Eine fluide Angelegenheit

Foto: SDTB / C. Kirchner

Die neue Dauerausstellung „Das Netz. Menschen, Kabel, Datenströme“ im Deutschen Technikmuseum in Berlin behandelt ausgehend vom Internet das Thema Vernetzung – in seinen technischen, sozialen und politischen Auswirkungen. Ein Gespräch über Kulturpessimismus, Whistleblowing und zerstörte Festplatten.

iRights: Was war der Anlass für das Technikmuseum, eine Ausstellung zum Thema „Das Netz“ zu machen? Wie kam es dazu?

Joseph Hoppe: Die Ausstellung „Das Netz. Menschen, Kabel, Datenströme“ markiert einen gewissen Aufbruch für das Deutsche Technikmuseum. Anstatt weiter innerhalb der Techniktraditionen Straßenverkehr, Schifffahrt, Luftfahrt und ihrer chronologischen Darstellung zu verbleiben, gilt es zu schauen, wie wir gegenwärtige Sachverhalte darstellen können, um gesellschaftliche Fragestellungen, technische Entwicklungen, persönliches Erleben, aber auch Lebensrisiken in einer Ausstellung zusammen erfahr- und erlebbar zu machen. „Das Netz“ ist die erste Ausstellung im Rahmen dieses Konzepts, da es sich um eines der gegenwärtig am heißesten diskutierten Themen handelt. Als Kuratoren des Technikmuseums waren wir sehr stark an dieser Thematik interessiert. Zudem können wir hier einen neuen Bereich abdecken, der in unserem Museum bislang unterrepräsentiert war. Bisher haben Themen der harten Technik eine große Rolle gespielt, wie beispielsweise der Verkehr. Die neuen weichen Technologien sind demgegenüber weniger stark präsent gewesen.

Was meinen Sie mit weicher Technik? Das Internet basiert doch auf harten technischen Grundlagen.

Joseph Hoppe: Jede Art von Technologie hat natürlich einen harten Kern der Materialität, den wir auch in „Das Netz“ sichtbar machen. Auf der anderen Seite weist das Internet aber auch sehr viele weiche Aspekte auf. Die Ausstellung steht vor der Aufgabe, auch die Bandbreite sozialer Aspekte, die gesellschaftliche Erfahrung, Haltung und Problematik des Internets zu thematisieren. Das war nicht immer ganz einfach.

Eva Kudraß: Für das Kuratoren-Team ging mit der Themenfestlegung der Wunsch einher, die Besucher der Ausstellung zu einem anderen und reflektierten Nutzerverhalten zu ermächtigen. Dabei geht es einerseits darum, ein technisches Verständnis des Internets zu vermitteln: Hintergründe zu klären, Techniken aufzuzeigen, Begriffe zu visualisieren – was sind Internetknoten oder was ist Paketvermittlung zum Beispiel? Neben diesen technischen Fakten wollen wir aber auch die Auseinandersetzung mit nicht-technischen Aspekten und Themen des Internets anregen: das eigene Nutzerverhalten hinterfragen, Stellung beziehen und sich gegebenenfalls für eine Veränderung einsetzen. Es soll deutlich werden, dass eine reflektierte Nutzung des Internets zu politischer Einflussnahme und der Teilnahme an entsprechenden Debatten befähigt.
Zu der Ausstellung gibt es ein großes Begleitprogramm. Dabei haben wir zum Beispiel mit Freifunk, Wikimedia, Wikileaks oder der Kryptoparty-Bewegung gesprochen. Diese Gruppen haben ein großes Interesse daran, die allgemeine Bevölkerung zu erreichen. Es kann sich nur dann etwas ändern, wenn in der Breite verschlüsselt wird, und nicht dann, wenn das irgendwelche Freaks bis auf die letzte Kommazahl in einer sehr großen Sicherheitsstufe machen.

Joseph Hoppe: Das Internet ist eine enorm fluide Angelegenheit, die sich schwer greifen lässt. Die Ausstellung gibt Themen wie Internet, Netzpolitik, etc. eine Adresse. Die Ausstellung ist ein Ort, an dem Internet stattfindet. Museen sind immer spezielle Orte, die aus speziellen Anlässen besucht werden. Wir haben einem Themenfeld, das eigentlich ortlos ist, in der Ladestraße einen Ort geschaffen.

Ein Beispiel für die Verschränkung von Technik, Gesellschaft und Politik ist das Thema Whistleblowing, das Sie mit zahlreichen Exponaten behandeln.

Eva Kudraß: Die Snowden-Affäre fiel zeitlich mit der Ausstellungsentwicklung zusammen, und es war klar, dass wir dieses Ereignis thematisieren mussten. Das Logic-Board aus der Redaktion des Guardian ist ein Objekt, auf das wir ganz besonders stolz sind. Es handelt es sich dabei um kaputte Hardware, die aber eine spannende Geschichte erzählt: Die Redaktion des Guardian musste damals entscheiden, die Hardware entweder zu zerstören oder dem Geheimdienst zu übergeben. Unter Anwesenheit von Geheimdienstmitarbeitern wurde diese Hardware letztlich zerstört. Ich finde es sehr eindrucksvoll, dieses Exponat – das Logic-Board mit ganz offensichtlich martialisch ausgemerzter Hardware – jetzt in einer Vitrine zu sehen. Die staatlichen Repressionen gegenüber Whistleblowing und investigativem Journalismus lassen sich nicht deutlicher und symbolhafter darstellen.

