Perfektes Glück in Alibaba-Land

Foto: Mario Sixtus / CC BY-NC-SA 2.0

Internetfirmen drängen in China mit Macht in die physische Welt. Derweil holt die „neue Normalität“ auch Chinas Technikbranche ein: Finanzierungen sind schwerer zu bekommen. Innovationen, die beim Sparen helfen, laufen besonders gut. Dennoch: Der Boom geht weiter.

Im Laden anprobieren, im Netz mit Nachlass bestellen“ – dieses Rezept empfiehlt Tina Su für das perfekte Einkaufserlebnis. Die 30-jährige Angestellte in Peking liebt es, die neueste Mode auszuprobieren. Ihr ganz großer Tag kam am 11. November 2015: Sie bestellte für mehrere Tausend Euro Waren im Netz, nachdem der Internet-Riese Alibaba für dieses Datum Rabatte von bis zu 50 Prozent für die Artikel auf seinen Seiten ausgerufen hatte.

So wie Su haben sich Millionen von Chinesen im November in einen Kaufrausch gesteigert. Allein die Alibaba-Plattformen Taobao und Tmall haben Waren im Wert von 13 Milliarden Euro verschickt – ein weltweiter und historischer Rekord, der die Größe des Phänomens „Internet in China“ zeigt. Ebay setzt weltweit in einem ganzen Monat nur halb so viel um.

Doch Tina Su ist noch nicht zufrieden mit dem, was Alibaba ihr bisher bietet. „Ich würde mir nur wünschen, dass die Geschäfte mehr anerkennen, dass man nur für die Beratung hingeht.“ Tina beobachtet: „Die meisten Verkäufer gucken doof, wenn man nach langem Anprobieren rausgeht, ohne etwas zu kaufen.“

Tinas Wunsch nach Anproben fürs Internetshopping könnte bald in Erfüllung gehen. In China verschränkt sich die Online- mit der Offline-Welt immer zügiger. Nach der Digitalisierung der Läden läuft der Trend nun in die andere Richtung: Der Internethandel schafft Brückenköpfe in der realen Welt – wie in anderen Weltgegenden auch, aber natürlich mit einem typisch chinesischen Dreh.

Verschränkung mit der Offline-Welt

Der Wandel kommt in Fernost wie immer sehr schnell. „Die Internetfirmen haben in diesem Jahr ihre Integration mit der Realwirtschaft konsequent vorangetrieben“, sagt Social-Media-Berater und Technikkommentator Liu Huafang von der Agentur Watermelon World. „Alle reden von O2O – das war definitiv das dominierende Schlagwort 2015.“ O2O bedeutet „Online to Offline“. Der Begriff steht in China beispielsweise für den Trend zur ausschließlichen Verwendung von Taxi-Apps, wann immer ein Fahrzeug benötigt wird. Es wird fast unmöglich, ein Taxi aus dem Verkehr zu winken.

Beim größten Shopping-Ereignis in der Weltgeschichte, dem diesjährigen 11. November, war der O2O-Trend bereits deutlich zu merken. Die Elek-trokette Suning beispielsweise hat dazu aufgefordert, Waren im Laden auszuprobieren, die es später billiger im Internet gibt. Der Internethändler Jing-dong kooperiert mit Supermärkten. Die Kunden können dort einen ganz realen Einkaufswagen füllen – dann aber online bezahlen. Lieferdienste bringen die Ware ins Haus.

Wichtig dabei: Alles muss ein bisschen billiger sein als vorher. Die Verbraucher achten derzeit aufs Geld und sind versessen auf Schnäppchen. Chinas Digital-Trends waren daher 2015 insgesamt etwas anders gelagert als in den Vorjahren. Statt Wachstum um jeden Preis besinnen sich die Firmen auf Steigerung der Effizienz, die Konsolidierung des Erreichten und mehr Kundenfreundlichkeit.

