Echt schöner Sex – so machen Sie es richtig

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Das Netz hat auf alle Fragen eine Antwort. Tutorials, FAQs und Foren sind die Ratgeber unserer Zeit. Sexualberatung inklusive. Mit Make-love.de und Omgyes.com hat eine neue Zeitenrechnung begonnen. Sauberer Sex zum Anschauen und Nachmachen.

Lecken, fingern, vögeln, blasen, ficken – jede Sekunde Tausende von Orgasmen. Das Internet besteht zu zwei Dritteln aus Pornografie. Ein irrtümlicher Glaube. Nachgezählt sind nur ein Sechstel aller Webseiten pornografisch. Tatsächlich aber zielen mehr als 40 Prozent aller Suchanfragen auf Pornografie, behauptet die Internet-Pornografie-Statistik von Netzsieger.de. Jeder zweite Mann nutzt virtuelle Erregung, vorzugsweise in den mittleren Jahren, wenn das körpereigene Testosteron zu schwächeln beginnt und die Beziehungen scheitern, weil im Bett nichts mehr läuft. Auch Frauen klicken Pornoseiten an, mal gucken, wie die Sache wieder Schwung kriegen könnte: 13 Prozent tun es am Arbeitsplatz, wo allenfalls der Chef, aber nicht der Partner über die Schulter schaut.

Pornografie, könnte man meinen, leiste sexuelle Fortbildung. In einer schier endlosen Bilderflut können wir uns anschauen, wie es geht, wenn wir nicht wissen, wie es geht. So suchen gerade auch Teenager pornografische Seiten auf, mehr Jungen als Mädchen, die jüngsten sind elf Jahre alt. Aber was lernen sie?

Und wir, die Erwachsenen? Männer brauchen einen Dauerständer und Frauen hochhackige Pumps, damit der Sex flutscht. Zum erotischen Kick wird sexueller Erfolgsdruck plus sexistischer Klischees frei Haus mitgeliefert. Mainstream-Porno bedient die Seh- und Wichsbedürfnisse des Mannes, feministischer Porno hält mit Alternativangeboten dagegen – sexuelle Fantasien von Frauen, Lesben, Transpersonen.

Aber auch Menschen mit null Bock auf Porno und null Klicks auf Pornoseiten kriegen ihre Sex-Häppchen. Hollywood leistet Nachhilfe – Leidenschaft passiert im Fahrstuhl, stehend, der Küchentisch hat ausgedient. In aufgewühlter Bettwäsche geht es dagegen in deutschen Fernsehfilmen während der Primetime zur Sache. Die Frau sitzt immer oben, ist ja auch schöner so. Nicht nur für die Kamera. Dieser Dauersexualisierung zum Trotz sind 49 Prozent aller Frauen und Männer mit ihrem Sexleben unzufrieden, ergab eine Grundlagenstudie der Universität Göttingen mit 51.000 Befragten. Vielleicht wäre es dann doch mal ganz schlau, sich zu informieren, wie sexuelle Freude nun wirklich funktioniert.

Sexualkunde für Erwachsene

Dass die Reiterstellung lustfördernd ist, verrät das Aufklärungsprojekt „Make Love – Liebe machen kann man lernen“. Zunächst für den MDR, dann fürs ZDF produziert, gibt die Hamburger Sexologin Ann-Marlene Henning vorzugsweise Paaren Nachhilfe für ihr Sexleben. Auf der Webseite Make-love.de beantwortet sie in kurzen Videoclips Fragen, die jeder hat oder vielleicht haben sollte. Unverkrampft, geradeheraus. Ähnlich klare Worte fand schon 1987 die RTL-Moderatorin Erika Berger in ihrer Sendung „Eine Chance für die Liebe“.

Ihre Nachfolgerin Ann-Marlene Henning sucht die Begegnung mit realen Menschen. Paare im mittleren Alter, die eigentlich so aussehen, als bräuchten sie keine Beratung. Aber das täuscht. Schwankend zwischen Neugier und Scham, voll offensichtlicher Freude neues Wissen zu erwerben, lauschen sie den guten Ratschlägen der Therapeutin. Und schauen mit ihr zusammen – wir befinden uns schließlich im visuellen Zeitalter – einem anderen Paar beim Sex zu. Videoaufnahmen von einer Frau und einem Mann, mit Durchschnittskörpern, keine Pornodarsteller, gefilmt im sanften Gegenlicht auf einem mit weißen Laken bespannten Bett, ein cleanes Ambiente.

Um auch noch den letzten Ruch von Pornografie zu nehmen, wird auf die nackte Haut die Körperfunktion gescannt – eine grafische Darstellung der Sexualorgane beim Geschlechtsakt, dazu Muskeln und Nervenbahnen, die das Lustempfinden ans Gehirn funken – und den Orgasmus zurücksenden. So also funktioniert das, der Aha-Effekt ist das Ziel des Ganzen. Schließlich hat uns der schulische Aufklärungsunterricht der Biostunde im Unklaren gelassen. Die schematische Darstellung von Gebärmutter, Eierstöcken und Hoden im Schulbuch wollte so gar nicht zur pubertären Entdeckungslust passen.

Das scheint bis heute so zu sein, wenn nicht schlimmer. Die Pornografisierung des Internet ermöglicht es, völlig ungeregelt und zu jeder Zeit Sex in Aktion sehen können. Jugendschutzbesorgte Forschung hat zwar festgestellt, dass die meisten Jungen und Mädchen für ihre ersten Erfahrungen das virtuelle Off bevorzugen. Dennoch beklagt die feministische Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski eine ignorante Einseitigkeit gegenüber weiblicher Sexualität, gerade dann, wenn die Wissbegierde groß ist. In ihrem Buch „untenrum frei“ beschreibt sie, wie ihr als 15-Jähriger nur Sexratgeber mit Tipps „Wie du deinen Freund glücklich machst“ begegnet sind. Und auch jetzt als 30-Jährige beobachtet sie, dass die Redaktionen von Frauenzeitschriften immense Anstrengungen in Blow-Job-Ratgeber stecken: „Der Orgasmus des Mannes wird zum heiligen Gral“. Wo bleibt das Wissen um die Lust der Frauen?

