Laptopia

Foto: Vaido Otsar. Väimela Alajärv / CC BY-SA 3.0

Das EU-Mitglied Estland hat sich neu erfunden. Das Leben ist nahezu durchdigitalisiert. Besuch in einem Land, in dem Kinder und Alte mit Notebooks und Robotern leben.

Haben Sie einen einzigen Artikel von mir gelesen?“ Toomas Hendrik Ilves, der Präsident von Estland, ist wütend. Die Frage, was Technologie für sein Land bedeutet, erbost ihn. Was als höfliche Einstiegsfrage gedacht war, könnte gleich der Grund dafür sein, dass er das Interview abbricht, noch bevor es begonnen hat. Sein Pressesprecher lächelt entschuldigend, aber der Mann mit der gemusterten Fliege, der optisch eher an den Direktor einer Kleinstadtbühne erinnert als an den Staatschef eines EU-Landes, beruhigt sich nicht so schnell. Schließlich ist Estlands technologischer Fortschritt das, was er seit Jahr und Tag predigt. Egal, ob im eigenen Land oder auf Reisen, zur Eröffnung von Biennalen, Messen oder in Videobotschaften: Toomas Hendrik Ilves referiert, warum Estland der digitale Vorreiter Europas ist und was das für eine moderne Gesellschaft bedeutet. Überhaupt: „Das Problem für mich ist nicht, warum die Esten den Wandel akzeptieren, sondern warum Deutschland mit seiner 19. Jahrhundert-Haltung immer noch nicht verstanden hat, dass es zurückfallen wird, wenn es keine Industrie 4.0 macht und die Gesetze nicht daran anpasst.“

Einen Schritt zurück. Das baltische Land mit seinen nicht mal 1,5 Millionen Einwohnern sieht sich schon länger als digitaler Vorkämpfer der EU. Ob Steuern zahlen, wählen oder ein Rezept besorgen, fast alles lässt sich hier mit einer ID-Nummer für jeden Bürger und seiner digitalen Unterschrift elektronisch erledigen. Skype, das Programm, mit dem die Welt kostenlos telefonieren und chatten kann, wurde hier erfunden. Wie also funktioniert Estlands radikaler Umbau, der in Deutschland nicht nur strengen Datenschützern Angstperlen auf die Stirn treibt? Ist es Vorbild oder Abschreckung? Eine Tour durch e-Estonia soll ein paar Antworten bringen.

Das Reiseziel Tallinn teilt man sich mit Hunderten Kreuzfahrtschiff-Touristen. Die Stadt lockt mit einem geradezu surreal intakten Mittelalterzentrum. Während die Tagesbesucher den Stadtkern nicht verlassen, wird man selbst zuerst an die Stadtgrenze geschickt, wo Tallinn aussieht wie urbane Durchschnittstristesse: Shoppingmalls, Bauzäune mit Plakaten, die noch mehr Shoppingmalls ankündigen, neumodische Bürotürme, mal verglast, mal hanseatisch verklinkert.
Im Erdgeschoss eines dieser Hochhausriegel hat sich die Regierung 2009 eine Art permanenten Messestand für e-Estonia eingerichtet. Weil der Andrang zu groß geworden sei. „Vom Präsidenten Aserbaidschans bis zu Austauschstudenten haben uns schon 2000 Delegationen besucht“, sagt einer der Mitarbeiter, bevor er fröhlich eine Unmenge an Zahlen, Tabellen und Diagrammen an die Wand wirft, um die Effizienz seines elektronischen Staates zu belegen. Dass sich zum Beispiel in sechs Minuten online wählen lässt, statt mühsam in 44 Minuten auf Papier. Oder dass es nur eine halbe Stunde dauert, bis man in Estland eine Firma angemeldet hat.

