Klassenkampf der Roboter: Werden die Maschinen uns ersetzen?

Foto: Bill Selak. Robot Building / CC BY-ND 2.0

Menschen bauen Maschinen, damit ihnen diese die Arbeit abnehmen. Doch bleibt überhaupt noch Arbeit für den Menschen, wenn die Maschinen intelligent werden? Klar ist, die Arbeitswelt wird sich verändern. Ein Rückblick auf die Industrialisierung verrät wie.

Jetzt auch noch Go. Erst unterliegt Weltmeister Garri Kasparow 1996 dem Computer Deep Blue im Schach, dann versagen die besten Teilnehmer der Spielshow Jeopardy 2011 gegen IBMs Supercomputer Watson und nun verlieren wir auch noch Go an die künstliche Intelligenz. Dieses japanische Brettspiel, das in unseren Breiten eigentlich keiner kennt, ist für seine überragende Komplexität berüchtigt. Am 15. März 2016 verlor der 33-jährige Go-Großmeister Lee Sedol 4 zu 1 gegen einen Computer.

Die Schlussfolgerung liegt nahe: Wer uns beim Brettspielen besiegt, dem müssen wir uns bald auch im echten Leben unterwerfen.

Damit rechnen zumindest Vordenker wie der theoretische Physiker Stephen Hawking oder der Tesla-Erfinder und SpaceX-Abenteurer Elon Musk. Sie fürchten, dass Maschinen schon bald dem Menschen ebenbürtig sein, ihn im Denken gar überholen könnten – ein Zustand, der als technologische Singularität bezeichnet wird. In dieser Zukunft sehen Hawking und Musk keinen Platz mehr für den Menschen, er hat sich überflüssig gemacht. Traut man beispielsweise Mark Zuckerberg, ist das Ende der menschlichen Überlegenheit nur noch fünf bis zehn Jahre entfernt.

Das ist noch eine bescheidene Prognose. Die erste Ankündigung der Singularität stammt vom Logiker John McCarty, der 1955 vorschlug, man könne sich im Sommer für zwei Monate mit zehn guten Leuten zusammensetzen, um das Rätsel der künstlichen Intelligenz praktisch im Urlaub zu lösen.

Hätten diese zwei Monate gereicht, wäre die Welt heute eine andere. Die Warenproduktion wäre bereits vollständig automatisiert und mit ihr die ganze Wirtschaft. Anders als Hawking und Musk befürchten, wären wir damit jedoch nicht überflüssig. Der Mensch bliebe der Zweck allen Wirtschaftens, eine Rolle, auf die sich unser profitorientiertes Wirtschaftssystem erst wieder neu besinnen müsste. Doch wie verdient der Mensch seinen Lohn, wenn er wirtschaftlich nicht mehr produktiv ist, was bleiben ihm für Aufgaben in einer Welt intelligenter Maschinen?

Und wann ist es endlich soweit? Schließlich ist McCartys Plan zur Eroberung der Künstlichen Intelligenz jetzt 70 Jahre her. Auch wenn sich die Erfolgsmeldungen der „KI“ überschlagen, der Abstand der Computerfähigkeiten zum menschlichen Intellekt ist in den entscheidenden Feldern seitdem kaum geschrumpft.

Watsons Leistungen sind zweifelsohne beeindruckend. Nur mit menschlichem Denken haben die Rechenschritte des Supercomputers nichts zu tun. Schaut man sich das Prozessdesign von Watson an, erkennt man, dass der Rechner die vorgelegten Fragen gar nicht verstehen muss, um sie zu beantworten. Watson zerlegt Texte mit einer Syntaxroutine, um die zentralen Begriffe herauszudestillieren und Synonyme dazu in seiner Datenbank zu finden. Mit diesen Wortsammlungen durchforstet er dann seine Lexika-Bibliothek von über 100 Gigabyte nach passenden Worthäufungen. Aus den gefundenen Einträgen filtert er besonders häufige Satzkonstruktionen und bietet diese als Lösung an. Das hilft beim Gewinnen von Jeopardy, bleibt aber klassische Datenverarbeitung und hat keinerlei Ähnlichkeit mit semantischem Verständnis, auf dem menschliches Denken basiert. Menschen assoziieren und rechnen keine Worthäufungen in ihren Erinnerungen nach.

