Für eine selbstbestimmte digitale Zukunft

Foto: Christoph Michels. Shopping window in St. Gallen / CC BY-SA 3.0

Können wir der Allmacht von Internetkonzernen und Märkten etwas entgegensetzen? Yochai Benkler, Professor an der Harvard Law School, denkt über Modelle vernetzter Produktions- und Arbeitsformen auf Augenhöhe nach.

iRights: Sie verfolgen die Entwicklungen der digitalen Welt sehr genau. Welche Tendenzen finden Sie ermutigend, welche besorgniserregend?

Yochai Benkler: Ermutigend ist, dass die digitalen Werkzeuge, die es inzwischen gibt, auch tatsächlich eingesetzt werden. Es gibt echte Selbstermächtigung und freiwillige Zusammenarbeit. Ebenfalls ermutigend finde ich, dass es mittlerweile fast normal geworden ist, für bestimmte politische Ziele über das Netz sozial zu mobilisieren. Der kürzlich in den USA geführte Kampf um die Netzneutralität ist ein starkes Beispiel, dass man mit dieser Art von Vernetzung tatsächlich einen politischen Sieg erringen kann, den Experten noch vor einem Jahr für unmöglich hielten. Oder auch Fernunterricht und Kurse für Berufstätige, die bisher entsprechende Möglichkeiten vor Ort nicht hatten. Das sind Bereiche, in denen man schon länger positive Auswirkungen beobachten kann.
Sorgen machen mir Tendenzen, die sich in den letzten sechs bis sieben Jahren entwickelt haben. Das mobile Smartphone ist inzwischen die primäre Plattform geworden. Dadurch sind Kontrollstrukturen entstanden: vom proprietären Funknetz über das proprietäre Betriebssystem bis zum jeweiligen App Store. Auch Cloud-Speicherdienste gehen in diese Richtung. Tatsächlich werden es immer mehr Kontrollpunkte, von denen aus wenige Unternehmen den Informationsfluss kontrollieren können.

Wenn Unternehmen durch ihre Plattformen Zugriff auf große Datenmengen haben und mit verhaltensgesteuertem Marketing experimentieren, kann das Internet eingesetzt werden, um die Kaufgewohnheiten der Nutzer zu kontrollieren – und in einem nächsten Schritt womöglich ihr Wahlverhalten. Bisher kennen wir solche Szenarien nur aus wissenschaftlichen Aufsätzen über Facebook und Google. Diese Forschungspapiere sind in den Unternehmen selbst entstanden, aber sie sind ein deutlicher Hinweis auf die Gefahren.

Durch die Snowden-Enthüllungen ist deutlich geworden, wie sehr wir nationalem Sicherheitsdenken zu verfallen drohen. In den USA ist dieses Denken besonders wirkmächtig. Es legitimiert die Praxis von Staaten, ihre gesamte Bevölkerung zu überwachen. Wir haben es also mit staatlicher Massenüberwachung zu tun, dann mit der täglichen Überwachungspraxis durch eine Handvoll Unternehmen, und schließlich haben wir all diese Geräte, die gleichzeitig Kontrollsystem und Freiheitsinstrument sind.

Wenn das Internet also zunehmend von großen privaten Konzernen verwaltet und bestimmt wird, sollte es dann nicht auch einen Bereich wirklich freier Öffentlichkeit geben?

Es liegt in unserer Verantwortung, ihn zu schaffen. Mit „uns“ meine ich uns Angehörige einer globalen Elite – Elite im Sinn technischer Fähigkeiten, aber auch im Sinn eines kritischen Bewusstseins, das uns in die Lage versetzt, die Alternative tatsächlich zu bauen. Bei der Free-Software-Bewegung gab es eine gemeinsame Grundüberzeugung: Dass wir als Basis einige einfache Werkzeuge benötigten, um mit anderen kommunizieren und schöpferisch-produktiv tätig werden zu können. Voraussetzung war, dass diese Werkzeuge dezentral von und für uns selbst gebaut wurden, jenseits von Markt und Staat. Damit das klappen kann, brauchen nicht alle diese Werkzeuge zu übernehmen, aber sie müssen eine echte Alternative darstellen.