Weltbank und Weltwirtschaftsforum stufen Estland als eines der Länder ein, in dem sich Geschäfte am einfachsten abwickeln lassen. Damit das nicht nur die Esten machen, gibt es seit Ende vergangenen Jahres die sogenannte e-Residency, die elektronische Aufenthaltsgenehmigung. Die soll ein Ausländer gegen eine Gebühr von 50 Euro und ein Passfoto sogar noch schneller erhalten als eine Firmenzulassung. 5000 solcher e-Residencies gibt es bereits. Bis 2025 sollen es zehn Millionen sein. Das kleine Land will wachsen.

Hilft der elektronische Zugriff auf die eigenen Daten und das Abkürzen mühsamer Behördengänge dabei, die russische Minderheit in Estland besser zu erreichen? Fast ein Viertel der Bevölkerung ist seit über 20 Jahren fremd im eigenen Land, ohne estnischen Pass, abgeschoben in Trabantenstädte. „Darüber habe ich noch nie nachgedacht.“ Sozial ist keines der Adjektive, die im Vortrag des freundlichen Mitarbeiters fallen, dafür umso häufiger: schneller, transparenter und effektiver.

„Wie sollen wir sonst mit China konkurrieren?“ meint dazu Birgy Lorenz. Die 36-jährige Lehrerin gibt Kunst- und Computerunterricht am Pelgulinna Gymnasium und kann nicht verstehen, warum Programmieren nicht auf dem Lehrplan stehen sollte. Mit schnellen Schritten führt sie den Gast in dem Fünfzigerjahrebau zu den Computerräumen. Schüler der Unterstufe sitzen dort vor überraschend alten Computern. Sie lernen gerade, wie man ein Spiel programmiert. Bunte Klötzchen wandern über die Bildschirme. In der Mitte des Raumes liegt ein knallorangener Turnball. In der Stunde davor haben andere Schüler versucht, den Ball mithilfe eines Roboters entlang farbiger Klebebänder zu bewegen.

Wie sinnvoll ist es, Schüler schon ab der ersten Klasse vor den Computer zu setzen? Hierzulande wird das schon mal als Zwangsdigitalisierung kritisiert. Die ablehnende Haltung hat dazu geführt, dass Deutschland unter 34 OECD-Ländern in Sachen Computerausstattung an 28. Stelle liegt, gleichauf mit Rumänien. Laut einer anderen Studie aus dem vergangenen Jahr sind deutsche Schüler beim Umgang mit Computern nur mittelmäßig.

„Programmieren hilft dabei, systematisch zu denken“, sagt Lorenz. Von Panikmache vor der zerstörerischen Kraft des Digitalen für die junge Kreativität hält sie als Kunstlehrerin gar nichts: „Es geht um eine Stunde in der Woche, über was reden wir da eigentlich?“ Zu Hause säßen die Kinder sowieso vor ihren Computern und Laptops. „90 Prozent der Erstklässler haben ein Smartphone. Wir sollten ihnen zumindest beibringen, wie man es richtig einsetzt“, sagt die Lehrerin mit den knallroten Lippen und den langen braunen Haaren.

Lorenz gibt Unterricht in Datenschutz und lehrt, wie sich die Schüler verantwortungsbewusst im Netz bewegen. Sie zeigt ihnen, wie sie ihre Geräte instandhalten und wie sie neue benutzen. „Dieses Jahr sind 3-D-Drucker sehr hip, letztes Jahr waren es die Roboter.“ Wie kann sich ein Land wie Estland eine solche Ausrüstung leisten? Lorenz relativiert. Von den etwa 550  Schulen im Land besitzen nur rund 50  3-D-Drucker, und auch an ihrer Schule hat nicht jedes Kind ein Tablet oder einen Computer zur Verfügung. Bringe dein eigenes Gerät mit, laute das Motto.

