Heimatpflege im Internet

Foto: find me meme, Luna Jubilee band poses / flickr.com (CC BY 2.0)

Das Internet ist nicht von alleine frei und neutral – wir müssen das Netz und seine Kultur pflegen. Eine Idee zur Gründung eines Heimat- und Brauchtumsvereins für das Internet, damit es bleibt, wie es ist und an seinen Herausforderungen wachsen kann.

Trump, Brexit, AfD – das Jahr 2016 wird auch durch das Erstarken eines rückwärtsgewandten Heimatbegriffs in Erinnerung bleiben. Dabei gibt es nicht wenige Menschen, die sich an einem Ort heimisch fühlen, der Länder- und Nationalgrenzen genauso überschritten hat, wie die von Religion, sexuellen Präferenzen oder Weltanschauungen: Ihnen ist das Internet zu einer völkerverbindenden Heimat geworden, in der sie eine Art der Kultur pflegen, die den gleichen Schutz und die gleiche Förderung verdient, wie jene, die in analogen Welten entsteht.

Diese Heimat ist ein Gegenentwurf zu der Welt der rückwärtsgewandten Nationalisten. Und diese Heimat ist bedroht: Die Debatte über Linkfreiheit und Netzneutralität hat 2016 gezeigt, dass das Internet nicht immer so bleiben muss, wie wir es kennengelernt haben. Wir müssen uns dafür einsetzen, es als Ort zu erhalten, der eine eigene Kultur pflegt, einen eigenen Dialekt spricht und eben für viele Menschen Heimat ist. Deshalb habe ich 2016 den Vorschlag gemacht, einen Verein zu gründen, der sich als Heimat- und Brauchtumsverein fürs Internet versteht.

Digitale Volkskultur

In meinem Newsletter „Digitale Notizen“ schrieb ich Ende Oktober: „Wir sollten gemeinsam Deutschlands größten Brauchtumsverein gründen: Einen Verein für Menschen, deren Heimat das Internet ist. Einen Verein, der sich um die digitale Volkskultur bemüht und deren Förderung einfordert. Die Debatten der vergangenen Monate um Netzneutralität und Verlinkung einerseits sowie über Nationalismen und Hatespeech andererseits zeigen: Das Internet, das vielen Menschen Heimat ist, verdient Schutz und Pflege!“

Um die Forderung danach zu artikulieren und einzufordern, müssen unter Umständen diejenigen Wege beschritten werden, die klassischerweise eingeübt sind. Um zu erklären, warum digitale Kultur bedeutsam ist, muss man vielleicht die Begriffe verwenden, die in der Kulturförderung gelernt wurden. Und um den Nationalisten aller Länder zu zeigen, dass das Internet für Völkerverständigung und Austausch über alle Grenzen hinweg steht, muss man ihre Begriffe neu definieren: Wer im Internet zu Hause ist, hat das gleiche Recht auf Brauchtums- und Heimatpflege wie all die anderen Interessengruppen, die in Schulen, Behörden, Gremien, Kirchen, Parteien und Gewerkschaften Einfluss nehmen. Der digitale Heimat- und Brauchtumsverein soll genau hier auftreten – und zum Beispiel „durch vertiefte Heimatkenntnis zu Heimatliebe führende Erziehung“ fordern. Das habe ich auf der Website des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege gelesen und mir gedacht: Das muss doch auch für die digitale Heimat gelten!

Die Satzung

Und zwar so: Die folgenden acht Punkte sind ein erster Vorschlag für eine mögliche Satzung eines digitalen Heimat- und Brauchtumsvereins.

1. Wir lieben das Internet und die neuen Formen der (Volks- und Beteiligungs-) Kultur, die es hervorgebracht hat und weiterhin hervorbringen soll. Das Internet ist uns grenzüberschreitende Heimat geworden, deren Erhalt und Pflege oberstes Vereinsziel ist! Wir haben das Internet als netzneutrales, völkerverbindendes Netzwerk der demokratischen Bürger*innenbeteilung kennen gelernt. Als solches wollen wir es verteidigen und ausbauen. Anlasslose Massenüberwachung aus kommerziellen wie politischen Gründen, Einschränkung des Zugangs sowie den Bruch des Fernmeldegeheimnisses lehnen wir strikt ab!