Denken Sie an das Monopol von Microsoft: Die USA und die EU haben Microsoft kartellrechtliche Strafen aufgebrummt, aber was letztlich die Ausdehnung dieses Monopols auf die Webserver verhindert hat, waren nicht die Strafen, sondern die Entwicklung des Apache-Servers. Der Wandel hin zu Serverskripten, zu PHP und Open-Source-Software hat verhindert, dass das Monopol sich auf Skriptsprachen ausdehnt. Es gab also dezentral organisierte Netzwerke von technisch versierten Akteuren, die alternative Plattformen bauen wollten, die nicht zentral zu kontrollieren waren. Etwas Ähnliches brauchen wir heute wieder. Einen dezentral verteilten Cloud-Dienst zu bauen, ist nicht einfach, aber er wäre dringend nötig. Ein dezentral verteiltes drahtloses Zugangsnetz, das nicht von einem einzigen Betreiber verwaltet wird, ist vielleicht etwas einfacher.

Die Software muss attraktiv und leicht zu implementieren sein, die Angebote müssen von den Menschen angenommen werden. Das ist machbar. Es muss allerdings zunächst eine generelle Bereitschaft der relativ kleinen Gruppe von Leuten geben, die so etwas entwickeln können. Sie muss bereit sein, Netze zu bauen, die uns allen gehören. Mit „uns allen“ meine ich uns als Öffentlichkeit, nicht als Staatsbürger, sondern als weltweite Community von Nutzern, die nicht von Systemen abhängig sein will, wie sie uns entweder von Regierungen oder großen Marktakteuren hingestellt werden.

Diese Communitys altern, manche der Aktiven wenden sich anderen Bereichen zu. Wie verhindert man, dass eine Community auseinanderfällt aufgrund bestimmter Prozesse, die über einen längeren Zeitraum hinweg unvermeidlich sind?

Mir sind noch keine ausreichenden Belege dafür bekannt, dass derartige Entwicklungen ein besonderes Problem darstellen. Es gibt immer Leute, die sich um Gemeinschaften sorgen. Irgendwann stellt sich die Frage der Nachfolger. Aber ich sehe keinen systematischen Grund, warum ein nicht-hierarchisch organisiertes Peer-Production-System größere Schwierigkeiten haben sollte, eine neue Generation von Teilnehmern zu rekrutieren, als irgendeine andere Gruppe.

Es ist umso leichter, je offener ein System ist, wie etwa die Wikipedia. Und umso schwerer, je mehr die Verwaltung des Ganzen auf individuellem Charisma weniger Einzelner oder auf institutionellen Regeln beruht. Aber ich glaube nicht, dass sich diese Probleme systematisch von denen anderer Gruppen unterscheiden. Ich bin noch nicht überzeugt, dass dahinter mehr als die übliche Angst einer Generation steckt, die reifer wird und jetzt fragt: „Wo sind bloß die Jungen, die in unsere Fußstapfen treten werden?“ Keine Sorge, die kommen schon.

Sie beschäftigen sich mit einem Ansatz, der zwischen an Wirtschaftstheorie und Aktienwerten orientiertem Marktglauben und staatssozialistischer Regulierungsgläubigkeit liegt. Sie bezeichnen das als commons-based peer production – eine auf Gemeingütern basierende, gemeinschaftlich-gleichberechtigte Produktionsweise. Was ist das genau?

Im Industriezeitalter war klar, dass es in der Wirtschaft einer Konzentration von Kapital in Kombination mit einer hierarchischen Arbeitsorganisation bedarf. Hauptstreitpunkte zwischen Theoretikern des freien Marktes und Sozialisten waren nur die Fragen, wer im Besitz der Produktionsmittel sein sollte – beide gingen davon aus, dass die Produktionsmittel zentralisiert sein mussten –, und wer die Entscheidung trifft, wie genau die Produktionsmittel eingesetzt werden. Die Marktkapitalisten setzten auf Privateigentum an Produktionsmitteln, die Sozialisten stattdessen auf Staatseigentum. Aber beider Verständnis fand seine Grenzen in einer spezifischen technologischen Produktionsform, die eine Konzentration von Reichtum voraussetzte.