Bremsspuren in der Technikbranche

Die Neuausrichtung hat auch etwas mit der Gesamtlage der Wirtschaft zu tun. Das Wachstum hat sich seit 2007 von damals 14 Prozent auf derzeit sieben Prozent halbiert. Die Konjunkturentwicklung hinterlässt nun auch Bremsspuren in der Technikbranche. „Finanzierungstechnisch ist der Winter gekommen“, beobachtet Entrepreneur Liu. „Es ist richtig schwer geworden, Geld aufzutreiben.“

Die Regierung beschreibt das gemächlichere Wachstum als die „neue Normalität“ für die Wirtschaft des Landes. „Zuvor konnten Neugründungen recht unkompliziert 100 Millionen Yuan (12 Millionen Euro) oder mehr an Wagniskapital einsammeln“, so Liu. „Inzwischen sind die Investoren extrem vorsichtig.“

Im chinesischen Finanzsystem ist spürbar weniger verfügbares Geld unterwegs als in den Vorjahren. Die Zahl der uneinbringlichen Kredite in den Bankbilanzen hat ein Sechsjahreshoch erreicht und steht so hoch wie zu Zeiten der Finanzkrise. Auch Wagnis-kapitalgeber leiden unter einer höheren Zahl von Ausfällen und Pleiten in ihrem Portfolio. Zhong Zhaofen, Gründer der Venture-Capital-Firma Zhijin VC, hat daher seine Strategie geändert. Statt reiche Privatleute ins Boot zu holen, legt er Fonds auf, an denen sich Kleinanleger beteiligen können. „Es ist derzeit einfacher, die Leute um kleine Summen zu bitten“, erklärt Zhao den Kurswechsel.

Immer mehr Fusionen

Auch bestehende Firmen sind betroffen, was sich an einer merklich höheren Zahl von Fusionen und Übernahmen zeigt. Besondere Aufmerksamkeit hat der Zusammenschluss der führenden Taxiruf-Apps auf sich gezogen: Didi und Kuaidi haben zu Didi-Kuaidi fusioniert. Beide Seiten hatten zuvor jahrelang immer höhere Rabatte auf Fahrten angeboten, um sich gegenseitig Kunden abspenstig zu machen. Für die Muttergesellschaften Alibaba und Tencent war 2015 die Zeit der Geschenke vorbei. Sie haben das Problem gelöst, indem sie die Konkurrenzsituation kurzerhand eliminiert haben.

Alibaba und Tencent haben das gleiche Kunststück später im Jahr noch einmal vollbracht. Sie haben die Coupon- und Gemeinschaftskauf-Websites Dianping und Meituan verschmolzen. Das Motiv war das gleiche: Sie wollten nicht länger draufzahlen, um die Nutzer zu halten, sondern endlich auch Geld verdienen. Die Voraussetzungen dafür waren 2015 günstig: Während des Kampfs der Giganten hatten die beiden Marktführer praktisch den ganzen Markt an sich gebunden.

Auf der Graswurzelebene des Internet-Ökosystems war ebenfalls viel los. Regierungschef Li Keqiang hat die jungen Leute zum Schritt in die Selbständigkeit aufgerufen. Der Effekt war durchschlagend. In den vergangenen 18 Monaten verzeichnete China 10.000 Neugründungen am Tag – die meisten davon aus den Digitalbranchen.

„In China wird gerade eine Initiative umgesetzt, um Innovationstätigkeit und Existenzgründungen anzuspornen“, erklärt Li der deutschen Kanzlerin Angela Merkel im Oktober. In China gebe es mehr als 100 Millionen Arbeitskräfte mit Hochschulausbildung – da müsse es doch gelingen, sie kreativ zu mobilisieren, um die Wirtschaft innovativer zu machen. Li zielt hier ausdrücklich auf die Vernetzung der Prozesse: „Wir verknüpfen mehrere Digitalisierungsinitiativen, beispielsweise Made in China 2025, Industrie 4.0 oder Internet Plus.“

Allen Beteiligten ist klar, dass nicht alle diese Startups durchkommen werden – zumal, wenn es an solider Finanzierung hapert. Doch Li will vor allem den chinesischen Gründergeist verstärken, der das Land bereits weit gebracht hat. Ziel ist die Abkehr vom Kopieren und die Schaffung wirklich innovativer Firmen.