Daran zeigt sich, dass Maschinen in genuin menschlichen Aufgabenfeldern – wie dem Verstehen von Welt – nur sehr schlecht einzusetzen sind. Ebenso wie Menschen umgekehrt in den Disziplinen Logik, Rechnen und Datenverarbeitung jedem Taschenrechner unterliegen.

Entgegen aller Befürchtungen brauchen wir uns also keine Sorge machen, die KI würde uns bald überrunden. Das hat sie längst getan. Das gilt zumindest auf den Feldern, für die ihre Architektur ausgelegt ist: formale Operationen. Darauf wird sich der Siegeszug der Algorithmen wohl aber vorerst beschränken müssen. Auch eine Beschleunigung der Rechenleistung wird daran nichts ändern. Nur eine grundlegend andere Technologie, die nicht formal, sondern assoziativ – in Sinnzusammenhängen – operiert, hätte die Chance, eine menschenähnliche KI zu entwickeln. Diese ist aber nicht abzusehen.

Vielmehr sollten wir die KI-Forschung von der Zumutung erlösen, menschliches Denken simulieren zu sollen. Angesichts unterschiedlicher Kernkompetenzen von Mensch und Maschine scheint es sinnvoller, auf eine Arbeitsteilung hinzuarbeiten, in der menschliche und künstliche Intelligenz sich ergänzen.

Dafür müssen wir den Maschinen zunächst passgenaue Aufgaben zurechtschneiden. Brettspiele zu gewinnen ist spannend, aber erst mal sinnlos. Was sinnvoll ist, kann jedoch nur der Mensch sagen. Den Maschinen Sinn zu liefern, wird in der Zukunft also zur zentralen Aufgabe der Menschen werden.

Das klingt abstrakt, ist als Job aber schon bekannt: der Sachbearbeiter. Steuerberater oder Versicherungsangestellte arbeiten, entgegen dem Klischee, nicht nur vorgegebene formale Prozesse ab. Ihre Aufgabe ist es, reale Ereignisse wie einen Unfallhergang in die formal verarbeitbare Sprache von Vertragswerken, Gesetzen und Software zu übersetzen. Gerade diese Aufgaben der Formalisierung von Sinnzusammenhängen gehören auch in Zukunft zu den wichtigsten Arbeitsfeldern des Menschen.

Gefährdet sind dagegen Arbeitsplätze, in denen Computer ihre überlegene Genauigkeit und Geschwindigkeit ausspielen können. Das gilt vor allem für Berufe in der Logistik und im mittleren Management.

Nach diesem Prinzip arbeiten Uber und Amazons Mechanical Turk schon jetzt. Sie ersetzen das mittlere Management durch eine Software, die automatisch Kunden und Dienstleister zusammenbringt. Uber vermittelt so Autofahrer; Mechanical Turk menschliche Helfer für Übersetzungen oder Dateneingabe. Doch durch ihre mangelnde politische Organisation sind Click-Worker und Uber-Fahrer den marktökonomischen Kalkulationen der Algorithmen vollständig ausgeliefert. Der Uber-Algorithmus setzt den Preis für eine Fahrt unabhängig von menschlichem Eingreifen fest – allein anhand der aktuellen Marktlage. Der Mensch wird, ist er nicht Programmierer oder Vermarkter der Technologie, zum prekären Zuarbeiter ohne Aufstiegsmöglichkeiten.

