Lernen mit Whatsapp

Foto: Todd Petrie. Linn School / CC BY 2.0

Das Internet ist in den Schulen angekommen. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist: Es fehlt oft an Technik. Und bisweilen auch an Offenheit und Neugier für dieses Medium – sowohl bei Lehrerinnen als auch bei Eltern.

Anfang des Jahres habe ich allen, die nicht bei drei auf den Bäumen waren, das wunderbare Buch „Netzgemüse“ von Tanja und Johnny Haeusler empfohlen. Als Vater von vier Kindern und mit einer Lehrerin als Frau beschäftigt mich das Thema „Internet und unsere Kinder“ sehr. „Netzgemüse“ ist ein Kontrastprogramm zu den üblichen Elternfortbildungen zum Internet, die überwiegend mit der Angst spielen. Meine Hoffnung ist, dass sich die Sicht einiger anderer Eltern und Lehrerinnen auf das Thema ändert. Denn das sollte sie.

Mein Wissen darüber, wie Medienkompetenz in Schulen vermittelt wird, ist nicht allumfassend, es reicht aber doch von der Grundschule über Förderschulen und mittlere Schulformen bis hin zum Gymnasium. Dazu kommen Gespräche mit anderen Eltern sowie mit Lehrerinnen. Die gute Nachricht ist, dass die Medienkompetenz in den vergangenen Jahren an den Schulen und bei den Lehrerinnen massiv zugenommen hat.

Internetbasierte Arbeitsweisen gehören zum Methodencurriculum aller Schulformen dazu, auch schon in den Grundschulen. Darin finden sich verbindliche Aussagen darüber, welche Methoden wann und wie gelernt und angewendet werden. Die Arbeit mit dem Internet gehört inzwischen flächendeckend dazu, nach meiner Beobachtung oft auch in einer angemessenen Art und Weise.

Ein Beispiel sind selbstbestimmte Lernkontrollen in der Grundschule, die über Internetseiten stattfinden. Meine Tochter kann so sowohl in der Schule als auch zu Hause selbstständig lernen, beispielsweise ihre Fragen zu Büchern in der Freiarbeit in der Schule notieren oder in der Hausarbeit am Küchentisch. Im Politikunterricht der Oberstufe wird das Internet für Recherchen zu internationalen Diskussionen eingesetzt – und das sind nur zwei Beispiele von vielen.

Die technische Ausstattung ist mangelhaft

Dass das Internet vor allem unter den Methoden abgehandelt wird, zeigt, dass es in der Mitte der Schule angekommen ist. Wie sehr, hängt noch zu sehr vom Geschmack der jeweiligen Lehrerin ab, aber selbst die hartnäckigsten Anhängerinnen von Nachschlagewerken in Buchform kommen nicht mehr umhin, Recherchen und Quellenarbeit auch anders anzuleiten und zuzulassen.

Inzwischen sind wir in den Schulen immerhin schon so weit, dass wir nicht mehr grundsätzlich darüber diskutieren, ob mit dem Internet gearbeitet wird oder nicht. Die Probleme sind eher, dass es kein Netz gibt, weil mobiles Internet in den Betonklötzen nicht funktioniert und das schuleigene Netz, ob über Kabel oder WLAN, nicht stabil läuft. Weil es niemanden gibt, der oder die sich damit auskennt, und die Firma, die beauftragt ist, den Server und die Computer wieder flottzumachen, über die die Smartboards angesteuert werden, erst in vier Wochen vorbeikommt. Das Service Level Agreement und das Geld, das die Schulbehörde dafür investiert, reicht nicht zu mehr.

Weshalb Lehrerinnen die Zeugnisse zu Hause schreiben, weil sie nicht ins Netzwerk kommen. Oder ihr privates Handy nutzen, um einen Hotspot für die Schülerinnen aufzumachen, wenn ihr Klassenraum weit genug an der Außenwand liegt, um zumindest eine langsame EDGE-Verbindung zuzulassen. Wer hätte gedacht, dass 2014 die technische Ausstattung ein größeres Problem ist als die Bereitschaft oder Kompetenz der Lehrerinnen. Der Generationswechsel macht sich inzwischen eben doch bemerkbar.

