Netzpolitik in der großen Koalition II

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Das Internet wird auch politisch immer wichtiger, beobachtet die SPD-Politikerin Brigitte Zypries. Netzsperren und Warnhinweise gegen Urheberrechtsverletzungen will Zypries in einer Großen Koalition verhindern. Ein „Deutschlandnetz“ tauge nur bedingt als Antwort auf den NSA-Skandal.

iRights.Media: Der NSA-Abhörskandal hat die netzpolitische Debatte 2013 geprägt. Überraschen Sie die Enthüllungen?

Brigitte Zypries: Ja, in ihrem Ausmaß schon. Hätte mich jemand im Sommer gefragt, ob ich mir vorstellen kann, dass das Handy eines Regierungschefs über Jahre hinweg abgehört wird, hätte ich das wohl verneint.

Wie verhindern Sie, dass es Schwarz-Rot den Amerikanern einfach gleichtut, und eine eigene Infrastruktur zur massiven Internetüberwachung aufbaut?

Niemand in Deutschland will eine Überwachung à la NSA, das ist unbestritten – und auch der geschäftsführende Innenminister hat das erkannt. Was wir als Konsequenz überlegen müssen, ist, ob wir in Deutschland und Europa nicht deutlich mehr IT-Infrastruktur aufbauen können, die uns technologisch unabhängiger macht von US-amerikanischen Anbietern. So verstehe ich beispielsweise den Vorschlag für ein Deutschlandnetz der Telekom oder die Idee, Internetanbieter künftig zu verpflichten, Datenverkehr in Europa ausschließlich über europäische Netze zu leiten.

Besteht nicht die Gefahr, dass das Internet nun in nationale Einzelnetze fragmentiert wird?

Natürlich kann ein Deutschlandnetz nicht die eine Antwort auf den NSA-Skandal sein, es ist bestenfalls akute Notwehr und vermittelt auf den ersten Blick auch eine Sicherheit, die es so wohl nicht einlösen kann. Notwendig ist vielmehr eine ganze Reihe von Maßnahmen: Selbstbeschränkung und bessere Kontrolle der Geheimdienste, Stärkung von IT-Sicherheit, Schaffung vertrauenswürdiger Kommunikationsinfrastrukturen, Verschlüsselungsmaßnahmen und Ähnliches. Dabei kann man am Ende überlegen, ob bei all diesen Maßnahmen gegebenenfalls auch Möglichkeiten des nationalen oder europäischen Routings einen Beitrag leisten können. Zur Abschottung oder Fragmentierung des Internets dürfen sie aber nicht führen.

Sie haben sich stets gegen Diskriminierungen eingesetzt. Eröffnet die Datensammelwut im Netz künftig der Diskriminierung neue Möglichkeiten – etwa wenn digitale Profile die sexuelle Ausrichtung einzelner Personen verraten?

Natürlich ermöglichen die – bewusst oder unbewusst – im Netz hinterlassenen Daten auch neue Möglichkeiten des Missbrauchs und der Diskriminierung. Ich sehe zwei Dinge, die wir dagegen tun müssen: Zum einen muss jeder Nutzer möglichst sparsam und verantwortungsvoll mit seinen Daten umgehen. Das setzt voraus, dass sich jede und jeder aufgeklärt und medienkompetent im Internet bewegt. Zum anderen darf es natürlich nicht sein, dass Daten missbräuchlich verwendet werden – auch deshalb ist es so wichtig, dass wir endlich eine ordentliche EU-Datenschutzgrundverordnung auf europäischer Ebene verabschieden.

Nach der Bundestagswahl waren Teile der Netzgemeinde resigniert, weil die Wähler die Bundesregierung für ihren Beschwichtigungskurs in der NSA-Affäre nicht abgestraft haben. Werden die Bedeutung der Netzpolitik und der Einfluss von Netzaktivisten überschätzt?

