Made in Africa

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Bei der Digitalisierung sind wir alle noch Entwicklungsländer. Und von der Kreativität und Begeisterung in Afrika kann Europa noch viel lernen.

Nie zuvor haben sich Technologien so schnell über den Globus verbreitet wie der Mobilfunk und das Internet. Doch der Blick der meisten Europäer richtet sich fast ausschließlich auf die Entwicklungen in den USA. IT-Sicherheitsexperten schenken gegebenenfalls noch Russland, China, Korea und Japan ihre Aufmerksamkeit. Nur wenige haben aber eine Vorstellung davon, wie die digitale Landschaft in Lateinamerika, Afrika oder Südostasien aussieht. Als Ergebnis war mancher Europäer überrascht, dass viele der syrischen Flüchtlinge, die aktuell den europäischen Kontinent erreichen, im Besitz eines Smartphones sind. Vielleicht nicht diplomatisch, aber passend reagierte darauf der Journalist James O’Malley im Independent: „Surprised that Syrian refugees have smartphones? Sorry to break this to you, but you‘re an idiot.“

Laut aktuellen Statistiken der International Telecommunication Union (ITU) hatten 2014 fast 40 Prozent aller Menschen weltweit Zugang zum Internet. Fast zwei Drittel aller Internetnutzer leben 2015 in Entwicklungsländern. In Afrika stieg die Internetverbreitung Ende 2014 auf fast 20 Prozent: Das bedeutet eine Verdoppelung seit 2010. Neue Unterseekabel brachten hier in den letzten fünf Jahre eine zwanzigfache Zunahme der internationalen Bandbreite. Vor allem die rasante Verbreitung mobiler Technologien ermöglicht immer mehr Menschen nicht nur Zugang zum Internet, sondern grundsätzlich zu digitalen Informationen und Kommunikationswegen wie SMS. Die Mobilfunkverbreitung liegt in Afrika inzwischen bei 70 Prozent. Digitale Technologien haben auf dem Kontinent das Leben von Millionen von Menschen verändert. Das geht weit über die Konnektivität hinaus, hin zur Bildung und zu Gesundheits- und Finanzdienstleistungen. Denn nicht zuletzt wegen ihrer dezentralen Struktur haben digitale Technologien genauso wie bei uns in hohem Maße zu beeindruckenden Innovationen beigetragen. Der Blick auf das digitale Afrika lohnt sich.

Mit fast 200 Millionen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren ist Afrika heute der jüngste Kontinent. Vielleicht trägt auch das dazu bei, dass in Ländern wie Ghana, Kenia oder Nigeria der Digitalisierungsdiskurs vor allem positiv geprägt ist. Wer sich an die mahnenden Stimmen deutscher Intellektueller oder die Phantasielosigkeit mancher deutscher Politiker gewöhnt hat, wird fast erschrecken vor der Euphorie, mit der viele Afrikaner dem Phänomen Digitalisierung begegnen. Natürlich weiß man auch hier, dass diese Entwicklung ihre Schattenseiten haben kann. Aber bis es soweit ist, setzt man auf disruptive Innovation durch digitale, mobile Technologien – zur Verbesserung der Lebensqualität.

Überweisung per SMS

Dass mobile Zahlungssysteme in vielen Ländern Afrikas weiter fortgeschritten sind als auf dem alten Kontinent, dürfte inzwischen kein Geheimnis mehr sein. In Kenia, Tansania oder Nigeria etwa lässt sich die Telefonrechnung oder das Bier problemlos per SMS bezahlen. Mobile Zahlungssysteme wie etwa Kenias M-Pesa sind deswegen so erfolgreich, weil sie niederschwellig und anwenderzentriert konzipiert sind. Viele von ihnen sind SMS-basiert, so dass sie auch in Regionen, wo es keine Internetanbindung gibt, funktionieren. Außerdem laufen sie nicht nur auf Smartphones, sondern selbst auf einem alten Nokia 3110. So können auch Mittel direkter zu denjenigen fließen, die sie brauchen. Millionen Menschen, die zuvor ohne Konto waren, konnten erstmals ohne den Umweg über Mittelsmänner ihr Gehalt überwiesen bekommen und gleichzeitig schnell und unkompliziert die Schulgebühr für ihre Kinder überweisen.

