Häppchenweise zur Fremdsprache

Sprachenlernen per App – geht das überhaupt? Immer mehr Online-Angebote und Apps versprechen genau das. Babbel-Gründer Markus Witte erzählt im Interview von den Reizen dieser neuen Lernwelt.

iRights: Warum sollte ich mich an einem Online-Sprachkurs versuchen?

Markus Witte: Ich gehöre zu den Menschen, die schon oft am Sprachenlernen gescheitert sind: Bei mir zu Hause stehen einige Bücher, CD-ROMs und sogar Audiokassetten im Regal, die ich kaum genutzt habe. Es ist nicht einfach, dabei zu bleiben, wenn man nicht muss. Ein Online-Sprachkurs hilft dabei, erste Schritte zu machen, und das Lernen dann dauerhaft in den Alltag zu integrieren. So können Sie eine Sprache unabhängig von Schule oder Beruf lernen. Wichtig ist dabei die Möglichkeit, auch in der Bahn oder beim Kaffee lernen zu können. Damit kommt es auf kurze Lektionen, schnelle Erfolgserlebnisse, relevante Inhalte und Spaß bei der Nutzung an. Unsere Kunden bleiben im Durchschnitt weit länger als ein Jahr dabei, das ist ein Vielfaches der Zeit, die man normalerweise mit Büchern oder traditioneller Lernsoftware verbringt.

Schaffe ich es tatsächlich, eine Sprache fließend zu beherrschen, ohne auch nur ein einziges Wort mit einem Menschen auszutauschen?

Nein, dazu brauchen Sie die echte, lebendige Kommunikation mit Menschen. Mit der App können Sie die ersten Schritte machen und einige Grundlagen schaffen, aber auch langfristig weiterlernen, ob es nun um Wortschatz oder Grammatik geht. Doch die Sprache im wirklichen Leben anzuwenden, diesen Schritt muss jeder selbst machen.

Reichen zehn Minuten im Bus aus, um ein paar neue Grammatikregeln zu lernen?

Um eine Sprache ernsthaft zu lernen, ist es wichtig, regelmäßig etwas zu tun. Und dafür reichen tatsächlich kleine Häppchen, zehn bis fünfzehn Minuten am Tag. Genau so lange dauert eine Babbel-Lektion. Alle Kurse sind so alltagsnah und kontextuell konzipiert, dass man das Gelernte direkt anwenden kann. Das größte Erfolgserlebnis hat man genau dann, wenn man in der neuen Sprache kommuniziert.

Sie schreiben, dass Babbel Menschen unterstützt, ihre „Freude am Lernen jenseits von Beruf oder Schule“ zu entdecken. Bedeutet das, dass Sie eher eine Casual-Zielgruppe anvisieren, die Sprachen lernt, weil sie gerade Lust darauf hat, und nicht unbedingt, weil sie beim nächsten Business-Meeting mit Chinesisch-Kenntnissen glänzen will?

Casual Learner sind ganz klar unsere Zielgruppe. Das Interessante ist, dass sie nach sogenannten „Psychographics“ unterschieden wird, also nach ihrer Motivation und ihren Interessen und nicht mehr nach gängigen demografischen Merkmalen wie Alter, Beruf oder Geschlecht. Jemand, der für seinen Job gezielt fließend Russisch lernen muss, hat einen ganz anderen Fokus und oft auch relativ kurzfristige Ziele. Dafür ist Babbel oft nicht das richtige Produkt. Wenn ich aber mit meinen russischen Geschäftspartnern weiterhin Englisch spreche, aber außerhalb von Verhandlungen und Präsentationen auch ein wenig Russisch sprechen möchte, kann Babbel genau das richtige sein. Wenn ich meinen Gesprächspartner in seiner Muttersprache begrüßen und ein paar Sätze mit ihm wechseln kann, schafft das von Anfang an eine ganz andere Verbindung.

Ihr Konkurrent Duolingo bietet sämtliche Sprachkurse kostenfrei an. Die vorgestellte Begründung dafür lautet, dass Bildung kostenfrei sein sollte, und zwar für alle. Wie sehen Sie das?

Macht es Sie nicht skeptisch, wenn Ihnen jemand etwas kostenlos anbietet, aber offensichtlich Gewinnabsichten damit verbindet? Kostenlose Bildung ist großartig, wenn sie vom Staat, also von uns allen bezahlt wird. Ansonsten entsteht Abhängigkeit von privaten Interessen. Unternehmen, die von Finanzinvestoren teuer bewertet werden, müssen Gewinne erzielen – da möchte ich als Nutzer auch der Kunde sein und bestimmen, wo es langgeht. Unser Modell ist da sehr geradeaus: Der Lernende ist auch der Kunde und er zahlt nur, solange er dabei bleibt. Der Nutzer bezahlt uns dafür, dass wir ihm das bestmögliche Produkt liefern. Eines, das ihm hilft, weiterzulernen.

Und wie hoch ist Bereitschaft der Nutzerinnen und Nutzer, Geld für Lerninhalte zu zahlen?

Sehr hoch. Ganz allgemein ist die Bereitschaft der Menschen immer mehr gestiegen, auch im Internet für Qualität und guten Service zu bezahlen. Unsere Kurse werden zum Beispiel nicht einfach übersetzt, sondern von unserem Didaktik-Team spezifisch für jede Sprachkombination erstellt: Ein Spanier lernt ganz anders Portugiesisch als ein Engländer oder Deutscher. Das klingt logisch, ist aber bei weitem nicht die Regel in unserer Branche.

Sie zeigen großes Interesse an Wearables und bieten etwa auf der Apple Watch eine App an, die durch Standortermittlung Worte zum Lernen anbietet.

Digital Devices sind inzwischen ein Teil des Lebens und des Alltags geworden und wandern dadurch auch immer näher zum Körper. Neue Technologien und Wearables verändern unser Verhalten. Wir passen uns dem an und folgen damit unseren Nutzern. Das ist ganz wertfrei gemeint. Wir wollen, dass Menschen ihre kostbare freie Zeit lieber sinnvoll nutzen, indem sie eine Sprache lernen, anstatt stundenlang online Katzenvideos anzuschauen.

Wie sehr spielt Big Data eine Rolle in der Gegenwart und Zukunft von Bildungsangeboten?

Big Data hilft, das Produkt besser zu machen, und es an die Bedürfnisse und Wünsche der Nutzer anzupassen. Andere Anbieter sammeln Daten, um diese dann zu verkaufen. Wir wollen das nicht. Daten sind außerdem nur so gut, wie ihre Interpretation. Damit will ich sagen, dass Computer keine Menschen ersetzen, jede Hypothese ist immer eine von Menschen gemachte und kann nicht von Computern generiert werden. Es ist sonst ein evolutionärer Prozess aus zufälligem Trial-and-Error. Da wir aber nicht wie die Natur Millionen von Jahren Zeit haben, bis sich etwas ganz natürlich weiterentwickelt, brauchen und benutzen wir sozusagen Intelligent Design.

Das Interview führte Khesrau Behroz.

Markus Witte

Markus Witte

Markus Witte ist Gründer und CEO von Babbel. Als Kulturwissenschaftler gilt sein Interesse insbesondere der Medien- und Kommunikationsentwicklung, sowie der Zukunft des Lernens.

Foto: Marc Beckmann/Ostkreuz
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