Durch das Einschalten von Algorithmen in den wirtschaftlichen Wettbewerb wird jede Marge automatisch bis auf ihre kleinste Rechengröße heruntergehandelt – so auch der Arbeitslohn. Wenn Algorithmen in Konkurrenz zueinander treten, bleibt für Profit keinen Platz mehr.

Die Automatisierung verträgt sich auch bei der Verteilung des Ertrags schlecht mit unserem aktuellen Wirtschaftssystem. Wenn sich die Güterproduktion weitestgehend in logistische Abläufe von Fabrikation und Ressourcenmanagement zerlegen lässt, wird sie voraussichtlich bald nahezu vollständig automatisierbar sein. Das entlastet die Arbeiter, stellt uns allerdings auch vor drei Fragen:

  1. Wie verteilen wir die automatisch erzeugte Rendite?
  2. Womit verdienen wir noch Geld?
  3. Warum sollten wir für ein Produkt, das ohne menschliche Leistung produziert wurde, mit unserem durch menschliche Arbeit erworbenen Lohn zahlen müssen?

Alle drei Fragen lassen sich marktwirtschaftlich nicht sinnvoll beantworten.

Klar ist: Der Lebensunterhalt von Menschen wird nicht weiter an ihre wirtschaftliche Produktivität gekoppelt bleiben können.

Das ist allerdings keine neue Entwicklung. Seit der Industrialisierung schieben sich Maschinen immer weiter zwischen die menschliche Arbeit und ihr Produkt, wodurch auch der Mensch sich kontinuierlich von der Produktion entfernt. Als Reaktion darauf, dass Menschen als Maschinenbediener austauschbar wurden, bildeten sich Arbeiterbewegungen, die letztlich die Einführung von Sozialversicherungen durchgesetzt haben. So löst sich die Entlohnung seit der Industrialisierung kontinuierlich weiter von der wirtschaftlichen Produktivität der Arbeit bis zur aktuellen Grundsicherungsleistung.

Ein naheliegender nächster Schritt dieser Entwicklung wäre die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens, das den Lebensunterhalt endgültig von wirtschaftlicher Arbeit entkoppeln würde. Das scheint kulturhistorisch plausibel. Die Frage ist allerdings, ob damit die gesellschaftlichen Herausforderungen der Automatisierung gelöst wären. Werden Menschen sich wirklich allein sinnvolle Arbeit suchen, sobald ihr Lebensunterhalt gesichert ist?

Klar scheint, dass Arbeit für die meisten Menschen mehr ist als Lohnerwerb. Arbeit ist Teil der Identitätsbildung, Selbstwirksamkeitserfahrung und soziale Integration: ein menschliches Grundbedürfnis.

Die gute Nachricht ist: Auch in einer automatisierten Welt wird Arbeit immer hinreichend vorhanden sein. Solange es Probleme gibt, besteht die Aufgabe, sie zu lösen. Allerdings werden diese Probleme in Zukunft vor allem in nicht-automatisierbaren Aufgabenbereichen liegen – in Kultur, Bildung oder sozialer Arbeit. Und gerade diese Arbeit wird schon jetzt mangels wirtschaftlicher Verwertbarkeit nicht von Unternehmen, sondern vom Staat organisiert.

Die große Aufgabe der automatisierten Gesellschaft wird deshalb sein, all jene Probleme und Herausforderungen, die Computer nicht für uns lösen können, in sinnvolle und motivierende Arbeit zu übersetzen.

Mads Pankow

Mads Pankow

Mads Pankow ist Herausgeber der Zeitschrift für Gegenwartskultur Die Epilog und Berater bei der Zentralen Intelligenz Agentur. Einmal im Jahr veranstaltet er das Digital Bauhaus, eine Boutiquekonferenz in Weimar. Er hat in Marburg, Malmö und Weimar Medienkultur und Organisationswissenschaft studiert und sich auf technikphilosophische und -soziologische Fragen spezialisiert

Foto: Steven Haberland
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