Für die digitale Inklusion

Foto: Creativ Collection

Gesellschaftlich benachteiligten Bevölkerungsgruppen den Zugang zum Internet und damit zu Bildung und Information zu ermöglichen – das ist die Aufgabe der Stiftung Digitale Chancen. Das geht besser, wenn man die Perspektive von der digitalen Kluft auf die digitale Inklusion verschiebt.

Mit der Verbreitung des Internets ab Mitte der 1990er-Jahre veränderte sich der Zugang zu Wissen in unserer Gesellschaft grundlegend – mit der digitalen Vernetzung können sich individuelles und kollektives Wissen gegenseitig befruchten. Das Netz bildet damit ein wesentliches Element für die Teilhabe in unserer Wissensgesellschaft. Das Web 2.0 und die rasante Verbreitung von Social-Media-Plattformen waren die logische Konsequenz dieser Entwicklung.

Mitte der 1990er Jahre tauchte jedoch ebenfalls der Begriff der „digitalen Kluft“ auf, der die ungleiche Verteilung von Zugangsmöglichkeiten zu Informations- und Kommunikationsmedien wie dem Internet und somit die unterschiedlichen Chancen auf Bildung und Teilhabe beschreibt. Ob man an der digitalen Welt teilhaben kann oder nicht, ist nicht allein abhängig vom technischen Zugang. Soziale und ökonomische Aspekte beeinflussen gleichermaßen, von wem das Netz in welcher Weise genutzt wird.

Der D21-Digital-Index gibt einen guten Überblick darüber, wie sich der Digitalisierungsgrad der deutschen Bevölkerung hinsichtlich Zugang, Kompetenz, Offenheit sowie Nutzungsvielfalt in den letzten Jahren entwickelt hat. Während zu Beginn der 2000er-Jahre nur 37 Prozent der Deutschen ab 14 Jahre online waren, zeigt der aktuelle, im November 2014 veröffentlichte D21-Digital-Index, dass inzwischen 76,8 Prozent der Bevölkerung mehr oder weniger regelmäßig das Internet nutzen. Das heißt aber auch, dass knapp ein Viertel der Bevölkerung überhaupt nicht im Netz unterwegs ist.

Wer sind die „digital Abgehängten“?

Die Studie zeigt, dass die Art und Weise, wie das Internet genutzt wird, in hohem Maße vom sozio-ökonomischen Status abhängt. Dabei geht es nicht in erster Linie um das Einkommen, sondern vor allem um Bildung. Denn die Endgeräte werden preiswerter und sind auf den ersten Blick einfacher zu handhaben, allerdings bieten sie gleichzeitig immer komplexere Nutzungsmöglichkeiten. Weniger technisch versierte Menschen fühlen sich oft überfordert und werden im Ergebnis mehr und mehr davon ausgeschlossen, an der stetig voranschreitenden Digitalisierung teilzunehmen.
Die klassischen Ausschlusskriterien im Hinblick auf gesellschaftliche Teilhabe sind Geschlecht, Alter, soziales Milieu und Migrationshintergrund. Die gleichen Kriterien gelten auch im Digitalen: Digital abgehängt sind in Deutschland vor allem Senioren und Seniorinnen, Arbeitslose, Menschen mit niedrigem formalem Bildungsstand und Menschen mit (vor allem geistiger) Behinderung.

Die digitale Spaltung überwinden

Wo also könnte man ansetzen, um die digitale Spaltung in der Gesellschaft langfristig zu mindern? Ist die Überwindung der digitalen Spaltung überhaupt ein realistisches Ziel? Deutschland und derzeit 152 weitere Länder haben sich mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention dazu verpflichtet, Inklusion umzusetzen. Für diesen gesellschaftlichen Veränderungsprozess ist eine über den Bildungsbereich hinausreichende öffentliche Diskussion zum Thema notwendig. Die zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz von Unterschiedlichkeit und die stärkere Beteiligung von benachteiligten Gruppen tragen diesen positiven Prozess auch in die digitale Gesellschaft hinein. Die 2014 von der Bundesregierung beschlossene „Digitale Agenda“ gibt dazu Anstöße.

