Programmieren lernen heißt fürs Leben lernen

Foto: Gerhard Seiler

Es gibt viele gute Initiativen, die Computer in den Unterricht integrieren. Viele Lehrer und Eltern stehen den digitalen Medien immer noch skeptisch gegenüber. Die Schüler jedoch sind begeistert.

Der Mikro-Controller auf dem Tisch blinkt und die LEDs auf der Platine zeigen ein leuchtendes Herz. „Cool! Und jetzt lassen wir unsere Namen aufleuchten.“ Die beiden Grundschülerinnen Lisa und Tatjana sind begeistert über das, was sie gerade eben selbst herausgefunden haben.

Gemeinsam lernen sie in ihrer Schulklasse im Rahmen der Initiative „Code your Life“ Programmieren. Sie dürfen sich an verschiedenen Programmiertools ausprobieren und erleben, wie vielfältig, bunt und kreativ Programmieren sein kann. Neben den Mädchen sitzt eine Gruppe vor einem Zeichenroboter und diskutiert über die richtigen Befehle: „Nach der Schleife kommt wieder Turtle-> forward(100) und dann ein leftTurn um 300 Grad, dann haben wir die Spitze.“ Mithilfe der Programmiersprache Logo bringen sie den kleinen Roboter dazu, den Berliner Fernsehturm zu zeichnen. Das ist schon kniffelig, aber gemeinsam kommen sie Schritt für Schritt der Lösung näher. Währenddessen ertönen Beats und Sounds aus den Lautsprecherboxen im Nebenraum. Hier programmieren Kinder mit Sonic Pi Musik und sind sich einig: „Es sieht am Anfang zwar echt kompliziert aus, aber wenn man den Dreh raushat, ist es ganz leicht.“ Es macht ihnen sichtbar Spaß, ihre eigenen Ideen auszuprobieren: „Damit kann man Musik wie ein echter DJ machen!“

Von vielen Seiten werden die Rufe lauter, Programmieren und spielerisches Lernen mit Elektronik bereits in den Schulalltag der Grundschule zu integrieren. Aber warum wird das Thema im Bildungskontext für so wichtig erachtet? Klar ist: Nicht nur Politik und Gesellschaft, sondern vor allem die pädagogischen Fach- und Lehrkräfte müssen sich mit der Digitalisierung in der Bildung neu auseinandersetzen.

Digital ist inzwischen überall, Daten und Codes umgeben uns in allen Lebensbereichen. Mit der Digitalisierung muss sich jetzt das Lernen für die Zukunft verändern. Souveränes Handeln und ein sicheres Bewegen im Digitalen sind Voraussetzung für eine erfolgreiche Bildungsbiografie. Dass Kinder ein Verständnis dafür entwickeln, was hinter den digitalen Errungenschaften mit den vielen Codes steckt, ist nicht allein aus bildungspolitischen oder arbeitsmarktstrategischen Überlegungen sinnvoll. Mit guten didaktischen Konzepten bietet Coding viele Ansätze für eine zeitgemäße Bildung im 21. Jahrhundert.

Als in den 1970er-Jahren Sprachlabore für den Fremdsprachenunterricht in vielen Schulen Einzug hielten, waren große Erwartungen mit dem Einsatz von technischen Geräten für den Unterricht verbunden. Inzwischen wissen wir, dass nicht die Technik allein, sondern erst die Verknüpfung mit geeigneten didaktischen Konzepten guten Unterricht ermöglicht. So sind auch die seit Mitte der 1990er-Jahre in Schulen häufig anzutreffenden sogenannten „Computerkabinette“ an einer Pädagogik und Didaktik des 20. Jahrhunderts ausgerichtet und damit kein wirklicher Gewinn für die Bildung und für guten Unterricht mit digitalen Medien.

Die Einführung des Taschenrechners war anfangs äußerst umstritten. Heute ist er in der Schule ein selbstverständliches Werkzeug, deswegen aber noch kein Garant für guten Matheunterricht. Die Nutzung von elektronischen Geräten im Unterricht soll einen Mehrwert für das Lernen erzeugen. Es wird Zeit, aus den Erfahrungen der Vergangenheit zu lernen. Technik kann das Lernen dann beflügeln, wenn die dafür entwickelte Didaktik innovativ ist und die Schüler als Individuen im Mittelpunkt des pädagogischen Handelns stehen. Dafür müssen die Lehrkräfte eine neue Rolle ausfüllen und ein neues Selbstverständnis für ihren Beruf entwickeln.

