Endlich unter normalen Leuten

Foto: Leonard Wolf / CC BY 3.0

Viele Jugendliche wollen programmieren lernen, doch Schule und Staat fördern das nicht, meint die „Jugend hackt“-Projektleiterin Maria Reimer. Sie fordert mehr Unterstützung für den technisch interessierten Nachwuchs.

Zora ist 14 Jahre alt und will wissen, wie die Dinge an sich funktionieren. Jeremy ist 16 Jahre alt und spricht auf einer Bühne vor 200 Menschen ins Mikrofon, um ein Plädoyer für Open-Source-Software zu halten. Gemeinsam mit drei anderen Jugendlichen haben die beiden innerhalb von zweieinhalb Tagen eine Idee in die Realität umgesetzt, die unsere Gesellschaft verändern könnte: „Awearness“ heißt das Armband, das vibriert, sobald Überwachungskameras in der Nähe sind. Das Armband haben die Jugendlichen am 3D-Drucker produziert, die Standorte der Überwachungskameras aus der Open Street Map gezogen und die Software mit Python und Couch DB selbst programmiert. Die Veranstaltung „Jugend hackt 2014“ hat auch im zweiten Jahr den Beweis geliefert: „The kids are alright“, mit der Jugend ist alles in Ordnung.

Während der Bund einige Wettbewerbe wie „Jugend forscht“ und „Jugend musiziert“ in großem Rahmen fördert, sind Veranstaltungen für talentierte, junge Softwareentwickler schmerzlich unterrepräsentiert. Junge Programmiererinnen und junge Entwickler haben kaum Anlaufstellen, wo sie sich vernetzen oder um Förderung bewerben können. Und so geht es den Jugendlichen heute oft wie den Nerds in den Achtzigerjahren – die meisten bringen sich Programmieren noch immer alleine im Kinderzimmer bei. Mit dem Förderprogramm „Jugend hackt“ versucht die Open Knowledge Foundation Deutschland gemeinsam mit Young Rewired State aus Großbritannien diese Lücke zu schließen.

Bisher haben die Veranstalter zwei Termine für programmierbegeisterte 12- bis 18-Jährige angeboten. Die Teilnehmerzahl hat sich innerhalb eines Jahres verdoppelt: 2013 haben 63 Jugendliche aus zwölf Bundesländern gemeinsam ein Wochenende in Berlin verbracht. Im September 2014 waren es bereits 120 Jugendliche aus Deutschland, Österreich und den Niederlanden. Das zeigt: Die Jugendlichen wollen sich austauschen und sich weiterentwickeln.

Die technischen Vorkenntnisse sind beeindruckend

Die Veranstaltungen laufen nach den Regeln eines Hackathons ab. Innerhalb von zwei Tagen sollen die Teilnehmer in Gruppen eine eigenständig entwickelte Projektidee umsetzen und am Ende präsentieren. Für Zora, Jeremy und die 118 anderen Jugendlichen gab es hierfür nur eine Bedingung: Die Idee sollte gesellschaftliche Relevanz haben. Bonuspunkte sammelten Teilnehmer, die ihr Projekt mithilfe von offenen Daten umsetzten. Das Ziel der Veranstaltung: die Jugendlichen sollen lernen, wie sie ihr Recht auf Informationen einsetzen können. Außerdem sollen sie verstehen, wie sie ihre technischen Fähigkeiten einsetzen können, um sich und anderen Menschen dabei zu helfen, informierte Entscheidungen zu treffen.

Dreißig erwachsene Entwickler-Profis standen den Jugendlichen das ganze Wochenende über zur Seite. Die technischen Vorkenntnisse einiger Jugendlicher waren dabei so beeindruckend, dass die Mentoren sich im Laufe des Wochenendes bereits scherzhaft um ihre eigene Zukunft in der IT-Branche sorgten. Mit ihrer Erfahrung gaben sie ihnen vor allem praktische Tipps – Tipps, die viele Teilnehmer in der Schule vermissen. Der Informatik-Unterricht ist bisher nur in vier Bundesländern im Lehrplan verankert, aber häufig ist der Unterricht laut den Teilnehmern „erbärmlich“. Wer nicht das Glück einer engagierten und modern ausgebildeten Lehrkraft hat, bekomme dort auch mal eine Ausbildung in Word und Excel. Die Schnittmenge der Lehrpläne mit der Programmierfreude der Jugendlichen ist überschaubar.