Andere Objekte in diesem Themenspektrum sind zum Beispiel ein Web- und ein Datenbankserver, auf denen die Wikileaks-Daten gehostet waren, außerdem eine geschredderte Festplatte des ersten Wikileaks-Servers. Beide zeigen an, wie schwierig es ist, langfristig heikle Daten im Internet präsent zu halten. Der ehemalige Wikileaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg erläutert das in einem begleitenden Interview. Durch die Monopolisierung der Internet-Provider wird es zunehmend kompliziert, Menschen zu finden, die den Mut haben, diese Daten zu hosten. Unternehmen, die den Ansatz von Wikileaks unterstützen, riskieren juristische Probleme und werden vom Staat verfolgt. Wir stellen beides dar: einerseits das Internet als Möglichkeit, technisch relativ einfach solche Staats- und Wirtschaftsgeheimnisse publik zu machen, und andererseits die Schwierigkeiten, Provider zu finden, die den Mut haben, diese Daten zu hosten.

Ein drittes spannendes Objekt ist ein analoges Modem aus den 1990er-Jahren. Das Exponat gehört einem Mitglied der Netzaktivisten-Gruppe Telecomics. Damit hat die Gruppe versucht, Anfang 2011 in Ägyptern die staatlichen Netzsperren zu umgehen. Dieses Analogmodem stand in Deutschland und die Menschen in Ägypten konnten sich einwählen und ins Internet kommen – ein technisch sehr aufwendiger Umweg ins Internet.

Joseph Hoppe: Das Verhältnis von alternativer zu staatlich gelenkter Öffentlichkeit ist seit Jahrzehnten in verschiedenen Formen immer wieder thematisiert worden – das ist nicht nur ein Thema im Internet. Wir versuchen hier auch die Kontinuitäten aufzuzeigen. Es gab in den 1980er-Jahren im Wendland bei den Protesten gegen das Atommülllager in Gorleben ein Hüttendorf. Dort gab es einen eigenen Sender, Radio Freies Wendland, der bei der Räumung von Planierraupen überfahren wurde. Dieses kaputte Sendeteil zeigen wir in der Ausstellung. Es steht für mich in einer Linie mit dem Festplatten-Thema.

Geht man durch die Ausstellung, fällt auf, dass Sie sich eher auf die Chancen als auf die Nachteile des Internets konzentrieren.

Eva Kudraß: Wir haben bei der Konzeption mit einem Jugendrat aus Jugendlichen einer Brandenburger Schulklasse zusammengearbeitet. Sie haben uns bei der Konzeptentwicklung immer wieder an verschiedenen Stellen beraten. Die Jugendlichen haben uns gebeten: „Bitte macht nichts über Cyber-Mobbing – das können wir nicht mehr hören!“ Sie haben uns in der Ansicht bestärkt, keinen kulturpessimistischen Blick auf das Thema Internet zu werfen.

Wir haben zum Beispiel einen Ausstellungsbereich zum Thema Games und vernetztes Spielen, wo wir versuchen, das Thema realistisch zu betrachten, also dass Spielen Spaß macht und für viele Jugendliche – und Erwachsene – ein ganz normales Medium ist. Wir behandeln zwar durchaus auch die sozialen Probleme, aber nicht so, dass Computerspielen erst mal schlimm ist und zu Amokläufen und ähnlichem führt, sondern wir drehen das Thema ein bisschen um. Der Jugendrat und die Kollegen vom Computerspiele-Museum waren an der Stelle durchaus ein Impulsgeber.
Fragt man die Jugendlichen nach ihrem Nutzerverhalten, lässt sich feststellen, dass eine Offline-Welt für sie gar nicht existiert. Für 15-Jährige ist es selbstverständlich, dass sie nie ohne Netzanschluss unterwegs sind und entsprechend permanent auf das reagieren, was sie aus dem Internet erreicht. Ob das gut oder schlecht ist, sei dahingestellt – wir müssen es aber als gesellschaftliche Entwicklung anerkennen. Zu diesem Themenpunkt existiert in unserer Ausstellung eine Einheit zur permanenten Erreichbarkeit und dem information overflow. Dort diskutieren wir auch die Vor- und Nachteile der ständigen Erreichbarkeit. Wir stellen das nicht pauschal rosarot dar, aber als Grundtendenz haben wir eher einen positiven Blick auf die Entwicklungen. Für uns als Kuratoren jedenfalls war die Auseinandersetzung mit den Jugendlichen als Digital Natives eine tolle Erfahrung.

Joseph Hoppe: Von unserer Seite, dem Museum als Bildungsinstitution, gab es für die Ausstellung nie den Ansatz, uns vor den Karren einer konservativen Kulturkritik spannen zu lassen, die zu Mahnung, Maß und Vorsicht aufruft. Aber ich erinnere mich an die erste Ausstellungspräsentation im Kollegenkreis. Ich war überrascht, dass einige Kollegen die Erwartung artikulierten, dass dieser pädagogische und zähmende Zeigefinger sehr viel stärker Haltung der Ausstellung sein müsste. Das konnte sich als Forderung nicht durchsetzen, aber wir rechnen mit entsprechenden Reaktionen. Ich denke allerdings, dass es darum nicht gehen kann. Auch in unseren Ausstellungen zum Straßenverkehr warnen wir nicht vornehmlich vor den Risiken des Autofahrens.

Das Interview führte Valie Djordjevic.

Eva Kudraß & Joseph Hoppe

Eva Kudraß ist kommissarische Leiterin des Sammlungsbereichs Mathematik und Informatik im Deutschen Technikmuseum. Seit 2002 ist sie als Ausstellungskuratorin tätig (u.a. für das Jüdische Museum Berlin, den Martin-Gropius-Bau und das Deutsche Technikmuseum).

Professor Joseph Hoppe ist stellvertretender Direktor des Deutschen Technikmuseums Berlin, unter anderem zuständig für die Ausstellungsplanung. Er konzipierte und organisierte zahlreiche medien- und kulturhistorische Ausstellungen.

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