Für Kinder und Jugendliche gehören digitale Geräte, virtuelle Spielumgebungen und soziale Online-Netzwerke inzwischen so selbstverständlich zum Leben, wie Telefon, Rundfunk oder Fernsehen für frühere Generationen. Sie wachsen in eine digitalisierte Welt hinein und kommen von Geburt an mit digitalen Technologien und einer Vielzahl an Medien in Berührung. In der Familie und spätestens in der Schule können Kinder Programmieren als etwas kennenlernen, das ihnen Blicke hinter die digitalen Kulissen eröffnet und ihre Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit in den digitalen Welten stärkt. Darin liegt eine große Chance für ein neues, intrinsisch motiviertes Lernen. Dazu bedarf es mehrerer Voraussetzungen. Die Wichtigste: medienkompetente Lehrkräfte, die die Schule zur digitalen Lernwelt weiterentwickeln.

Die Medienpädagogik hat sich bereits mit dem Einzug des Computers in die Schulen für ein „neues Lernen mit Medien“ anstelle von (althergebrachtem) Lernen mit neuen Medien ausgesprochen. Tatsächlich gibt es viele positive Beispiele, insbesondere in den nicht so stark fächergebundenen Grundschulen. Dort sind an vielen Schulen inzwischen didaktische Konzepte etabliert, die eigenverantwortliches und selbstgesteuertes Lernen ohne den 45-Minuten-Takt ermöglichen. Binnendifferenzierter Unterricht wurde mit Einzug des Computers mit anregenden Lernumgebungen und Medien gestaltet, zuerst mit Medienecken, mittlerweile mit Laptops und Tablets.

Inzwischen hat auch die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Claudia Bogedan, erkannt, dass ein „Handyverbot im Unterricht von gestern“ ist. Smartphones im Unterricht zu benutzen, sei naheliegend, da nahezu jedes Kind inzwischen eines hat. Die Politik sendet auch auf Bundesebene richtungsweisende Signale. Das Bildungsministerium hat angekündigt, in den nächsten Jahren am Kooperationsverbot vorbei fünf Milliarden Euro bereitzustellen, um technische Ausstattung wie WLAN in Schulen zu schaffen, wenn die Länder ihrerseits in die Lehrerfortbildung investieren. Man könnte meinen, die Voraussetzungen für eine digitale Runderneuerung des Bildungssystems waren nie besser.

Zwar berücksichtigen die Bildungspläne der Länder inzwischen die Medienbildung, es ist aber bisher nicht gelungen, aus der Digitalisierung einen wirksamen curricularen Mehrwert und eine moderne Pädagogik und Mediendidaktik für das schulische Lernen zu generieren. Dabei steht die Entwicklung von guten Konzepten für individualisiertes Lernen mit digitalen Medien nicht am Anfang.

Auch viele weiterführende Schulen haben sich auf den Weg gemacht und beispielweise Unterrichtsmethoden wie den „flipped classroom“ oder „freie Lernorte“ und Konzepte für „bring your own device“ entwickelt. Der pädagogische Ansatz, den die Initiative „Code your Life“ verfolgt, ermöglicht Lehrkräften, mit ihren Schülerinnen und Schülern neue Lernsituationen zu schaffen, die das Klassenzimmer in einen offenen „Makerspace“ verwandeln. Die Initiative „Code your Life“ wird vom 21st Century Competence Center (21CCC), einem neuen Ort in Berlin für innovatives, mediengestütztes Lernen, getragen. Mit den dort entwickelten Materialien verändern die Lehrkräfte ihre Rolle und lernen gemeinsam mit den Kindern. Aus anfänglicher Unsicherheit aufgrund von Skepsis und fehlender Erfahrung entwickelt sich sehr schnell Aufgeschlossenheit und Neugier auf eine oft noch unbekannte Welt. Den Kindern macht der Unterricht so sehr Spaß, dass sie am liebsten während der Pause an ihren Projekten weiterarbeiten würden.

Coding in der Bildung, Programmieren für Kinder – im Jahr 2016 ist das Thema auf so großes Interesse gestoßen, wie nie zuvor. Es ist verbunden mit hohen Erwartungen auf Seiten der Wirtschaft und Politik, aber noch mit großen Fragezeichen bei den pädagogischen Fachkräften und vielen Eltern. Denn für die große Mehrzahl der Pädagoginnen und Pädagogen ist Programmieren und das Basteln mit elektronischen Bauteilen immer noch das, was das Internet vor kurzem noch für die Bundeskanzlerin war: absolutes Neuland. Deshalb ist es umso wichtiger, nicht nur Kinder für das Programmieren zu begeistern, sondern die Lehrkräfte vom Mehrwert für das Unterrichten zu überzeugen.

Gerhard Seiler & Jutta Schneider

Jutta Schneider verantwortet als Diplompädagogin beim Förderverein für Jugend und Sozialarbeit e. V. verschiedene Bildungsinitiativen. Im Fokus steht dabei immer, junge Menschen zur aktiven Teilhabe an der digitalisierten Gesellschaft zu befähigen. Als Projektleiterin der Initiative „Code your Life“ engagiert sie sich vor allem für das Thema Programmieren mit Kindern.

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