Medienkompetent im Knast

Internet im Gefängnis? Dürfen Gefangene das überhaupt? Eine Lernplattform für Strafgefangene bietet Zugang zu Weiterbildung und Wissen. Ein Interview mit der Erziehungswissenschaftlerin Ariane von der Mehden.

Elis steht für „E-Learning im Strafvollzug“ und die Elis-Lernplattform bietet genau das: Gefangene können über ein eigens für sie eingerichtetes Intranet Zugang zu Unterrichtsmaterialien und ausgewählten Internetseiten erhalten. Elis wurde vom Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft (IBI) speziell für das Lernen im Strafvollzug weiterentwickelt. Daran beteiligt war die Erziehungswissenschaftlerin Ariane von der Mehden, die das Programm mehr in die Breite tragen will.

iRights: E-Learning im Strafvollzug – wie selbstverständlich ist das heute?

Ariane von der Mehden: Der Einsatz von Computern sowie die Nutzung ausgewählter Internetseiten im Rahmen von Bildungsmaßnahmen ist im Strafvollzug überhaupt keine Selbstverständlichkeit. Bis vor einigen Jahren durften Gefangene Computer gar nicht nutzen oder nur in gelockerten Vollzugsformen. Deshalb wurden sie auch nicht für Bildungsmaßnahmen eingesetzt.

2004 hat man in einigen Bundesländern begonnen, eine Lernplattform im Strafvollzug einzuführen, die den Sicherheitsbedürfnissen Rechnung tragen sollte. Das lief lange Zeit mehr schlecht als recht. Dann wurde unser Institut beauftragt, die Plattform zu betreiben und weiterzuentwickeln. Gleichzeitig erhielt das IBI Gelder aus dem EU-Programm XENOS und konnte so das E-Learning-Projekt komplett neu aufsetzen. Dadurch hat es sich seit 2008 etabliert. Inzwischen sind 65 Haftanstalten in Deutschland und Österreich an die Plattform angeschlossen. In vielen Haftanstalten läuft es schon richtig gut, andere sind noch in der Aufbauphase.

Welche Inhalte werden vermittelt?

Wir bieten zirka 280 verschiedene Lernprogramme an, die von einem Server im Hochsicherheits-Rechenzentrum der TU Berlin abgerufen werden können. Die Elis-Lernplattform ist aufgebaut wie eine Mediathek. Ein Themenbereich ist die schulische Bildung. Diese enthält Fächer wie Deutsch, Mathematik, Erdkunde oder Englisch. Daneben gibt es den Bereich Alltags- und Sozialkompetenzen, der für die Gefangenen besonders wichtig ist. Im Mittelpunkt stehen Sozialkompetenz-Trainings und Inhalte, die auf die Zeit nach der Haft vorbereiten. Gefangene finden hier Antworten auf Fragen wie „Wie suche ich mir einen Job? Wie finde ich nach der Entlassung eine Wohnung?“

Außerdem geht es auf der Lernplattform um die Vermittlung von Medienkompetenz. In vielen Haftanstalten wird der Europäische Computerführerschein angeboten. Die meisten Materialien werden auf der Lernplattform unterrichtsbegleitend – vergleichbar mit einem Lehrwerk – eingesetzt. Und natürlich gibt es auch Freizeitangebote. Das sind pädagogisch wertvolle Programme und Spiele wie beispielsweise Gehirnjogging.

Dürfen die Häftlinge auch direkt ins Internet?

Die Lernplattform funktioniert wie ein Intranet. Die Gefangenen greifen aus den Computerräumen über eine getunnelte Verbindung (VPN) auf die zentral verwaltete Plattform zu. Hier können sie Offline-Versionen von Lernprogrammen nutzen.

Aber es gibt auch die Möglichkeit, Internetseiten per Positivliste freizuschalten. Grundsätzlich sind erst einmal alle Internetseiten gesperrt. Nur zuvor vom Elis-Team geprüfte Internetseiten können über einen Antrag freigegeben werden. Die Kriterien sind: Hat die Seite Kommunikationsmöglichkeiten? Gibt es Sicherheitslücken? Ist die Quelle vertrauenswürdig? Wenn es beispielsweise Foren oder Chats gibt, die nicht gesperrt werden können, erfolgt keine Freigabe.

Welche inhaltlichen Kriterien gibt es für die Freigabe der Seiten?

Wir bewerten im Elis-Team, ob eine Seite pädagogisch wertvoll ist. Wir führen immer wieder Diskussionen darüber, inwiefern wir Seiten freischalten sollten, die einfach nur Spiel und Spaß anbieten. Um dies zu beurteilen, gibt es seit Jahren ein Gremium. Es besteht aus Lehrervertretern aller beteiligten Länder und berät das Elis-Team hinsichtlich der Inhalte und pädagogischen Ausrichtung.

Welche Seiten schaffen es typischerweise auf die Whitelist?

In den vergangenen Jahren gab es viele Offline-Lernprogramme auf dem Markt. Mittlerweile geht der Trend beim Lernen mit digitalen Medien hin zu dynamischen, gut aufbereiteten Internetseiten. Deshalb sind viele Seiten darunter, die von den Pädagogen des Elis-Teams auch für das Lernen im Strafvollzug empfohlen werden. Zum Beispiel ist Nachrichtenleicht.de eine Seite, die sehr gut angenommen wird. Hier werden vom Deutschlandfunk wöchentlich Nachrichten eingestellt, die in sehr einfacher Sprache gehalten sind. Man kann sich jeden Text auch vorlesen lassen. Das ist für viele Gefangene wichtig, denn wir haben unter ihnen einen hohen Anteil an Analphabeten und Migranten, die Schwierigkeiten haben mit der deutschen Sprache.