Üben hilft – und Reden

Beim Webangebot Omgyes.com stehen die Frauen im Mittelpunkt. Sie sind die Expertinnen: Anstelle einer Sexualtherapeutin vermitteln Frauen Wissen aus erster Hand. Wortwörtlich, denn hier geht es handgreiflich zur Sache. Auf einer Touchscreen-Möse können User_innen ihre Fingerfertigkeit in der Stimulation der Klitoris testen. Die dazugehörige Frau gibt aus dem Off Feedback. Sie flüstert: „Ein bisschen höher, nicht so schnell, ja, so, so so“, sie atmet, sie stöhnt. Aus zigtausend Einzelfotos und Originaltönen wurden interaktive Installationen zusammengebaut. Eine Innovation in Sachen Nachhilfe für erfüllenden Sex.

Omgyes kommt aus den USA und wurde sorgsam ins Deutsche übersetzt. Erfunden von zwei Frauenliebhaber_innen – der lesbischen Lydia Daniller und dem heterosexuellen Rob Perkins. In ihrer College-WG im kalifornischen Berkeley hatten sie sich so oft über ihre Sexpraktiken ausgetauscht, dass sie fanden, es sei an der Zeit, für das „How-to-do“ eine Plattform im Netz zu schaffen. Denn das gab es bisher nicht. Nicht in dieser Eindeutigkeit. Nicht so unpornografisch. Mit der Botschaft: üben, üben, üben – damit die Sexpartnerin endlich zu ihrem Vergnügen kommt.

Mit Sponsorengeld, unter anderem von Schauspielerin Emma Watson, und akribischer Gründlichkeit haben sie ihr Start-up in die Welt gesetzt. Zur Entmystifizierung der weiblichen Lust wurden zunächst 2.000 Frauen im Alter zwischen 18 und 95 Jahren befragt, wie sie am schönsten kommen, wenn sie kommen. Jede Frau hat schließlich ihre ganz eigenen Vorlieben und Empfindsamkeiten. Aller Sexualforschung zum Trotz war dies aber ein unbearbeitetes Feld.

Im nächsten Schritt wurden 12 Frauen gesucht, die vor der Kamera über ihre sexuellen Erfahrungen sprechen, was sie antörnt, die Lust steigert und wie sich ein richtig geiler Orgasmus anfühlt. Im elegant gefilmten Hochglanzambiente berichten nun US-amerikanische Mittelschichtsfrauen im mittleren Alter, Weiße, Schwarze, Latinas und dann doch auch eine attraktive Mittfünfzigerin im Detail „wie es geht“.

Omgyes bricht das Schweigegebot, nach dem in romantischer Verklärung der perfekte Sex angeblich von ganz alleine passiert. Woher soll der Partner – und ja, auch die Partnerin – wissen, was gefällt, wenn nicht darüber geredet wird. Zur Übung kann man auf Omgyes anhören, wie das klingt, wenn Frauen über Sex reden, welche Bezeichnungen sie für das finden, bei dem allzu oft die Worte fehlen. Für rund 30 Dollar gibt es den Zugang zur ganzen Staffel, 50 Videoclips plus 11 Tutorials zum „Anfassen und Üben“, auf Smartphone und Tablet. Also einloggen und loslegen.

Das Geld ist gut angelegt, es finanziert die Weiterentwicklung der Webplattform. Diller und Perkins stellen erneut intensive Forschung an den Anfang, momentan erfassen sie die Freuden der vaginalen Stimulation und des G-Punkts. In der zweiten Staffel werden Frauen ihre Vorlieben beim Oralsex vorstellen – die Bandbreite des Vergnügens ist groß. Bei dieser gründlichen Arbeitsweise werden sich Neugierige gedulden müssen, bis nach den Themen weibliche Ejakulation, Sex während der Schwangerschaft und nach der Geburt, Sex in den Wechseljahren und im Alter schließlich auch die Männer zum Sprechen über ihre sexuellen Bedürfnisse gebracht werden. Das Warten wird sich lohnen, das sagen schließlich auch die Gründer von Omgyes.com: Hochschaukeln garantiert maximales orgiastisches Vergnügen.

Ein paar Anlaufpunkt im Netz für Menschen, die Wissen über Sexualität jenseits der Pornografie suchen:

Theratalk.de – Ein Projekt des Instituts für Psychologie der Georg-August-Universität Göttingen, das Paaren Sexberatung auf dem neuesten Stand der Forschung anbietet.
Make-love.de – Die Website zur Sendung „Make Love“. Ann-Marlene Henning erklärt charmant und kompetent Themen wie das erste Mal, Sex in den Wechseljahren und vieles mehr.
Omgyes.com – Wie kommen Frauen zum Orgasmus? Fragen wie diese beantwortet die Aufklärungswebsite über weibliche Sexualität.

Christine Olderdissen

Christine Olderdissen

Christine Olderdissen empfand die Generationenzuschreibung Digital Immigrant als Aufforderung. Vor fünf Jahren ließ sich die Journalistin und Juristin vom Frauencomputerzentrum alles über Online-PR und Social Media erklären. Seither tummelt sie sich im Netz und freut sich darauf, bald ihrer Tochter beim Einstieg ins WWW die Räuberleiter zu halten.

Foto: Eva Hehemann
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