Digitales Leben: Keine Panik

Foto: Krassotkin. Geek Picnic / CC0 2.0

Die Digitalisierung verändert alles. Während die einen Angstszenarien aufbauen, sehen die anderen die Chancen. Und die sind riesig. Sie versprechen Teilhabe, Zugang zu Wissen und Demokratisierung.

Vor einigen Wochen saß ich mit meinem Mann in einem Auto mit Einparkassistent. Der Wagen parkte rückwärts parallel ein, absolut exakt, das Lenkrad drehte sich dabei ohne unser Zutun. Es war beeindruckend. Und gruselig. Ich fragte mich daraufhin, ob wir nicht längst in der Lage sind, selbstfahrende Autos auf den Markt zu bringen. Und ob es der Mensch ist, der das verhindert, weil er noch nicht bereit ist loszulassen.

Der Journalist Ole Reißmann sagte auf dem Zündfunk Netzkongress 2014 in München: „Die Zukunft ist da. Kommt damit klar.“ Er adressierte die Buchbranche, und doch könnte man seine Aussage auf alle Bereiche des vernetzten digitalen Lebens beziehen: „Kommt damit klar!“ Allein, so einfach ist es nicht.

Die Angst vor dem Internet ist diffus

Das Misstrauen in die Technik und die aktuell wieder sehr lebendige Angst vor dem Digitalen, die große Teile unseres öffentlichen Diskurses über die neuen Entwicklungen bestimmt, werden am diesjährigen Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels deutlich. Jaron Lanier, dessen Wahl auch als „mutig“ bezeichnet wurde, veröffentlicht Bücher über Szenarien, in denen die Technik den Menschen ersetzt. Eine realistische Vorstellung, die in den Feuilletons großer Zeitungen aber zum Angstszenario ausgebaut wird. Alexander Pschera schreibt daher im September 2014 im Magazin Cicero: „Hier entsteht eine überzogene Theorie der digitalen Verschwörung gegen die Menschheit, die die Saat des Misstrauens verbreitet und die Gesellschaft lähmt. Die Debatte um das Netz ist in eine Phase der kulturellen Endschlacht getreten, in der es um die nackte Existenz geht.“

Die German Internet Angst entbehrt nicht jeder Grundlage. „Technologiebezogene Ängste und Sorgen können viele Formen annehmen. Die Sorge, dass die Technologie den Menschen überflüssig machen könnte, ist genauso verbreitet wie das (manchmal leider wahre) Klischee der älteren Dame, die mit dem Fahrkartenautomaten überfordert ist – ein Bild, das für einen rapiden technologischen Wandel, mit dem die Menschen nicht mehr mitkommen, steht“, schreiben die Medienpädagoginnen Judith Bündgens-Kosten und Marianne Wefelnberg. Die Szenarien sind real, aber die Angst ist dennoch diffus: Im Zeitalter von Überwachung, Datendiebstahl und der beinahe permanenten Angewiesenheit auf die neuen Technologien herrscht eine umfassende Unsicherheit.
Das Digitale als eine Art abgeschlossene Sphäre gibt es dabei schon längst nicht mehr. Die Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche, und rechnergestützte Prozesse haben bereits in weitgehender Autonomie vieles in unserem Leben übernommen. Die meisten dieser Prozesse sind für uns eine Black Box – es geht etwas hinein, es kommt etwas heraus, von dem Dazwischen erfahren wir nichts. Und weil ich zwar einen Parkassistenten habe, aber nicht weiß, wie er funktioniert, schwanke ich zwischen Faszination und Angst.

Dieser Zwiespalt hat auch bei technikaffinen Menschen zu einer Art neuer Bewegung geführt. Im Amerikanischen heißt sie digital detox, die Entgiftung vom Digitalen. Ziel ist das Ausschalten aller digitalen Endgeräte für einen bestimmten Zeitraum, um wieder „im analogen Leben anzukommen“. Mit Menschen von Angesicht zu Angesicht zu sprechen. Einen Kaffee aus einer behelfsmäßigen Filtervorrichtung über einem selbst angezündeten Lagerfeuer zu trinken – Erfahrungen, die Entschleunigung versprechen und einfacher zu erfassen sind. Digital detox ist die erfolgreiche Vermarktung des stark romantisierten Bildes eines natürlichen Lebens ohne Digitalisierung.

Das Bedürfnis nach der Rückkehr zu einer etwas ursprünglicheren Lebensweise ist so alt wie der technische Fortschritt selbst. Gefährlich werden die transportierten Bilder erst in Kombination. So bedient die Metapher von der Entgiftung, die aus dem Bereich der Suchtbegriffe stammt, die Angst vor der Abhängigkeit von einer möglicherweise zu eigenständigen Technik. Der Verlauf der Argumentation ist etwa: Mediengebrauch – Medienabhängigkeit – Krankheit – Tod. Es entsteht ein schiefes Bild, das nicht berücksichtigt, was wir mit den neuen Technologien tatsächlich tun.