„Endlich unter normalen Leuten“, dieser Satz war bei „Jugend hackt“ mehrfach zu hören. Für die Jugendlichen ist dieser Austausch mit Gleichgesinnten wichtig und inspirierend. Schließlich können die Mentorinnen und Mentoren nachvollziehen, wie es ist, Compiler-Probleme und andere Sorgen des Programmieralltags mit sich selbst ausmachen zu müssen. Auf die Frage, was ihre Motivation war, an der Veranstaltung teilzunehmen, antworten fast alle Jugendlichen gleich: Sie wollen Gleichgesinnte treffen und gemeinsam mit ihnen an einem Projekt arbeiten.

Die Pillenbox ruft nach Hilfe

Nach insgesamt eineinhalb Tagen, einer langen Nacht und vielen Flaschen Mate standen am Ende insgesamt 27 Projektideen auf der Präsentationsliste. Die Themen: Überwachung, Gesundheit, Bildung, Gesellschaft, Umwelt und Freizeit. Die Jugendlichen haben gezeigt, dass sie nicht nur gut mit Computern umgehen können, sondern einen aufmerksamen – manchmal auch kritischen – Blick auf die Gesellschaft haben.

Ein Team entwarf eine intelligente Pillenbox, die für demenzkranke Menschen die korrekte Tablettendosis automatisch ausgibt – und einen Notruf absetzt, wenn die Tablette nach einer bestimmten Zeit noch immer im Ausgabefach liegt. Von der Projektgruppe „Pet Finder“ stammt die gleichnamige Webanwendung, die dabei hilft, verlorene Haustiere wiederzufinden. Ein anderes Team präsentierte die Recycling-App „Dein Müll“. Die Anwendung hilft Nutzern, im öffentlichen Raum einen Mülleimer in der Nähe zu finden. Zwei 12-Jährige und ein 15-Jähriger haben eine Anwendung programmiert, die es bei Computerspiel „Minecraft“ regnen lässt, wenn es tatsächlich regnet. Ein weiteres Team hat sich mit Fallpauschalen in Krankenhäusern beschäftigt und eine Webseite gebaut, die anzeigt, wie viel Geld die einzelnen Behandlungen kosten.

Als Veranstalter von „Jugend hackt“ sind wir beeindruckt von der Motivation der Jugendlichen, sich ungefragt Wissen in den verschiedensten Bereichen anzueignen. Es wächst eine Generation heran, die nicht nur hungrig nach technischem Wissen ist, sondern sich auch gerne mit gesellschaftlichen und ethischen Fragen der Programmierung auseinandersetzt.

Wir arbeiten daran, dass „Jugend hackt“ im Jahr 2015 ein großes Programm wird. Es soll mehr als eine Veranstaltung geben und wir wollen Jugendlichen in Deutschland und anderen Ländern bei der Entwicklung ihrer technischen und gesellschaftlichen Interessen zur Seite stehen. Dafür ist vor allem die finanzielle Entwicklung ausschlaggebend – am Enthusiasmus aller Beteiligten und wichtigen Themen mangelt es nicht.

Und Zora und Jeremy? Ihre Projektgruppe „Awearness“ hat sich bereits zur Konferenz „Chaos Communication Congress“ in Hamburg angemeldet. Die Vernetzung der technisch begeisterten und gesellschaftlich interessierten Jugendlichen mit Gleichgesinnten: Sie funktioniert.

Maria Reimer

Maria Reimer

Maria Reimer arbeitet beim gemeinnützigen Verein Open Knowledge Foundation Deutschland und ist dort Projektleiterin von „Jugend hackt“, dem Förderprogramm für junge Programmiertalente. Sie ist im Führungskreis der Anti-Korruptionsorganisation Transparency Deutschland aktiv und setzt sich ehrenamtlich für Informationsfreiheit ein.

Foto: Fiona Krakenbürger
Maria Reimer

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