Katastrophe! Kommunikation im Ausnahmezustand

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Aktuell und ungefiltert – die größte Stärke der sozialen Medien ist gleichzeitig auch ihre entscheidende Schwäche. So kommt es immer wieder zu den gleichen Fehlern und Missverständnissen in der Kommunikation. Am besten lässt sich das nach einer Katastrophe auf Twitter beobachten.

Wo warst Du, als …?“ Bestimmte Ereignisse brennen sich tief in unser Gedächtnis. Daher wissen wir oft, wo wir uns aufhielten, als uns die ersten Meldungen einer Katastrophe erreichten. Ich war in den letzten Jahren meist am Rechner und konnte die Kommunikation über die Ereignisse in den sozialen Medien mitverfolgen.

Der Absturz des Fluges MH17, die Schüsse auf dem Euromaidan, die Anschläge in Paris und Brüssel, der Amoklauf in München: Immer reagierten die sozialen Medien als erste. Die Teilnehmenden diskutierten, spekulierten, drückten ihr Beileid, Mitgefühl und ihre Fassungslosigkeit aus. Aber noch häufiger stritten sie sich. Über die vermeintlich richtige Art zu trauern oder das Pro und Contra von Profilbildwechseln. Und über die Frage, warum ein bestimmtes Ereignis mediale Aufmerksamkeit erhält, andere dagegen nicht.

Eine Katastrophe wie der Amoklauf in München im Juli diesen Jahres stellt auch in der Social-Media-Kommunikation einen Ausnahmezustand dar. Das erste Auftauchen von Meldungen über unmittelbar zurückliegende Ereignisse bricht in den Stream aus Kommentaren zum Fernsehprogramm, den aktuellen politischen Aufregern und den üblichen Katzen- und Essensbildern. Was im Anschluss passiert, folgt in jedem Netzwerk einem wiederkehrenden Muster. Auf Twitter lässt sich dieses Muster aufgrund der Geschwindigkeit und strukturellen Offenheit gut beobachten. Die Zeichenbegrenzung ermöglicht schnellste Reaktionen. Das ist Fluch und Segen zugleich, oder wie der Autor und Dozent Patrick Breitenbach vor einigen Jahren schrieb: „Twitter ist super 15 Minuten nach der Katastrophe. Und die Hölle in den Stunden und Tagen danach.“

Nach jeder Katastrophe lassen sich sechs Phasen ausmachen. Mit jedem Ereignis beginnt der Zyklus dieser Phasen erneut. Die Trennung dient der Anschaulichkeit; natürlich gibt es Überschneidungen oder Änderungen in der Reihenfolge:

  1. Die Katastrophe ist eingetreten. Nach Erstinformation und Verifizierung folgt der Schock. Es überwiegen Desinformation, Orientierungs- und Fassungslosigkeit. Prägendes Beispiel: Der Absturz der German-Wings-Maschine. In dieser Phase sahen wir Bilder von in Tränen aufgelösten Angehörigen am Flughafen.
  2. Das Medium erlaubt das Verfolgen der Ereignisse in Echtzeit. Es gibt noch keine genauen Informationen, dafür viele Spekulationen. Oft überwiegen Trauer, Wut und Betroffenheit. Die ersten Solidaritätsbekundungen suchen sich einen Hashtag (#prayforparis, #prayfornice, #jesuischarlie
  3. Trauerkritik: Kommunikationsteilnehmende kritisieren Trauer, Wut und Betroffenheit. Ein Beispiel: Kurz nach dem Absturz der German-Wings-Maschine, bei dem 150 Menschen starben, ertranken 700 Geflüchtete im Mittelmeer. Opferzahlen und Betroffenheit über die Unglücke wurden verglichen, die Trauernden als Heuchler bezeichnet. Politische Äußerungen und Kritik an den Medien kommen häufig hinzu.
  4. Kritik an der Kritik an der Betroffenheit schließt an. Den Kommunikationsteilnehmenden, die sich kritisch äußerten, wird Zynismus vorgeworfen. Ein normaler Diskurs wird unmöglich, stattdessen gibt es eine beobachtbare Lagerbildung, oft sichtbar an Profilbildänderungen oder dem Hinweis auf absichtliche Nicht-Änderung.
  5. Beruhigung, Zunahme längerer Beiträge: Einige Tage nach der Katastrophe beruhigt sich die emotional aufgeladene Atmosphäre. Artikel und reflektierende Postings werden geteilt, Gespräche miteinander werden wieder möglich.
  6. Katharsis: Nachdem sich die Kommunikation über die Katastrophe weiter beruhigt hat, taucht der für einige Tage in den Hintergrund gerückte, alltägliche Inhalt aus Videos, Instagram-Bildern, politischen Schlagzeilen und Kommentaren zum Fernsehprogramm wieder auf. Zu früh gestreute Katzenbilder oder Essenspostings werden allerdings oft kritisiert.

Während in den ersten beiden Phasen vor allem Solidaritätsbekundungen und Ausdrücke der eigenen Fassungslosigkeit zu lesen sind, sind Phase drei und vier von Unverständnis zwischen den Kommunikationsteilnehmenden geprägt. Obwohl wir in unserer Hilflosigkeit vereint sind, teilt uns die Kommunikation über das Ereignis plötzlich. Auffällig ist dabei, dass über das eigentliche Thema (Katastrophe, Hintergründe, Auswirkungen, mögliche Hilfe) meist nur sehr wenig geschrieben wird. Der Großteil der Onlinekommunikation nach einer Katastrophe dreht sich um das Verhalten der anderen Kommunikationsteilnehmenden. Sowohl Profilbildwechsel und Solidaritätsbekundungen als auch die Kritik an der Betroffenheit und die wiederkehrenden Diskussionen über den Grad der Schrecklichkeit von Katastrophen vermitteln dabei eine Form sozialer Kontrolle. Das unterschwellig geführte Gespräch ist eines der kollektiven Suche nach einem geeigneten Ausdruck. Denn jeder Hinweis auf die Katastrophe, egal in welcher Form er geäußert wird, zeigt ein Kommunikationsbedürfnis. Das Wissen darum kann helfen, in einer emotional aufgeladenen Situation besonnener zu reagieren.

