Eine digitale Schlammschlacht

Foto: Rob Marquardt. Boiling Mud / CC BY-SA 2.0

Der Wahlkampf in den USA überschritt immer wieder Grenzen, die Stimmung vor der Wahl war vergiftet und aufgeheizt wie selten zuvor. Die Emotionalisierung der Debatte wurde auch durch soziale Medien befördert.

August 2016: Eine Wahlkampfveranstaltung in einer Kleinstadt irgendwo in Pennsylvania. Die Menschen tragen Kappen mit der Aufschrift „Make America great again“, schwenken Fahnen, warten gespannt auf den Auftritt ihres Präsidentschaftskandidaten. Natürlich sind auch Journalisten da, sprechen mit Leuten, führen Interviews. Eigentlich war die Stimmung ganz nett, wird Matthias Kolb, der für die Süddeutsche Zeitung aus den USA berichtet, später sagen. Doch dann betritt Donald Trump die Bühne – und legt los. Er beschimpft und beleidigt „die Medien“, bezichtigt sie der Lüge und spricht von Manipulation. Die Menge gröhlt zustimmend. Es sind genau die Menschen, die kurz zuvor noch bereitwillig Interviews gaben und mit den Reportern von CNN, Fox News oder NBC Selfies machten.

Die Szene, die Journalist Kolb erlebt hat, steht beispielhaft dafür, welche Gangart in diesem US-Wahlkampf herrschte. Fakten zählten nicht mehr, Emotionen und Gefühle bestimmten die politischen Debatten. Jeder bastelte sich seine eigene Wahrheit. Es gibt einen Begriff dafür, der durch die Medien waberte: Wir befinden uns im „postfaktischen Zeitalter“. Donald Trump ist eine der Hauptfiguren, an der Beobachter diese Entwicklung festmachen. Das Duell zwischen ihm und Hillary Clinton verkam zu einer Schlammschlacht. Einer Schlacht, die natürlich auch auf digitalen Kanälen geführt wurde.

Neu ist die Nutzung dieser Kanäle in der US-amerikanischen Politik nicht, Barack Obamas Social-Media-Kampagnen im letzten Wahlkampf galten als mustergültig. Neu ist aber, dass offensichtliche Lügen plötzlich salonfähig und durch die Mechanismen der Online-Netzwerke verstärkt wurden. Besonders Donald Trump scheint egal zu sein, ob er wahre oder unwahre Behauptungen ins Netz feuert.

Trumps Ziel war: Er wollte gehört werden und lauter sein als seine Rivalin. Und er war lauter. „Trump ist ein echter, nationaler Promi. Seine Show war jahrelang auf Platz eins – und so, mit diesem Blick auf die Dinge, tritt er auch auf“, erklärte Steven Ginsberg, politischer Korrespondent der amerikanischen Washington Post, im Gespräch mit dem NDR.

Donald Trump ist eine Medienfigur durch und durch. Er beherrscht die Logik von Twitter, Facebook und Co. Ihm kommt zugute, dass vor allem die 140 Zeichen bei Twitter einfache Lösungen und Aussagen verlangen. Einem Populisten wie Trump helfe es, dass in der digitalen Sphäre die große Gesamtöffentlichkeit in viele kleine Teilöffentlichkeiten zerfalle, sagte Johannnes Kuhn. „Entsprechend leicht fällt es ihm, seine Botschaften richtig zu platzieren“, resümiert der Journalist. Kuhn berichtet ebenso wie Matthias Kolb für die Süddeutsche Zeitung aus den USA. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Hakan Tanriverdi stellten sie ihre Eindrücke auf dem Zündfunk Netzkongress im Oktober 2016 in München vor.