Als die Schule sich vor zehn Jahren entschloss, papierlos zu arbeiten, gab es sechs Computer für 900 Schüler. Geklappt hat es trotzdem. Vermutlich dank so enthusiastischer Lehrkräfte wie Lorenz. Im Monat vedient sie 800 Euro. Dafür, dass sie Schülern Programmieren beibringt, bekommt sie jedoch keinen Cent extra. Und auch nicht dafür, dass sie die estnische Regierung beim weiteren Ausbau des Schulsystems in Richtung E-School berät. Denn dahin soll es gehen und weiterwachsen. Nicht zuletzt, weil dem Land die IT-Entwickler ausgehen. Zehn Prozent der Wirtschaftsleistung Estlands wird in der Technologiebranche erarbeitet. Dass es nicht mehr ist, hängt auch mit dem Mangel an Fachkräften zusammen. Weil sie die am besten bezahlten Jobs im Land haben, versucht die Regierung viel, um diese Berufe zu promoten. Schon bei den ganz Kleinen. Lobbyarbeit an den Schulen.

Das Spiel Bit by Bit von Rene Rebane kommt da gerade richtig. Drei Jahre lang traf sich der 29-jährige Grafikdesigner mit vier Freunden an jedem Sonntag. Gemeinsam überlegten sie, wie Schüler im Alter von sechs bis elf Jahren spielerisch ans Programmieren herangeführt werden können. Zusammen mit Pädagogen, Lehrern und Wissenschaftlern haben sie ein Spiel entwickelt, in dem knuffige Figürchen mit Riesenaugen durch einen Parcours gelotst werden müssen. Anfang September kam Bit by Bit auf den Markt.

„Für uns sind Programmieren und 3-D-Drucken noch Zukunftsvokabeln, aber die Kinder werden sie später in ihrem Alltag verwenden.“ Nicht nur, wenn sie tatsächlich Programmierer werden, da ist sich Rebane sicher. Außerdem: „Man kann Kinder nicht isolieren.“ Er selbst hat sich als Junge Computerspiele so programmiert, dass sie schwieriger wurden. Sein eigenes stellt er jetzt in F-hoone vor, einem Restaurant in einer umgebauten Fabrikhalle. Hipster-Chic zu Craftbeer. Würden auf dem Flohmarkt vor dem Gebäude nicht gerade ständeweise UdSSR-Devotionalien verkauft werden, könnten wir auch in Berlin, London oder New York sitzen.

„Die Arbeitswelt ändert sich. Wie du dein Geld verdienst, hängt nicht mehr davon ab, wo du wohnst“, sagt Sten Tamkivi im Science Park Tehnopol, gleich neben der Plattenbausiedlung Mustamäe aus den Sechzigern. Tallinn ist voll solcher sich widersprechender Zeitschichten.

Tamkivi, 1978 geboren, versucht das Prinzip „Laptop aufklappen, arbeiten, egal wo“ für sein Start-up Teleport.org zu nutzen: Ein Algorithmus errechnet für den Kunden, welche Stadt für ihn am besten ist, abhängig vom Job, Budget und den Interessen. Könnte diese App vielleicht auch Flüchtlingen helfen, herauszufinden, wohin sie emigrieren sollen? Darüber habe er auch schon nachgedacht, sagt Tamkivi, aber: „Unsere Zielgruppe ist das nicht.“

Estland tut sich schwer mit Flüchtlingen. Die Angst vor Überfremdung ist groß, das Vertrauen in die eigene Unabhängigkeit offenbar noch nicht so sehr.

Von 2005 bis 2013 hat Tamkivi bei Skype gearbeitet, bislang die größte digitale Erfolgsgeschichte des Landes. „In jedem estnischen Start-up gibt es heute mindestens einen Ex-Skype“, sagt Tamkivi. Das Unternehmen sei für das Land so etwas wie eine alternative Wirtschaftsschule. Seit der Gründung im Jahr 2003 dürften diese ein paar Tausend verlassen haben.