Inklusion ist als Querschnittsthema für alle Lebensbereiche eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Die Stiftung Digitale Chancen setzt sich dafür ein, allen Menschen zu ermöglichen, das Internet zu nutzen und Zugang zu Information und Bildung zu erhalten. Inklusion sollte in der digitalen Gesellschaft nicht bei der Barrierefreiheit und digitalen Angeboten zur Unterstützung von Menschen mit Beeinträchtigungen aufhören: Medienkompetenzförderung für die oben genannten Gruppen bleibt weiterhin eine wichtige Kernaufgabe.

Um das zu erreichen, setzt sich die Stiftung dafür ein, dass Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten für gesellschaftlich benachteiligte Gruppen geschaffen werden, dass mehr inklusive Interneterfahrungs- und Begegnungsorte eingerichtet werden, wo sich Menschen vor Ort treffen und austauschen können und dass Barrieren konsequent abgebaut werden. Diese Verlagerung der Debatte weg von der digitalen Spaltung hin zur digitalen Inklusion trägt dazu bei, den Menschen und seinen Anspruch auf aktive gesellschaftliche Teilhabe und Beteiligung in den Mittelpunkt zu stellen.

Fokus auf Medienkompetenz

Sicherlich wird es weiterhin Menschen geben, die sich den neuen Technologien entweder überhaupt nicht erst zuwenden oder sich bewusst von ihnen abwenden. Die große Mehrzahl jedoch ist interessiert und aufgeschlossen. Gerade bei der älteren Generation zeigt es sich immer wieder, dass sich das Interesse an digitalen Medien innerhalb kürzester Zeit in Begeisterung über die vielen Möglichkeiten wandelt, die sich darüber erschließen.

Die Stiftung Digitale Chancen greift dieses Interesse auf und fördert gemeinsam mit der E-Plus-Gruppe in dem Projekt „Tablet PCs für Senioren“ Internet-Einsteigerinnen und -Einsteiger der älteren Semester, damit sie digitale Medien und das mobile Internet kennenlernen können. Der hohe Zuspruch und der Erfolg des Projektes zeigen, dass dies ein Schritt in die richtige Richtung zu mehr digitaler Teilhabe ist. Eine umfassende Aufklärung und die Initiierung kontinuierlicher und zielgruppenspezifischer Lernprozesse sind erforderlich, damit Menschen bei der rasanten technologischen Entwicklung den Anschluss nicht verlieren. Zugleich fördert die Stiftung damit die Motivation und Lernbereitschaft der jeweils benachteiligten gesellschaftlichen Gruppen.

Gemeinsam mit Facebook hat die Stiftung Digitale Chancen im Jahr 2014 erstmals den Smart Hero Award vergeben, mit dem Projekte ausgezeichnet werden, die ihr ehrenamtliches und soziales Engagement in und mit sozialen Medien realisieren. Unter den Preisträgern findet sich beispielsweise Wheelmap.org, eine Landkarte im Internet, in der jede und jeder barrierefreie Orte eintragen und beschreiben kann. Alle können so mithelfen, Rollstuhlfahrern die Teilhabe am öffentlichen Leben zu erleichtern.

Die Stiftung Digitale Chancen begleitet Entwicklungsprozesse, leistet Beratung, entwickelt Qualifizierungen und Materialien, initiiert und evaluiert Projekte, führt Wettbewerbe durch und testet die Usability von bestehenden Produkten und Services. Denn wir sind uns sicher: Digitale Inklusion eröffnet allen bessere Chancen auf mehr Partizipation in unserer Gesellschaft.

Gerhard Seiler

Gerhard Seiler

Gerhard Seiler (Jahrgang 1962) ist seit März 2014 Geschäftsführer der Stiftung Digitale Chancen. Zuvor war er Projektleiter bei der Stiftung Haus der kleinen Forscher und beim Verein Schulen ans Netz. Als Experte für den Bereich Digitale Medien in der frühen- und schulischen Bildung wurde der gelernte Erzieher und Medienpädagoge 2011 für den Deutschen Weiterbildungspreis nominiert.

Foto: Klaus Klingberg
Gerhard Seiler

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