Neue Technologien gestalten die Gesellschaft

Der überwiegende Teil unserer Nutzung von digitalen Medien besteht heute in der Kommunikation miteinander. Für sich genommen können alle Medien auf eine exzessive und damit problematische Art verwendet werden. Aber immer auch auf eine nützliche und positive: für Wissenserwerb, Austausch, Informationsweitergabe, Optimierung von Prozessen und vieles mehr. Heute kommunizieren wir, vernetzen wir uns, arbeiten und vergnügen uns mit den digitalen Medien. In Zukunft könnten wir mithilfe der neuen Technologien die Gesellschaft umgestalten.

Eine Umkehr der digitalen Revolution wird es nicht geben. Die Entscheidung, die wir treffen müssen, ist, ob wir sie passiv und in Angst mitverfolgen, oder ob wir sie alle gemäß unseren Mitteln aktiv beeinflussen werden.

Eine solche Mit- und Umgestaltung benötigt verschiedene Rahmenbedingungen. Aufgabe der Politik ist es, hier klare und verbindliche Regeln zu schaffen, die den Anwender_innen mehr Sicherheit geben. „Ohne Sicherheit kein Vertrauen. Und ohne Vertrauen kein digitaler Wandel“, sagte Winfried Kretschmann im Oktober dieses Jahres. Sicherheit aber, dieser trügerische Begriff, kann nicht durch weitere Überwachungsmaßnahmen gewährleistet werden, sondern nur durch Richtlinien, Gesetze zur Netzneutralität und Bildungsmaßnahmen.

Aufgabe jedes Einzelnen ist es, mehr Kontrolle über die verwendete Technik zu erlangen. Medienkompetenzunterricht für verschiedene Altersstufen ist dabei unerlässlich. In seinem Bericht über den Zündfunk-Kongress für die Süddeutsche Zeitung schreibt Julian Dörr: „Es gibt ihn … noch, den alten Traum vom Netz als Werkzeug der Selbstermächtigung.“ Während aber Jugendliche heute bereits früh lernen, dass „das Internet die Antwort auf das Internet ist“ (wie es Johnny und Tanja Häusler in ihrem Buch „Netzgemüse“ ausdrücken), das beeindruckendste Werkzeug zur Selbstermächtigung also bereits zu unserer Verfügung steht, brauchen ältere Generationen bei diesem Schritt oft noch Hilfe. „Silvernerd“ Ilse Mohr, Journalistin und Bloggerin Ü50, stellte dieses Jahr ihre Idee von Netzpatenschaften vor. Die digitale Agenda sei, was die Überwindung der digitalen Kluft zwischen den Generationen angehe, dürftig: „Es geht schneller, wenn jeder jüngere Onliner als Netzpate die Verantwortung für einen älteren Menschen in seinem Umfeld übernimmt. Quasi als Erweiterung des Generationenvertrags.“
Und die Aufgabe der Gesellschaft ist die Kollaboration, denn keiner von uns wird je in der Lage sein, alle Prozesse zu verstehen. Carsten Rossi, der unter dem Motto von Bryce Williams geprägten Working Out Loud ein Buch über neues vernetztes Arbeiten schreibt, erklärt es so: „Wo früher Top-down drin war, Kommando und Kontrolle, muss jetzt Eigenverantwortung, Mut und selbsttätige Vernetzung rein, damit der Plan aufgehen kann.“

Diese drei Aufgaben sind keine unüberwindbaren Hürden, wenn sie gesamtgesellschaftlich angegangen werden. Ein Vertrauensvorschuss in die Menschen hinter der Technik ist allerdings stets Grundvoraussetzung.

Der diesjährige Zündfunk-Netzkongress war mit den großen, freundlichen Lettern „Keine Panik“ überschrieben. Wenn wir der Panik keinen Raum geben, können wir uns gemeinsam über eine Zukunft unterhalten, in der der rasante technologische Fortschritt kein Angstszenario ist, sondern eine Chance. Vielleicht die größte, die wir je hatten.

Julia Schönborn

Julia Schönborn

Julia Schönborn arbeitet derzeit als Texterin für die Online-Spielebranche. Sie hat Literatur- und Kulturwissenschaften studiert. Ihr Herzblut fließt in ihre Blogpublikationen und in Artikel, die alle mit der Pointe enden, dass wir die Welt noch retten können. Wenn wir nur wollen.

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