Papier oder E-Book – Hauptsache lesen

Foto: Till F. Teenck. Bücherkubus / CC-BY-SA 3.0

E-Books, Streit ums Urheberrecht, Unsicherheit über die Zukunft des stationären Buchhandels und der große, böse Feind namens Amazon – das waren die Debatten, die den Buchmarkt 2015 geprägt haben. So weit, so statisch, der Markt konsolidiert sich.

Dass E-Books als Darreichungsform von Lesematerial inzwischen bei der verehrten Kundschaft angekommen sind, bestreitet kein Branchenteilnehmer mehr ernsthaft. Welche Bedeutung E-Books aktuell haben und in Zukunft haben werden, das ist allerdings immer noch Gegenstand wunderbarster Auseinandersetzungen, die die Branche führt. Wobei es nur selten zu echten Begegnungen zwischen den Anhängern des digitalen Lesevergnügens und den Protagonisten der Papierkultur kommt.

Möglichkeiten dazu gäbe es genug, schließlich hat sich auch 2015 die Zahl der Konferenzen, Seminare und Workshops zum Thema karnickelartig vermehrt. Nur wenige dieser Treffen boten allerdings wirklich Neues – die Kongresstouristen, die aus dem In- und Ausland kommen, kennen die jeweiligen Positionen und Innovationen zumeist schon lange vorher durch einschlägige Publikationen in den sich ebenfalls karnickelartig vermehrenden Infodiensten und Blogs zur Buchbranche.

Die Papierfraktion jubelte gar nicht klammheimlich, als im Frühjahr die Statistiken für den E-Book-Markt des Jahres 2014 vorgelegt wurden. Auf 4,3 Prozent belief sich der Marktanteil – da muss wahrlich niemand ängstliche Tränen verdrücken. Außerdem zeigte sich das Wachstumstempo kräftig gebremst: Lediglich ein Plus von 15 Prozent stand zu Buche, deutlich weniger als in den Vorjahren. Laut Bitkom stagnierte die Zahl der E-Book-Leser bei 25 Prozent; gleichzeitig stellte der Börsenverein des Buchhandels fest, dass deutlich mehr Leser den Griff zum Buch bevorzugen als im Vorjahr: 45 Prozent der Befragten gaben an, dass ihnen die Lektüre auf Papier lieber ist.

Realitätskonformes Wachstum bei den E-Books

2015 setzte sich das verlangsamte Wachstum der E-Books fort: In den ersten neun Monaten des Jahres gab es ein Umsatzplus von 6,9 Prozent, im Sommerquartal wurde sogar ein Rückgang festgestellt. Insgesamt kamen die elektronischen Bücher in den ersten neun Monaten auf einen Anteil von 5,3 Prozent – auch das Wasser auf die Mühlen derjenigen, die das E-Book immer noch als Teufelswerk ansehen.

Bei Lichte besehen beobachten wir in Deutschland, aber auch in Österreich und der Schweiz, ebenso wie in den anderen großen europäischen Buchmärkten wie Frankreich, Italien oder Spanien, ein realitätskonformes Wachstum bei den E-Books, das anders als in den englischsprachigen Märkten nicht durch opportunistisches Preisdumping befördert wird. Denn im Unterschied zu den USA und Großbritannien verhindert die Buchpreisbindung in den großen europäischen Märkten, dass Anbieter wie Amazon sich eine Marktnische durch bewusstes Verlustmachen erkaufen können. Nur durch diese Taktik konnten in den beiden großen englischsprachigen Märkten E-Books auf eine Marke von 30 Prozent Marktanteil gepusht werden – wohlgemerkt bei der Zahl der verkauften Exemplare. Dank der extrem niedrigen Preise blieben die Umsätze jeweils bei 12-13 Prozent stecken.

Seit die „Big Five“ der dortigen Publikumsverlage – Penguin Random House, Hachette, Simon & Schuster, HarperCollins und Macmillan – mit Amazon und Konsorten ein „Agency Model“ vereinbart haben, bei dem die Verlage den Preis für E-Books festsetzen und der Händler nur in engen Grenzen Rabatte gewähren darf, sank die Zahl der verkauften Exemplare spürbar, während gleichzeitig die Umsätze stiegen oder wenigstens stabil blieben.

Einheimische Anbieter holen auf

Weltweit war in den vergangenen Jahren zu beobachten, dass überall dort, wo einheimische Angebote mit professionellem Service auftreten, Amazon in sämtlichen E-Commerce-Bereichen schwächelt. Das ist in China so, in Indien und seit neuestem auch in den deutschsprachigen Buchmärkten: Hier hat die Tolino-Allianz Amazon beim Marktanteil in den vergangenen Monaten Staub schlucken lassen. Rund 45 Prozent der deutschen E-Books werden per Tolino gelesen – ein schöner Erfolg für das Projekt von Hugendubel, Thalia, Weltbild, Bertelsmann Club und Telekom, dem inzwischen eine Reihe von Schwergewichten wie Libri, Osiander und Mayersche Buchhandlung beigetreten sind. Amazons Marktanteil stagniert dagegen bei rund 35 Prozent. Auch das Angebot der Einkaufsgemeinschaft eBuch, die rund 600 Buchhändler vereint, könnte hier in Zukunft den Amazoniern zusetzen.