Die Offenheit der sozialen Medien ist eine Herausforderung. Bei vielen herrscht wenig Bewusstsein, dass sie nicht nur persönlich kommunizieren, sondern in einem öffentlichen Raum die kollektive Kommunikation beeinflussen. Ziehen wir das in Betracht, können wir das Gespräch miteinander verbessern. Dazu müssen wir auch unsere eigene Betroffenheit und Kritik zurückstellen, uns selbst analysieren und unsere Mediennutzung diskutieren. Denn die nächste Katastrophe kommt mit Sicherheit.

Aushalten – Akzeptieren – Abwägen. Und die Funkdisziplin wahren.

Nach dem Amoklauf in München twitterte die Journalistin Vera Bunse: „Im Funk und bei den Sicherheitskräften gibt es Funkdisziplin. Warum nicht auch auf Twitter?“

Wie könnte eine solche, freiwillig verabredete Funkdisziplin aussehen? Grundvoraussetzung ist, wie oben erläutert, das Bewusstsein um die Öffentlichkeit der eigenen Kommunikation. Darüber hinaus muss ein gesellschaftlicher Konsens über unsere Kommunikation im Ausnahmezustand etabliert und eingehalten werden. Im Folgenden ein paar Überlegungen, zu denen wir uns freiwillig verpflichten könnten:

  1. Abwägen: Im Falle einer Katastrophe ist es wichtig, den Informationsfluss nicht zu behindern. Eigene Meinungsäußerungen sollten gut überlegt werden, um die entsprechenden Hashtags nicht zu blockieren. Sinnvoll sind Retweets zu Informationen; so bleiben die Streams lesbar.
  2. Aushalten: Auch wenn es schwierig ist: Einen Mangel an gesicherten Informationen müssen wir aushalten. Darüber hinaus sollte jede geteilte Information kurz überprüft werden, zum Beispiel durch eine Google-Bilder-Anfrage, Nachrichtensender oder -seiten. Öffentlich geteilte Falschinformationen können Konsequenzen haben.
  3. Akzeptieren: Nicht jeder Kommunikationsteilnehmende möchte andere mit seinem Verhalten verletzen. Eine Konzentration auf das, was eint, ermöglicht achtsamen Umgang. Hinweise sollten vorsichtig formuliert werden.
  4. Keine Bilder von Polizisten: Während der Einsätze sind Bilder von Einsatzkräften gefährlich und fahrlässig.

Während des Amoklaufs in München war zu beobachten, wie sich die Hinweise unter den Nutzenden mehrten, keine Bilder von Einsatzkräften oder Opfern zu veröffentlichen. Als der Journalist Richard Gutjahr, der vor Ort war, eigene Fotos twitterte, wurde er scharf kritisiert. Nach dem Pariser Beispiel öffneten viele Menschen wenig später ihre Wohnungen und Häuser für Gestrandete. Eine Demonstration des Vertrauens, denn niemand wusste zu diesem Zeitpunkt, ob noch Täter auf der Flucht waren. Als Twitternde unter #offenetuer ihre Adressen öffentlich mitteilten, wurden sie von anderen darauf hingewiesen, ihren Wohnort ausschließlich als private Nachricht zu verschicken. Das Kollektiv regulierte sich selbst. Obwohl wir also als Teilnehmende an der öffentlichen Kommunikation immer wieder die gleichen Fehler machen, verbreiten sich auch hilfreiche Verhaltensweisen.

Überraschende Gegentendenz: Catcontent!

Eine beachtliche Gegentendenz zu den wiederkehrenden Phasen der Kommunikation bildet seit kurzem der in Krisensituationen sonst wenig akzeptierte Catcontent. Nach den Ereignissen in Brüssel verordnete die Polizei einen Lockdown in den sozialen Medien: Es sollten keine Fotos oder Details von Einsätzen öffentlich gemacht werden, um die fliehenden Terroristen nicht via Social Media zu warnen. Die Brüsseler halfen sich mit Katzenbildern unter dem Hashtag #brusselslockdown, um die Medien dennoch zu nutzen. Die Tierbilder hatten eine beruhigende Wirkung. Als die Polizeibilder und Meldungen von Einsätzen während des Münchner Amoklaufs trotz vieler Hinweise nicht aufhörten, griffen die Menschen auch hier auf Katzenbilder zurück. So sollte der Stream bewusst unleserlich gemacht werden.

Solche Gegenbewegungen zeigen, dass wir uns den Herausforderungen der kollektiven Kommunikation stellen und lernen. Der Wunsch nach einem gesellschaftlichen Konsens ist bei vielen vorhanden. Vielleicht sind wir daher auch irgendwann in der Lage, aus dem oben beschriebenen Zyklus der Katastrophenkommunikation auszubrechen.

Julia Schönborn

Julia Schönborn

Julia Schönborn arbeitet derzeit als Texterin für die Online-Spielebranche. Sie hat Literatur- und Kulturwissenschaften studiert. Ihr Herzblut fließt in ihre Blogpublikationen und in Artikel, die alle mit der Pointe enden, dass wir die Welt noch retten können. Wenn wir nur wollen.

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