In einer Haftanstalt ist auch schon mal Chefkoch.de freigeschaltet worden, um den Azubis in der Kochausbildung Rezepte zur Verfügung zu stellen. Erlaubt ist auch der Zugriff auf die Seite der Bundesagentur für Arbeit. Wikipedia steht auf der Lernplattform als Offline-Version zur Verfügung. Die Editierfunktion ist komplett gesperrt. Trotzdem muss das Nachschlagewerk aus Sicherheitsgründen individuell freigeschaltet werden, da es dort auch Inhalte gibt, die für Gefangene nicht geeignet sind. Insgesamt sind über die Lernplattform über 200 Webseiten freigeschaltet.

Gibt es Missbrauch?

Beim Einsatz der Elis-Lernplattform gibt es keinen Missbrauch. Wir haben ein sehr strenges Sicherheitskonzept, das von den Administratoren vor Ort auch umgesetzt wird. Da die Gefangenen per se erst einmal nur auf die Plattform und nicht ins Internet kommen, sind wir auf der sicheren Seite. Die Elis-Lernplattform ist so aufgebaut, dass die Gefangenen vom Rollen- und Rechtekonzept her keinen Missbrauch betreiben können.

Anders sieht es aus, wenn ein Häftling über einen freien Internetzugang verfügt, der nicht an die Elis-Infrastruktur angeschlossen ist. Hier gibt es dann kein Sicherheitskonzept, das Vorgaben zur Einrichtung des Raumes und der Computer macht. Erst im Oktober sorgte beispielsweise ein Fall in der JVA Tegel für Schlagzeilen, weil dort offenbar von der Redaktion der Gefangenenzeitschrift Pornofilme heruntergeladen wurden. Ich muss aber ausdrücklich betonen: Wäre dieser Rechner an die Lernplattform angeschlossen gewesen, hätte es zu diesem Vorfall nicht kommen können.

Wird die Lernplattform angenommen? Wie sieht denn das Nutzungsverhalten aus?

Insgesamt werden die Angebote auf der Lernplattform sehr gut angenommen. Im Einzelnen steht und fällt der Einsatz aber mit dem Lehrer. Dieser kann selbst entscheiden, ob und wie er die Plattform nutzt. Es gibt Lehrer, die das selbstverständlich in den Alltag einbauen. Sie berichten uns, dass die Gefangenen sehr motiviert sind, wenn sie mit dem Computer arbeiten. Für sie ist es beispielsweise angenehmer, eine anonyme Rückmeldung von einem Programm zu bekommen und nicht vom Lehrer vor der gesamten Klasse kritisiert zu werden.

Und dann gibt’s natürlich auch Haftanstalten, in denen die Lehrer nicht so medienaffin sind. Hier ist es notwendig, dass wir vom IBI die Lehrer im Rahmen von Fortbildungen an den computergestützten Unterricht heranführen. Es müssen zunächst Ängste und Hemmschwellen abgebaut werden. Außerdem muss der Lehrer selbst ein Gefühl für den Einsatz von digitalen Medien entwickeln. Nur wenn er sicher mit dem Computer umgehen kann, kann er die Lernplattform im Unterricht sinnvoll einsetzen. Das ist im Strafvollzug dann auch nicht anders als an öffentlichen Schulen.

Welche Perspektive hat die Elis-Lernplattform? Wo soll es hingehen?

Wir sind sehr stolz darauf, dass immer mehr Haftanstalten unsere Lernplattform nutzen. Dass die Gefangenen zum Zweck der Weiterbildung und unter den strengen Sicherheitsvorkehrungen ins Internet dürfen, ist unter den strengen Sicherheitsvorkehrungen wirklich revolutionär. Das wollen wir ausbauen. In Zukunft wollen wir den Fokus nicht mehr ausschließlich auf die Lernplattformen setzen, sondern noch viel stärker ins Internet gehen. Denkbar ist, das Konzept in andere Bereiche des Strafvollzugs zu übertragen. Eine Zielgruppe sind zum Beispiel die Sicherungsverwahrten. Ihnen soll ebenso das Recht zustehen, ins Internet gehen zu dürfen.

Man könnte das Internet aber auch in die Zelle und damit in den Freizeitbereich übertragen. Bislang dürfen die Häftlinge den Computer nur in einem dafür vorgesehenen Raum unter Aufsicht nutzen. In der JVA Rockenberg in Hessen sind wir an einem Pilotprojekt beteiligt, bei dem Tablets und WLAN eingesetzt werden. Das ist für den Strafvollzug sehr innovativ und ein Leuchtturmprojekt. Unser Ziel ist es, Weiterentwicklungen stärker in die Fläche zu tragen. Dabei stehen wir vor der Herausforderung, innovative Ansätze in Einklang zu bringen mit den technischen Voraussetzungen und den Sicherheitsbedürfnissen des Strafvollzugs.

Das Interview führte Vera Linß

Ariane van der Mehden

Ariane van der Mehden

Ariane von der Mehden hat Erziehungswissenschaften, Soziologie und Politikwissenschaften studiert und arbeitet seit 2010 am Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft (IBI). Sie koordiniert den pädagogischen und technischen Betrieb der Elis-Lernplattform im deutschsprachigen Strafvollzug und ist für die mediendidaktischen Fortbildungen der Lehrenden zuständig.

Foto: Christoph Reichelt
Ariane van der Mehden

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