Eine Stadt voller Sensoren

Foto: Matt Biddulph / CC BY-SA 2.0

Smart Citys können für die Bewohner viele Vorteile bringen: Von sinkendem Energieverbrauch bis zu weniger Verkehr. Welche Vorteile bringt die Digitalisierung der Städte und was sind die Risiken?

Hinter dem Begriff Smart City können sich verschiedene Vorstellungen verbergen. Am eindrucksvollsten sind sicherlich Städte, die aus dem Nichts erschaffen werden, und in denen ganz viel automatisch funktioniert, wie etwa in Dubai. Solche Smart Cities sind Prestigeprojekte, sowohl für die Stadt als auch für die Unternehmen, die die Technologie bereitstellen und eine Gelegenheit haben zu zeigen, was technisch möglich ist. Der Begriff Smart City funktioniert hervorragend, um die eigene Stadt oder das eigene Projekt anzupreisen und hervorzuheben.

In historisch gewachsenen Städten geht es meist bescheidener zu. Zum einen gibt es meist keine flächendeckend smarte Städte, sondern kleinere smarte Stadtteile, in denen Dinge ausprobiert werden. Zum anderen geht es dabei normalerweise um ganz konkrete Anwendungsbeispiele, die für sich genommen weniger futuristisch wirken, aber dennoch ihre Vorteile mit sich bringen. Ein Beispiel ist die Nutzung von Energie. Es gibt unzählige Projekte, die darauf abzielen, weniger Energie zu verschwenden und vorhandene Ressourcen effizienter zu nutzen. Mit sogenannten Smart Grids etwa kann der Stromverbrauch aller angeschlossenen Firmen und Haushalte sehr detailliert überwacht und optimiert werden. Die Voraussetzung dafür sind Sensoren, die Messungen vornehmen, aus denen dann Informationen abgeleitet werden. Eine Smart City ist eine Stadt voller Sensoren.

Wie funktionieren Smart Cities?

Das kommt auf die Ausgestaltung des Begriffs Smart City an. Ich sehe da im Wesentlichen drei Modelle.

Das erste Modell ist technikbasiert und geht auf jeweils einen zentralen Akteur zurück. Große Unternehmen wie IBM oder Cisco bieten den Städten im Voraus entworfene Komplettlösungen an, um die städtische Organisation und Verwaltung zu verbessern. Diese Städte werden smart, weil die Unternehmen gezielt Sensoren einsetzen, um bestimmte Informationen zu sammeln und auszuwerten, zum Beispiel Sensoren an Brücken, Bäumen, Ampeln oder Straßenlaternen. Die Zwecke können dabei sehr verschieden sein, von der Verkehrslenkung über Bauprojekte bis zur Stadtreinigung. Die öffentliche Verwaltung hat in der Regel nicht selbst die Mittel, um solche Projekte zu realisieren. Die Städte sind die Kunden der Unternehmen. Man kann in dieser Hinsicht sagen, dass sich hinter dem Phänomen der Smart Cities eine Ansammlung privatwirtschaftlicher Projekte verbirgt.

Das zweite Modell macht Städte zu Smart Cities, indem die Einwohner und Besucher der Stadt als Datenquellen funktionieren. Es basiert auf dem Input vieler Einzelner, die zusammen eine Intelligenz ermöglichen, die die Stadt smarter machen kann. Jeder trägt mit seinem Smartphone einen Sensor mit sich herum, der von Unternehmen wie Google dazu genutzt wird, Informationen zu gewinnen. In der Masse sind diese Informationen dann hilfreich, um bestimmte Abläufe in der Stadt zu verbessern, zum Beispiel im Straßenverkehr. Diese Informationen sind in den digitalen Spuren enthalten, die jeder von uns hinterlässt, wenn er sich durch die Stadt bewegt, zum Beispiel wenn man mithilfe von Geolokalisierungsdiensten nach einer Tankstelle in der Nähe sucht. Die Informationen können aber auch bewusst eingegeben werden. Google hat vor einiger Zeit die israelische App „Waze“ gekauft, mit der die Nutzer sich gegenseitig in Echtzeit Informationen zu Staus, Unfallstellen, Blitzern und so weiter zur Verfügung stellen können. Durch die Menge an Einzelinformationen kann die App dann für jeden die beste Route bereitstellen, um reibungslos von A nach B zu kommen. Außerdem gewinnt Google wichtige Informationen, etwa darüber, wo man die Infrastruktur der Stadt anpassen könnte, um Staus zu verhindern. Auch dieses Modell ist in privatwirtschaftlicher Hand.

Das dritte Modell geht über den Einzelnen als bloßen Datenlieferanten hinaus. Ich nenne es „WikiCity“, weil jeder selbst aktiv werden und sich beteiligen kann. Ein Beispiel hierfür ist die App „SeeClickFix“, mit der etwa Ampelstörungen oder pflanzenüberwucherte Fahrradwege dokumentiert und direkt bei einer zuständigen Behörde bekannt gemacht werden können. Darüber hinaus können Anwohner praktische Verbesserungen für ihren Stadtteil vorschlagen und diskutieren. Sie kennen ihren Stadtteil oft am besten und im Sinne der WikiCity kann diese verteilte Intelligenz genutzt werden, um die Stadt smart zu machen. So gesehen können Smart Cities auch ein Mittel sein, um politische Partizipation zu fördern.

Welche Risiken bringen Smart Cities mit sich?

Das größte Risiko sehe ich im Bereich der Sicherheit. Wir leben in Zeiten von häufigen Hackerangriffen, und gerade eine städtische Infrastruktur bietet viele attraktive Ziele für Hacker. Um smart zu sein, müssen die Städte vernetzt sein. Es ist bisher aber keine robuste Struktur vorhanden, die gegen Datendiebstähle oder Fremdkontrolle geschützt wäre. Dieses Jahr gab es viel mediale Aufmerksamkeit für einen Fall, in dem Hacker aus der Ferne die Bremsen eines fahrenden Autos deaktivieren konnten. Zum Glück war das Ganze ein geplantes Experiment, um die Sicherheitsvorkehrungen des Autoherstellers zu verbessern. Wenn man sich etwas Ähnliches für Ampelschaltungen oder Stromnetze vorstellt, dann wird deutlich, warum Sicherheit eine der großen Herausforderungen von Smart Cities ist. Es besteht außerdem das Risiko, dass die Potenziale neuer Technologien nicht ausgeschöpft werden können, weil die Menschen zu große Sicherheitsbedenken haben, um diese zu verwenden.

Dann gibt es noch das Problem, dass Smart Cities eine Bedrohung für unsere Privatsphäre darstellen. Dieses Problem haben wir in Zeiten von Smartphones und dem Tracking unseres Surfverhaltens allerdings schon länger. Es entsteht nicht erst durch die Smart Cities, es wird aber durch zusätzliche Sensoren und Datensammler im städtischen Raum auch nicht gerade verbessert.

Das Interview führte Eike Gräf.

Dominique Boullier

Dominique Boullier

Dominique Boullier ist Experte für digitale Soziologie, insbesondere für politische Entscheidungen über digitale Infrastruktur. Er ist Professor am Medialab der Sciences Po Paris. Das Medialab hat sich auf die soziologische Analyse digitaler Netzwerke und auf Kontroversen im Internet spezialisiert.

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