Leitmedium WeChat

Die etablierten Anbieter beweisen zugleich zunehmend ihren Einfallsreichtum. Der Funktionsumfang der Kommunikations-App WeChat ist weiter angestiegen. Kleinere Geldbeträge schicken sich die chinesischen Nutzer ganz selbstverständlich und unkompliziert per Knopfdruck von Handy zu Handy. Viele Firmen pflegen ihre Websites kaum noch, weil Kunden ohnehin nur ihre WeChat-Seite aufsuchen.
Von jungen Leuten ist zu hören, dass sie selten noch in ihre E-Mail-Eingänge schauen: Sie erwarten alle relevanten Nachrichten auf WeChat, oft sogar vom Arbeitgeber. Verträge und Bewerbungen verschicken sie als Dateianhänge. Die „WeChat Moments“ sind für sie das, was für Bewohner anderer Länder die Facebook-Timeline ist: Sie hinterlassen Fotos von ihren Erlebnissen, ihrem Essen oder ihren Einkäufen und freuen sich über Likes.

Der Übergang von klassischen Websites und Mikroblogging-Anwendungen zu WeChat als dem sozialen Leitmedium wird sich 2016 vollenden, urteilt Berater Liu. Er hat selbst zwar noch 100.000 Follower auf dem Blogdienst Weibo, aber mit zehn Millionen Firmenseiten auf WeChat sieht er die Transformation weitgehend abgeschlossen. Im vergangenen Jahr haben auch viele Organe des Staates oder der Kommunistischen Partei ihre Präsenz auf WeChat verstärkt, darunter der Staatsrat oder die Polizei. Anekdotenweise ist zu hören, dass jüngere Nutzer versucht haben, in einem Notfall den Krankenwagen per WeChat-Nachricht an das örtliche Krankenhaus zu bestellen.

Online und Offline nähern sich an

Der Trend in Richtung Mobilanwendungen ist 2015 ebenfalls kräftig vorangekommen. Der Shopping-Tag am 11. November hat hier eine aktuelle Verschiebung der Interessen gezeigt: Erstmals sind bei Alibaba mehr Bestellungen über mobile Apps eingegangen als von PCs. Die Benutzer haben online auch hochwertigere Telefone bestellt als zuvor: Huawei lag mit seinen Qualitäts-Waren auf Platz 1 vor dem ehemaligen Spitzenreiter Xiaomi, der eher preiswerte Standard-Androide im Angebote hat. „Der Markt zeigt letztlich doch Respekt vor echter Ingenieurskunst und Entwicklungsarbeit“, urteilt Liu. „Bei Xiaomi ging es vor allem darum, Aufmerksamkeit zu erregen und tolle Promotions anzuleiern.“

Auch hier ist die Digitalwelt also solider geworden. Xiaomi reagiert bereits – und eröffnet reale Geschäfte in den Innenstädten. Das markiert eine Abkehr von der ursprünglichen Geschäftsphilosophie, die eigenen Handys ausschließlich kostengünstig im Netz anzubieten. Das Unternehmen setzt zudem Hoffnungen auf konventionelle Elektroprodukte: Luftreiniger und Klimaanlagen. Ehemals rein digitale Firmen werden immer konventioneller, während die Old Economy ins Netz abwandert.

Finn Mayer-Kuckuk

Finn Mayer-Kuckuk

Finn Mayer-Kuckuk berichtet seit zehn Jahren mit den Schwerpunkten Wirtschaft und Technik aus Ostasien, zunächst für das Handelsblatt, derzeit für die Dumont-Mediengruppe. Er ist studierter Sinologe und Japanologe.

Foto: Alexander Vejnovic
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