Es ist vielleicht verwunderlich, dass sich die Sorgen der Bürger über den Umgang ihrer Daten nicht unmittelbar im Wahlverhalten widergespiegelt haben – festzustellen ist aber durchaus ein verändertes Surf- und Nutzungsverhalten vieler User im Netz.
Dass die Netzpolitik durchaus einen hohen Stellenwert genießen muss, zeigt sich schon daran, dass es in den Koalitionsverhandlungen eine eigenständige Arbeitsgruppe „Digitale Agenda“ gibt. Im Übrigen spielen die digitalen Themen in so ziemlich allen Arbeitsgruppen eine Rolle. Und das ist auf jeden Fall eine Veränderung zu den Verhandlungen 2005, die ich ja auch mitgemacht habe.

In der letzten Großen Koalition startete die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen eine Initiative gegen Kinderpornografie im Internet. Könnte unter Schwarz-Rot die Idee ein Comeback erleben, bestimmte Internetseiten zu sperren?

Es ist kein Geheimnis, dass ich nie ein großer Fan dieser Initiative von Frau von der Leyen war. Natürlich bin ich strikt gegen Kinderpornografie und für deren Bekämpfung vor allem auch im Internet. Ich halte Netzsperren jeglicher Art aber für das falsche Mittel, um gegen Kinderpornografie oder auch Urheberrechtsverletzungen vorzugehen. Und ich bin sicher: Diese Idee wird kein Comeback erleben.

Wie bewerten Sie das Problem massenhafter Urheberrechtsverletzungen im Netz und würde es hier unter Schwarz-Rot neue gesetzliche Maßnahmen geben?

Es ist natürlich nicht richtig, wenn Filme oder Musik illegal im Netz angeboten werden und damit die Rechte der Urheber verletzt werden. Deshalb brauchen wir einen fairen und gerechten Interessenausgleich zwischen Urhebern, Verwertern und Nutzern. Wir müssen die Urheber bei ihrer Rechtsdurchsetzung in der digitalen Welt unterstützen – und sie sollen für ihre Leistungen auch angemessen vergütet werden. Filterung von Inhalten oder gar Warnhinweise, die in diesem Zusammenhang immer wieder diskutiert werden, halte ich aber für falsch.

Verwertungsgesellschaften wie die VG Wort oder die GEMA kämpfen derzeit an vielen juristischen Fronten. Sehen Sie Reformbedarf?

Der Bundestag hat sich in der vergangenen Legislaturperiode sehr intensiv mit einer Petition zur GEMA beschäftigt. Der Petitionsausschuss hat festgestellt, dass die GEMA vor allem sozialer werden muss – und die Bundesregierung aufgefordert, dies entsprechend gesetzlich zu verankern. Wir werden uns also sicher auch in dieser Legislatur wieder mit den Verwertungsgesellschaften befassen.

Welche netzpolitische Bilanz wollen Sie in vier Jahren ziehen?

Ich fände es gut, wenn „Software made in Germany“ ein nachgefragtes Label wäre, wenn die Menschen ausschließlich die bis dahin entwickelten Plattformen für den Kauf von Filmen, Büchern und Musik nützen würden.

Sollen die Menschen ein deutsches Facebook und ein deutsches Google nutzen?

Ich möchte den Menschen nicht vorschreiben, was sie im Internet nutzen. Ich fände es nur gut, wenn auch Angebote von deutschen Unternehmen wieder öfter echte Alternativen etwa zu Google und Co wären. Es ist schade, dass viele den Datenschutz bei Facebook als zu schlecht beklagen, die deutschen alternativen Produkte wie etwa Schülervz aber mangels Kunden schließen mussten.

Brigitte Zypries

Brigitte Zypries

Brigitte Zypries (SPD) war von 2002 bis 2009 Bundesjustizministerin. Die SPD berief Zypries bei den Vorbereitungen zur Großen Koalition zur Verhandlungsführerin in der Unterarbeitsgruppe „Digitale Agenda“

Foto: Zypries / studio kohlmeier
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