Es gab natürlich sowohl von Märkten als auch vom Sozialismus viele differenzierte Vorstellungen. So gab es beispielsweise Leute, die zwischen Anarchisten und Sozialisten einzuordnen wären und denen Systeme vorschwebten, die weniger konzentriert und nicht notwendigerweise staatssozialistischer Natur sein sollten. Grob betrachtet lief es aber auf den Gegensatz von Staatseigentum und Privateigentum hinaus. In der vernetzten Umgebung, die sich später entwickelte, waren die Produktionsmittel dagegen weit über die Bevölkerung verteilt: Geräte für computerbasierte Kommunikation, für Speicherung, Messung und Aufzeichnung von Daten – diese grundlegenden Werkzeuge waren so weit verbreitet, dass es zu einer Dezentralisierung der Produktion kam. Die Produktionsmittel kamen in die Hände von Menschen, die sie für Markt-, aber auch für soziale Zwecke einsetzen konnten. Sie konnten sie zum Beispiel für die soziale Interaktion einsetzen, die es immer schon gegeben hat, wenn Menschen zusammen am Tisch saßen und Neuigkeiten austauschten.

Wenn man das im digitalen Bereich macht, entsteht aus dieser Interaktion womöglich plötzlich ein News-Dienst – das ist das, was sich wirklich geändert hat. Was einmal ein utopisches Ideal sozialer Produktion war – dass Menschen zusammenkämen, um nicht über Märkte oder den Staat, sondern auf kooperativer Basis zu produzieren –, wurde jetzt nicht nur möglich, sondern zur entscheidenden Grundlage einer neuen Form des Wirtschaftens. Wie bei der freien Software, bei Wikipedia – in vielen Zusammenhängen hat sich eine solche Praxis als Lösung aufgetan. Sie basiert auf Individualismus und subjektiver Entscheidung; bei Creative-Commons-Lizenzen etwa entscheidet ein Individuum, was es in welcher Form mit anderen teilen möchte.

Der Ansatz bewahrt individuelle Freiheit und Souveränität, aber weist die Vorstellung zurück, dass sich diese nur auf einem Markt realisieren können. Deshalb ist es tatsächlich ein dritter Weg zwischen Staatssozialismus und rein marktbasierter Produktion: ein soziales System, das auf individuelle schöpferische Kräfte und Eigenverantwortlichkeit im Zusammenspiel mit anderen setzt.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein dafür? Was behindert diesen dritten Weg ökonomischen Handels derzeit?

Die größte kommende Herausforderung wird die Organisation der Schnittstelle zwischen kooperativer Produktion und marktbasiertem Austausch sein. Bislang waren Gruppen enorm erfolgreich, solange sie das, was gerade anstand, in ihrer Freizeit schaffen konnten. Wenn man aber die ökonomischen Beziehungen in marktwirtschaftlichen Gesellschaften neu definieren will, muss es zumindest für einen Teil der Produktivkräfte die Möglichkeit geben, mit selbstorganisierter kollaborativer Produktion ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Das ist eine große Herausforderung, denn aus der psychologischen Forschung ist bekannt, dass es starke Spannungen zwischen Geld und sozialen Beziehungen gibt.

Die große Herausforderung, die ich momentan sehe: Auf dem Weg jenseits der Grenzbereiche digitaler Technologie, wo Menschen noch rein aus sozialer Motivation mitarbeiten, während sie ihren Lebensunterhalt auf andere Weise verdienen, hin zu einem Zustand, bei dem nennenswerte Teile selbstorganisierter Arbeit zumindest für einen Teil der Bevölkerung eine Lebensgrundlage bieten.

Das Interview führte John H. Weitzmann. Aus dem Englischen von Ilja Braun.

Yochai Benkler

Yochai Benkler

Yochai Benkler ist Professor an der Harvard Law School. Er beschäftigt sich mit Fragen des Urheberrechts und der Produktion in Netzwerken, vor allem mit commons-based peer production, einer Produktionsform, die auf Teilen und gemeinsamem Lernen beruht.

Foto: Joi Ito, CC BY 2.0
Yochai Benkler

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