Mit Code die Welt verbessern

Foto: Leonard Wolf / CC BY 2.0

Über 130 Jugendliche kamen in diesem Jahr zu „Jugend hackt“ nach Berlin. Damit blickt der Hackathon im dritten Jahr seines Bestehens auf seine erfolgreichste Veranstaltung zurück. Neben Projekten zur Vorratsdatenspeicherung gab es einen klaren Fokus auf das Thema #refugeeswelcome.

Für mich ist das immer so ein bisschen wie Ferien“, sagt Marc Reetz. „Ich mach’, was ich mag und ich kann mal intensiv programmieren. Zusammen mit anderen Leuten ist man viel motivierter und schafft mehr.“ Marc ist aus einem kleinen Ort in der Nähe von Bremen nach Berlin gekommen, um am Abschlusswochenende von Jugend hackt teilzunehmen. Der Hackathon wird seit drei Jahren von der Open Knowledge Foundation in Zusammenarbeit mit dem Verein Mediale Pfade ausgerichtet – 2015 war bislang das erfolgreichste Jahr für die außerschulische Initiative.

Insgesamt fünf Veranstaltungen hat das Leitungsteam um Maria Reimer, Paula Glaser und Daniel Seitz in diesem Jahr deutschlandweit durchgeführt. Neben Berlin waren dies erstmals auch kleinere Regionalevents in Dresden, Ulm, Köln und Hamburg, die von lokalen Teams mitorganisiert wurden. „Das war ein Wunsch der Jugendlichen“, erzählt Daniel Seitz, der bei Mediale Pfade im Vorstand sitzt, „die wollen mehr, in alle Richtungen. Mehr Informationen, mehr Input, mehr Zeit zum Coden, mehr Events.“ Der Verein hat seinen Schwerpunkt im Bereich der politischen und der Medienbildung, Daniel verbringt inzwischen jedoch einen wachsenden Teil seiner Arbeitszeit mit der Orga rund um Jugend hackt. „Wir haben uns erst mal ganz naiv auf diesen Wunsch eingelassen. ‚Okay, dann machen wir halt fünf Events, wenn ihr das wollt …’. Wir haben dann sozusagen beim Fahren die Gleise verlegt. Das heißt, wir standen vor der Situation, dass die Events noch nicht ausfinanziert waren, aber schon beworben werden mussten, damit alles nach Plan stattfinden konnte.“

Bewusstsein für die Bedürfnisse junger Hacker schaffen

Seine Vision ist nicht nur eine Verstetigung der bestehenden Events, sondern der Ausbau des Netzwerks um die Veranstaltungen herum: eine noch engere Zusammenarbeit mit dem Chaos Computer Club, mit den OK Labs der Open Knowledge Foundation und existierenden Hackspaces. Aber auch, mehr Bewusstsein für die Bedürfnisse junger Coder zu schaffen. „Das ist immer die Frage, ob sie in die lokalen Hackspaces mit 14 schon reinkommen und da wirklich willkommen sind. Wir brauchen ganzjährige Räume für Jugendliche, sonst gehen die nach dem Event total beflügelt nach Hause und sind da wieder auf sich allein gestellt.“ Paula, die bei der Open Knowledge Foundation ausschließlich für das Projekt Jugend hackt zuständig ist, ergänzt: „Das ist schon ein Schlüsselerlebnis für einige, dass sie bei unseren Events Leute treffen, die genau wie sie ticken. So entsteht auch ein Netzwerk untereinander.“

Für Marc war das ein ganz entscheidender Aspekt. 2014 war er schon mal bei Jugend hackt dabei, in diesem Jahr hat er auch noch die Regionalveranstaltung in Hamburg mitgenommen. „Vor dem Informatik-Unterricht hab ich schon drei Jahre lang programmiert. Das hab ich mir alles selber beigebracht. Hierher zu kommen ist einfach toll – es gibt Leute, die einem was beibringen und man kann sich austauschen.“ Beim Regionalevent in Hamburg hat er René Veenhuis kennengelernt, der in der Nähe von Hannover lebt und auch 17 ist. Anders als Marc macht er jedoch kein Abi, sondern eine Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration, er macht sein Hobby also gerade zum Beruf. Er will sich in Berlin vor allem mit Gleichgesinnten austauschen. „Deswegen hab ich mir auch nicht so ein anspruchsvolles Projekt ausgewählt, sondern drauf geachtet, dass ich in Vorträge gehen und mit Leuten reden kann.“