Doch auch in anderen Bereichen sind mobile Anwendungen erfolgversprechend. Viele Aktivitäten, die hierzulande noch über den Desktop ausgeführt werden, laufen in afrikanischen Länder über mobile Geräte. Beispielsweise lassen sich Verträge abschließen, Jobs finden oder auch Musiktitel runterladen. Die Musikerin Muthoni The Drummer Queen etwa vertreibt ihre Lieder per SMS. Wer Ideen für Mobile-First-Ansätze braucht, kann sich von Afrika also jede Menge abschauen. Laut einer Studie von Ericsson wird in Afrika bis 2019 die mobile Internetnutzung, und damit auch der Datentransfer um das Zwanzigfache steigen. Damit ist die Wachstumsrate dort doppelt so hoch wie im Rest der Welt.

Der twitternde Chief

Der größte Unterschied zu Deutschland aber ist: Viele Politiker haben das Potenzial digitaler Technologien früh erkannt und machen es sich zu eigen. Sie nutzen digitale Technologien, um für die Bürger erreichbar zu sein, Prozesse zu erleichtern und niederschwelligen Zugang zu bieten. Bekanntestes Beispiel dafür ist wohl Chief Francis Kariuki. Als Bürgermeister seines Bezirks in Nakuru im Westen Kenias versorgt er seine über 53.000 Twitter-Follower auf Englisch und Suhaili Tag und Nacht mit Informationen über den Verwaltungsdistrikt. Ob ein Telefon gestohlen wurde oder eine Kuh, wer Chief Kariuki auf Twitter folgt, kann alles in 140 Zeichen erfahren. Sein ganzer Bezirk bleibt so auf dem Laufenden.

Der twitternde Chief ist nicht das einzige Beispiel für Demokratieförderung mittels digitaler Technologien in Kenia. Der vormals stark zentralisierte Staat versucht seit 2013, politische Verantwortung zu dezentralisieren und hat in 47 Bezirken Vertreter ernannt, die als Ansprechpartner für Wählerinteressen und sonstige Anliegen fungieren sollen. Digitale Technologien sollen dabei den Austausch zwischen jungen Menschen und den politischen Vertretern befördern. Über eine Plattform können die Jugendlichen kostenfrei ihren Abgeordneten SMS-Botschaften schicken. Aus allen Wahlkreisen wurden bereits Anliegen formuliert – die Vorschläge reichen von Straßenlaternen bis zu Stipendien und Arbeitsplätzen.

Aber nicht nur in Kenia wird über mobile Technologien versucht, staatliche Dienste zu verbessern. In Tansania bietet das Programm Daraja Bürgern die Möglichkeit, über Mobiltelefone den Zustand der lokalen Wasserversorgung zu veröffentlichen und Beschwerden einzureichen. Diese werden von einer dritten Organisation an die zuständige lokale Behörde und die Presse weitergegeben, um gemeinsam die Probleme in der Wasserversorgung zu beheben.

Schuhe aus dem 3D-Drucker

In vielen afrikanischen Ländern ist man besonders aktiv in sozialen Medien. Ein Drittel der Internetnutzung des Kontinents entfällt auf Facebook, Twitter und Co. Konsequenterweise verwenden auch Unternehmen diese Kanäle – etwa bei der Kundenbetreuung. Ein Dienst klappt nicht? Natürlich kann man schnell per Twitter oder Facebook Kontakt zum Mobilfunkunternehmen aufnehmen und so seine SIM-Karte sperren oder seine Verbindungen prüfen lassen. Da verwundert es kaum, dass Bob Collymore, der CEO des größten Mobilfunkunternehmens in Kenia, Safaricom, einer der Kenianer mit den meisten Twitter-Followern ist.

Auch in Rwanda hat die Digitalisierung höchste politischen Priorität. 21 Jahre nach dem Genozid gilt das Land als eines der digitalen Vorreiter in Afrika. Vor einigen Jahren verlegte die Regierung bereits 2.300 Kilometer Glasfaserkabel. Mit der Unterstützung von Südkoreas größtem Telekommunikationsanbieter KT soll in den nächsten drei Jahren das Gros der Bevölkerung Zugang zu 4G-Internet bekommen. Es wird davon ausgegangen, dass 95 Prozent Breitband-Verbreitung zu einem Wirtschaftswachstum von 10-13 Prozent führen. Ob das gelingt, bleibt abzuwarten, die politische Botschaft aber ist klar: Der Zugang zum Internet für alle Bürger ist eine essenzielle Voraussetzung für die Entwicklung des Landes und hat deshalb Priorität gegenüber anderen Bereichen.

