfältige Lehr- und Lern-Settings anbieten, in denen jeder seine Zugänge findet. Es geht darum, aus der Sicht des Lernenden, der in einem Kurs vor mir sitzt, gute Lernumgebungen zu entwickeln und anzubieten, damit diese Person ihre selbstgesteckten Ziele erreichen kann.

Können Sie ein paar Beispiele für solche Werkzeuge nennen?

Das kann eine Social-Media-Gruppe als asynchrone Lerngruppe sein, die einen Sprachkurs begleitet. Das kann ein einfacher, selbstgefilmter kleiner Videoclip einer Dance-Aerobic-Lehrerin sein, die ihre Schrittkombination aufnimmt für diejenigen, die etwas länger brauchen, um die Schritte zur Musik zu lernen. Damit können sie das zu Hause wiederholen und kommen beim nächsten Mal besser mit. Ich kann den Lernraum per Videochat erweitern: Einen Experten zuschalten oder einer stillenden Mutter die Chance geben, am Französischkonversationskurs teilzunehmen.

Was sind denn konkret die ersten Schritte, die Sie in den letzten elf Monaten getan haben, seit der Deutsche Volkshochschulverband die erweiterten Lernwelten beschlossen hat?

Der Masterplan für Erweiterte Lernwelten sieht verschiedene Stränge vor. Als erstes müssen wir Türen öffnen und überhaupt eine Bereitschaft bei den Leuten erzeugen, sich diesem Thema zu stellen. Es gibt in allen Bevölkerungsschichten noch die Auffassung: Digitalisierung betrifft mich eher nicht. Whatsapp benutzen sie zwar gerne, weil es praktisch und einfach ist, aber die Mechanismen dahinter bleiben unbekannt. Erst langsam dämmert es den Leuten, dass es eben doch etwas verändert. Aber es gibt große Vorbehalte und Ängste, sich damit auseinanderzusetzen. Es fehlt das Wissen über Technologie und digitale Prozesse, die die Gesellschaft gerade grundsätzlich verändern.

Wir haben das zurückgeführt auf den Begriff Teilhabe. Weil tatsächlich aus unserer Sicht in Frage steht: Wenn unsere Gesellschaft nicht grundlegende Kompetenzen erwirbt, um die Prozesse und die Werkzeuge der Digitalisierung zu verstehen, dann ist die Teilhabe von einzelnen Personen oder ganzen Gruppen zukünftig in Gefahr. Das würde diese Gesellschaft nicht vertragen. Deshalb haben wir neben den didaktisch-methodischen Fragen, wie man digitale Medien im Unterricht nutzen kann, einen gleichwertigen Teil, bei dem es um den gesellschaftlichen Diskurs und die politische Bildung im Bezug auf Digitalisierung geht.

Könnten Sie ein Beispiel nennen?

Ich hatte vorhin von der Social-Media-Gruppe geredet, in der ich eine asynchrone Lerngruppe bilde. Wenn Sie fünfzehn Leute in einem Spanischkurs haben, dann wollen drei, vier nicht auf Facebook sein oder andere haben kein Whatsapp. Ein Teil dieser Gruppe gründet aber trotzdem eine Social-Media-Gruppe, weil es beim Lernen hilft. Wenn jemand also unter der Woche nochmal eine Frage hat, dann beantworten die anderen sie. Pädagogisch ist das großartig. Die Dozenten stehen allerdings vor einem größeren Problem: Die drei, die nicht an der Lerngruppe teilnehmen können, regen sich auf. In der Gruppe gibt es eine Spaltung.

Wir dürfen als Institution des öffentlichen Rechts Facebook, Whatsapp und Konsorten aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht benutzen. Das heißt, wir brauchen intern für uns Volkshochschulen einen Messenger wie Whatsapp, der aber nach deutschem Datenschutzrecht funktioniert, bei dem wir unsere Gruppen abbilden können. Daran arbeiten wir – so etwas wie ein Kommunikationsnetzwerk für die Volkshochschulen. Dazu gehört nicht nur ein Chat, sondern auch so etwas wie eine Videoplattform, Nutzerprofile und so weiter.

Wie wollen Sie das erreichen?

Wir wollen in den nächsten Jahren 35 sogenannte Digicircle bilden. In einem Digicircle sind drei bis fünf Volkshochschulen, die eine Werkstatt bilden, die vom Bundesverband und den Landesverbänden intensiv begleitet wird. Jede dieser Volkshochschulen sucht sich ein Leuchtturmprojekt raus, das die Erweiterten Lernwelten sinnvoll abbildet. Sie setzt diesen Kurs um, benennt alle Hürden, benennt alle Lösungen, die rund um dieses Thema erledigt werden müssen. Das sammeln wir und machen daraus Modelle, die wir allen Volkshochschulen zur Verfügung stellen. Die Volkshochschulen kriegen Unterstützung von uns, vor allem durch Fortbildung und Coaching.