René, der sich selbst als nicht so wahnsinnig kreativen Typen versteht, hat eins der witzigsten Projekte im Rahmen des Hackathons entwickelt – das „Gute-Laune-Fenster“. Das ist eine Art Bildschirm im Bad, der morgens nach dem Aufstehen neben nützlichen Infos wie Datum, Uhrzeit und Wetter drollige Katzenbilder anzeigt, damit beim Aufwachen keine Katerstimmung aufkommt. Bei der Abschlusspräsentation hat das Projekt bereits für Erheiterung gesorgt.

Für ihn hat der Austausch mit den Mentorinnen und Mentoren von Jugend hackt zum Thema Programmierkonzepte viel gebracht. „Aber auch das Kernthema, bei dem die Open Knowledge Foundation ansetzt, offene Daten“, sagt er. „In meiner Applikation zum Beispiel haben wir eine Schnittstelle benutzt, um Katzenbilder zu finden. Ich hätte nie gedacht, dass sowas überhaupt existiert!“ Auch für Marc war das Coding-Wochenende ergiebig. Sein Projekt „Servoxit“, das er gerade zusammen mit zwei Bekannten entwickelt, soll irgendwann öffentlich erhältlich sein. Dabei geht es um die Überwachung und Verwaltung von Root- und V-Servern via Smartphone-App. Für die Kommunikation zwischen Android und PHP musste er eine URL-Abfrage einrichten. „Das hab ich vorher noch nicht gemacht, da hab ich wirklich was dazugelernt“, sagt er. Nach dem Abi will er auf jeden Fall ein duales Studium im Bereich Informatik anfangen.

Mädchen als Teilnehmerinnen gezielt ansprechen

Nicht nur die Jugendlichen lernen hier dazu. Julia Huntenburg war in diesem Jahr zum ersten Mal als Mentorin bei Jugend hackt. „Ich war wirklich überrascht, wie viel die können, teilweise mit 12, 13 Jahren. Da kann ich lange nicht mithalten!“ Sie ist 27 und arbeitet gerade in Berlin an einer Dissertation im Fach Neurowissenschaften. Vor rund drei Jahren ist sie über ihre Forschungstätigkeit zum Programmieren gekommen, mittlerweile macht das einen Großteil ihres Arbeitsalltags aus. Sie programmiert vor allem mit Python, Java Script, HTML. „Ich hab das immer schade gefunden, dass ich das Programmieren nicht früher für mich entdeckt hab, weil mir das super viel Spaß macht“, sagt sie. Das ist letztlich auch ihre Motivation dafür, Jugend hackt als Mentorin zu begleiten, ebenso wie der Kontakt zu den anderen Mentorinnen und Mentoren. „Weil ich immer in diesem spezifisch wissenschaftlichen Bereich programmiere, krieg’ ich hier aber auch noch ganz viele andere Sachen mit, die ich selbst noch gar nicht kenne“, erzählt sie. Ihr liegt vor allem die Mädchenförderung am Herzen. „Das ist wichtig, die ins Boot zu holen. In dem Alter läuft ganz viel über positive Rollenvorbilder.“

Inklusion, Diversität – das sind Werte, die das Veranstaltungsteam auch bei Jugend hackt bewusst machen möchte. „Wir haben einen Code of Conduct veröffentlicht, in dem wir darauf aufmerksam machen, wie weiß, männlich, hetero die IT-Szene ist. Wenn wir die Gesellschaft zum Positiven verändern wollen, müssen wir bei den Jugendlichen anfangen. Das ist für Daniel Seitz Teil einer Hackerethik kommender Generationen. „Es geht nicht um eine Berufsorientierung im Sinne von ‚Will ich Hacker werden?’, sondern darum, dass Jugendliche lernen, sich gesellschaftlich zu verorten. Dass sie sich bewusst machen, welche Fähigkeiten sie haben und wie sie die einsetzen.“ Im Kern ist das ein Bedürfnis, das die Jugendlichen selbst mit in den Hackathon bringen – nicht umsonst trägt er den Untertitel „Mit Code die Welt verbessern“.