Ein Aspekt, der bei der Beurteilung des E-Book- Markts oft außer Acht gelassen wird, ist das allmähliche Vordringen von Flatrate-Modellen. Dabei zahlt der Kunde eine pauschale Monatsgebühr und darf sich eine bestimmte Anzahl von E-Books herunterladen. In den USA sind ein paar Dutzend Anbieter unterwegs, in Deutschland hält sich die Zahl noch in Grenzen. Angebote wie Skoobe oder DiviBib – das von den öffentlichen Bibliotheken auf die Schiene geschoben wurde – haben noch nicht allzu viele Kunden gefunden, aber immerhin sind es jetzt schon rund 1,4 Millionen Menschen, die solche Angebote nutzen.

Auf beiden Seiten des Atlantiks ist besonders Amazon mit seinem „Kindle Unlimited“-Angebot aktiv. Wie viele Kunden dort aber wie viele Bücher pro Monat lesen, bleibt Geschäftsgeheimnis. Dass die Sache nicht ganz ungefährlich ist, mussten die Kollegen beim US-Dienst Oyster erfahren – sie waren zu erfolgreich für ihr eigenes Geschäftsmodell: Oyster verlangte 9,95 US-Dollar im Monat für bis zu zehn E-Books. Die Verlage der E-Books wurden honoriert, als seien dies Verkäufe. Mit dem logischen Resultat, dass schon dann, wenn ein Kunde drei oder vier E-Books pro Monat herunterlädt, für die Plattform ein Minus entsteht. Im Sommer gab Oyster auf, die Top-Manager wechselten zu Google.

Kindle Unlimited auf Kosten der Self-Publisher

Amazon begegnet diesem Problem mit Druck: Bei Kindle Unlimited sollen die Verlage künftig nicht mehr pro heruntergeladenem Buch entlohnt werden, sondern abhängig von der Nutzung durch die Leser. Noch haben sich die Verlage darauf nicht eingelassen, bei den Self-Publishern setzte Amazon das neue Abrechnungssystem allerdings bereits um, ab Anfang 2015 in den USA, ab 1. Juli hierzulande. Aus den USA ist zu hören, dass diese Klientel, die besonders im Zuge des Konditionenstreits, den Amazon in den USA mit Hachette, in Deutschland mit der Bonnier-Gruppe führte, treu und brav zu dem Riesen aus Seattle gestanden hatte, ihre Einnahmen seither um mindestens die Hälfte, teilweise auch um 90 Prozent reduziert sieht. So sieht die Dankbarkeit eines Riesen aus.

Ein ähnliches Flatrate-Modell will Amazon auch bei seiner Hörbuch-Plattform Audible durchsetzen – mit diesem Anbieter kommt das Unternehmen auf rund 90 Prozent Marktanteil bei Hörbuch-Downloads in Deutschland. Audible fing im Frühsommer damit an, Verträge mit Hörbuch-Vertriebsdienstleistern zu kündigen, um direkt Verträge mit den Verlagen abschließen zu können. Diese Verlage, zumeist winzig klein, sind wirtschaftlich allerdings total abhängig von Audible und haben keinerlei Möglichkeit, sich dem Druck zu widersetzen. Im Sommer reichte deshalb der Börsenverein des Deutschen Buchhandels Beschwerde beim Bundeskartellamt ein. Jetzt ermittelt die Behörde in Bonn gegen den Hörbuch-Riesen, und auch die Wettbewerbshüter bei der EU-Kommission interessieren sich nachhaltig für solches Geschäftsgebaren.

Kopieren erlaubt, sagt der Bundesgerichtshof

Wo wir bei unschönem Geschäftsgebaren sind, das Autoren und Verlagen schaden kann, dürfen wir auch den Bundesgerichtshof nicht vergessen, der in einem merkwürdigen Urteil wissenschaftlichen Bibliotheken das Recht eingeräumt hat, digitale Kopien von erworbenen Büchern zu erstellen und in unbegrenzter Zahl ihren Nutzern zur Verfügung zu stellen.

Würde dies zur allgemeinen Praxis, wäre das Geschäftsmodell des Buchverkaufs an Bibliotheken grundsätzlich in Frage gestellt: Einmal kaufen, 700 Mal gleichzeitig ausleihen – das ist wohl nur in den Augen von Juristen annehmbar. Immerhin folgt das Urteil dem Geist eines US-amerikanischen Richterspruchs: Dort hatte 2013 ein New Yorker Gericht befunden, dass Google sich keines Verstoßes schuldig macht, wenn es millionenfach Bücher digitalisiert, die zum Teil urheberrechtlich geschützt sind und dafür keine Gebühr an Verlage und Autoren zahlt. Damit, so hieß es unter anderem, werde das Wissen der Welt gesammelt und verfügbar gemacht.

Flatrates und richterlich sanktionierter Kopierwildwuchs: Das sind keine besonders guten Nachrichten für diejenigen, die im Schweiße ihres Angesichts Bildung, Information und Unterhaltung in Büchern zusammenbringen – seien sie gedruckt oder elektronisch.

Am Ende bleiben die Autoren gelackmeiert. Auch ein Fazit für 2015.

Holger Ehling

Holger Ehling

Holger Ehling ist seit mehr als 30 Jahren in der Buchbranche aktiv, als Autor, Verleger, Programmmacher und seit 2012 als Mitgründer des digitalen Dienstleisters „Fleet Street Press“. Er war Kommunikationschef und stellvertretender Direktor der Frankfurter Buchmesse und hat seit den 1990er-Jahren viele Entwicklungen im digitalen Publizieren begleitet.

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