2. Digitale Kultur verdient (mindestens) das gleiche Ansehen und die gleiche, auch finanzielle, Förderung wie etablierte Kulturformen. Als Lobby-Verein für digitale (Volks-) Kultur verstehen wir uns als Teil der digitalen Zivilgesellschaft, die die Schaffung angemessener digitaler Rahmenbedingungen auch als zivilgesellschaftliche und öffentliche (nicht: einzig privatwirtschaftliche) Aufgabe versteht. Dazu zählt für uns der zügige Ausbau der digitalen Infrastruktur ebenso, wie die Modernisierung des Urheberrechts.

3. Unser Ziel ist es, die digitale Kultur in öffentlichen Organisationen und Gremien angemessen zu repräsentieren, sie gegen einseitige kommerzielle Interessen nicht nur der Digitalwirtschaft zu verteidigen, und nicht zuletzt ein Bewusstsein für ihre gesellschaftliche Bedeutung in Schulen, Parlamenten, Parteien, Kirchen und Verbänden zu schaffen. Wir verstehen dies als Voraussetzung für einen souveränen Umgang mit dem Digitalen, der dringend überfällig ist.

4. Digitale Brauchtumspflege ist ein internationales Anliegen. Als deutschsprachiger Verein verstehen wir uns als Teil einer internationalen Gemeinschaft, setzen uns aber zuvorderst in deutschen Behörden und Organisationen für die Vereinsziele ein – auch, um der deutschsprachigen digitalen Kultur angemessene Förderung zukommen zu lassen. Dabei sind wir in keiner Weise parteipolitisch gebunden, sondern geleitet von diesem Anliegen: die Pflege und den Ausbau des digitalen Brauchtums stärken und die demokratische Gestaltung der digitalen Sphäre durch eine aktive, vielfältige Zivilgesellschaft vorantreiben. Dabei verstehen wir uns als Erweiterung, nicht als Konkurrenz zu CCC, Digitale Gesellschaft, EFF, D64 und vielen anderen, die sehr gute Arbeit leisten.

5. Das Bekenntnis zur digitalen Heimat bedeutet ausdrücklich auch: Wir lehnen Nationalismus, Rassismus, Sexismus und jegliche Ausgrenzung vermeintlicher Minderheiten ab. Wir sehen im Internet einen grenzüberschreitenden Ort der Verbindung, den wir schützen und ausbauen wollen.

6. Wir wünschen und fördern einen pragmatischen Umgang mit den gesellschaftlichen Veränderungen, die durch das Internet und die Digitalisierung angestoßen wurden. Wir wehren uns gegen einseitige Panikmache und stellen dem die Forderung entgegen, Veränderungen im Sinne der Werte von Freiheit und Demokratie zu gestalten. Angst führt niemals zu Souveränität!

7. Ziel und Zweck des Vereins ist die Förderung …
… von Kunst und Kultur in der digitalen Sphäre.
… der Bildung zur selbstbesimmten, schöpferischen Gestaltung der digitalen Sphäre.
… von Wissenschaft, Forschung über die digitale Sphäre.
… bürgerschaftlichen Engagements zugunsten dieser Zwecke.

8. Der Vereinszweck wird insbesondere verwirklicht durch …
… Zusammenarbeit mit Lehrkräften und Erziehern, Schulen und Jugendverbänden zur Unterstützung einer durch vertiefte Heimatkenntnis zu Heimatliebe führenden Erziehung.
… heimatkundliche (virtuelle) Zusammentreffen.
… Herausgabe von (digitalen) Zeitschriften und sonstigen Publikationen über grundsätzliche und aktuelle Fragen der Erhaltung und Fortentwicklung digitaler Kulturwerte.
… Bildungsarbeit auf allen Gebieten der digitalen Kultur.
… öffentliche Stellungnahmen zu wichtigen Fragen der Digitalkultur.
… einen jährlichen Preis zur digitalen Brauchtums- und Heimatpflege.