In der Diskussion in München wurde deutlich: Trump bewegt sich online in einer Filterblase. Dort werden selbst krude Botschaften verstärkt und nach außen getragen. Im Wahlkampf postete er fragwürdige Umfragen, die ihn im Rennen um die Präsidentschaft vorne sahen, er bediente die Erwartungen seiner Anhänger. Selbst eigene Parteikollegen griff er an. „Trump lebt in dieser Welt auf seine eigene, verrückte Art und Weise“, sagt SZ-Autor Kuhn. Das Fazit der drei Journalisten: Trump will Menschen erreichen, die sich abgehängt fühlen. Menschen, die genug von den politischen Eliten in Washington haben. Und Menschen, die gerne dem vermeintlich stärksten Anführer folgen wollen. „Die Menschen sind gefesselt von jemandem, der alle Regeln bricht. Das hat eine gewisse Faszination und man will sehen, wohin das führt“, versucht Ginsberg von der Washington Post das Phänomen Trump zu erklären.

Hillary Clintons Social-Media-Strategie unterschied sich dagegen wesentlich von der Trumps. Kuhn bringt es so auf den Punkt: „Clinton ist nicht aus dem Social-Media-Universum, sie ist eine private Frau. Ihr fehlt in der digitalen Welt die Authentizität.“

Deswegen kam Clintons Wahlkampf in den sozialen Medien eher klassisch daher. Sie twitterte Statistiken über Gefängnisinsassen in den USA oder postete inszenierte Bilder, zu denen sie wohlüberlegte Wahlkampfslogans textete. Meist sah das professionell aus, alles war gut durchdacht. Clinton wollte sich auch online staatsmännisch präsentieren. Aber vielleicht war gerade das ein Problem. Donald Trumps Tweets kommen spontaner daher, sie klingen eher so, wie er spricht. Deswegen bekamen sie in der Regel mehr Aufmerksamkeit.

Trump bezeichnete seine Rivalin im Wahlkampf als „Crooked Hillary“ (betrügerische Hillary) und befeuerte immer wieder krude Verschwörungstheorien. „Trump greift Verschwörungstheorien, die im Netz kursieren, auch bei seinen Wahlkampfreden auf. Zum Beispiel heißt es da immer wieder, Clinton habe Menschen umbringen lassen“, berichtete Kolb den erstaunten Zuhörern in München. Ungläubiges Gelächter ist die Reaktion. Doch in den USA gibt es viele Menschen, die so etwas glauben.

Nicht nur im US-amerikanischen Wahlkampf werden die Fakten passend zurechtgebogen, „postfaktisches“ Verhalten gibt es überall. Auf dem Zündfunk Netzkongress wird ein Video mit Zitaten von Franz Beckenbauer, Andreas Scheuer und Günther Oettinger eingespielt. Der „Kaiser“ will auf den Baustellen für die Fußball-WM in Katar keine Sklaven gesehen haben, der CSU-Generalsekretär findet fußballspielende Senegelasen „besonders schlimm“ und der EU-Kommissar für Digitales fordert, dass Englisch als Weltsprache weiter gestärkt werden müsse – vorgetragen in unverständlichem Englisch. Donald Trump ist nicht alleine damit, Fakten an den Rand zu drängen. Der Trend zur Emotionalisierung von Debatten ist überall zu beobachten.

Vielleicht hilft es, sich manche Dinge ganz analytisch anzuschauen, besonders in der aufgeheizten Atmosphäre des US-Wahlkampfs. Das gilt auch für das Verhalten von Donald Trump auf Twitter. Die Webseite trumptwitterarchive.com etwa analysiert Trumps Tweets und zählt, wie oft er Ausdrücke wie „dumm“, „Loser“ oder „Trottel“ verwendet.

Auch die Süddeutsche Zeitung hat einen Blick hinter die Kulissen des Social-Media-Wahlkampfs geworfen und Daten von Trumps Twitter-Account ausgewertet. Autor Bernd Graff zeigt, dass Trumps Profil im Wahlkampf von zwei verschiedenen Smartphones bespielt wurde: einem Android-Gerät und einem iPhone. Das hat der Datenwissenschaftler David Robinson herausgefunden. Demnach stammten Tweets, die Beleidigungen, Hasskommentare oder andere negative Aussagen enthalten, vom Android-Gerät, während die positiven und optimistischen Texte vom iPhone losgeschickt wurden. Donald Trump selbst zeigte sich in der Öffentlichkeit immer mit Android-Handy, das iPhone gehörte wahrscheinlich zu seinem Wahlkampfteam. „Dr. Jekyll und Mr. Trump“, nennt Journalist Graff das Ergebnis.