Teleport.org hat mehrere Standorte, der in Tallinn sieht aus wie das Klischee eines Start-ups: mehr Computer als Mitarbeiter, viel Chaos und der Kühlschrank voller Ice–Tea und Club-Mate. Warum basteln in Estland so viele junge Unternehmen an neuen Geschäftsmodellen, dass ihr Ruhm schon unter #estonianmafia bis ins Silicon Valley vorgedrungen ist? „Estland selbst ist ein Start-up, nach der Unabhängigkeit gab es einen kompletten Neustart der Gesellschaft“, sagt Tamkivi. Als er zur Schule ging, sei es noch ein Verbrechen gewesen, Unternehmer zu werden. Ein paar Jahre später war es das größte Ziel vieler seiner Mitschüler. „Glücklicherweise fiel unsere Unabhängigkeit mit der Geburt des Internet zusammen.“ Die Digitalisierung war dem Land sozusagen in die Wiege gelegt.

Zurück in der Altstadt im Wirtschaftsministerium. Dieses residiert in einem alten Sowjetbau. Doch neben der Architektur scheint die Empfangsdame vor dem Schlüsselbrett die Einzige zu sein, die aus der Besatzerzeit stammt. Taavi Kotka zum Beispiel könnte auch in einer Werbeagentur arbeiten, schmal geschnittener blauer Anzug, blonder Wuschelkopf. Tatsächlich berät der 36-Jährige die Regierung in IT-Fragen. „Unsere Gesellschaft lebt in etwas, das andere erst entdecken müssen“, sagt Taavi Kotka. Sind die Esten deswegen technologiebegeisterter als der Rest Europas? „Überhaupt nicht“, sagt Kotka. „Ich glaube, jeder Mensch will in jedem Land nur ein normales Leben führen. Aber bei uns war es von Anfang an klar, dass wir uns die öffentliche Infrastruktur nur leisten können, wenn wir automatisieren. Nicht jedes kleine Dorf kann eine Apotheke haben.“ Estland mag von der Bevölkerungszahl klein sein, flächenmäßig ist es so groß wie die Niederlande.

Und was ist mit dem Datenschutz? Welchen Gesprächspartner man auch dazu befragt, man fühlt sich dabei endgültig wie der Abgesandte eines Mitleid erregenden Vorgängerstaats. Tenor: Datenschutz sei doch keine politische Angelegenheit, sondern eine technische! Und überhaupt: Nur im Digitalen seien die Daten der Bürger doch wirklich sicher, dank der ID-Nummer, PINs und etlicher anderer elektronischer Sicherheitsmaßnahmen. Deswegen sei es auch kein Problem, dass estnische Behörden die Daten der Bürger untereinander austauschen. Ein Datenmissbrauch sei ausgeschlossen. Auch weil jeder, der sich in Estland mit seinem Pass einloggt, sehen kann, welche Behörden gerade seine Daten abgerufen haben. Kommt ihm da etwas komisch vor, kann er sofort nachfragen. Nur: Will man das wirklich? Den gläsernen Bürger in einem gläsernen Staat?

„Das ist die deutsche Sicht: Ihr wollt eurer Regierung nicht vertrauen, aber Google und Facebook“, sagt Kotka, der IT-Berater der Regierung. „Aber am Ende muss man jemandem vertrauen. Für private Firmen ist man einfach nur ein Geschäft, für die Regierung ist man das nicht.“

Guter Zeitpunkt, zum Präsidenten zurückzukehren. In der Zwischenzeit hat er sich etwas beruhigt. „Keiner kann sich unerkannt Zutritt zu Regierungsdaten verschaffen,“ sagt Toomas Hendrik Ilves. Und wenn man gar nicht will, dass die Regierung so viel Daten von einem selbst besitzt? „Wenn eure Angst zu groß ist, dann macht es nicht. Aber ihr könnt auch kein sicheres System haben, wenn ihr es nicht macht.“

Dieser Text untersteht nicht der im Impressum beschriebenen CC-Lizenz. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlages. Laura Weißmüller, Süddeutsche Zeitung, 02.10.2015.

Laura Weißmüller

Laura Weißmüller

Laura Weißmüller, geboren 1980 in München, ist Redakteurin im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung und verantwortet dort seit 2009 den Bereich Architektur und Design.

Foto: Lisa Hörterer
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