Kultur der Digitalität

Da diese Idee auch von der Lektüre des Buches „Kultur der Digitalität“ von Felix Stalder inspiriert wurde, interviewte ich den Professor für Digitale Kultur und Theorien der Vernetzung der Zürcher Hochschule der Künste kurz danach zu dem Vorschlag:

Dirk von Gehlen: In deinem Buch „Kultur der Digitalität“ spricht du von digitaler Volkskultur, die durchaus vergleichbar mit klassischer Volkskultur ist. Kannst Du das mal erklären?

Felix Stalder: Im Unterschied zur professionellen Kultur ist die Rollenverteilung von Produzent_innen und Rezipient_innen sehr flexibel. Die Schwelle zur Teilnahme ist niedrig und entsprechend kann sie (in beide Richtungen) leicht überschritten werden. Ziel der Volkskultur ist es, die Gemeinschaft zu stärken, nicht autonome Werke hervorzubringen. Ich verwende den Begriff Volkskultur also in einem strukturellen Sinn, nicht als Gattungsbegriff. Der „Musikantenstadl“ im Fernsehen gehört für mich nicht zur Volkskultur.

Und was ist so besonders an dieser digitalen Volkskultur?

Durch die Digitalisierung ist nun eine Vielzahl von neuen kulturellen Feldern entstanden, die man in diesem Sinne als Volkskultur bezeichnen kann, das heißt, sie sind durch massenhafte Partizipation geprägt und ihre Erzeugnisse lassen sich nur schwer vom Kontext ihrer Entstehung lösen. Dazu gehört für mich Open-Source-Software, die man dann am besten nutzen kann, wenn man sich in den Communities auskennt, die sie produzieren, oder die Meme-Kultur, die ja davon lebt, dass sie durch viele Hände geht und dabei immer auch angeeignet und umgewandelt wird. Natürlich gehören auch negative Phänomene, wie Hassposter und Shitstorms, zu dieser neuen Volkskultur. Aber alles in allem überwiegen doch die Chancen und Möglichkeiten, die entstehen, wenn sehr viele Menschen sprechen können. Überhaupt sind alle diese Dinge ja da, und entweder versuchen wir, sie zu unterdrücken, oder wir lernen, damit besser umzugehen.

Ich bin da nicht objektiv, deshalb frage ich dich als Wissenschaftler: Erfährt diese digitale Volkskultur eigentlich irgendeine Form von öffentlicher Förderung oder Archivierung?

Nur indirekt. Medienproduktion wird heute an vielen Schulen gelernt, beziehungsweise bildet einen Teil des Unterrichts, und so werden immer mehr Menschen mit den Fähigkeiten ausgestattet, sich daran zu beteiligen. Aber in Sachen öffentlicher Förderung oder Anerkennung gibt es wenig. Die Ars Electronica vergibt seit einigen Jahren einen Preis in der Kategorie „Digital Communities“, die diesen neuen Charakter der Kulturproduktion anerkennt.

Was hältst du dann von der Idee, einen deutschsprachigen Heimat- und Brauchtumsverein zu gründen?

Ich finde die Idee, „Brauchtum“, „Volkskultur“ und „Heimat“ aus der konservativen Ecke zu holen und neu und für viele ungewohnt zu besetzen, spannend und wichtig, gerade in einer Zeit, wo diese Begriffe immer konservativer, um nicht zu sagen, reaktionärer aufgeladen werden. Ich fürchte aber, dass das ein sehr steiniger Weg sein wird, der viele Missverständnisse auslösen wird. Aber vielleicht sind es ja diese, die das Projekt interessant machen.

Dirk von Gehlen

Dirk von Gehlen

Dirk von Gehlen leitet die Abteilung Social Media/Innovation bei der Süddeutschen Zeitung und ist mit der digitalen Transformation von Kultur, Gesellschaft und Unternehmen befasst. Neben seiner Tätigkeit als Autor und Redner betreibt er ein Blog unter digitale-notizen.de und twittert als @dvg.

Foto: Daniel Hofer
Dirk von Gehlen

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