Wie viel Internet darf sein?

Also bringen die Schülerinnen ihre eigene IT mit. Smartphones und Tablets vor allem, auch ihr eigenes Internet – wenn es denn funktioniert, siehe oben. Weshalb nach Stricken und Rauchen nun die Nutzung von mobilen Internetzugangsgeräten kontrovers zwischen Eltern, Schülerinnen und Lehrkörpern diskutiert wird.

An allen Schulen, an denen ich als Vater mehr oder weniger nicht aktiv bin, haben wir in diesem Jahr diese Frage verhandelt. Und sind an jeder Schule zu einem anderen Ergebnis gekommen. Spannend war, dass der Riss stets quer durch Kollegien und Elternschaft ging. Nur die Schülerinnen waren sich immer recht einig.

Alles mögliche ist dabei rausgekommen: Handy- und Tablet-Verbote auf dem Schulgelände, gescheitere Regelungsversuche und spannende Kompromisse, die sehr differenziert zwischen Unterricht, Freiarbeitszeiten und Pausen unterschieden und Handy-Zonen auf dem Schulhof schufen.

Informatik muss Pflichtfach werden

Traurig macht mich, dass wir 2014 kaum einen Schritt damit weitergekommen sind, Informatik als Pflichtfach einzuführen. Dass die Sensibilität dafür immer noch kaum vorhanden ist und es uns kaum gelungen ist, neue Verbündete zu finden. Für die Zukunft unserer Kinder ist es wichtig, dass sie die Grundprinzipien von Programmen verstehen, in Ansätzen Code lesen können, eine Vorstellung davon haben, wie mächtig Algorithmen sind und wie viel Macht es verleihen kann, sie zu kennen und ändern zu können. Dieses Wissen ist vielleicht sogar wichtiger, als zu wissen, wo Brom im Periodensystem steht.

Eltern und Lehrkräfte müssen sich aber auch mehr damit beschäftigen, was im Internet bei Kindern und Jugendlichen gerade populär ist. Belustigt habe ich Diskussionen anderer Eltern und einiger Lehrerinnen über Facebook verfolgt – während die Kinder schon längst Freshtorge auf Youtube folgten und sich via Instagram die nächste große Liebe andeutete.

Gleichzeitig beklagen sich Eltern darüber, dass ihre Kinder die Lokalzeitung nicht mehr lesen (und die Zeitungsverleger nach dem Schutzzollgesetz auch noch das Pflichtfach Medienarchäologie an den Schulen fordern). Ich war dagegen überrascht, was mein Zwölfjähriger alles über die Welt und die Politik weiß. Bis ich herausfand, dass er natürlich LeFloid auf Youtube abonniert hatte. Ganz ehrlich: Mir ist das Medienverhalten meiner Kinder auch fremd. Aber ich finde es faszinierend.

Seit in der Schule im sozialen Brennpunkt die Kommunikation zwischen der Klassenlehrerin und den Schülerinnen über Whatsapp läuft, vergessen die Schülerinnen ihren Turnbeutel nicht mehr. Eine kurze Nachricht morgens – und alles ist geritzt.

Wolfgang Lünebürger-Reidenbach

Wolfgang Lünebürger-Reidenbach

Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach ist 45 Jahre alt. Er hat vier Kinder zwischen 9 und 18 Jahren. Seine Frau ist Lehrerin. Zusammen erleben sie alle Schulformen im Alltag, die es in Hamburg gibt. Er bloggt unter Haltungsturnen.de und twittert als @luebue.

Foto: achtung
Wolfgang Lünebürger-Reidenbach

Letzte Artikel von Wolfgang Lünebürger-Reidenbach (Alle anzeigen)