Wieso hat das so lange gedauert bis die Volkshochschulen das angehen? Digitale Lernwerkzeuge gibt jetzt schon seit zwanzig Jahren.

Weil ich glaube, dass man hauptsächlich an Curricula, Didaktik und Methodik gearbeitet und die Organisationsentwicklung übersehen hat. Ebenso hat man versäumt die Kursleitenden und Dozenten wirklich mitzunehmen. Es gibt natürlich an allen Volkshochschulen großartige Menschen, die sich auch digital engagieren, uns geht es aber darum, durchgehende Standards für alle Volkshochschulen zu setzen.

Dazu dient die zweite Säule unseres Konzepts, die unter der Überschrift „politische Bildung“ läuft. Es geht grundlegend darum, überhaupt wahrzunehmen und sich einzugestehen, wie Technologie unsere Gesellschaft verändert. Bildung und lebenslanges Lernen müssen eine Antwort darauf geben, was Technologie für Möglichkeiten und Gefahren bietet. Wenn Sie daraus eine Bewegung machen wollen, die die Masse versteht, dann muss die Masse verstehen, was gerade mit ihrem Leben passiert.

Wann kommt das bei den Teilnehmern eines Volkshochschulkurses konkret an?

In Berlin zum Beispiel hat sich der erste Digicircle konstituiert. Das sind fünf Volkshochschulen, die an einem Modellprojekt für einen betriebswirtschaftlichen Abschluss arbeiten: Finanzbuchhaltung, Lohnbuchhaltung und ähnliches. Die Teilnehmenden können Kurse ganz normal als Präsenzveranstaltungen an der Volkshochschule belegen, aber auch von zu Hause aus oder in einem Blended-Verfahren. Es gibt ein Buch und ein Webinar zu dem Programm. Sie können mit dem Buch vor Ort in den Kursen arbeiten und die Webinar-Einheiten nur zur Binnendifferenzierung oder zur Wiederholung benutzen.

Bundesweit soll bis Ende Februar 2017 in jedem Bundesland ein Digicircle aus drei bis fünf Volkshochschulen entstehen, die dann solche Angebote in jedem Bundesland spätestens nach den Sommerferien 2017 ausprobieren.

Sie sagten vorhin, dass zum Programm der erweiterten Lernwelten auch die politische Bildung gehört. Was haben Sie ganz konkret vor?

Politische Bildung ist gleichgewichtig zum pädagogischen Bereich. Ganz konkret wollen wir als erstes mit dem Thema Big Data in der Gesundheit anfangen. Also: Was passiert mit meinen ganzen Fitnessdaten? Präventionsangebote im Gesundheitsbereich sind ein riesiges Arbeitsfeld für Volkshochschulen. Wenn diese Daten aber bei der Krankenkasse landen, um Profile von Menschen zu erstellen, wie gesund sie sich verhalten und daraus Bewertungen entstehen, dann ist das eine große Gefahr für die Solidargemeinschaft.

Viele Menschen, die einen Fitness-Tracker tragen und die Daten bereitwillig abgeben, sehen das nicht. Wir arbeiten daran, für unsere Fitnessdozenten bundesweit eine Fortbildung anzubieten, damit sie vor Ort mit den Menschen sprechen können. Wir gehen damit neue Wege: Wenn wir eine Abendveranstaltung zu dem Thema „Wie verändert Big Data unsere Gesellschaft?“ anbieten, kommen vielleicht zwei Leute, die das schon kennen und eigentlich ihre Meinung bestätigt haben wollen. Das bedeutet nicht, dass wir keine Abendveranstaltungen zu solchen Themen mehr machen, wir wollen Menschen aber auch direkt dort erreichen, wo es relevant ist.

Wir sind zuständig für rund 50 Millionen Bürger, die nie wieder in eine Schule noch in eine Hochschule gehen werden. Für sie brauchen wir ein Programm – eine digitale Alphabetisierungskampagne. Das ist eine Frage der Teilhabe: Diese Menschen müssen die Chance haben zu lernen, diese ganzen Werkzeuge des Internet anwenden zu können und zu verstehen.

Das Interview führte Valie Djordjevic.

Stefan Will

Stefan Will

Stefan Will arbeitete acht Jahre in der Volkshochschule des Landkreises Fulda und schrieb mit fünf weiteren Autoren das Konzept „Erweiterte Lernwelten – Volkshochschulen in einem digitalen Zeitalter“. Seit 1. Januar 2016 ist er beim Deutschen Volkshochschulverband e. V. für die Koordination des Gesamtprozesses Erweiterte Lernwelten zuständig.

Foto: privat
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