Neben dem politischen Willen sind in vielen Ländern Afrikas die jungen Unternehmer, Software- und Hardware- Startups und der Einsatz sogenannter Maker-Technologien die Antreiber digitaler Innovation. Viele Unternehmer zeigen ein starkes Bewusstsein für die entwicklungspolitische Wirkungskraft sozialer und nachhaltiger Innovationen mit lokalen Ressourcen. So zum Beispiel ein kenianisches Startup, das 3D-Drucker aus Elektroschrott baut und mit der Herstellung von Filamenten aus recyceltem Plastik experimentiert. Eine der Anwendungen des Druckers ist die Herstellung von Schuhsohlen für Kinder, deren Füße durch Sandfliegenstiche deformiert wurden und die daher angepasste Schuhe benötigen. Ein weiteres Beispiel liefert Togo, wo der lokale Innovation Hub WoeLab mit e-Waste unter anderem 3D-Drucker und Landwirtschaftsroboter baut, die als offene Hardwareprojekte frei verfügbar sind. Hubs wie WoeLab oder auch SwahiliBox in Mombasa treiben außerdem soziale und technische Diskurse voran, beispielsweise durch die Veranstaltung von Hackathons zum Thema Internet of Things in urbanen und ländlichen Regionen.

Kein Allheilmittel

Afrika ist ein großer Kontinent, dessen Länder sowohl kulturell als auch geografisch von höchster Diversität geprägt sind. Wie in Europa blickt jedes Land auf seine eigene Geschichte zurück und sieht sich seinen eigenen Chancen und Herausforderungen gegenüber. Neue Leitungen oder Geräte sind kein heiliger Gral. Sie werden strukturelle Probleme wie Hunger und Krieg nicht lösen. Die jüngste Ebola-Epidemie in Liberia und Sierra Leone oder die andauernden Konflikte in Zentralafrika und dem Südsudan behindern weiterhin positive Veränderungen. Und während in einigen Ländern das Internet oder die Mobilfunktechnologie für große Veränderungen gesorgt haben, sind andere Länder wie Somalia oder Eritrea immer noch weitestgehend vom Internet abgeschnitten. Es wird wohl noch Jahre dauern, bis sich das transformative Potenzial des Internets über den gesamten Kontinent verbreiten kann.

Doch wer meint, dass wir in Deutschland wesentlich weiter sind, weil quantitativ mehr Menschen Zugang zu Internet und Smartphones haben, der übersieht etwas Wesentliches: Der digitale Wandel bietet zahlreiche Chancen, die es zu nutzen gilt. Von der Kreativität in vielen afrikanischen Ländern und der Begeisterung einer jungen Generation, die sich ihren Herausforderungen stellt, können auch westliche Länder lernen. Anderseits wäre der Austausch über digitale Menschenrechte, die in vielen afrikanischen Ländern nicht geschützt sind, ein wichtiger Diskursbeitrag, zu dem vor allem europäische Akteure viel beitragen könnten. Mit Blick auf den digitalen Wandel sind wir alle noch Entwicklungsländer und es gilt Neues zu lernen und zu verstehen. Dazu brauchen wir den internationalen Austausch auch mit Ländern der südlichen Halbkugel.

Geraldine de Bastion & Julia Manske

Geraldine de Bastion & Julia Manske

Geraldine de Bastion ist Politologin, internationale Politikberaterin, Moderatorin und Kuratorin. Sie berät öffentliche Institutionen, Nichtregierungsorganisationen und Unternehmen zum strategischen Einsatz digitaler Technologien für politische Kommunikation und neue Geschäftsmodelle.

Julia Manske ist Programmmanagerin bei der Stiftung neue Verantwortung. Aktuell arbeitet sie im „Open Data & Privacy“-Projekt und beschäftigt sich dort mit der verantwortungsvollen Öffnung, Nutzung und Steuerung von Regierungsdaten.

Fotos: Stiftung-nv.de; Privat
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