Interessant ist auch, wie Donald Trump online mit Skandalen und Enthüllungen rund um seine Person umgeht. Er tritt meist die Flucht nach vorne an. Nachdem ein Video öffentlich wurde, in dem er sich sexistisch und abfällig über Frauen äußert („Wenn du ein Star bist, lassen sie dich alles machen.“), veröffentlichte er eine halbherzige Entschuldigung und ging sofort zum Angriff auf seine Rivalin über. Auch als bekannt wurde, dass er jahrelang keine Steuern bezahlt hatte, griff er erneut sofort Clinton an und machte sie für die laschen Steuergesetze in den USA verantwortlich.

Doch Trumps wohl auffälligste Taktik ist seine Stimmungsmache gegen die großen, traditionellen Medien. Sie würden die Wahl manipulieren wollen, indem sie gezielt Lügengeschichten über ihn verbreiteten. In regelmäßigen Abständen twitterte er „Media rigged election!“ – die Medien würden die Wahl manipulieren, ein schwerer Vorwurf. Er wies Anschuldigungen, die gegen ihn im Raum standen, von sich – und witterte einen großen Medienkomplott. Ohne die sozialen Medien und eine radikale rechte Medienszene wäre Trump kaum in der Lage gewesen, solche Gerüchte, die tausendfach retweeted und geteilt wurden, zu verbreiten.

Und was ist mit Hillary Clinton? Schließlich vergisst man bei all den Skandalen um Donald Trump schnell, dass sie keineswegs eine weiße Weste hat. Das FBI rügte sie, weil sie dienstliche Mails von ihrem privaten Mailserver verschickt hatte. Die Enthüllungsplattform Wikileaks veröffentlichte Gagen, die sie für Reden bei großen Banken wie Goldman Sachs erhalten hatte. Eine gewisse Nähe zur Finanzindustrie an der Wall Street war ihr schon lange vorgeworfen worden.

Clintons Reaktion in den sozialen Medien: Gar keine. Sie machte weiter Wahlkampf und blendete die Vorwürfe gegen sie – zumindest online – einfach aus. Ein Umstand, der manchen Beobachtern sauer aufstieß. „Clintons Fehler fallen mir zu oft unter den Tisch“, ärgerte sich ein Teilnehmer des Zündfunk Netzkongresses. „Vor allem deutsche Medien haben sich sehr auf Trump eingeschossen.“ Er sei zwar kein Fan von Trump, im Gegenteil. „Aber ich frage mich, ob das eine ausgewogene Berichterstattung ist.“

Selten gab es in den USA wohl zwei so unbeliebte Präsidentschaftskandidaten. Das war wahrscheinlich ein Grund, warum dieser Wahlkampf in eine solche Schlammschlacht münden konnte.

Doch ganz gleich, ob man sich wundert, wie ein Mann, der twittert und postet wie ein Troll, Präsident der USA werden konnte – eines ist klar: Social Media kann in der Politik eine große Macht entfalten. Und abgesehen von der Frage, wer diese Wahl am Ende aus welchen Gründen für sich entschieden hat, tragen die Strukturen der digitalen Welt dazu bei, dass Menschen wie Donald Trump sich Gehör verschaffen können.

Lukas Schöne

Lukas Schöne

Lukas Schöne, 24, ist geboren und aufgewachsen in der südwestfälischen Provinzstadt Attendorn und war dort über drei Jahre als Lokalreporter unterwegs. Er studierte Sozial- und Medienwissenschaften mit dem Schwerpunkt Politische Kommunikation in Siegen. Zurzeit absolviert er die Ausbildung zum Redakteur an der Deutschen Journalistenschule in München und macht seinen Master in Journalismus an der Ludwigs-Maximilians-Universität.

Foto: privat
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