Jugend Hackt sagt #refugeeswelcome

In diesem Jahr sollte ein besonderer Fokus auf dem Thema Antirassismus liegen. Dafür konnte die Amadeu-Antonio-Stiftung als Kooperationspartner gewonnen werden, die sich auch gegen Rechtsextremismus engagiert. Die wachsenden Flüchtlingsströme in Europa und das sprunghaft angestiegene mediale Interesse am Thema gaben eine veränderte Richtung vor, sodass daraus „Jugend hackt sagt #refugeeswelcome“ wurde. „Auf den Regionalveranstaltungen sind quasi ohne unser Zutun schon die ersten Refugee-Projekte entstanden“, erklärt Daniel Seitz. „Klar bildet so ein Hackathon auch das ab, was gerade in der Gesellschaft los ist.“ Die Abschlussveranstaltung in Berlin wurde daher auch vom Verein Refugees Emancipation begleitet. Imma Chienku vom Verein nahm deshalb als Jury-Mitglied an Jugend hackt teil. Das Projekt mit Sitz in Potsdam wird von Flüchtlingen selbst betrieben und bemüht sich darum, Asylsuchenden in Deutschland Zugang zu Computern und zum Internet zu verschaffen, um gegen die soziale Isolation anzugehen, der Asylbewerber in Flüchtlingsheimen ausgesetzt sind.

Der diesjährige Preis in der Kategorie „#refugeeswelcome und Antirassismus“ ging an ein Projekt, das bereits beim Regionalevent im September in Köln vorgestellt und in Berlin weiterentwickelt wurde, „Germany says Welcome“. Eine Website ist bereits online, die Kernfunktionen sind jedoch noch nicht bedienbar. Dort soll über kurz oder lang eine Karte mit allen für Flüchtlinge wichtigen Ämtern navigierbar sein, sowie eine Tausch- und eine Mentoringplattform für den direkten Kontakt zwischen Flüchtlingen und Helfenden entstehen.

Überwachung ist weiter ein Thema

Nicht wenige Projekte haben sich in diesem Jahr auch mit kreativen Lösungsansätzen zu den Themen Überwachung oder Vorratsdatenspeicherung befasst, so auch das in der Kategorie „Bester Code“ ausgezeichnete Projekt der Hackergruppe „Querschläger (Ricochet)“. Die Gruppe hat eine Library entwickelt, um den Kryptomessengerdienst Ricochet in anderen Anwendungen nutzbar zu machen. „Das sind die totalen Überflieger“, schmunzelt Daniel, „dabei haben sie sich hier erst zu einer Gruppe zusammengefunden.“ Ihm gefällt die Vorstellung, dass sich aus den Veranstaltungen eine Art Alumni-Netzwerk entwickelt, das über Jugend hackt hinaus in Kontakt bleibt. „Das ist schon eine schöne Vorstellung, dass wir dazu beitragen, das, was es an Hackerkultur und Netzpolitik jetzt schon gibt, in die jüngere Altersklasse zu verlängern.“ Auf Basis einer soliden öffentlichen Förderung sollte es möglich sein, diese Vision in naher Zukunft zu verwirklichen – es steht zu hoffen, dass sich dies auch bei den entsprechenden Fördergremien herumspricht.

Elke Koepping

Elke Koepping

Elke Koepping arbeitet heute, nach einer mehrjährigen Tätigkeit am Theater und als Kulturredakteurin, als freie Journalistin und Sprecherin in Berlin. Sie ist fasziniert von dem kreativen und anarchischen Potenzial, das die künstlerische Auseinandersetzung mit modernen Technologien birgt.

Foto: Sarah-Johanna Eick
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