Editorial: Navigiert!

Unsere Gesellschaft ist in Aufruhr. Rechtsterroristen zünden massenhaft Aufnahmestellen für Flüchtlinge an. Aufmerksamkeitsheischende „besorgte Bürger“ haben die Beleidigung anderer zu ihrem Lebensinhalt gemacht. Paris ist in diesen Wochen nicht die Stadt der Liebe, sondern die Stadt der Unsicherheit.

Die Gesellschaft reagiert weitgehend hilflos. Was sind die Ursachen, wie konnte es soweit kommen und was ist jetzt zu tun? Tag für Tag stellen sich Politiker, Denker und Bürger diese Fragen. In den allermeisten Fällen finden sie kaum Antworten, jedenfalls keine einfachen. Medien haben angefangen, das Wort Krieg in den Mund nehmen. Die Demokratie liegt vor uns auf dem Tisch – mit Schweiß auf der Stirn und erhöhtem Pulsschlag. Wir sollten sie beruhigen, es ist unsere Verantwortung.

Die Auswirkungen der Digitalisierung ohne die anderen gesellschaftlichen Entwicklungen und Ereignisse zu betrachten, geht nicht. Die Digitalisierung ist inzwischen mit dem Gewebe unseres Alltags verschmolzen. Trotzdem bleibt viel zu tun – auch in einem entwickelten Kontinent wie Europa. Die Infrastruktur muss ausgebaut, unser Wirtschaftssystem mit Blick auf Datennutzung und Vernetzung umgebaut werden, Informationen und Wissen müssen für die breite Masse der Bevölkerung zugänglich sein. Und es geht in besonderem Maße darum, die Bürgerinnen und Bürger mitzunehmen. Jeden und jede Einzelne mit allen seinen und ihren Bedenken, Ideen und Fragen.

Eine Errungenschaft unserer Gesellschaft ist es, dass es private Bereiche gibt, die den höchsten verfassungsrechtlichen Schutz genießen. Wir können froh sein, dass die Gründungsväter und -mütter der Bundesrepublik diesen Schutz im Grundgesetz verankert haben. Unser Land wäre ein anderes, wenn es ihn nicht gäbe. Klar sollte sein, dass im digitalen Bereich nichts anderes wie in analogen Zeiten gelten darf. Ist das wirklich klar? Grundsätzlich ist die Digitalisierung weder ein Heilsbringer noch ein Freifahrschein für private und staatliche Überwachung. Es muss Bereiche geben, die sich der kompletten Kontrolle entziehen – nur dort entsteht persönliche Freiheit. Wer diese Werte gegen grenzenlose Überwachung austauscht, vergeht sich an unseren gesellschaftlichen Grundprinzipien. Das gilt besonders dann, wenn die Terrorgefahr als Ausrede gilt, um die feuchten Träume der Nachrichtendienste von neuartigen Überwachungstools für die heimischen IT-Geräte der Bürgerinnen und Bürger zu verwirklichen.

Das Internet bringt nur das zum Vorschein, was es schon immer in unserer Gesellschaft gab – dazu gehören auch Beleidigungen, Hass und viele andere Dinge, die wir nicht wollen. Zivilcourage und Öffentlichkeit schafft man dabei nicht nur durch Klicks – man muss sich manchmal die Schuhe anziehen. Jeder Einzelne ist heute mehr denn je gefordert, sich einzubringen.

In der diesjährigen Ausgabe von Das Netz werfen wir Schlaglichter auf gesellschaftliche Bereiche, in denen die Digitalisierung unser Leben verändert. Werden Sie Teil davon, unsere Gesellschaft braucht Sie.

Im Namen der Redaktion
Philipp Otto
Herausgeber

Philipp Otto

Philipp Otto

Philipp Otto ist Gründer des Think Tanks iRights.Lab und des Verlages iRights.Media. Er ist Herausgeber von iRights.info. Er entwickelt Strategien und Konzepte zur Bewältigung der Digitalisierung. Hierbei arbeitet er mit und für Regierungen, Parlamente, Unternehmen und Vertreter der Zivilgesellschaft.

Foto: Jürgen Keiper
Philipp Otto

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